Die al­ten Män­ner und die Po­pu­lis­ten

Bun­des­tag Ein Al­ters­prä­si­dent von der AfD? Nicht nur Ve­te­ran Strö­be­le könn­te das ver­hin­dern

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Politik - VON RU­DI WAIS

Berlin

Für vie­le stram­me Kon­ser­va­ti­ve ist sein Auf­tritt ei­ne Pro­vo­ka­ti­on. Als der Schrift­stel­ler Ste­fan Heym 1994 als Al­ters­prä­si­dent die neue Le­gis­la­tur­pe­ri­ode des Bun­des­ta­ges er­öff­net, blei­ben die Ab­ge­ord­ne­ten von CDU und CSU sit­zen, an­statt sich wie üb­lich kurz zu er­he­ben. Nach sei­ner Re­de ver­wei­gert die Frak­ti­on dem 81-Jäh­ri­gen mit Aus­nah­me von Ri­ta Süss­muth den Ap­plaus. Heym hat auf der of­fe­nen Lis­te der PDS kan­di­diert, bei den po­li­ti­schen Er­ben der SED al­so – das al­lei­ne macht ihn für vie­le Kol­le­gen im Plenum schon zur Un­per­son.

Zehn Mo­na­te vor der nächs­ten Wahl spie­len et­li­che Grü­ne ge­ra­de ein ähn­li­ches Sze­na­rio durch. Nach­dem der bis­he­ri­ge Al­ters­prä­si­dent Heinz Rie­sen­hu­ber (CDU) mit sei­nen 80 Jah­ren nicht mehr an­tritt, droht aus ih­rer Sicht ein zwei­ter Fall Heym – wenn auch aus ei­ner ganz an­de­ren po­li­ti­schen Ecke. AfD-Vi­ze Alex­an­der Gau­land hat gu­te Chan­cen, dem neu­en Bun­des­tag an­zu­ge­hö­ren, und wird dann mit 76 Jah­ren auch ei­nes der äl­tes­ten Mit­glie­der sein. Um ihn als Al­ters­prä­si­den­ten zu ver­hin­dern, drän­gen ei­ni­ge Grü­ne ih­ren Par­tei­ve­te­ra­nen Chris­ti­an Strö­be­le nun zu ei­ner neu­er­li­chen Kan­di­da­tur. Der ist knap­pe zwei Jah­re äl­ter als Gau­land und ringt auch we­gen sei­ner an­ge­schla­ge­nen Ge­sund­heit noch mit sich. Ab­ge­sagt aber hat der ein­zi­ge Grü­ne, der sei­nen Wahl­kreis je di­rekt ge­won­nen hat, noch nicht. „Ein­zel­ne Leu­te sind an mich her­an­ge­tre­ten“, sagt er nur, und dass er sich bald ent­schei­den wer­de.

In der all­ge­mei­nen Er­re­gung über die Büh­ne, die ein Al­ters­prä­si­dent Gau­land für po­le­mi­sche An­grif­fe auf die eta­blier­ten Par­tei­en nut­zen könn­te, geht ei­nes al­ler­dings un­ter: Selbst wenn Strö­be­le ab­lehnt, ist das noch kein Frei­fahrt­schein für ei­nen Rechts­po­pu­lis­ten. Bei der FDP be­wirbt sich der frü­he­re Frak­ti­ons­chef Hermann Ot­to Solms noch ein­mal um ein Man­dat. Er ist drei Mo­na­te äl­ter als Gau­land und in dem Mo­ment, in dem die Li­be­ra­len die Fünf-Pro­zent-Hür­de über­sprin­gen, si­cher drin im Bun­des­tag. Ei­ne in­ter­ne Rech­nung der FDP sieht so aus: Bei ei­nem Er­geb­nis von genau fünf Pro­zent zie­hen vier Kan­di­da­ten aus Hes­sen in das neue Par­la­ment ein – Solms hat Lis­ten­platz drei. Das Amt des Al­ters­prä­si­den­ten ist ein Amt für ei­nen Tag. Tra­di­tio­nell hält der Se­ni­or des Hau­ses zu Be­ginn ei­ner Wahl­pe­ri­ode ei­ne Re­de, die im Ton in der Re­gel eher staats­tra­gend ge­hal­ten ist und de­ren In­halt fast je­der un­ter­schrei­ben kann. Heym, der als jun­ger Mann 1933 den Reichs­tag bren­nen sah, vor den Na­zis in die USA floh und als ame­ri­ka­ni­scher Sol­dat wie­der zu­rück­kehr­te, hält es nicht an­ders. „Ich kann ganz auf­rüh­re­risch wer­den“, hat er noch ein paar Ta­ge vor­her ge­droht. Am En­de kommt das Wort „So­zia­lis­mus“in sei­ner Re­de nicht ein­mal vor, statt­des­sen wirbt er für ei­ne „Ko­ali­ti­on der Ver­nunft“im wie­der­ver­ein­ten Deutsch­land. Ei­ne jun­ge Ab­ge­ord­ne­te der CDU fin­det da­mals trotz­dem, Heym sol­le froh sein, dass sie und ih­re Kol­le­gen nicht den Saal ver­las­sen ha­ben. „Da­mit hat die Uni­on ih­ren Groß­mut zur Schau ge­stellt.“Heu­te ist die jun­ge Ab­ge­ord­ne­te von 1994 Bun­des­kanz­le­rin: An­ge­la Mer­kel.

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