Bringt Ita­li­en die Eu­ro Kri­se zu­rück?

Wäh­rung An ei­nem Re­fe­ren­dum hängt die Zu­kunft der Re­gie­rung in Rom. Von dort könn­te ein nächs­tes Be­ben die EU er­schüt­tern

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Politik | Wirtschaft - VON DET­LEF DRE­WES

Brüssel/Rom

Die Ner­vo­si­tät vor dem Sonn­tag wächst mit je­dem Tag. Ganz nüch­tern be­trach­tet sind die ita­lie­ni­schen Bür­ger zwar le­dig­lich auf­ge­ru­fen, über ei­ne Re­form ih­res Wahl­sys­tems ab­zu­stim­men. Es geht um mehr Macht für die rö­mi­sche Zen­tra­le von Par­la­ment und Re­gie­rung, we­ni­ger Ge­wicht für die Re­gio­nen. Pre­mier Mat­teo Ren­zi will dem Land mehr Sta­bi­li­tät ver­ord­nen – nach 63 Re­gie­run­gen seit dem Zwei­ten Welt­krieg si­cher­lich kein un­an­stän­di­ges Un­ter­fan­gen. Doch über Ita­li­en hin­aus bangt die EU mit, ob das ge­wag­te Ab­stim­mungs­aben­teu­er nicht statt zu mehr Si­cher­heit zu ei­nem Cha­os füh­ren könn­te, soll­te der So­zi­al­de­mo­krat Ren­zi den Wahl­gang ver­lie­ren.

Zwar hat der Mi­nis­ter­prä­si­dent in­zwi­schen sei­ne An­kün­di­gung, er wer­de sei­ne po­li­ti­sche Zu­kunft vom Aus­gang des Re­fe­ren­dums ab­hän­gig ma­chen, re­la­ti­viert. Den­noch dürf­ten Neu­wah­len un­aus­weich­lich sein und da­mit ein Durch­marsch der lin­ken Po­pu­lis­ten von der Fünf-Ster­ne-Be­we­gung des eins­ti­gen Ko­mi­kers Bep­pe Gril­lo be­vor­ste­hen. Der hat Kri­tik an der EU und ein En­de des Eu­ro im Pro­gramm – oh­ne Rück­sicht auf ein öko­no­mi­sches Erd­be­ben und üb­ri­gens auch die ei­ge­ne Ver­fas­sung, die ei­ne Volks­ab­stim­mung über den Eu­ro ver­bie­tet.

Ita­li­en, so be­fürch­tet nicht nur die EU-Kom­mis­si­on, son­dern auch die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank, könn­te ei­ne Denk­zet­tel-Wahl ins Haus ste­hen. Das Land ist über­for­dert, von dem Mas­sen­an­sturm der Flücht­lin­ge, von den Fol­ge­kos­ten der Erd­be­ben und – wie Ren­zi nicht mü­de wird zu be­to­nen – von den Fol­gen des Brüs­se­ler Spar­dik­ta­tes. Als Zei­chen sei­nes Un­ge­hor­sams ge­gen die EU-Zen­tra­le schimpft Ren­zi seit Mo­na­ten, wo er nur kann, auf die „Her­ren Tech­no­kra­ten in Brüssel“, de­nen er ei­nen Haus­halt 2017 schick­te, in dem das bis­he­ri­ge De­fi­zit-Ziel von 1,8 Pro­zent auf 2,4 Pro­zent er­wei­tert wird.

Der 41-jäh­ri­ge eins­ti­ge Hoff­nungs­trä­ger weiß, was die Ita­lie­ner be­drückt: Zwi­schen 2005 und 2014 gab es für die Ein­woh­ner quer durch al­le Ein­kom­mens­grup­pen sta­gnie­ren­de oder fal­len­de Ein­kom­men. Die Schul­den­last, die auf den Staat drückt, liegt bei 133 Pro­zent der Jah­res­wirt­schafts­leis­tung. Rund 66 Mil­li­ar­den Eu­ro wer­den al­lein in die­sem Jahr für Zins­zah­lun­gen fäl­lig – bei ex­trem nied­ri­gen Zin­sen. Soll­ten die stei­gen, wür­de Ita­li­en an den Rand der In­sol­venz ge­ra­ten. Und sie stei­gen be­reits im Vor­feld des Ur­nen­gangs. Den über­schul­de­ten Ban­ken aber kann nie­mand wirk­lich hel­fen. Der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank sind bei ei­nem Eu­ro-Mit­glied die Hän­de ge­bun­den, seit­dem die EU die Re­geln für ei­ne Ban­ken­sa­nie­rung in Kraft ge­setzt hat. Dem­nach sind zu­nächst die Gläu­bi­ger und An­teils­eig­ner für die Kos­ten her­an­zu­zie­hen. Die Geld­in­sti­tu­te in Ita­li­en ge­hö­ren zu 80 Pro­zent den pri­va­ten Spa­rern. Die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank wies in ih­rem jüngs­ten Mo­nats­be­richt dar­auf­hin, dass der Ver­such, die Geld­häu­ser zu sa­nie­ren, ei­nem po­li­ti­schen Selbst­mor­dKom­man­do gleich­kommt.

So wächst in Brüssel die Ner­vo­si­tät vor dem Aus­gang des Re­fe­ren­dums, weil ir­gend­wie je­des Er­geb­nis dra­ma­tisch wä­re: Ver­liert Ren­zi die Mehr­heit, dro­hen dra­ma­ti­sche Ver­schie­bun­gen, wenn die Link­s­po­pu­lis­ten die Macht über­neh­men kön­nen. Am En­de wä­re so­gar ein Ita­loExit denk­bar. Ge­winnt Ren­zi, wä­re zwar die Zu­kunft des Lan­des in der Ge­mein­schaft si­cher, dann aber müss­te der Pre­mier noch tief­grei­fen­de­re Re­for­men ein­lei­ten, um Ita­li­en auch öko­no­misch zu sta­bi­li­sie­ren. Das wür­de min­des­tens ge­nau­so schwie­rig, schließ­lich liegt das Wachs­tum seit Jah­ren bei „null Kom­ma ir­gend­et­was“, wie Ren­zi es selbst ein­mal be­schrie­ben hat.

Trotz­dem hat der So­zi­al­de­mo­krat um­fang­rei­che Wahl­ge­schen­ke ver­spro­chen – von der Über­nah­me al­ler So­zi­al­ab­ga­ben, über Neu­ein­stel­lun­gen im Öf­fent­li­chen Di­enst Sü­dita­li­ens bis hin zu ei­ner Kul­tur­kre­dit­kar­te über 500 Eu­ro für al­le 18-Jäh­ri­gen.

„Ich möch­te nicht, dass das Nein ge­winnt“, sag­te Kom­mis­si­ons­chef Je­an-Clau­de Juncker am Wo­che­n­en­de. Aber nicht ein­mal Ren­zi hört der­zeit auf ihn.

Fo­to: Ti­be­rio Bar­chiel­li, dpa

Ein Re­fe­ren­dum ent­schei­det am Sonn­tag auch über sei­ne po­li­ti­sche Zu­kunft: Ita li­ens Re­gie­rungs­chef Mat­teo Ren­zi.

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