Im Fit­ness und Sel­fie­wahn

Bal­lett Heu­te ist Pre­mie­re von „Car­men/Bo­le­ro“im Kon­gress am Park

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Feuilleton Regional - VON BIR­GIT MÜL­LER BARDORFF

Zwei „Schla­ger der klas­si­schen Mu­sik“sind heu­te beim neu­en Bal­lett­abend des Thea­ters Augs­burg im Kon­gress am Park zu er­le­ben – „Bo­le­ro“und Car­men“. Bei­de Stü­cke sol­len die Zu­schau­er da­bei von ei­ner neu­en Sei­te ken­nen­ler­nen.

Rausch und Lei­den­schaft, die sich über 15 Mi­nu­ten hin­weg kon­ti­nu­ier­lich stei­gern – das ist die Kom­po­si­ti­on „Bo­le­ro“, die Mau­rice Ra­vel 1928 für die Aus­druck­s­tän­ze­rin Ida Ru­bin­stein und die Bal­lets Rus­ses ge­schrie­ben hat­te. Cho­reo­gra­fisch wird sie meist als ero­ti­sche Ek­s­ta­se ge­deu­tet, le­gen­där ist Mau­rice Béjarts Ver­si­on, in der sich Mann oder Frau auf ei­nem Tisch, um­ringt von ei­ner Schar Män­nern, hin­gibt. Für den Augs­bur­ger Bal­lett­abend hat sich Hauscho­reo­graf Riccardo De Ni­gris des Stü­ckes an­ge­nom­men und es in ei­ne völ­lig an­de­re Rich­tung in­ter­pre­tiert. In Kom­bi­na­ti­on mit Tech­no-Klän­gen des DJs Mas­si­mo Mar­ga­rio und dem Text ei­nes ame­ri­ka­ni­schen Hoch­schul­pro­fes­sors be­schäf­tigt sich De Ni­gris mit Nar­ziss­mus und Ei­tel­keit, mit Fit­nessund Sel­fi­wahn. Wel­chen Wert und Be­stand ha­ben in­ne­re Schön­heit in ei­ner Zeit, in der die stän­di­ge – auch öf­fent­li­che – Selbst­be­spie­ge­lung über­hand­nimmt, ist für ihn die Fra­ge. Das Büh­nen­bild zu die­sem Stück „Nar­ziss/Bo­le­ro“hat der Augs­bur­ger Künst­ler Fe­lix Weinold ge­schaf­fen. Auf ei­nem Lauf­band, das auf ei­ne Vi­deo­lein­wand pro­ji­ziert wird, frönt ein Läu­fer dem Kör­per­kult, wäh­rend das En­sem­ble im Vor­der­grund zu Ra­vels mu­si­ka­li­schem Cre­scen­do tanzt.

Auch „Car­men“, die zwei­te Kom­po­si­ti­on des Abends, ist in je­der­manns Ohr. Ge­or­ges Bi­zet schuf die Klän­ge zur gleich­na­mi­gen No­vel­le von Pro­sper Me­ri­mee. In Augs­burg ist al­ler­dings nicht die Opern­mu­sik zu hö­ren, son­dern ei­ne Ad­ap­ti­on für Streich­or­ches­ter und Schlag­werk von Ro­di­on Scht­sche­drin. Der Rus­se schrieb sie für sei­ne Frau, die be­rühm­te Tän­ze­rin Ma­ya Plis­sets­ka­ya, die die Ti­tel­rol­le am Bol­schoi Thea­ter ver­kör­per­te. In Augs­burg tanzt Eve­li­ne Drum­men die Rol­le der Car­men. Die Her­ren, die um sie buh­len sind Ta­mas Da­rai als Don Jo­sé und Ri­car­do De Ni­gris als Tor­re­ro. Bal­lett­di­rek­tor Ro­bert Conn, der nach 14 Jah­ren Pau­se wie­der ein­mal auf der Büh­ne steht, kommt als Leut­nant Zu­ni­ga da­zu.

Cho­reo­gra­fin Va­len­ti­na Tur­cu hat das Bal­lett ur­sprüng­lich für das slo­we­ni­sche Na­tio­nal­bal­lett in Ma­ri­bor kre­iert. Für Augs­burg hat sie das Stück noch ein­mal neu be­ar­bei­tet. Im Ge­gen­satz zur ur­sprüng­li­chen Ver­si­on tan­zen die Tän­ze­rin­nen jetzt auf Spit­ze. Tur­cu be­zieht sich in ih­rer Cho­reo­gra­fie auf den No­vel­len­stoff und zeigt die Ge­schich­te ei­ner star­ken und un­ab­hän­gi­gen Frau, die im Kon­flikt zwi­schen Lie­be und Frei­heit zu To­de kommt.

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