Marktl am Inn

Was vom Papst bleibt

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Erste Seite -

Herr Gschwendt­ner, wie hat sich Marktl durch den Papst ver­än­dert?

Hu­bert Gschwendt­ner: Na ja, in den ers­ten Jah­ren sind wir von den Papst-Tou­ris­ten über­rannt wor­den, da ka­men je­des Jahr 200000 Men­schen nach Marktl.

Die Markt­ler ha­ben sich die­sem Paps­tHy­pe aber schnell an­ge­passt ...

Gschwendt­ner: Wenn Sie die „Ver­mark­te­lung“des Paps­tes mei­nen, für die wir in der Pres­se viel kri­ti­siert wor­den sind, kann ich nur sa­gen: Da­von ist nichts mehr üb­rig.

Das heißt, es gibt kein Papst-Bier mehr, kein Papst-Brot, kei­ne Kek­se in Form von Papst­müt­zen und kei­ne pink­far­be­nen Christ­baum­ku­geln mit dem Kon­ter­fei von Be­ne­dikt?

Gschwendt­ner: Nein, es war von An­fang an klar, dass das nicht nach­hal­tig ist. Ge­blie­ben ist das Ge­burts­haus von Jo­seph Ratz­in­ger, in dem ein Mu­se­um un­ter­ge­bracht ist, und das Tauf­be­cken, in dem die bei­den Ratz­in­ger-Brü­der in die Kir­che auf­ge­nom­men wor­den sind. Das steht wie­der in der Tauf­kir­che St. Os­wald. Und es gibt die vier Me­ter ho­he Be­ne­dikt-Säu­le aus Bron­ze, die der Bild­hau­er Jo­seph Micha­el Neu­stif­ter ge­stal­tet hat.

Ha­ben Sie noch die zwei Sit­ze der Luft­han­sa-Ma­schi­ne im Bü­ro ste­hen? Auf ei­nem ist der Papst ge­ses­sen, als er 2006 auf der Rück­rei­se von sei­nem Bay­ern-Be­such über Marktl flog und

mit den Bür­gern sei­nes Ge­burts­hau­ses via Funk­ge­rät ein Ave Ma­ria be­te­te ...

Gschwendt­ner: Na­tür­lich ha­be ich die noch. Die sind schön neu über­zo­gen und mit dem Papst­wap­pen und dem baye­ri­schen Wap­pen be­stickt. Fo­tos gibt es da­von aber kei­ne, wir wol­len ja kei­nen Kult dar­aus ma­chen.

Apro­pos Kult: Su­chen im­mer noch Be­su­cher in Marktl nach den Spu­ren von Papst Be­ne­dikt?

Gschwendt­ner: Oh ja, et­wa 30 000 im Jahr. Uns ist auch ei­ni­ges ge­blie­ben. Die Bu­spark­plät­ze, die Weg­wei­ser, das Tou­ris­mus­bü­ro. Un­se­re gan­ze In­fra­struk­tur ist ver­bes­sert wor­den, das ging ganz schnell – dank Herrn Stoi­ber.

Wie das?

Gschwendt­ner: Ich war mit dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten bei ei­ner Pap­stau­di­enz in Rom, wo er ge­sagt hat: Wir Bay­ern sind al­le stolz, dass wir ei­nen baye­ri­schen Papst ha­ben. Stolz sind wir schon, ha­be ich ihm ge­ant­wor­tet, das hilft uns aber we­nig, wenn uns nicht ge­hol­fen wird. Ich ha­be ihm mein Leid ge­klagt und er hat uns ei­nen Bei­ge­ord­ne­ten ge­schickt. So sind wir schnell und un­bü­ro­kra­tisch an Geld ge­kom­men, um un­se­re In­fra­struk­tur zu ver­bes­sern.

Wie oft sind Sie Papst Be­ne­dikt in den ver­gan­ge­nen Jah­ren be­geg­net?

Gschwendt­ner: Hm, das weiß ich nicht mehr so genau. Ich war öf­ter

mal in Rom, zu Ge­burts­ta­gen, zu Au­di­en­zen. Min­des­tens zehn­mal – mit und oh­ne Ge­birgs­schüt­zen.

Da ha­ben Sie ei­ni­ges er­lebt ...

Gschwendt­ner: Es war ei­ne span­nen­de Zeit, al­lein drei Mi­nis­ter­prä­si­den­ten wa­ren in Marktl und Kar­di­nä­le aus al­ler Welt.

Und wie war Be­ne­dikt?

Gschwendt­ner: Ganz an­ders, als man glaubt. Man meint ja, dass er sehr ab­ge­ho­ben, ver­geis­tigt und phi­lo­so­phisch ist. Da­bei ist er das gan­ze Ge­gen­teil: Ein sehr an­ge­neh­mer, be­schei­de­ner, freund­li­cher Mensch, der vol­ler Wär­me und Nä­he auf ei­nen zu­geht. Und er hat nie ver­ges­sen, mir herz­li­che Grü­ße an mei­ne Frau auf­zu­tra­gen. Auch nach mei­nem Knie hat er sich er­kun­digt.

Ihr Knie? Gschwendt­ner: Bei sei­nem Rück­tritt war ich zu ei­ner Knie-OP in der Kli-

nik und konn­te ihm dann erst mit ein paar Ta­gen Ver­spä­tung die Ge­füh­le der Markt­ler Be­völ­ke­rung schrei­ben. In sei­nem Ant­wort­brief war der ers­te Satz: „Ich hof­fe, dass Ihr Knie wie­der in Ord­nung ist.“

Wie fei­ert Marktl den Papst-Ge­burts­tag am Os­ter­sonn­tag?

Gschwendt­ner: Sehr in­ten­siv – den gan­zen Tag lang. Wir fan­gen um 4.15 Uhr im Ge­burts­haus mit dem Ent­zün­den des Os­ter­feu­ers an und zie­hen dann in die Tauf­kir­che.

Um 4.15 Uhr schon?

Gschwendt­ner: Da ist Jo­seph Ratz­in­ger ge­bo­ren, das fei­ern wir fast je­des Jahr. Dies­mal eh nur ei­nen Tag lang, sonst gab’s oft ei­ne Fest­wo­che.

Gibt’s ein Ge­schenk für Be­ne­dikt?

Gschwendt­ner: Wir ha­ben un­ter dem Ti­tel „Hier hat al­les an­ge­fan­gen“ein Buch ver­fasst – das war Be­ne­dikts Aus­spruch, als er vor sei­nem Tauf­be­cken stand. Mit Fo­tos, Aus­zü­gen aus Brie­fen, Zi­ta­ten und Gruß­wor­ten. Das Päck­chen ha­be ich heu­te zur Post ge­bracht.

In­ter­view: Andrea Kümpf­beck

● Hu­bert Gschwendt­ner, 68, ist seit 21 Jah­ren Bür­ger­meis­ter des Papst Ge­burts­or­tes Marktl am Inn. Im Haupt­be­ruf war Gschwendt­ner Leh­rer, als Bür­ger­meis­ter wur­de der SPD Po­li­ti­ker 2014 mit 82 Pro zent wie­der­ge­wählt.

Fo­to: Sven Si­mon, ima­go

Als Jo­seph Ratz­in­ger 2005 zu Papst Be­ne­dikt XVI. ge­wählt wur­de, stand sein Ge­burts­ort Marktl Kopf. Erst recht, als der Papst bei sei­nem Bay­ern­be­such 2006 ei­nen kur­zen Ab­ste­cher ein­leg­te und so­gar aus dem Pa­pa­mo­bil aus­stieg, um sich die bron­ze­ne Be­ne­dikt­säu­le an­zu­schau­en, die für ihn auf­ge­stellt wor­den war.

Fo­to: dpa

Bür­ger­meis­ter Gschwendt­ner be­grüß­te Ratz­in­ger zum ers­ten Mal als Kar­di­nal in Marktl – spä­ter dann als Papst.

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