Das Aus für den Tan­te An­ni La­den

Ein­zel­han­del War­um der klei­ne „nah&gut“im Her­zen von Al­ten­müns­ter heu­te schließt

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Holzwinkel, Roth- Und Zusamtal - VON GÜN­TER STAUCH

Der Tag vor dem al­ler­letz­ten Tag prä­sen­tier­te sich grau in grau, der Him­mel über dem Zu­sam­tal wein­te. Den­noch herrsch­te an der Haupt­stra­ße 2 ein ge­wis­ses „bu­si­ness as usu­al“. An­ni Merk lä­chel­te die Kun­den an, wenn sie ihr Ge­schäft „nah & gut“be­tra­ten. Wie im­mer seit nun­mehr 45 Jah­ren und ein oder zwei Mo­na­ten drück­ten sich al­te wie jun­ge Men­schen die Tür­klin­ke des 100-Qua­drat­me­terLa­dens in die Hand. Die Be­sit­ze­rin freut sich sicht­lich über je­den, wes­halb sie so lan­ge durch­ge­hal­ten hat. „Die vie­len net­ten Leu­te um mich her­um, ich ha­be es ge­nos­sen“, un­ter­streicht sie ihr hart­nä­cki­ges Blei­ben in ei­nem schwie­ri­gen Ge­schäfts­um­feld. Den­noch ist heu­te Schluss.

Far­ben und Schrift­zug des gro­ßen Schilds über dem Ein­gang er­in­nern an den ge­räu­mi­gen Markt ei­ner gro­ßen Han­dels­ket­te, der vor drei Jah­ren an der Stra­ße nach Henn­ho­fen ent­stand und wohl zu viel wirt­schaft­li­chen Schat­ten auf den „Tan­te-An­ni-La­den“(Merk) ge­wor­fen ha­ben muss. Das als Er­klä­rung al­lein wä­re al­ler­dings zu kurz ge­grif­fen: An­ni Merk will ein­fach nicht mehr. „Ich möch­te frei sein und mit mei­nem Mann Rad­tou­ren un­ter­neh­men.“

Na­tür­lich weiß die Frau, die un­gern über ihr Al­ter spricht – ob­wohl sie viel jün­ger aus­sieht – um die Pro­ble­me von Neu­starts sol­cher Klein­ge­schäf­ten auf dem Land: „Da steckt viel Herz­blut und Idea­lis­mus da­hin­ter, aber meist funk­tio­niert es dann doch nicht.“Das sei wie bei den Ver­eins­hei­men, die mit ei­ner en­ga­gier­ten Be­set­zung ste­hen und fal­len. Das wuss­te die le­bens­fro­he Frau auch schon, als sie da­mals als aus­ge­bil­de­te Buch­hal­te­rin den klei­nen Le­bens­mit­tel­han­del von der Schwie­ger­mut­ter über­nahm, die zu­vor genau so lang durch­ge­hal­ten hat­te.

De­ren Sohn, An­nis Ehe­mann Hans-Joa­chim, mach­te sein­er­zeit aber ei­nen gro­ßen Bo­gen um die Bran­che sei­ner Ehe­gat­tin. Als Ma­schi­nen­bau-In­ge­nieur ar­bei­te­te der ge­bür­ti­ge Zu­sam­ta­ler bei ei­nem gro­ßen Ro­bo­ter­her­stel­ler in Augs­burg. Weil Sohn Gün­ther be­ruf­lich dem Va­ter folg­te, er­üb­rig­te sich schließ­lich auch die Nach­fol­ge­fra­ge beim Dor­f­la­den. In­ter­es­sen­ten da­für zu fin­den fällt auch schwer, zu­mal „man bei mei­nem Job sich von ei­ner 40-St­un­den-Wo­che ver­ab­schie­den kann“. Je­den Tag von halb acht bis vier­tel nach zwölf Uhr, dann noch­mals von halb drei bis sechs - und das von Mon­tag bis Sams­tag. Nach La­den­schluss war für An­ni Merk noch lan­ge nicht Schluss, denn da­nach folg­te der gan­ze Ver­wal­tungs­kram. Aus die­sem müh­sa­men Ge­schäft hielt sich Hans-Joa­chim Merk meist her­aus, da­für hielt er das gan­ze Haus stets or­dent­lich in Schuss. Da­rin sol­len jetzt zwei neue bar­rie­re­freie Woh­nun­gen ent­ste­hen, die Bau­ar­bei­ten da­für be­gin­nen be­reits in ei­nem Mo­nat. An das Ge­bäu­de soll ein Bal­kon an­ge­bracht wer­den.

Mit sol­chen Aus­sich­ten wun­dert es nicht, dass die bei­den Ehe­leu­te auch heu­te ihr sym­pa­thi­sches, ein­neh­men­des Strah­len an den Tag le­gen. Es soll statt des Frei­biers ei­nen al­ko­hol­frei­en Sekt ge­ben, weil „ja vie­le von weit her kom­men, et­wa von Wer­tin­gen“. Vi­el­leicht fin­det sich am Schluss­tag die ei­ne oder an­de­re „Lauf­kund­schaft“aus ei­nem ganz an­de­ren Land ein, so wie in den letz­ten Jahr­zehn­ten oft ge­sche­hen.

Für Ein­hei­mi­sche wie Bür­ger­meis­ter Bernhard Wal­ter (SPD) je­den­falls ist der heu­ti­ge Sams­tag nicht un­be­dingt ein Tag zum Fei­ern: „Grund­sätz­lich stellt je­de ge­werb­li­che Nie­der­las­sung im Kern­ort, die uns ver­lo­ren geht, ein her­ber Ver­lust dar.“Un­weit des Rat­hau­ses steht Stamm­kun­din und Freun­din Bri­git­te an der Kas­se und möch­te noch den Tipp­schein für den Gat­ten auf­ge­ben. „Geht lei­der nicht mehr“, be­dau­ert die Che­fin das be­reits ab­ge­schal­te­te An­nah­me­sys­tem. An­ni Merk lä­chelt und denkt wohl an den Rad­aus­flug ent­lang der Zu­sam.

Fo­to: Gün­ter Stauch

Hat heu­te den letz­ten Tag hin­ter der La­den­kas­se und freut sich schon auf die Rad­tou­ren mit ih­rem Mann: An­ni Merk.

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