Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (41)

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wetter | Roman -

Joy­ce hat drei Ro­ma­ne ge­schrie­ben“, sag­te Tom. „Balz­ac neun­zig. Macht das für uns jetzt ei­nen Un­ter­schied?“„Für mich nicht“, sag­te ich. „Kaf­ka hat sei­ne ers­te Er­zäh­lung in ei­ner ein­zi­gen Nacht ge­schrie­ben. Stendhal schrieb Die Kar­tau­se von Par­ma in neun­und­vier­zig Ta­gen. Mel­vil­le schrieb Mo­by Dick in sech­zehn Mo­na­ten.

Flau­bert brauch­te für Ma­dame Bo­va­ry fünf Jah­re. Mu­sil ar­bei­te­te acht­zehn Jah­re lang an sei­nem Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten und starb, be­vor er den Ro­man be­en­den konn­te. In­ter­es­siert uns das al­les heu­te noch?“

Die Fra­ge schien kei­ne Ant­wort zu er­for­dern.

„Mil­ton war blind. Cer­van­tes hat­te nur ei­nen Arm. Chris­to­pher Mar­lo­we wur­de bei ei­ner Kn­ei­pen­schlä­ge­rei er­sto­chen, als er noch kei­ne drei­ßig war.

So­weit man weiß, wur­de ihm das Mes­ser di­rekt ins Au­ge ge­sto­ßen. Was soll uns wohl da­zu ein­fal­len?“

„Ich weiß es nicht, Tom. Sag du es mir.“

„Nichts. Ein di­ckes fet­tes Nichts.“

„Da­mit dürf­test du Recht ha­ben.“

„Tho­mas Went­worth Higg­in­son ‹kor­ri­gier­te› Emi­ly Di­ck­in­sons Ge­dich­te. Ein auf­ge­bla­se­ner Igno­rant, für den Whit­mans Gras­hal­me ein un­mo­ra­li­sches Buch war, wag­te es, sich am Werk der gött­li­chen Emi­ly zu ver­grei­fen. Und der ar­me Poe, der in Bal­ti­more geis­tes­krank und be­trun­ken in der Gos­se ver­reck­te, hat­te das Pech, aus­ge­rech­net Ru­fus Gris­wold zu sei­nem li­te­ra­ri­schen Nach­lass­ver­wal­ter zu be­stim­men. Oh­ne zu ah­nen, dass Gris­wold ihn ver­ach­te­te, dass die­ser so ge­nann­te Freund und Un­ter­stüt­zer Jah­re da­mit ver­brin­gen wür­de, sei­nen gu­ten Ruf zu zer­stö­ren.“„Der ar­me Poe.“„Ja, Ed­die war ein Pech­vo­gel. Schon zu Leb­zei­ten, und erst recht nach sei­nem Tod. 1849 wur­de er in Bal­ti­more be­gra­ben, aber erst sechs- un­d­zwan­zig Jah­re spä­ter wur­de auf sei­nem Gr­ab ein St­ein er­rich­tet. Ein Ver­wand­ter hat­te zwar un­mit­tel­bar nach sei­nem Tod ei­nen be­stellt, aber die Sa­che en­de­te mit ei­nem eben­so ko­mi­schen wie grau­en­haf­ten Fi­as­ko, dass man sich nur noch fra­gen kann, wer ei­gent­lich wirk­lich die Welt re­giert. Hier hast du ein Bei­spiel für mensch­li­che Tor­heit. Der St­ein­metz hat­te sei­nen Be­trieb di­rekt un­ter­halb ei­nes Ei­sen­bahn­damms. Kurz be­vor die Be­schrif­tung des Gr­ab­steins fer­tig war, kam es zu ei­ner Ent­glei­sung. Der Zug stürz­te in den Hof und zer­trüm­mer­te den St­ein, und da der Ver­wand­te nicht ge­nug Geld hat­te, ei­nen neu­en in Auf­trag zu ge­ben, muss­te Poe ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang in ei­nem na­men­lo­sen Gr­ab ver­brin­gen.“

„Wo­her weißt du so was al­les, Tom?“

„Das ist doch all­ge­mein be­kannt.“„Mir nicht.“„Du hast ja auch nicht stu­diert. Wäh­rend du da drau­ßen warst und die Welt im Na­men der De­mo­kra­tie si­che­rer ge­macht hast, ha­be ich in ei­ner Le­se­ni­sche der Bü­che­rei ge­hockt und mir den Kopf mit nutz­lo­sen In­for­ma­tio­nen voll ge­stopft.“

„Und wer hat den St­ein schließ­lich be­zahlt?“

„Ein paar Leh­rer aus der Stadt, die ein Ko­mi­tee ge­grün­det ha­ben, um das Geld auf­zu­trei­ben. Zehn Jah­re ha­ben sie da­für ge­braucht, falls du das glau­ben kannst. Als das Denk­mal fer­tig war, wur­den Poes Über­res­te ex­hu­miert, durch die Stadt ge­karrt und auf ei­nem an­de­ren Fried­hof Bal­ti­mores er­neut bei­ge­setzt. Am Mor­gen der Ent­hül­lung wur­de an der Wes­tern Fe­ma­le High School ei­ne spe­zi­el­le Fei­er ab­ge­hal­ten. Tol­ler Na­me, oder? Wes­tern Fe­ma­le High School. Je­der be­deu­ten­de ame­ri­ka­ni­sche Dich­ter war ein­ge­la­den, aber Whit­tier, Long­fel­low und Oli­ver Wen­dell Hol­mes hat­ten al­le ei­ne Aus­re­de pa­rat. Nur Walt Whit­man nahm die Mü­he der Rei­se auf sich. Da sein Werk mehr wert ist als das al­ler an­de­ren zu­sam­men, hal­te ich das für ei­nen groß­ar­ti­gen Akt poe­ti­scher Ge­rech­tig­keit. In­ter­es­san­ter­wei­se war auch Sté­pha­ne Mall­ar­mé an die­sem Mor­gen mit da­bei. Nicht leib­haf­tig - aber mit sei­nem be­rühm­ten So­nett „Le Tom­beau d’Ed­gar Poe“, das er zu die­sem An­lass ge­schrie­ben hat­te, und auch wenn er es nicht recht­zei­tig zum Tag der Fei­er voll­enden konn­te, war er doch im­mer­hin im Geis­te an­we­send. Das ge­fällt mir sehr, Nat­han. Whit­man und Mall­ar­mé, die Vä­ter der mo­der­nen Dich­tung, ge­mein­sam in der Wes­tern Fe­ma­le High School, um ih­ren ge­mein­sa­men Vor­fah­ren zu eh­ren, den ge­schmäh­ten und ver­ru­fe­nen Ed­gar Al­lan Poe, den ers­ten ech­ten Schrift­stel­ler, den Ame­ri­ka der Welt ge­schenkt hat.“

Ja, Tom war her­vor­ra­gend in Form an die­sem Tag. Ein we­nig über­dreht, mag sein, aber je­den­falls war sein weit­schwei­fi­ges, ge­lehr­tes Ge­plau­der ein wirk­sa­mes Mit­tel, die Ein­tö­nig­keit der Fahrt ver­ges­sen zu ma­chen. Er trab­te mun­ter in ei­ne Rich­tung los, kam an ei­ne Ab­zwei­gung und schwenk­te scharf in ei­ne an­de­re Rich­tung, oh­ne lan­ge zu über­le­gen, ob es nach links oder rechts ge­hen soll­te. Al­le We­ge führ­ten nach Rom, könn­te man sa­gen, und da Rom nichts Ge­rin­ge­res war als die ge­sam­te Li­te­ra­tur (über die er al­les zu wis­sen schien), spiel­te es kei­ne Rol­le, wo­für er sich ent­schied. Von Poe kam er plötz­lich auf Kaf­ka zu spre­chen. Ge­mein­sam war den bei­den das Al­ter, in dem sie star­ben: Poe mit vier­zig Jah­ren und neun Mo­na­ten, Kaf­ka mit vier­zig Jah­ren und elf Mo­na­ten. Das war ei­ne die­ser we­nig be­kann­ten Tat­sa­chen, für die sich nur je­mand wie Tom in­ter­es­sier­te, aber da ich selbst mein hal­bes Le­ben lang Ver­si­che­rungs­sta­tis­ti­ken stu­diert und über Ster­be­ra­ten in ver­schie­de­nen Be­rufs­zwei­gen nach­ge­dacht hat­te, fand ich es auch ziem­lich in­ter­es­sant.

„Zu jung“, sag­te ich. „Mit den heu­ti­gen Me­di­ka­men­ten und An­ti­bio­ti­ka hät­ten sie gu­te Chan­cen ge­habt, äl­ter zu wer­den. Sieh mich an. Wä­re ich vor drei­ßig oder vier­zig Jah­ren an Krebs er­krankt, wür­de ich jetzt wahr­schein­lich nicht ne­ben dir im Au­to sit­zen.“

„Rich­tig“, sag­te Tom. „Vier­zig ist zu jung. Aber ver­giss nicht, wie vie­le Schrift­stel­ler es nicht ein­mal bis da­hin ge­schafft ha­ben.“„Chris­to­pher Mar­lo­we.“„Mit neun­und­zwan­zig ge­stor­ben. Keats mit fünf­und­zwan­zig. Büch­ner mit drei­und­zwan­zig. Stell dir das mal vor. Der größ­te deut­sche Dra­ma­ti­ker des 19. Jahr­hun­derts, ge­stor­ben mit drei­und­zwan­zig. Lord By­ron mit sechs­und­drei­ßig. Emi­ly Bron­të mit drei­ßig. Char­lot­te Bron­të mit neun­und­drei­ßig. Shel­ley ei­nen Mo­nat vor sei­nem drei­ßigs­ten Ge­burts­tag. Sir Phi­lip Sid­ney mit ein­und­drei­ßig. Nat­ha­na­el West mit sie­ben­und­drei­ßig. Wilf­red Owen mit fünf­und­zwan­zig. Ge­org Trakl mit sie­ben­und­zwan­zig. Leo-par­di, Gar­cia Lor­ca und Apol­li­nai­re al­le mit acht­und­drei­ßig. Pas­cal mit neun­und­drei­ßig. Fl­an­ne­ry O’Con­nor mit neun­und­drei­ßig. Rim­baud mit sie­ben­und­drei­ßig. Die bei­den Cra­nes, Ste­phen und Hart, mit acht­und­zwan­zig be­zie­hungs­wei­se zwei­und­drei­ßig. Und Hein­rich von Kleist, Kaf­kas Lieb­lings­au­tor, ge­stor­ben mit vier­und­drei­ßig, als er mit sei­ner Ge­lieb­ten Dop­pel­selbst­mord be­ging.“

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben...

Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

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