Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (51)

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wetter | Roman -

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben... Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag GmbH, Rein­bek bei Ham­burg

Ein sehr in­ter­es­san­ter Mann. Hat kaum ein Wort ge­sagt, aber ich ha­be ge­spürt, dass ich es mit ei­nem ech­ten Pro­fi zu tun hat­te.“

„Hat er dir Pro­ben sei­ner Ar­beit ge­zeigt?“

„Ei­nen Lie­bes­brief von Charles Di­ckens an sei­ne Ge­lieb­te. Ein wun­der­ba­res Ex­em­plar.“

„Ich wünsch dir viel Glück, Har­ry. Vor al­lem, weil mir Tom am Her­zen liegt.“

„Du wirst stolz auf mich sein, Nat­han. Nach un­se­rer Un­ter­hal­tung neu­lich ha­be ich mir vor­ge­nom­men, ei­ni­ge Vor­keh­run­gen zu tref­fen. Nur für den Fall, dass was schief geht. Wird es na­tür­lich nicht - aber wer so vie­le Jah­re im Ge­schäft ist wie ich, muss schon ein Idi­ot sein, wenn er nicht al­le Mög­lich­kei­ten in Er­wä­gung zieht.“

„Ich glaub, ich kann dir nicht fol­gen.“

„Brauchst du auch nicht. Je­den­falls jetzt noch nicht. Wenn es so weit ist, wirst du al­les ver­ste­hen. Das ist wahr­schein­lich das Cle­vers­te,

was ich je­mals ein­ge­fä­delt ha­be. Ein Rie­sen­ding, Nat­han. Der Coup schlecht­hin. Ein ele­gan­ter Kopf­sprung zur ewi­gen Grö­ße.“

Ich ha­be kei­ne Ah­nung, wo­von er re­det. Har­ry ist voll in Fahrt, er lässt sei­ne eben­so schwüls­ti­gen wie rät­sel­haf­ten Sprü­che al­lein zu dem Ver­gnü­gen ab, sei­ner ei­ge­nen Stim­me zu lau­schen, und ich se­he kei­nen Sinn mehr dar­in, das Ge­spräch noch wei­ter aus­zu­deh­nen. Tom ist un­ter­des­sen ne­ben mich ge­tre­ten. Oh­ne noch et­was zu sa­gen, rei­che ich ihm den Hö­rer und ge­he nach oben, um zu du­schen.

Am nächs­ten Mor­gen macht Lu­cy end­lich den Mund auf und spricht.

Ich er­war­te Ant­wor­ten und Auf­schlüs­se, die Ent­schleie­rung viel­fäl­ti­ger Ge­heim­nis­se, ein Licht, das mir die Dun­kel­heit er­hellt. Aber nur, weil ich so dumm war, mich dar­auf zu ver­las­sen, dass Spra­che ein bes­se­res Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ist als Ni­cken und Kopf­schüt­teln. Lu­cy hat drei Ta­ge lang un­se­ren Ver­su­chen wi­der­stan­den, ir­gend­et­was aus ihr her­aus­zu­lo­cken, und als sie sich jetzt wie­der zu spre­chen er­laubt, sind ih­re Wor­te kaum hilf­rei­cher als ihr Schwei­gen.

Als Ers­tes fra­ge ich nach ih­rem Wohn­ort.

„Ca­ro­li­na“, sagt sie mit dem­sel­ben ge­dehn­ten Süd­staa­ten­ak­zent wie schon am Mon­tag­mor­gen.

„North Ca­ro­li­na oder South Ca­ro­li­na?“„Ca­ro­li­na Ca­ro­li­na.“„Das gibt es nicht, Lu­cy. Das weißt du selbst. Du bist doch ein gro­ßes Mäd­chen. Es gibt nur North Ca­ro­li­na oder South Ca­ro­li­na.“

„Sei mir nicht bö­se, On­kel Nat. Ma­ma hat ge­sagt, ich soll nichts ver­ra­ten.“

„War das die Idee dei­ner Mut­ter, dass du zu On­kel Tom nach Brook­lyn ge­hen sollst?“

„Ma­ma hat ge­sagt: Geh. Und da bin ich ge­gan­gen.“

„Warst du trau­rig, dass du sie ver­las­sen muss­test?“

„Sehr trau­rig. Ich lie­be mei­ne Ma­ma, aber sie weiß, was gut für mich ist.“

„Und was ist mit dei­nem Va­ter? Weiß der auch, was gut für dich ist?“

„Ganz be­stimmt. Der hat ei­gent­lich im­mer Recht.“

„War­um hast du nicht ge­spro­chen, Lu­cy? War­um hast du so lan­ge ge­schwie­gen?“

„Das hab ich für Ma­ma ge­tan. Da­mit sie weiß, dass ich an sie den­ke. So ha­ben wir das zu Hau­se im­mer ge­tan. Dad­dy sagt, Schwei­gen rei­nigt den Geist, es be­rei­tet uns dar­auf vor, das Wort Got­tes zu emp­fan­gen.“

„Liebst du dei­nen Va­ter so wie dei­ne Mut­ter?“

„Er ist nicht mein rich­ti­ger Va­ter. Ich bin ad­op­tiert. Aber ich bin aus Ma­mas Bauch ge­kom­men. Sie hat mich neun Mo­na­te in ih­rem Bauch ge­tra­gen, und des­halb ge­hö­re ich zu ihr.“

„Hat sie dir ge­sagt, war­um sie will, dass du in den Nor­den kommst?“

„Sie hat ge­sagt: Geh. Und da bin ich ge­gan­gen.“

„Meinst du nicht, dass Tom und ich mit ihr re­den sol­len? Er ist ihr Bru­der, weißt du, und ich bin ihr On­kel. Mei­ne Schwes­ter war ih­re Mut­ter.“

„Ich weiß. Oma Ju­ne. Frü­her ha­be ich bei ihr ge­wohnt, aber jetzt ist sie tot.“

„Wenn du mir eu­re Te­le­fon­num­mer gibst, macht das al­les für uns sehr viel ein­fa­cher. Ich wer­de dich nicht zu­rück­schi­cken, wenn du nicht willst. Ich möch­te nur mit dei­ner Mut­ter re­den.“„Wir ha­ben kein Telefon.“„Was?“„Dad­dy will kein Telefon. Wir hat­ten mal eins, aber das hat er ins Ge­schäft zu­rück­ge­bracht.“

„Aha, na schön. Und eu­re Adres­se? Die weißt du doch be­stimmt.“

„Ja, die weiß ich. Aber Ma­ma hat ge­sagt, ich soll nichts ver­ra­ten, und wenn Ma­ma mir was sagt, dann tu ich das auch.“

Die­ses ers­te, är­ger­lich un­er­gie­bi­ge Ge­spräch fin­det um sie­ben Uhr mor­gens statt. Lu­cy hat mich durch Klop­fen an die Tür ge­weckt und sich ne­ben mich aufs Bett ge­setzt, wäh­rend ich mir die Au­gen rei­be und mei­ne sinn­lo­sen Fra­gen stel­le. Tom ne­ben­an in sei­nem Bus­ter-Kea­tonZim­mer schläft noch, aber als er ei­ne St­un­de spä­ter zum Früh­stück nach un­ten kommt, ge­lingt es ihm so we­nig wie mir, ihr ir­gend­et­was zu ent­lo­cken. Ge­mein­sam neh­men wir sie den hal­ben Vor­mit­tag lang in die Man­gel, aber die Klei­ne bleibt ei­sern und gibt nicht nach. Sie will uns nicht ein­mal sa­gen, was ihr Va­ter ar­bei­tet („Er hat ei­nen Job“) oder ob ih­re Mut­ter im­mer noch das Tat­too auf ih­rer lin­ken Schul­ter hat („Ich se­he sie nie oh­ne Klei­der“). Das Ein­zi­ge, was sie uns mit­zu­tei­len be­reit ist, bringt uns nicht wei­ter: Ih­re bes­te Freun­din heißt Au­drey Fitzsim­mons. Au­drey trägt ei­ne Bril­le, er­fah­ren wir, aber sie ist die bes­te Arm­drü­cke­rin in der vier­ten Klas­se. Sie schlägt nicht nur die Mäd­chen, son­dern ist auch stär­ker als al­le Jun­gen. Schließ­lich ge­ben wir frus­triert auf, aber vor­her er­in­nert mich Lu­cy noch dar­an, dass ich ver­spro­chen ha­be, ihr fünf­zig Dol­lar zu ge­ben, wenn sie wie­der zu re­den an­fängt.

„Das ha­be ich nie ge­sagt“, er­klä­re ich.

„Doch, hast du“, ant­wor­tet sie. „Neu­lich beim Abend­es­sen. Als Ho­ney ge­fragt hat, war­um ich nichts sa­ge.“

„Da woll­te ich dich nur schüt­zen. Das war nicht ernst ge­meint.“

„Dann bist du ein Lüg­ner. Dad­dy sagt, Lüg­ner sind die elen­des­ten Wür­mer des Uni­ver­sums. Bist du das wirk­lich, On­kel Nat? Ein nichts­wür­di­ger, elen­der Wurm?“

Tom, der eben noch drauf und dran war, ihr den Hals um­zu­dre­hen, muss plötz­lich laut la­chen. „Rück die Koh­le lie­ber raus“, sagt er. „Du willst doch nicht, dass sie den Re­spekt vor dir ver­liert, Nat­han?“

„Ja“, fällt Lu­cy ein. „Willst du nicht, dass ich dich gern ha­be, On­kel Nat?“

Wi­der­stre­bend neh­me ich mei­ne Brief­ta­sche her­aus und rei­che ihr die fünf­zig Dol­lar.

„Du hast es wirk­lich faust­dick hin­ter den Oh­ren, Lu­cy“, brum­me ich.

„Ich weiß“, sagt sie, stopft sich die Schei­ne in die Ho­sen­ta­sche und be­ehrt mich mit ih­rem brei­tes­ten Lä­cheln.

»52. Fort­set­zung folgt

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