Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (69)

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wetter | Roman -

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben... Deut­sche Über­set­zung von Werner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Verlag GmbH, Rein­bek bei Ham­burg

Ich hat­te über zwan­zig Jah­re lang mit Peop­les ge­ar­bei­tet, will aber gar nicht erst so tun, als sei er mir je­mals sym­pa­thisch ge­we­sen. Er war ein son­der­ba­rer, un­an­ge­neh­mer Mensch, der streng ve­ge­ta­risch leb­te und so viel Charme be­saß wie ei­ne er­lo­sche­ne Stra­ßen­la­ter­ne. Knitt­ri­ge Po­ly­es­ter­an­zü­ge (vor­nehm­lich braun), di­cke Horn­bril­le, Schup­pen oh­ne En­de und ei­ne auf­rei­zen­de Aver­si­on ge­gen je­de Art von per­sön­li­chem Ge­spräch. Wenn je­mand mit Gips­arm oder Au­gen­klap­pe zur Ar­beit er­schien, ver­lor Hen­ry kein Wort dar­über. Er sah ei­nen bloß kurz an, re­gis­trier­te den Scha­den und leg­te ei­nem dann, oh­ne sich da­nach zu er­kun­di­gen, wie es zu der Ver­let­zung ge­kom­men sei oder ob man Schmer­zen ha­be, kühl sei­nen Be­richt auf den Schreib­tisch.

Aber im­mer­hin, er war ein ge­wief­ter Schnüff­ler und ver­stand sich dar­auf, ver­schol­le­ne Per­so­nen auf­zu­spü­ren; in­zwi­schen war er im Ru­he­stand, und ich dach­te mir, vi­el­leicht ist er ja be­reit, den Job zu

über­neh­men. Zum Glück leb­te er im­mer noch in sei­ner al­ten Woh­nung in Queens, die er mit sei­ner ver­wit­we­ten Schwes­ter und vier Kat­zen teil­te. Ich wähl­te sei­ne Num­mer, und beim zwei­ten Läu­ten nahm er ab.

„Sag mir nur den Preis“, for­der­te ich ihn auf. „Ich zah­le al­les, was du ver­langst.“

„Ich will dein Geld nicht, Nat­han“, ant­wor­te­te er. „Zahl mir die Spe­sen, und die Sa­che ist ab­ge­macht.“

„Das könn­te Mo­na­te dau­ern. Es wä­re mir sehr un­an­ge­nehm, wenn du so viel Zeit auf­wen­den müss­test, und am En­de kä­me nichts da­bei her­aus.“

„Das ist schon in Ord­nung. Ich kann nicht be­haup­ten, dass ich ge­ra­de et­was Bes­se­res zu tun hät­te. Ich schwin­ge mich wie­der in den Sat­tel und las­se die gro­ßen Zei­ten noch­mal auf­le­ben.“„Die gro­ßen Zei­ten?“„Ja, si­cher. Die herr­li­chen Din­ge, die wir ge­mein­sam er­lebt ha­ben, Nat­han. Du­bins­ky. Wil­li­am­son. O’Ha­ra. Lu­pi­no. Du er­in­nerst dich doch noch an die­se Fäl­le?“

„Na­tür­lich er­in­ne­re ich mich da­ran. Ich wuss­te nur nicht, dass du so ein Ge­fühls­mensch bist, Hen­ry.“

„Bin ich nicht. Je­den­falls ha­be ich mich nie für ei­nen ge­hal­ten. Aber du kannst dich auf mich ver­las­sen. In Er­in­ne­rung an al­te Zei­ten.“

„Ich ge­he von North oder South Ca­ro­li­na aus. Das kann aber auch falsch sein.“

„Kei­ne Sor­ge. Vor­aus­ge­setzt, Mi­nor hat­te über­haupt mal ir­gend­wann ein Te­le­fon, wer­de ich ihn fin­den. Ga­ran­tiert.“

Sechs Wo­chen spä­ter rief Hen­ry mit­ten in der Nacht an und mur­mel­te mir vier Sil­ben ins Ohr: „Wins­ton-Sa­lem.“

Am nächs­ten Mor­gen saß ich im Flug­zeug und flog nach Sü­den ins Zen­trum des Ta­bak­an­baus.

HDas la­chen­de Mäd­chen

aw­t­hor­ne Street 87 war ein schä­bi­ges zwei­ge­schos­si­ges Haus an ei­ner halb länd­li­chen, halb vor­städ­ti­schen Stra­ße et­wa drei Mei­len vom Stadt­zen­trum. Ich ver­fuhr mich mehr­mals, bis ich es ge­fun­den hat­te, und als ich mei­nen ge­mie­te­ten Ford Es­cort in der un­be­fes­tig­ten Ein­fahrt park­te, fiel mir auf, dass al­le Ja­lou­si­en der vor­de­ren Fens­ter zu­ge­zo­gen wa­ren. Es war ein düs­te­rer, be­wölk­ter Sonn­tag Mit­te De­zem­ber. Ich muss­te ver­nünf­ti­ger­wei­se an­neh­men, dass nie­mand zu Hau­se war – oder Ro­ry und ihr Mann leb­ten in die­sem Haus wie in ei­ner Höh­le, hiel­ten das grel­le Ta­ges­licht von sich fern, ver­wahr­ten sich ge­gen die Zu­d­ring­lich­kei­ten der Au­ßen­welt und bil­de­ten ei­ne ge­schlos­se­ne Zwei­er­ge­sell­schaft. Es gab kei­ne Klin­gel, al­so klopf­te ich an die Tür. Als sich nichts tat, klopf­te ich noch ein­mal. Seit Ro­rys Nach­richt auf Toms An­ruf­be­ant­wor­ter hat­ten wir stän­dig da­mit ge­rech­net, dass sie noch ein­mal an­ru­fen wür­de. Aber da­nach war wie­der Funk­stil­le ge­we­sen, und als ich jetzt vor die­sem al­lem An­schein nach lee­ren Haus stand, kam mir all­mäh­lich der Ver­dacht, dass sie gar nicht mehr hier wohn­te. Al­le mög­li­chen schau­der­haf­ten Ge­dan­ken schos­sen mir durch den Kopf, als ich zum drit­ten Mal klopf­te. War sie wo­mög­lich weg­ge­lau­fen, frag­te ich mich, und Mi­nor hat­te sie wie­der ein­ge­fan­gen? Hat­te er sie in ei­ne an­de­re Stadt, in ei­nen an­de­ren Bun­des­staat ge­bracht, und wir hat­ten ih­re Spur für im­mer ver­lo­ren? Hat­te er sie im Af­fekt nie­der­ge­schla­gen und ge­tö­tet? War vi­el­leicht schon al­les aus, und ich kam zu spät, ihr zu hel­fen, zu spät, sie in die Welt zu­rück­zu­brin­gen, in die sie ge­hör­te? Die Tür ging auf, und vor mir stand Mi­nor, ein gro­ßer, gut aus­se­hen­der Mann von et­wa vier­zig Jah­ren mit dunk­lem, or­dent­lich ge­kämm­tem Haar und freund­li­chen blau­en Au­gen. Ich hat­te ihn mir in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten zu ei­nem sol­chen Un­ge­heu­er auf­ge­baut, dass ich ge­ra­de­zu scho­ckiert be­merk­te, wie we­nig be­droh­lich er aus­sah, wie nor­mal. Wenn ir­gend­et­was an ihm be­fremd­lich wirk­te, dann nur das lan­gär­me­li­ge wei­ße Hemd und die blaue, straff ge­kno­te­te Kra­wat­te. Wel­cher Mann läuft denn zu Hau­se mit Schlips und wei­ßem Hemd her­um?, frag­te ich mich. Es dau­er­te ein we­nig, bis ich die Ant­wort hat­te. Ein Mann, der ge­ra­de aus der Kir­che kommt, dach­te ich. Ein Mann, der den Sab­bat ehrt und sei­ne Re­li­gi­on ernst nimmt.

„Ja?“, frag­te er. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ich bin Ro­rys On­kel“, sag­te ich. „Nat­han Glass. Ich bin zu­fäl­lig hier in der Ge­gend und dach­te mir, ich könn­te sie mal be­su­chen.“„Ach? Sie er­war­tet Sie?“„Nicht dass ich wüss­te. So­weit ich weiß, ha­ben Sie ja kein Te­le­fon.“

„Das stimmt. Von so et­was hal­ten wir nichts. Das führt nur zu Ge­schwätz und mü­ßi­gem Ge­re­de. Wir zie­hen es vor, un­se­re Wor­te für wich­ti­ge­re Din­ge auf­zu­spa­ren.“

„Höchst in­ter­es­sant … Mis­ter … Mis­ter …“

„Mi­nor. Da­vid Mi­nor. Ich bin Au­ro­ras Mann.“

„Das ha­be ich mir ge­dacht. Aber ich woll­te nicht vor­ei­lig sein.“

„Tre­ten Sie ein, Mr. Glass. Au­ro­ra be­fin­det sich heu­te lei­der nicht wohl. Sie hat sich oben zum Schla­fen hin­ge­legt, aber ich hei­ße Sie herz­lich will­kom­men. Wir sind hier al­le sehr auf­ge­schlos­sen. Auch wenn an­de­re un­se­ren Glau­ben nicht tei­len, ge­ben wir uns al­le Mü­he, sie mit Wür­de und Re­spekt zu be­han­deln. Das ist eins von Got­tes hei­li­gen Ge­bo­ten.“

Statt ei­ner Ant­wort lä­chel­te ich nur. Sein Auf­tre­ten moch­te ei­ni­ger­ma­ßen freund­lich sein, aber schon re­de­te er wie ein Fa­na­ti­ker, und ei­ne De­bat­te über theo­lo­gi­sche The­men war das Letz­te, was ich jetzt brau­chen konn­te. Lass ihm sei­nen Gott und sei­ne Kir­che, sag­te ich mir. Ich hat­te kein an­de­res An­lie­gen, als her­aus­zu­fin­den, ob Ro­ry in Ge­fahr war oder nicht – und, falls ja, sie so schnell wie mög­lich aus die­sem Haus zu ho­len. In An­be­tracht des äu­ße­ren Zu­stands (der An­strich blät­ter­te ab, die Fens­ter­lä­den wa­ren morsch, aus Ris­sen in der Be­ton­trep­pe wuchs Gras) war ich dar­auf ge­fasst, im In­ne­ren des Hau­ses ei­ne arm­se­li­ge Samm­lung ka­put­ter, zu­sam­men­ge­wür­fel­ter Mö­bel an­zu­tref­fen; tat­säch­lich er­wies es sich aber als durch­aus vor­zeig­bar. »70. Fort­set­zung folgt

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