Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (84)

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wetter | Roman - »85. Fort­set­zung folgt

Ich be­fand mich in mei­nem Kör­per, wühl­te mit ei­ner Art kon­fu­ser Ver­zweif­lung in mir her­um, war aber zu­gleich auch weit weg, schweb­te über dem Bett, über der De­cke, über dem Dach des Kran­ken­hau­ses.

Ich weiß, das klingt ziem­lich wirr, aber in die­sem en­gen Raum mit den pie­pen­den Ap­pa­ra­ten und den Ka­beln an mei­ner Haut war ich so nah am Nir­gend­wo wie nie zu­vor, gleich­zei­tig in und au­ßer mir.

So geht es dir, wenn du im Kran­ken­haus lan­dest. Sie zie­hen dir die Klei­der aus, ste­cken dich in ei­nen die­ser de­mü­ti­gen­den Kit­tel, und plötz­lich bist du nicht mehr du selbst. Du wirst die Per­son, die in dei­nem Kör­per wohnt, du bist jetzt nur noch die Sum­me der De­fek­te die­ses Kör­pers. Der­art re­du­ziert, ver­lierst du je­des Recht auf Pri­vat­le­ben.

Wenn die Ärz­te und Schwes­tern rein­kom­men und dir Fra­gen stel­len, musst du sie be­ant­wor­ten. Sie wol­len dich am Le­ben er­hal­ten, und nur

ein Mensch, der nicht mehr le­ben will, wür­de ih­nen fal­sche Ant­wor­ten ge­ben.

Wenn du zu­fäl­lig in so ei­ner win­zi­gen Ka­bi­ne liegst und nur ei­nen Me­ter rechts von dir wird ein an­de­rer von ei­nem Arzt oder ei­ner Schwes­ter be­fragt, kommst du nicht dar­an vor­bei, die Ant­wor­ten die­ses an­de­ren mit­zu­hö­ren. Nicht dass du das un­be­dingt hö­ren willst, aber du be­fin­dest dich in ei­ner La­ge, die es dir un­mög­lich macht, es nicht zu hö­ren.

Auf die­se Wei­se lern­te ich Omar Has­sim-Ali ken­nen, ei­nen drei­und­fünf­zig­jäh­ri­gen, in Ägyp­ten ge­bo­re­nen Geld­trans­port­fah­rer, ver­hei­ra­tet, vier Kin­der, sechs En­kel. Er wur­de kurz nach ein Uhr mor­gens ein­ge­lie­fert, nach­dem bei ihm Brust­schmer­zen auf­ge­tre­ten wa­ren, als er ge­ra­de mit ei­ner La­dung über die Brook­lyn Bridge fuhr.

In­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten er­fuhr ich, dass er Ta­blet­ten ge­gen sei­nen ho­hen Blut­druck nahm, dass er im­mer noch täg­lich ein Päck­chen rauch­te, sich aber Mü­he gab, sei­nen Kon­sum ein­zu­schrän­ken, dass er Hä­mor­rhoi­den hat­te und sich ge­le­gent­lich be­nom­men fühl­te und dass er seit 1980 in Ame­ri­ka leb­te. Als der Arzt ge­gan­gen war, un­ter­hiel­ten Omar Has­sim-Ali und ich uns fast ei­ne St­un­de lang. Es spiel­te kei­ne Rol­le, dass wir uns nicht kann­ten. Wenn ein Mann glaubt, dass er bald ster­ben wird, re­det er mit je­dem, der ihm zu­hört.

Ich schlief in die­ser Nacht sehr we­nig – ein paar Ni­cker­chen von je­weils zehn bis fünf­zehn Mi­nu­ten –, und erst un­ge­fähr ei­ne St­un­de nach Son­nen­auf­gang dös­te ich ein­mal rich­tig ein. Um acht kam ei­ne Schwes­ter, um mei­ne Tem­pe­ra­tur zu mes­sen, und als ich den Blick nach rechts wand­te, war das Bett mei­nes Nach­barn leer. Ich frag­te sie, was aus Mr. Has­sim-Ali ge­wor­den sei, aber sie konn­te mir kei­ne Aus­kunft ge­ben. Ih­re Schicht ha­be ge­ra­de erst an­ge­fan­gen, sag­te sie, sie wis­se nicht Be­scheid.

Al­le vier St­un­den ka­men die ne­ga­ti­ven Er­geb­nis­se der Blut­un­ter­su­chung. Am Vor­mit­tag be­such­ten mich Joy­ce, Tom und Ho­ney, Au­ro­ra und Nan­cy – aber sie durf­ten al­le nur we­ni­ge Mi­nu­ten blei­ben. Am frü­hen Nach­mit­tag kam auch noch Ra­chel. Al­le be­gan­nen mit der­sel­ben Fra­ge, wie es mir ge­he?, und al­len gab ich die­sel­be Antwort: Gut, gut, gut, macht euch kei­ne Sor­gen um mich. Der Schmerz hat­te sich in­zwi­schen ver­zo­gen, und all­mäh­lich wuchs mei­ne Zu­ver­sicht, noch ein­mal mit hei­ler Haut da­von­zu­kom­men. Ich sag­te: Ich ha­be nicht den Krebs über­lebt, um jetzt an ei­nem idio­ti­schen Herz­in­farkt zu ster­ben.

Ei­ne ab­sur­de Be­haup­tung, aber als im Lauf des Tages wei­ter nur ne­ga­ti­ve Tes­t­er­geb­nis­se ge­mel­det wur­den, sah ich dar­in den lo­gi­schen Be­weis da­für, dass die Göt­ter mich ver­scho­nen woll­ten, dass sie mit der Atta­cke am Abend zu­vor le­dig­lich ih­re Macht über mein Schick­sal de­mons­triert hat­ten. Ja, ich konn­te je­den Au­gen­blick ster­ben – und, ja, als ich im Wohn­zim­mer auf dem Bo­den in Joy­ces Ar­men lag, hat­te ich wirk­lich ge­glaubt, ster­ben zu müs­sen. Wenn aus die­ser kur­zen Be­geg­nung mit der Sterb­lich­keit et­was zu ler­nen war, dann nur, dass mein Le­ben in der engs­ten Be­deu­tung des Wor­tes nicht mehr mir selbst ge­hör­te. Ich brauch­te mich nur an den Schmerz zu er­in­nern, der mich in die­sem furcht­ba­ren Au­gen­blick zer­ris­sen hat­te, um zu be­grei­fen, dass je­der Atem­zug, der jetzt noch mei­ne Lun­gen füll­te, ein Ge­schenk je­ner lau­nen­haf­ten Göt­ter war und dass mir von nun an je­des Ti­cken mei­nes Her­zens durch ei­nen will­kür­li­chen Gna­den­akt ge­währt wur­de.

Um halb elf kam Rod­ney Grant in das lee­re Bett ne­ben mir, ein neun­und­drei­ßig­jäh­ri­ger Dach­de­cker, der am Mor­gen beim Er­stei­gen ei­ner Trep­pe plötz­lich ohn­mäch­tig ge­wor­den war. Sei­ne Kol­le­gen hat­ten den Kran­ken­wa­gen ge­ru­fen, und jetzt lag er da, ein kräf­ti­ger, mus­kel­be­pack­ter Schwar­zer mit dem Ge­sicht ei­nes klei­nen Jun­gen, und schau­te voll­kom­men ver­ängs­tigt aus sei­ner arm­se­li­gen Kran­ken­haus­wä­sche.

Nach­dem der Arzt mit ihm ge­spro­chen hat­te, dreh­te er sich zu mir um und sag­te, er müs­se un­be­dingt ei­ne rau­chen. Ob er wohl Är­ger be­kä­me, wenn er sich auf der Toi­let­te ei­ne Zi­ga­ret­te an­ma­chen wür­de? Das müs­sen Sie schon selbst her­aus­fin­den, sag­te ich, und schon stand er auf, mach­te sich von dem Herz­mo­ni­tor los und ver­schwand, das Tropf­ge­stell ne­ben sich her­schie­bend, den Gang hin­un­ter. Als er we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter zu­rück­kam, lä­chel­te er mich an und sag­te: „Mis­si­on er­füllt.“

Um zwei zog ei­ne Schwes­ter den Vor­hang auf und teil­te ihm mit, er müs­se nach oben auf die Kar­dio­lo­gie ver­legt wer­den. Der jun­ge Mann, der noch nie in Ohn­macht ge­fal­len war, der noch nie et­was Schlim­me­res als Wind­po­cken und ei­nen harm­lo­sen Heu­schnup­fen ge­habt hat­te, war ver­wirrt. „Es sieht ziem­lich ernst aus, Mr. Grant“, sag­te die Schwes­ter. „Ich weiß, Sie füh­len sich jetzt bes­ser, aber der Arzt muss noch ein paar Tests durch­füh­ren.“

Ich wünsch­te ihm al­les Gu­te, und dann lag ich wie­der al­lein in mei­ner Ka­bi­ne. Ich dach­te an Omar Has­sim-Ali, ver­such­te mich an die Na­men sei­ner Kin­der zu er­in­nern und frag­te mich, ob wo­mög­lich auch er nach oben auf die Kar­dio­lo­gie ver­legt wor­den war.

Das war ei­ne ver­nünf­ti­ge An­nah­me, doch beim An­blick der lee­ren Prit­sche rechts von mir ließ mich der Ge­dan­ke nicht los, dass er ge­stor­ben war.

Ich hat­te nicht den kleins­ten Be­weis, der die­se Ver­mu­tung hät­te stüt­zen kön­nen, aber nach­dem man jetzt Rod­ney Grant in ei­ne un­ge­wis­se Zu­kunft ab­ge­scho­ben hat­te, schien mir das lee­re Bett un­ter dem Bann ei­ner ge­heim­nis­vol­len Macht zu ste­hen, die je­den, der dar­in lag, ver­schwin­den ließ und ins Reich der Fins­ter­nis und Ver­ges­sen­heit ent­führ­te.

Das lee­re Bett be­deu­te­te Tod, ganz gleich, ob die­ser Tod wirk­lich ein­ge­tre­ten oder nur ein­ge­bil­det war, und als ich noch über die Wei­te­run­gen die­ser Idee nach­sann, er­griff ei­ne wei­te­re Idee Be­sitz von mir, die je­den Ge­dan­ken an al­les an­de­re mit sich for­t­riss.

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben... Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.