Auf­schie­ben oder an­ge­hen?

Augsburger Allgemeine (Land West) - - K!ar.Text - VON FRAN­ZIS­KA OTTLIK kl­ar­text@augs­bur­ger all­ge­mei­ne land.de

Heu­te ist wie­der ei­ner die­ser Ta­ge: Ich ha­be die Na­se so rich­tig voll, denn ich brau­che ein­fach mal mei­ne Ru­he. Mei­ne Sym­pto­me zei­gen mir, was mich ge­ra­de auf­regt. In sol­chen Fäl­len be­läs­ti­ge ich ger­ne mei­ne Um­welt mit mei­nen Lei­den, dann küm­mern sich al­le um mich. Das kennst du auch, oder? Be­stimmt hast du mal ei­ne Krank­heit als Aus­re­de be­nutzt, um dich vor ei­ner Pro­be oder ei­ner un­an­ge­neh­men Auf­ga­be zu drü­cken. Blöd ist nur, dass es nichts nützt. Denn das Pro­blem ist nur auf­ge­scho­ben und nicht auf­ge­ho­ben – aber: Mei­ne Pau­se ist ge­si­chert. Leid­vol­les Ge­sicht und Trief­na­se be­ein­dru­cken doch je­den, oder? So ern­te ich ei­mer­wei­se Mit­leid und schnäu­ze meh­re­re Pa­ckun­gen Ta­schen­tü­cher voll. Bes­ser geht es mir dann lei­der auch nicht.

Im Ge­gen­teil: Das Mit­leids­ge­tue schwächt mich. Lie­be in Rein­form ist mir ei­gent­lich lie­ber. Zärt­lich­keit und gu­te Für­sor­ge bau­en mich kör­per­lich und see­lisch wie­der auf. So kann ich mit neu­er Kraft an mein un­ge­lieb­tes The­ma ran­ge­hen.

Und jetzt ver­ra­te ich euch auch, was mich so nervt. Ich wün­sche mir von gan­zem Her­zen ein Le­ben oh­ne Be­hin­de­rung. Aber das ist nicht mög­lich. Was soll ich eu­rer Mei­nung nach tun? Ich war ver­zwei­felt, aber das bringt nichts. Ab­ge­lenkt ha­be ich mich, auch das bringt nichts. Letz­ten En­des ha­be ich al­len die Oh­ren voll­ge­jam­mert, bis kei­ner mehr was mit mir zu tun ha­ben woll­te.

Gu­ter Rat ist teu­er, das ist be­kannt. Aber zum Glück gibt es für Rat­lo­se ei­ne An­lauf­stel­le: Pro Fa­mi­lia. Dort ren­ne ich hin, wenn es mir schlecht geht. Ich hat­te sa­gen­haf­tes Glück, auf ei­ne tol­le Frau zu sto­ßen. Seit­dem ich dort bin, ha­be ich viel mehr Selbst­wert­ge­fühl. Nicht so­fort, aber im Lau­fe der Zeit. Sich be­wusst zu ma­chen, was ei­gent­lich los ist, hilft sa­gen­haft gut. Die Lö­sung müsst ihr dann sel­ber fin­den. O

Fran­zis­ka Ottlik ist 23 Jah­re alt und von Ge­burt an schwer­be­hin­dert. Sie ist halb­sei­tig ge­lähmt und kann nicht sp­re chen, son­dern nur Lau­te von sich ge ben. In un­se­rer Ko­lum­ne schreibt Fran­zis ka über ih­ren All­tag mit Be­hin­de­rung. Wer mehr über sie er­fah­ren will, schaut auf ih­ren Blog: www.fran­zis­kaott lik.wor­dpress.com.

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