In­sek­ten be­stäu­ben die meis­ten Nah­rungs­pflan­zen

Augsburger Allgemeine (Land West) - - Wissen -

ge­fan­ge­ner Schweb­flie­gen um 80 bis 90 Pro­zent, sagt Ssy­mank. Dass die Fal­len – wie 70 Pro­zent der Sam­mel­stel­len – in ei­nem Schutz­ge­biet lä­gen, zei­ge die Dra­ma­tik der La­ge.

Ei­ne Ana­ly­se aus dem Or­b­roi­cher Bruch bei Kre­feld be­weist, dass die Mas­se flug­ak­ti­ver In­sek­ten zwi­schen 1989 und 2013 dort um fast 80 Pro­zent zu­rück­ging. „Wenn du ein in­sek­ten­fres­sen­der Vo­gel bist, der in die­sem Ge­biet lebt, sind vier Fünf­tel dei­nes Fut­ters weg bin­nen ei­nes Vier­tel­jahr­hun­derts“, er­klär­te der bri­ti­sche In­sek­ten­for­scher Da­ve Goul­son kürz­lich im Fach­jour­nal Sci­ence. Dass der In­sek­ten­schwund re­al ist, dar­an be­steht kein Zwei­fel. Auch en­t­o­mo­lo­gi­sche Samm­lun­gen zeig­ten deut­lich, dass sich et­was mäch­tig ver­än­dert hat, so Ssy­mank. „Man kann aus ih­nen ab­le­sen, dass vie­le Ar­ten, die man in der je­wei­li­gen Ge­gend heu­te gar nicht mehr sieht, da frü­her über­all rum­ge­fleucht sein müs­sen.“

Un­ge­wiss ist die Ur­sa­che des Rück­gangs. „Die Lis­te der Fak­to­ren ist lang“, sagt Ssy­mank. Den Kre­fel­der Da­ten zu­fol­ge sind of­fe­ne Land­schaf­ten stär­ker be­trof­fen als Wäl­der, Tä­ler stär­ker als Berg­re­gio­nen. Das wei­se auf ei­nen Ein­fluss der Land­wirt­schaft auf be­nach­bar­te Flä­chen hin und dar­auf, dass über Luft oder Was­ser über­tra­ge­ne Fak­to­ren ei­ne Rol­le spie­len, die das Berg­land we­ni­ger er­rei­chen. „Au­ßer­dem lässt sich er­ken­nen, dass sich das Pro­blem in den letz­ten rund 20 Jah­ren of­fen­bar deut­lich ver­schärft hat“, sagt Ssy­mank.

„Da müs­sen neue Fak­to­ren hin­zu­ge­kom­men sein.“Der In­sek­ten­kund­ler reiht auf: Acker­flä­chen rei­chen heu­te oft bis an Stra­ßen, es gibt kaum bunt be­wach­se­ne Rand­strei­fen, und die Fel­der sind rie­sig. „Gera­de bei In­sek­ten, de­ren Rau­pen an­de­re Be­dürf­nis­se ha­ben, kann schnell Schluss sein mit dem Über­le­ben, wenn in 500 Me­tern Um­kreis pas­sen­der Le­bens­raum fehlt.“

Stick­stoff­dün­ger min­dert das Wachs­tum von Pflan­zen, die nähr­stoff­ar­me Bö­den mö­gen. Gras lässt er ra­scher wach­sen. Das wird in der Fol­ge frü­her und häu­fi­ger ge­mäht – und vie­le Blüh­pflan­zen schaf­fen es nicht zur Sa­men­rei­fe. Da­mit feh­len Fut­ter­pflan­zen, wie Ssy­mank er­klärt. Hin­zu kä­men In­sek­ti­zi­de: Frü­her sei­en sie erst bei dro­hen­der Ge­fahr auf­ge­bracht wor­den, heu­te wer­de das Saat­gut von vorn­her­ein mit gif­ti­gen Stof­fen prä­pa­riert. „Die Sub­stan­zen wer­den nur lang­sam ab­ge­baut, zu­dem gibt es ak­ku­mu­lie­ren­de Ef­fek­te mit an­de­ren Wirk­stof­fen wie Halm­ver­kür­zern“, er­läu­tert Ssy­mank. Mais­kör­ner wür­den heu­te mit Press­luft in den Bo­den ge­schos­sen, da­bei ein Teil der gif­ti­gen, was­ser­lös­li­chen Bei­ze ab­ge­rie­ben. „Nur fünf Pro­zent schüt­zen die Pflan­ze, der Rest ge­langt in die Um­welt.“Neo­ni­ko­ti­no­ide ver­ur­sach­ten schon in win­zigs­ten Men­gen Ver­hal­tens­än­de­run­gen bei Bie­nen, so Ssy­mank. „Das ist nicht gleich töd­lich, aber wenn ei­ne Bie­ne ih­ren Stock we­ni­ger gut fin­det, stirbt sie lang­fris­tig auch.“

Nun ja, mag man­cher den­ken. Schmet­ter­lin­ge sind ja hübsch und Hum­meln auch. Ein paar zu ha­ben, reicht doch. Und den Rest kennt und braucht eh kein Mensch. Oder? Wä­ge­le ver­gleicht das Zu­sam­men­spiel von Ar­ten­viel­falt und Öko­sys­te­men mit ei­nem bös­ar­ti­gen Tu­mor: „An­fangs merkt man we­nig, dann drückt es ir­gend­wo, und ir­gend­wann ist es nicht mehr heil­bar.“70 Pro­zent al­ler Nah­rungs­pflan­zen sei­en dar­auf an­ge­wie­sen, dass ein Tier sie be­stäubt, dar­un­ter fast al­le Ob­stund Ge­mü­se­sor­ten, sagt Ssy­mank. „Ka­kao­bäu­me zum Bei­spiel wer­den nur von klei­nen Mü­cken be­stäubt – oh­ne die hät­ten wir kei­ne Scho­ko­la­de.“Die herbst­li­chen Laub­ber­ge in Wäl­dern wür­den vor­wie­gend von In­sek­ten ab­ge­baut. Die Rein­hal­tung von Ge­wäs­sern hän­ge maß­geb­lich von In­sek­ten­lar­ven ab. Mit den In­sek­ten schwän­den vie­le Vö­gel. Die Ge­fahr für Mas­sen­ver­meh­run­gen ein­zel­ner Ar­ten stei­ge, weil re­gu­lie­ren­de Fress­fein­de weg­fie­len.

Vie­le Fol­gen las­sen sich noch nicht er­ah­nen. „Das wirk­lich Er­schre­cken­de ist, dass wir so we­nig wis­sen“, be­tont Mar­tin Sorg vom En­to­mo­lo­gi­schen Ver­ein. Um Ri­si­ken zu er­ken­nen, müss­ten wir viel mehr wis­sen, vor al­lem, so Sorg, über die ar­ten­reichs­ten In­sek­ten­grup­pen: „Das sind Un­sum­men von In­di­vi­du­en sol­cher Grup­pen, die in ei­nem Ge­biet un­ter­wegs sind – aber über ih­re Funk­ti­on wis­sen wir oft kaum et­was.“

Was fehlt ist Geld, sa­gen die For­scher – und der po­li­ti­sche Wil­le. „Was ist wirk­lich re­le­vant?“, fragt Wä­ge­le. „Wenn wir den Ar­ten­schwund nicht er­fas­sen und un­se­re Nach­kom­men in 100 Jah­ren im­men­se Pro­ble­me ha­ben, weil wir ei­ne Ent­wick­lung nicht recht­zei­tig er­kannt ha­ben? Oder wenn wir ei­ne Ga­la­xie erst in 100 Jah­ren ent­de­cken statt jetzt gleich?“An­nett St­ein, dpa

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