Heil­sam

Auszeit - - INHALT - THO­MAS RIEGLER

Licht für die See­le # Kunst­the­ra­pie # Klän­ge ge­gen das Dun­kel

In mei­nem klei­nen Dorf mit­ten im Ge­bir­ge ge­schieht der Ab­schied von der Son­ne in Etap­pen. Mit je­dem Herbst­tag senkt sich die Bahn der Son­ne und nä­hert sich im­mer wei­ter den Ber­gen, die im Sü­den un­ser Tal be­gren­zen. Ab Mit­te Ok­to­ber ist sie ih­nen schon so na­he, dass sie be­ginnt, all­mäh­lich da­hin­ter zu ver­schwin­den. An­fangs ver­lässt sie uns nur am spä­ten Vor­mit­tag, so zwi­schen 10 : 30 und 12 Uhr. Doch von Tag zu Tag wer­den die­se son­nen­lo­sen St­un­den län­ger. Im No­vem­ber schaut der Ener­gie spen­den­de Him­mels­kör­per nur noch sel­ten zwi­schen den Gip­feln her­vor und der Son­nen­tag ist auf die Zeit von et­wa 14 : 00 bis 15 : 50 Uhr zu­sam­men­ge­schrumpft. Mei­ne Nach­barn und auch ich ge­nie­ßen die­se letz­ten schö­nen St­un­den und ver­su­chen, noch mög­lichst viel Son­ne zu tan­ken.

En­de No­vem­ber lugt sie mit ei­nem letz­ten kur­zen Blin­zeln ge­gen

14 : 20 Uhr noch ein­mal zwi­schen den Ber­gen her­vor. So an die drei Mi­nu­ten. Mehr ist es nicht mehr. Die­sen letz­ten Tag ha­ben wir uns im Ka­len­der an­ge­stri­chen, um uns von der Son­ne mit ei­nem lei­sen „Auf Wie­der­se­hen!“zu ver­ab­schie­den. Bis sich die Son­ne bei mir und in un­se­rem Dorf wie­der se­hen lässt, wird es zwei lan­ge Mo­na­te dau­ern. Wäh­rend­des­sen heißt es nicht nur für mich, im Schat­ten der Ber­ge aus­zu­har­ren. Über das Dorf hat sich Dun­kel­heit und Käl­te ge­legt, die wir al­le se­hen und füh­len. Selbst an schö­nen Ta­gen wirkt das Licht im Frei­en ir­gend­wie blau­grau und fros­tig. Nichts, was ei­nen wärmt oder gar Kraft zu ge­ben ver­mag. Wen wun­dert es da, wenn wir ge­ra­de wäh­rend die­ser Wo­chen spü­ren, wie sehr wir doch die Son­ne brau­chen und wie sehr sie uns fehlt. Selbst dann, wenn wir uns des­sen nicht wirk­lich be­wusst sind. An grau­en Ta­gen fehlt mir die Son­ne nicht son­der­lich. Um­so mehr aber, wenn tief­blau­er Him­mel über den schnee­wei­ßen Gip­feln lacht und die­se hell er­strah­len. Da heißt es nur ei­nes. Rauf auf den Berg, rauf zur Son­ne! Und wenn man da ist, ein­fach nur ste­hen blei­ben und sich die Son­ne ins Ge­sicht schei­nen las­sen. Ein­fach nur die Wär­me der Son­ne am gan­zen Kör­per spü­ren und das schö­ne, hel­le Licht ge­nie­ßen. Sich end­lich wie­der satt se­hen an den bun­ten, in­ten­si­ven Far­ben der Um­ge­bung. Die­ses Ge­fühl ist über­wäl­ti­gend. So et­wa muss sich ein in ei­nem Kä­fig ein­ge­sperr­ter Vo­gel füh­len, dem die Frei­heit ge­schenkt wird. Wie schön wä­re es doch, wenn sol­che Mo­men­te ewig wäh­ren wür­den. Auch ich ge­nie­ße sol­che Au­gen­bli­cke in vol­len Zü­gen. Es dau­ert nicht lan­ge, da spü­re ich, wie die Le­bens­geis­ter zu­rück­keh­ren. Es fühlt sich ge­ra­de­zu an, als wä­ren sie eben vom Win­ter­schlaf er­wacht. Kraft, Po­wer, Dy­na­mik und Freu­de ma­chen sich in mei­nem Kör­per breit. Mehr noch. Ich füh­le, wie ich den All­tag hin­ter mir las­se. Die un­zäh­li­gen Klei­nig­kei­ten, die un­ser

Der Be­zug zur Son­ne und zu dem von ihr aus­ge­hen­den war­men, wohl­tu­en­den Licht ist et­was ganz In­di­vi­du­el­les. Ge­ra­de wäh­rend des Win­ters, wenn sich die Son­ne rar macht, kommt uns dies be­son­ders zu Be­wusst­sein. Sich end­lich wie­der satt se­hen an den bun­ten, in­ten­si­ven Far­ben der Um­ge­bung. Die­ses Ge­fühl ist über­wäl­ti­gend.

Le­ben im­mer wie­der ner­ven und al­le Sor­gen, sind wie weg­ge­bla­sen. Al­lei­ne die Son­ne ist es, die jetzt zählt. Ih­re Wär­me und ih­re Ener­gie be­frei­en Geist und See­le. Be­son­ders am spä­ten Nach­mit­tag, wenn sie für die Leu­te im Tal längst un­ter­ge­gan­gen ist und un­ter mir be­reits vie­le Lich­ter bren­nen, sorgt sie oben am Berg noch für sanf­te, wohl­tu­en­de Wär­me. All­mäh­lich wech­selt das hel­le Weiß der Son­ne in Gelb und nach und nach in wohl­tu­en­des Rot. Selbst in die­ser spä­ten Pha­se des Ta­ges spü­re ich noch, wie mich ih­re Strah­len wär­men und wie sehr ich mich in sol­chen Au­gen­bli­cken mit der Na­tur ver­bun­den füh­le und so­gar mit ihr eins bin. Sol­chen Aus­flü­gen ins Licht feh­len jeg­li­che Ac­tion und das, was man­cher als Spaß­fak­tor ver­steht. Ih­re Kraft liegt in der Stil­le und dem sich Zeit las­sen, die Son­ne ganz be­wusst, ganz in­ten­siv, zu er­le­ben. Frei­lich wä­re auch Ski fah­ren hier oben am Berg ei­ne tol­le Sa­che. Ich für mich ha­be aber die Er­fah­rung ge­macht, dass es mich vom We­sent­li­chen, näm­lich vom

„die Son­ne er­le­ben und auf­sau­gen“, zu sehr ab­hal­ten wür­de.

Die am Berg ge­fun­de­ne in­ne­re Zuf­rie­den­heit und Aus­ge­gli­chen­heit wirkt noch meh­re­re Ta­ge nach. Genau­so, wie die Er­in­ne­rung an die Son­ne. Das lässt das Le­ben auf der Schat­ten­sei­te, al­so dort, wo­hin sich im Win­ter kei­ne Son­nen­strah­len ver­ir­ren, wie­der er­träg­li­cher ma­chen.

Hoff­nung

In un­se­rem Dorf wis­sen wir, dass der dunk­len, kal­ten Jah­res­zeit wie­der ei­ne hel­le und war­me fol­gen wird. Mit je­dem hin­ter uns ge­brach­ten Tag steigt die Hoff­nung, dass es im­mer we­ni­ger lan­ge dau­ert, bis die Son­ne und da­mit auch das Le­ben wie­der in un­ser Dorf kommt. Zur Win­ter­son­nen­wen­de am 21. De­zem­ber ist be­reits die Hälf­te ge­schafft. Da­mit lebt in uns auch die Vor­freu­de auf den Tag, an dem sich die Son­ne ge­gen En­de Ja­nu­ar erst­mals wie­der ge­gen 14 : 20 Uhr ganz kurz bli­cken las­sen wird. Auch die­sen Tag ha­ben wir in un­se­ren Ka­len­dern mar­kiert. Wir al­le hof­fen, dass an die­sem Tag schö­nes Wet­ter herrscht. Denn um 14 : 20 Uhr wol­len wir al­le, mei­ne Nach­barn, die Fa­mi­lie und na­tür­lich auch ich, raus in den Gar­ten, um die Son­ne will­kom­men zu hei­ßen. Wäh­rend die­ser ers­ten drei Mi­nu­ten Son­ne im neu­en Jahr ist die Freu­de un­ter uns al­len groß. Mein Nach­bar und ich klat­schen in die Hän­de und ge­mein­sam ru­fen wir vol­ler Be­geis­te­rung: „Ge­schafft!“Da­nach freu­en wir uns je­den Tag an den neu da­zu ge­won­ne­nen Son­nen­mi­nu­ten. Und ja… wir sind glück­lich und un­se­re See­le lacht. Die­se Freu­de ken­nen nur wir, die wir auf der Schat­ten­sei­te un­se­res Tals le­ben. Und wis­sen Sie was? Wir sind froh dar­über, die Wie­der­kehr der Son­ne und des Lichts je­des Jahr aufs Neue er­le­ben zu dür­fen.

Das rich­ti­ge Licht

Wenn uns schon das Son­nen­licht im Win­ter fehlt, kommt es be­son­ders auf die rich­ti­ge Raum­be­leuch­tung an. Sie nimmt ho­hen An­teil dar­an, wie wohl wir uns füh­len. Ei­nes Ta­ges im Som­mer rief mich ein be­kann­ter an und mein­te: „Ich ha­be al­le Glüh- und Ha­lo­gen­lam­pen aus mei­ner Woh­nung ver­bannt und sie durch be­son­ders en­er­gie­spa­ren­de Leucht­mit­tel er­setzt. Das musst Du un­be­dingt auch ma­chen! Was meinst Du, was Du Dir an Strom­kos­ten sparst.“Es folg­te ei­ne

aus­führ­li­che Auf­stel­lung von ro­ten und schwar­zen Zah­len, die für sich be­trach­tet schon stimm­ten. Ein hal­bes Jahr spä­ter ha­be ich mich bei ihm er­kun­digt, wie sei­ne Lang­zeitEr­fah­run­gen mit sei­nen hoch­ef­fi­zi­en­ten Lam­pen wä­ren. „Ich ha­be al­le wie­der ge­gen Ha­lo­gen­lam­pen er­setzt“, mein­te er eher klein­laut, „das Licht der an­de­ren Leucht­mit­tel hat mich krank ge­macht. Ich ha­be mich schlapp und un­wohl ge­fühlt. We­nigs­tens ha­be ich mich dar­an er­in­nert, dass die­ser Zu­stand erst mit den Ener­gie­spar­lam­pen kam.“Kei­ne Fra­ge, dass es sich hier nicht um blo­ße Ein­bil­dung han­delt. Bei Lam­pen kommt es näm­lich auf ih­re Farb­tem­pe­ra­tur und das von ih­nen ab­ge­strahl­te Licht­spek­trum an. LED- und Leucht­stoff­lam­pen strah­len oft ein als kalt emp­fun­de­nes Licht aus. Ih­nen fehlt zu­dem ein Teil des von der Son­ne ab­ge­strahl­ten Licht­spek­trums. Be­son­ders an dem für uns so wich­ti­gen Ro­t­an­teil man­gelt es. Für den mensch­li­chen Or­ga­nis­mus wä­re das Licht ei­ner Glüh­lam­pe am bes­ten, das ei­nen ho­hen Ro­t­an­teil be­sitzt. Lei­der wur­de die Glüh­lam­pe längst sei­tens der EU ver­bo­ten und ist nicht mehr er­hält­lich. Zu­min­dest die Ha­lo­gen­lam­pe kann man noch kau­fen. Ihr Licht ist mit dem der Glüh­lam­pe ver­gleich­bar. Wo­mit auch sie für Wohl­be­ha­gen sorgt. We­gen ih­rer re­la­tiv ho­hen Wär­me­ab­strah­lung un­ter­stützt sie die Hei­zung und spart hier so­gar Kos­ten.

Aber dar­auf kommt es eben oft nicht an. Wenn al­so tech­ni­sche Er­wä­gun­gen nicht fol­gen­los für un­ser Ge­müt blei­ben, soll­ten wir noch ein­mal auf un­se­re Ent­schei­dun­gen schau­en. Denn manch­mal führt der Weg zum Wohl­be­fin­den tief in ei­nem drin ein gan­zes Stück an kal­ten Kos­ten-Nut­zen-Rech­nun­gen vor­bei.<

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