Mein Weg

Die ge­ne­ti­schen Wur­zeln ken­nen – für die meis­ten Men­schen ist dies ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Nicht je­doch für je­ne Spen­der­kin­der, die einst durch ei­ne an­ony­me Sa­men­spen­de ge­zeugt wur­den. Wir stel­len eins von ih­nen vor.

Auszeit - - INHALT - SA­B­RI­NA LIEB

Wo kom­me ich her? # Ein­fach raus # Der Weg des Geis­tes

In den meis­ten Wer­de­gän­gen von Paa­ren kommt ir­gend­wann ein­mal der Zeit­punkt für Nach­wuchs. Wenn aus Lie­be Le­ben wird – die Ent­schei­dung für ein Kind ist da­bei für vie­le Men­schen mit ei­nem sehn­lichs­ten Wunsch ver­bun­den und ei­nem ge­mein­sa­men Ziel, das dem ei­ge­nen Le­ben Sinn stif­tet. Wer be­reits selbst Va­ter oder Mut­ter ist, ei­ne El­tern­schaft plant oder zu­min­dest schon ein­mal die Vor­freu­de zwei­er Men­schen mit­er­lebt hat, die be­geis­tert ih­rem neu­en Le­ben­s­ka­pi­tel ent­ge­gen­fie­bern, wird wis­sen: Hier wird vol­ler Stolz der bal­di­ge Nach­wuchs an­ge­kün­digt. Wenn es nicht klappt, wird meist ge­schwie­gen...

„Es gibt im­mer Mit­tel...

...und We­ge“, sagt der Volks­mund. Ei­ner da­von ist die Sa­men­spen­de. Lan­ge Zeit ha­ben Re­pro­duk­ti-

ons­me­di­zi­ner mit rechts­wid­ri­gen An­ony­mi­täts­ver­spre­chen ent­schie­den, dass Spen­der­kin­der ih­ren bio­lo­gi­schen Er­zeu­ger nicht zu ken­nen brau­chen. Da­bei wur­de oft über­se­hen, dass auch die­se Ba­bys Wür­de und Rech­te ha­ben, und zu Er­wach­se­nen mit ei­ge­nen Be­dürf­nis­sen her­an­wach­sen. Ähn­lich wie ad­op­tier­te Men­schen ha­ben über 80 Pro­zent der auf­ge­klär­ten Spen­der­kin­der den Wunsch zu er­fah­ren, wer ihr bio­lo­gi­scher Va­ter ist. Nach­dem die Sa­men­spen­de lan­ge als mo­ra­lisch an­stö­ßig und erst mit der Ent­schei­dung des Deut­schen Ärz­te­ta­ges 1970 als nicht mehr sit­ten­wid­rig galt, wer­den heu­te wie selbst­ver­ständ­lich künst­li­che In­se­mi­na­tio­nen mit Spen­der­sa­men in Uni­k­li­ni­ken und Kin­der­wun­sch­pra­xen an­ge­bo­ten.

Und wie ist das nun...

… die­ses Ge­fühl, den bio­lo­gi­schen Va­ter nicht zu ken­nen? Sven ist ei­ner von rund 110 000 Spen­der­kin­dern in Deutsch­land. An ei­nem Abend vor zwei Jah­ren er­fuhr er, dass er einst mit­hil­fe ei­ner an­ony­men Sa­men­spen­de in ei­ner Kli­nik in Dres­den ge­zeugt wur­de. Seit­dem ist nichts mehr, wie es ein­mal war: „Es war wie der Be­ginn ei­ner Su­che, de­ren An­fang mei­ne ei­ge­ne Ent­ste­hung ist“, er­zählt der heu­te 37-Jäh­ri­ge. Doch be­gin­nen wir von vorn. Es ist April 2015, Sven schaut sei­nem sechs­jäh­ri­gen Sohn zu, wie er im Gar­ten spielt, ei­nem Ball hin­ter­her­rennt, sich aus­ruht, wie­der los­rennt, lacht, nach­denkt, Fra­gen stellt. In die­sem Au­gen­blick er­kennt er sich in ihm so sehr wie­der, wie bis da­hin noch nie: in sei­nen Be­we­gun­gen, sei­ner Ges­tik und Mi­mik, in sei­ner gan­zen Art und Wei­se. Sei­ne äu­ße­ren und cha­rak­ter­li­chen Ähn­lich­kei­ten fal­len Sven im­mer mal wie­der auf, aber in die­sem Mo­ment wird ihm klar, dass es ja gar nicht an­ders sein kann. Er ist ja schließ­lich

Es war wie der Be­ginn ei­ner Su­che, de­ren An­fang mei­ne ei­ge­ne Ent­ste­hung ist

schlicht und er­grei­fend sein Sohn! Und je mehr er dar­über nach­denkt, um­so be­wuss­ter wird ihm, dass er sich in sei­nem ei­ge­nen Va­ter über­haupt nicht wie­der­fin­det. „Die­ser Nach­mit­tag mit mei­nem Sohn war der Aus­lö­ser, mein bis­he­ri­ges Le­ben und mei­ne Be­zie­hun­gen zu mei­nem Bru­der und mei­nen El­tern ein­mal aus ei­ner ganz an­de­ren Sicht zu se­hen und ei­ne Op­ti­on da­bei in Er­wä­gung zu zie­hen: Ich stam­me von ei­nem an­de­ren bio­lo­gi­schen Va­ter ab“, er­zählt er. Es war, als hät­te sich in ihm ein Schal­ter um­ge­legt, den er bis da­hin noch nicht sah. Erst sein ei­ge­ner Sohn zeig­te es ihm.

Fra­gen über Fra­gen

„Mein Va­ter ist nicht mein leib­li­cher Va­ter“– Sven jon­gliert un­zäh­li­ge Ge­dan­ken in sei­nem Kopf und doch will er die­se Op­ti­on nicht lan­ge zu­las­sen. Sein Ver­trau­en ge­gen­über sei­nen El­tern über­wiegt das ei­ge­ne Bauch­ge­fühl. Aber wie in ei­nem Sog dreht sich auf ein­mal al­les um die­sen ei­nen Ge­dan­ken. Er hin­ter­fragt sein Ver­hält­nis zu sei­nen El­tern und sei­nem Bru­der, ana­ly­siert das un­ter­schied­li­che Aus­se­hen und die We­sens­ar­ten, er spürt ein schier un­merk­li­ches Sto­cken in der ge­sam­ten Fa­mi­li­en­dy­na­mik. Doch wie geht man nun mit die­sem im­mer wahr­schein­li­cher und lo­gi­scher wer­den­den Puz­zle um? Das Ver­hält­nis zwi­schen ihm und sei­nen El­tern ist an sich gut, aber Ge­sprä­che über in­ti­me, se­xu­el­le The­men gab es nie. „Ich schloss da­her von vorn­her­ein aus, ein­fach zu ih­nen zu ge­hen und mei­ne Ge­dan­ken zu of­fen­ba­ren“, so Sven. In ei­nem Ge­spräch wäh­rend ei­ner Fa­mi­li­en­fei­er kom­men sie auf ein be­freun­de­tes Paar zu spre­chen, wel­chem in ei­ner Kin­der­wun­sch­kli­nik er­folg­reich wei­ter­ge­hol­fen wer­den konn­te. „Die­ses The­ma war für mei­ne Mut­ter An­lass, um je­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len, die ich bis da­hin schon un­zäh­li­ge Ma­le mit­ge­hört hat­te, oh­ne ihr aber je­mals auch nur ir­gend­ei­ne Be­deu­tung zu schen­ken“, er­zählt er. Bis zu die­sem Tag. Sie und ihr Va­ter wa­ren vie­le Jahre lang un­ge­wollt kin­der­los ge­blie­ben. Und – so die im­mer wie­der­keh­ren­de Er­zäh­lung – auf ein­mal hat­te es dann doch ge­klappt. Gleich zwei Mal hin­ter­ein­an­der: 1979 kam sein Bru­der zur Welt, ein Jahr spä­ter schließ­lich er. Doch an je­nem Nach­mit­tag nahm zum ers­ten und zum letz­ten Mal je­ne Un­ter­hal­tung über den Kin­der­wunsch sei­ner El­tern ei­nen an­de­ren Ver­lauf als sonst. Sven fragt aus dem Bauch her­aus, war­um es bei ih­nen auf ein­mal doch mit

dem Kin­der­wunsch ge­klappt hat: „Es setz­te ei­ne kur­ze Pau­se ein und mei­ne Mut­ter sag­te nur, ganz un­ge­wohnt knapp für ih­re Ver­hält­nis­se, dass es da­mals auf ein­mal an­de­re Mög­lich­kei­ten gab, sich hel­fen zu las­sen. Punkt. The­men­wech­sel. Möch­te noch je­mand ei­nen Kaf­fee?“, er­zählt er.

Ei­gen­in­itia­ti­ven

Vor­erst be­lässt er es bei die­sem Ver­such, merkt je­doch, wie er sei­ne Ah­nun­gen nicht mehr weg­wi­schen kann. „Ich spür­te, wie ich mich selbst in ein Di­lem­ma be­gab. Ich dach­te, ich stei­ge­re mich hier in et­was hin­ein. Mein Va­ter soll nicht mein Va­ter sein? Un­mög­lich! Das wür­de ich wis­sen, das hät­te man mir ge­sagt. Fa­mi­li­en­ge­heim­nis­se gibt es schließ­lich nur bei an­de­ren. Hier ist al­les nor­mal, hei­le Welt“, er­zählt er wei­ter. Die­ses all­zu of­fen­sicht­li­che, ve­he­men­te Ab­blo­cken sei­ner El­tern lässt Sven rat­los zu­rück. Er be­schließt, heim­lich ei­nen Va­ter­schafts­test zu ma­chen. „Die­ser Mo­ment, das Öff­nen des Brie­fes, ge­hört auch zu je­nen, in de­nen man un­mit­tel­bar weiß, dass man ihn in all sei­ner In­ten­si­tät nie­mals mehr ver­ges­sen wird.“Ob­wohl der Test letzt­end­lich ge­nau das be­stä­tigt, was er schon ei­ne Wei­le ahnt, weiß Sven auf ein­mal nicht, wie er da­mit um­ge­hen soll. Aus der star­ken Ah­nung, ei­nen an­de­ren Va­ter zu ha-

Es setz­te ei­ne kur­ze Pau­se ein und sie sag­te nur, un­ge­wohnt knapp, dass es da­mals an­de­re Mög­lich­kei­ten gab

ben, ist nun Ge­wiss­heit ge­wor­den. Dar­auf war er "vor­be­rei­tet". Nicht vor­be­rei­tet aber war er auf die Kon­se­quen­zen, die die­ses Wis­sen mit sich brin­gen. „In den Schrei­ben der La­bo­re stand ja nicht, was ich mit die­ser Er­kennt­nis an­fan­gen soll­te“, kom­men­tiert er.

Heu­te

Erst jetzt, nach zwei Jah­ren mit die­sem Wis­sen, be­wer­tet Sven sein bis­he­ri­ges Le­ben nach und nach neu. Nach über drei Jahr­zehn­ten wird ihm vie­les kla­rer, was ihn und sei­ne Po­si­ti­on in der el­ter­li­chen Fa­mi­lie an­geht. Erst jetzt braucht er sich end­lich nicht mehr die ihn ein Le­ben lang be­las­ten­de Fra­ge stel­len, war­um er so ist, wie er ist.

Wie vie­le Men­schen mag es ge­ben, die Ähn­li­ches füh­len und es nicht ein­ord­nen kön­nen? Mehr als wir den­ken. Un­ter­stüt­zung fin­den die­se im Ver­ein Spen­der­kin­der, ein Zu­sam­men­schluss aus über hun­dert Er­wach­se­nen, die einst durch ei­ne Sa­men­spen­de ent­stan­den sind. Auch Sven wird Mit­glied und fin­det dort Aus­tausch mit Gleich­ge­sinn­ten. Von da an räumt er dem The­ma mehr und mehr Raum in sei­nem Le­ben ein und wird in­itia­tiv, macht ei­nen DNA-Test und re­gis­triert sich da­mit bei „Fa­mi­ly Tree DNA“– ei­ner in­ter­na­tio­na­len Fa­mi­li­en­such­da­ten­bank, um Halb­ge­schwis­ter und viel­leicht auch sei­nen Spen­der­va­ter zu fin­den. „Im ers­ten Jahr wuss­te ich noch gar nicht, ob es mich in­ter­es­siert, wer mein bio­lo­gi­scher Va­ter ist. Und nun wa­ge ich mir nicht kon­kret vor­zu­stel­len, wie er aus­se­hen könn­te oder was er für ein Mensch ist, ob er Kin­der oder ei­ne Fa­mi­lie hat. Ich wa­ge es nicht, weil ich nicht weiß, ob ich die­sen Men­schen über­haupt je­mals ken­nen­ler­nen kann“, er­zählt er. Dass er es möch­te, steht für ihn mitt­ler­wei­le da­ge­gen au­ßer Fra­ge. Was er ihm da­bei sa­gen wür­de? „Viel! Fra­gen stel­len wahr­schein­lich noch mehr. Aber zu­al­ler­erst wür­de ich ihn fra­gen, ob er je an mich ge­dacht hat.“<

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