| Weit­blick

Es muss nicht im­mer schwarz sein

Auszeit - - INHALT -

Rund um die Welt: Den Tod fei­ern # Jagd nach der Uns­terb­lich­keit # Schi­wa: Flü­che an der Pinn­wand # Wenn ich ein­mal tot bin

Wäh­rend wir den Tod mit schwe­ren Her­zen und trä­nen­vol­len Ab­schie­den be­trau­ern, gibt es an vie­len Or­ten auf der Welt freu­di­ge Ri­tua­le, die zwar ei­nen Ab­schied vom Ver­stor­be­nen be­deu­ten, gleich­zei­tig je­doch das Le­ben fei­ern.

Im ge­sam­ten Ge­biet von Asi­en ist der Bud­dhis­mus sehr ver­brei­tet. Es han­delt sich um ei­ne al­te Re­li­gi­on, die sich auf ei­ne mehr als 2 500 Jah­re al­te Tra­di­ti­on be­ru­fen kann. In der bud­dhis­ti­schen Tra­di­ti­on glaubt man fest dar­an, dass die See­le sich so­fort nach dem Tod an ei­nen neu­en Kör­per bin­det. Die Ta­ten der je­wei­li­gen Per­son ent­schei­den dar­über, in wel­cher Form man wie­der­ge­bo­ren wird. Nur ei­ne po­si­ti­ve Art zu le­ben kann nach dem Tod da­für sor­gen, ei­ne hö­he­re Be­wusst­seins­ebe­ne zu er­lan­gen. Je­des Le­be­we­sen muss nach dem bud­dhis­ti­schen Glau­ben so lang die­sen Kreis­lauf durch­schrei­ten, bis es den Zu­stand der voll­stän­di­gen Er­leuch­tung er­langt hat. Erst dann kann die See­le mit dem Tod den Kör­per ver­las­sen und ins Nir­wa­na ein­zie­hen. Beim Nir­wa­na han­delt es sich nicht um ei­nen „Him­mel“, wie Chris­ten ihn sich vor­stel­len, son­dern um ei­ne neue Da­seins­form in ei­ner rein spi­ri­tu­el­len Ebe­ne. Um ei­ne Re­inkar­na­ti­on zu er­mög­li­chen, über­ge­ben Bud­dhis­ten die Kör­per der Ver­stor­be­nen nach de­ren Ab­le­ben dem Feu­er. Die Asche wie­der­um wird im An­schluss der Er­de bei­ge­setzt, da­mit sie ei­ne sym­bio­ti­sche Ver­bin­dung mit der Er­de ein­ge­hen kann. Wäh­rend der Be­stat­tungs­ze­re­mo­nie ist es üb­lich, ein To­ten­ge­dächt­nis ab­zu­hal­ten. Dies wird im Wech­sel von An­ge­hö­ri­gen und Mön­chen durch­ge­führt, die bud­dhis­ti­sche Weis­hei­ten und Leh­ren vor­tra­gen. Es ge­hört auch zur asia­ti­schen Kul­tur, im An­schluss Al­mo­sen im Na­men des Ver­stor­be­nen zu ver­tei­len – das soll die­sem zu ei­ner bes­se­ren Re­inkar­na­ti­on ver­hel­fen.

Im ge­sam­ten ers­ten Jahr nach dem Tod des Ver­stor­be­nen gibt es im­mer wie­der To­ten­ge­den­ken und Ver­samm­lun­gen, die an die Per­son er­in­nern sol­len. Auch der Ster­be­tag wird im Bud­dhis­mus ze­le­briert und ge­ach­tet.

Eins mit Gott

Auch im Hin­du­is­mus kennt man zahl­rei­che Tra­di­tio­nen, wie mit dem Tod um­ge­gan­gen wird. Auch die Hin­dus glau­ben an ei­ne Re­inkar­na­ti­on al­ler Ver­stor­be­nen und an

ein bes­se­res Le­ben nach dem Tod, wenn man auch im Dies­seits als gu­ter Mensch die Welt durch­schritt. Doch auch hier liegt der ei­gent­li­che Fo­kus dar­auf, den ewi­gen Kreis­lauf zu durch­bre­chen. Das höchs­te Ziel al­ler Gläu­bi­gen im Hin­du­is­mus ist, ei­ne gren­zen­lo­se Rein­heit zu er­lan­gen und nach dem Tod Eins mit dem Gott Brah­ma zu wer­den. Die­ser stellt im Hin­du­is­mus die Haupt-Gott­heit und die mäch­tigs­te Macht dar.

Stren­ge Ri­tua­le

Um die­ses Ziel zu er­rei­chen, ste­hen den Hin­dus zahl­rei­che Trau­er­ri­tua­le zur Ver­fü­gung. Sie sol­len vor al­lem der See­le da­bei hel­fen, den Kör­per des Ver­stor­be­nen zu ver­las­sen. So wird un­mit­tel­bar nach dem Tod des Ver­stor­be­nen ein Ton­topf bei ei­nem Feu­er­ri­tu­al ge­seg­net. Die­ser wird spä­ter noch von gro­ßer Be­deu­tung sein. An­schlie­ßend er­folgt ei­ne aus­führ­li­che Sal­bung des To­ten, ehe die­ser in schlich­te Tü­cher ein­ge­wi­ckelt und auf­ge­bahrt wird. Die ei­gent­li­che Be­stat­tungs­ze­re­mo­nie wird stets aus­schließ­lich von den Män­nern durch­ge­führt. Frau­en und Kin­der ha­ben ei­ge­ne Ri­tua­le.

Der Kör­per des To­ten wird vor dem Auf­bah­ren ei­ni­ge Ma­le um den da­für her­ge­rich­te­ten Holz­stoß ge­tra­gen, ehe er dar­auf auf­ge­bahrt wird. Nun kommt auch der Ton­topf zum Ein­satz, der nach dem Tod des Ver­stor­be­nen ge­seg­net wur­de. Die­sen füllt man mit Was­ser und über­gibt ihn der Per­son, die am meis­ten über den Ver­lust trau­ert. Auch der Ton­topf wird nun drei Mal um die Bah­re her­um ge­tra­gen – bei je­der Run­de muss ein neu­es Loch in den Topf ge­macht wer­den, aus dem das Was­ser aus­tritt. Der, dem der Tod am meis­ten zu­setzt, zer­schlägt im An­schluss den Topf. Da­mit ist das ei­gent­li­che Trau­er­ri­tu­al be­en­det und die Bah­re des To­ten wird an­ge­zün­det.

Doch da­mit ist im Hin­du­is­mus das Trau­er­ri­tu­al längst nicht be­en­det, denn nach der Be­stat­tung fol­gen zahl­rei­che wei­te­re Ri­tua­le, die wie­der­um dem Le­ben die­nen. Es folgt die ri­tu­el­le Wa­schung der Hin­ter­blie­be­nen, die als ei­ne Art Se­gen dient. Au­ßer­dem muss das ge­sam­te Haus des Ver­stor­be­nen und sei­ner

Fa­mi­lie ger­ei­nigt und von ne­ga­ti­ven Ener­gi­en be­freit wer­den. Wenn dies ge­tan wur­de, trifft sich die ge­sam­te Fa­mi­lie er­neut, um ge­mein­sam das Lieb­lings­ge­richt des To­ten zu spei­sen und da­bei das Le­ben zu fei­ern.

Erst nach ei­nem wei­te­ren Mo­nat der Trau­er wird der wich­tigs­ten Tra­di­ti­on nach­ge­gan­gen: dem Shr­ad­dha-Ri­tu­al. Da­bei han­delt es sich um ei­ne sich jähr­lich wie­der­ho­len­de Trau­er­fei­er, die von ei­nem männ­li­chen Nach­kom­men voll­zo­gen wer­den muss.

Letz­te Umar­mung

Viel fröh­li­cher da­ge­gen mu­ten Be­er­di­gun­gen in Afri­ka an. Dort sucht man schwar­ze Trau­er­klei­dung und trau­ri­ge Ge­sich­ter ver­ge­bens, denn Mu­sik, gu­tes Es­sen und ein Fest zu Eh­ren des Le­bens ge­hö­ren fest zur afri­ka­ni­schen Tra­di­ti­on. Vor al­lem bei den zahl­rei­chen na­tur­re­li­giö­sen Glau­bens­rich­tun­gen fin­den sich völ­lig fremd­ar­ti­ge Ri­tua­le, die über­haupt nicht mit den Tra­di­tio­nen des Chris­ten­tums ver­gleich­bar wä­ren. So kann ei­ne Be­stat­tung in Afri­ka auch oft bis zu meh­re­ren Wo­chen dau­ern. In den ers­ten Ta­gen wird da­bei dem Ver­stor­be­nen ge­dacht, die fol­gen­den Ta­ge gel­ten je­doch ganz den Hin­ter­blie­be­nen. Al­le Ver­wand­ten, de­nen ei­ne Reise zum Ort des Ab­schied­neh­mens mög­lich ist, rei­sen für die­ses Fest an. Die tra­di­tio­nel­le Fei­er fin­det meist am Wo­che­n­en­de statt, be­ginnt je­doch schon am Don­ners­tag­abend mit ei­ner Nach­wa­che zu Eh­ren des Ver­stor­be­nen. Am Fol­ge­tag bringt man den To­ten in sein Heim und bahrt ihn auf, da­mit je­der der An­ge­hö­ri­gen und Dorf­mit­glie­der die Mög­lich­keit hat, sich zu ver­ab­schie­den. Par­al­lel da­zu seg­net ein Geist­li­cher den Leich­nam. Vor al­lem in Gui­nea ist es so­gar ein gän­gi­ges Ri­tu­al, den To­ten noch ein­mal zu um­ar­men. Im An­schluss an die Ver­ab­schie­dungs­ze­re­mo­nie wird der Leich­nam mit bun­ten Tü­chern ver­ziert in ei­nem Sarg un­ter­ge­bracht und in ei­ne Art Kir­che ge­bracht. Un­ter mu­si­ka­li­scher Be­glei­tung und mit tan­zen­den Be­su­chern bringt man den Sarg zu sei­nem ei­gent­li­chen Gr­ab, wo die Tü­cher wie­der ent­fernt und der Sarg in die Er­de ein­ge­las­sen wird. Wäh­rend der kom­plet­ten Ze­re­mo­nie um­rah­men Mu­sik, Lie­der, Ge­be­te und Geis­ter­be­schwö­run­gen das Ri­tu­al.

Für die meis­ten Afri­ka­ner be­deu­tet der Tod kei­nen Ein­zug ins Him­mel­reich oder ei­ne Wie­der­ge­burt, son­dern ein fol­gen­des Le­ben als Geist, der über die Fa­mi­lie wacht. Des­we­gen ist ei­ne Ver­ab­schie­dung in den ei­ge­nen vier Wän­den für die An­ge­hö­ri­gen so wich­tig – die See­le wür­de an­dern­falls das Haus ver­las­sen und den Weg even­tu­ell nicht zu­rück nach Hau­se fin­den.

Ge­sicht gen Mek­ka

Auch der Is­lam ver­ab­schie­det sich von sei­nen To­ten auf ei­ne ganz ei­ge­ne Art. Trotz der nicht ge­rin­gen Zahl an Mos­lems in Deutsch­land, sind vie­len von uns die Tra­di­tio­nen un­se­rer Nach­barn fremd. Doch auch im Is­lam gibt es zahl­rei­che Trau­er­ri­tua­le, die dem Ab­schied und der Wie­der­auf­er­ste­hung des To­ten die­nen sol­len.

Je­de is­la­mi­sche Trau­er­fei­er be­ginnt mit der ri­tu­el­len Wa­schung des Ver­stor­be­nen. Die­se wird meist von ei­ner Per­son glei­chen Ge­schlechts

durch­ge­führt, um den To­ten nicht in Ver­le­gen­heit zu brin­gen. An­schlie­ßend wird der ge­sam­te Kör­per des To­ten mit wei­ßen Tü­chern be­deckt und zeit­nah be­stat­tet. Das Ge­sicht des To­ten soll­te im Gr­ab im­mer gen Mek­ka schau­en kön­nen. Au­ßer­dem ist ei­ne Be­er­di­gung oh­ne Sarg ei­ne ty­pisch mus­li­mi­sche Tra­di­ti­on. Dem To­ten wird zu­dem ein Mes­ser mit ins Gr­ab ge­legt, das als ein Sym­bol für das Le­ben gilt – denn schon bei der Ge­burt wird die Na­bel­schnur mit ei­nem Mes­ser durch­trennt. Au­ßer­dem soll das Mes­ser dem Ver­stor­be­nen auf „der an­de­ren Sei­te“im Kampf ge­gen den Teu­fel zur Sei­te ste­hen. Es folgt ein Jahr der Trau­er, bei dem die An­ge­hö­ri­gen aus­schließ­lich dunk­le Klei­dung tra­gen und Fes­te der Freu­de mei­den.

Hoch oben

Für die In­dia­ner ist ei­ne Be­stat­tung ih­rer Ver­stor­be­nen hoch über der Er­de das höchs­te Ziel. Ei­ner­seits glau­ben sie, dass die To­ten so nä­her bei den Göt­tern lie­gen und eher de­ren Be­ach­tung er­fah­ren, an­de­rer­seits dient dies dem Schutz vor Aas­fres­sern. So gibt es vie­le In­dia­ner­stäm­me, die ih­re To­ten auf ein Holz­ge­stell oder ein fla­ches Brett leg­ten und die­se an­schlie­ßend in ei­ne Ast­ga­bel auf ei­nem Baum ho­ben. Um sie auch vor Vö­geln zu schüt­zen, wi­ckel­ten sie die To­ten meist auch in Le­der­häu­te ein. Das war vor al­lem bei den Da­ko­ta ei­ne fes­te Tra­di­ti­on zur Be­stat­tung.

Die Chi­nook da­ge­gen leg­ten ih­re Ver­stor­be­nen stets in ein Ka­nu, das eben­falls auf ho­he Bäu­me ge­zo­gen wur­de.

Die Se­mi­n­o­len-In­dia­ner hat­ten die Tra­di­ti­on, ih­re To­ten in hoh­len Bäu­men zu ver­ste­cken und die­se im An­schluss wie­der zu ver­schlie­ßen. Um bö­se Geis­ter zu ver­trei­ben, tanz­ten sie im An­schluss ta­ge­lang um den Baum her­um, mal­ten sich ih­re Ge­sich­ter schwarz an, wein­ten und leg­ten ih­ren Schmuck ab. Auch war es üb­lich, sich im Rah­men die­ser Ri­tua­le selbst zu ver­let­zen, um mit dem Ver­stor­be­nen füh­len zu kön­nen. Ei­ne der be­kann­te­ren Tra­di­tio­nen von In­dia­nern ist je­doch die Trau­er­zeit von vier Ta­gen. Im An­schluss an die­se tref­fen sich al­le An­ge­hö­ri­gen, Freu­de und Stam­mes­mit­glie­der, um im Na­men des To­ten ei­ne Pfei­fe zu rau­chen. Mit­un­ter folg­ten noch ei­ni­ge Rei­ni­gungs­ri­tua­le, die die Hin­ter­blie­be­nen von der Trau­er be­frei­en soll­ten. Im An­schluss galt die Trau­er­zeit als be­en­det.

Im ewi­gen Eis

Vie­le Jah­re wa­ren die Inuit als No­ma­den im ge­sam­ten Land un­ter­wegs. Da­mals gab es kei­ne her­kömm­li­chen Be­stat­tun­gen – da das Eis kei­nen Spiel­raum für Be­er­di­gun­gen zu­lässt, leg­te man die Leich­na­me ein­fach auf dem Eis ab und be­deck­te sie mit St­ei­nen. Heu­te da­ge­gen le­ben viel Es­ki­mos in Dör­fern, doch das Pro­blem des Ei­ses gibt es nach wie vor. So wer­den im Win­ter Ver­stor­be­ne stets bis in den nächs­ten Som­mer auf­be­wahrt, ehe die Er­de das Gra­ben ei­nes Lo­ches zu­lässt. Als Sarg­bei­ga­ben zäh­len vor al­lem Schmuck, Geld und Kunst­blu­men. Über dem Gr­ab wird meist auch ein Kreuz an­ge­bracht, auf dem der Na­me des Ver­stor­be­nen ein­ge­brannt und mit gra­fi­schen Or­na­men­ten ab­ge­run­det wird. <

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