| Ein­bli­cke

In ih­rem tief be­rüh­ren­den Buch „Wie ich ein­mal aus­zog, den Tod ken­nen­zu­ler­nen ...“be­schreibt Il­ka Piep­gras ih­ren ganz ei­ge­nen Weg, sich mit dem Ster­ben aus­ein­an­der­zu­set­zen. Hier ein Aus­zug ...

Auszeit - - INHALT -

Ster­be­be­glei­tung # Ich fürch­te nichts # Go for ever # Mut zum Le­ben

Der 16. Mai 2012, der Tag vor Chris­ti Him­mel­fahrt, ist ein präch­ti­ger Früh­lings­tag in Ber­lin. Ich bin zu Hau­se, als es plötz­lich an der Tür klin­gelt, ein­mal, zwei­mal, Sturm. Nor­ma­ler­wei­se pas­siert nicht viel in un­se­rer ru­hi­gen Wohn­ge­gend im Süd­wes­ten der Stadt. Jetzt hält je­mand die Klin­gel ge­drückt, ein schril­ler Dau­er­ton, der nichts Gu­tes ver­heißt. Am Gar­ten­tor steht Lea, die Sech­zehn­jäh­ri­ge von ne­ben­an. Das Han­dy am Ohr, springt sie auf der Stra­ße her­um wie ein ver­wun­de­tes Tier. Wäh­rend sie zu­sam­men­hangs­lo­se Sät­ze ins Te­le­fon schreit, winkt sie mich hin­über in ihr Haus und ins Wohn­zim­mer hin­ein. Dort liegt ihr Va­ter merk­wür­dig ver­zerrt auf der Couch, Hol­ger, halb ver­hüllt von ei­ner ver­rutsch­ten Woll­de­cke. Sein Ge­sicht hat ei­ne blau­graue Far­be, wie von ei­nem enor­men Blut­er­guss. „Küm­me­re dich um den Klei­nen!“, ruft Lea, und mei­ne Auf­ga­be für die nächs­ten St­un­den ist klar: Leas vier­jäh­ri­gen Bru­der ab­schir­men. Er soll nicht se­hen, wie Ret­tungs­sa­ni­tä­ter sei­nem Va­ter das Hemd auf­rei­ßen und den Brust­korb mas­sie­ren, wie sie über ei­nen Schlauch Sau­er­stoff in sei­ne Lun­ge pres­sen und schließ­lich ver­su­chen, ihn mit Strom­stö­ßen zu­rück­zu­ho­len. Al­les wird gut, be­schwich­ti­ge ich den Jun­gen, bald ist der Pa­pi wie­der ge­sund. Das Ge­re­de fällt mir leicht, ich glau­be zu die­sem Zeit­punkt selbst dar­an. Wir ha­ben Zir­kus ge­spielt, als der Am­bu­lanz­wa­gen vor­fuhr, und auf dem Tram­po­lin ge­hüpft, als die Ret­tungs­sa­ni­tä­ter Sau­er­stoff­la­schen ins Haus schlepp­ten. Jetzt kommt ein Sa­ni­tä­ter aus dem Haus und raucht, an den Wa­gen ge­lehnt, ei­ne Zi­ga­ret­te. Er wirkt mü­de und be­drückt. Je­mand zieht mich bei­sei­te, Hol­ger ha­be es lei­der nicht ge­schafft. Wie, nicht ge­schafft? Es dau­ert ei­nen Mo­ment, bis ich be­grei­fe, dann wer­den mir die Knie weich. Hol­ger, ein Mann von An­fang fünf­zig, so alt wie mein ei­ge­ner Mann, lebt nicht mehr? Hol­ger, der mir eben noch – das Ba­se­cap auf dem Kopf und ei­ne Zi­ga­ret­te im Mund­win­kel – nach­bar­schaft­lich über die He­cke zu­ge­winkt hat: Hey, al­les cool bei dir? Aus hei­te­rem Him­mel weg?

Herz­ver­sa­gen, heißt es spä­ter. Als abends der Lei­chen­wa­gen vor dem Nach­bar­haus hält und ein Alu­mi­ni­ums­arg rein­ge­tra­gen wird, si­ckert die Er­kennt­nis lang­sam in mein Be­wusst­sein.

Am nächs­ten Tag flie­ge ich nach At­hen, die Reise war lan­ge ge­plant. Ich lau­fe im Regen über die Akro­po­lis, und von über­all kommt mir Hol­gers blau­grau­es Ge­sicht ent­ge­gen: Aus den Rui­nen und den Vi­tri­nen des Mu­se­ums scheint es plötz­lich her­aus, auf den Stra­ßen und im Re­stau­rant blickt es mich an. Ich wer­de es nicht mehr los,

auch spä­ter in Ber­lin nicht. Noch heu­te, fünf Jah­re da­nach, holt es mich ge­le­gent­lich ein.

Als un­ser Nach­bar starb, war ich 47 und hielt mich für un­ver­wund­bar. Ich hat­te zwei Kin­der zur Welt ge­bracht und als Re­por­te­rin in ei­nem ve­ne­zo­la­ni­schen Ge­fäng­nis re­cher­chiert, ich be­herrsch­te die Krie­ger-III-Po­si­ti­on beim Yo­ga, oh­ne zu wa­ckeln.

Wie man ei­nen Kon­do­lenz­brief ver­fasst, wuss­te ich nicht.

Bis un­ser Nach­bar starb, stell­te ich mir un­ter Ster­ben nicht viel vor, es war ein abs­trak­ter Be­griff. Ei­nes die­ser un­an­ge­neh­men The­men für spä­ter, wenn man alt ist. Et­was, das weit weg in Sy­ri­en ge­schah oder ab­ge­schirmt von der Öf­fent­lich­keit auf der In­ten­siv­sta­ti­on ei­nes Kran­ken­hau­ses. Auch mei­ne Groß­el­tern hat­te ich nicht tot ge­se­hen. „Tu dir das nicht an“, hieß es in der Fa­mi­lie, als es um den letz­ten Be­such bei der ster­ben­den Groß­mut­ter im Pfle­ge­heim ging, „be­wahr dir das Bild von ihr aus bes­se­ren Ta­gen.“

Ich ha­be mich vor ih­rem letz­ten An­blick ge­drückt. Frü­her, als die Kir­chen den Pro­zess des Ster­bens ge­stal­te­ten und dem Tod ei­nen Sinn ga­ben, wur­den Men­schen von ih­ren Fa­mi­li­en auf dem Ster­be­bett be­glei­tet . ...

Heu­te ist das Ster­ben hoch­spe­zia­li­sier­ten Grup­pen über­ant­wor­tet. Die Di­ens­te, die dem To­ten er­wie­sen wer­den, sind käuf­lich. Die Fort­schrit­te der In­ten­siv­me­di­zin ha­ben die Dau­er des Ster­bens dra­ma­tisch ver­län­gert und den Tod als Er­eig­nis bei­na­he ab­ge­schafft – und da­mit auch das Wis­sen um die Tra­di­ti­on. Der Tod als na­tür­li­cher End­punkt mensch­li­chen Le­bens ist aus dem Blick ge­ra­ten. Fach­kräf­te be­schäf­ti­gen sich mit dem Ster­ben, und weil die Men­schen im­mer äl­ter wer­den und weit ent­fernt von ih­ren Kin­dern le­ben, ge­schieht es ge­wöhn­lich in Pfle­ge­hei­men oder Kli­ni­ken.

Da­bei wol­len die meis­ten zu Hau­se ster­ben. Aber in den Fa­mi­li­en weiß kaum noch ei­ner, wie das geht.

Da­bei wol­len die meis­ten zu Hau­se ster­ben. Aber in den Fa­mi­li­en weiß kaum noch ei­ner, wie das geht.

„Der ers­te To­te be­deu­tet für je­den Men­schen ei­nen ge­wal­ti­gen Ein­schnitt“, sagt die The­ra­peu­tin, zu der ich ein hal­bes Jahr nach Hol­gers Herz­ver­sa­gen ge­he. Ich bin dünn­häu­tig ge­wor­den, über­reizt und emp­find­lich. Schla­fe schlecht und wer­de schein­bar grund­los von Angst über­fal­len. Längst geht es nicht mehr um den Schock der Sterb­lich­keit – son­dern um die Furcht vor dem Ver­lust. Vi­el­leicht wird mor­gen mein ei­ge­ner Mann blau an­ge­lau­fen auf dem So­fa lie­gen. Vi­el­leicht geht al­les noch vier­zig Jah­re gut – aber ir­gend­wann ist es so weit. Un­aus­weich­lich. Doch wie soll ich wei­ter­le­ben mit die­sem Wis­sen, dass je­de Se­kun­de al­les zu En­de sein kann?

„Stel­len Sie sich vor, es klin­gelt. In der Tür steht ein Po­li­zist. Er er­öff­net Ih­nen, Ihr Mann sei bei ei­nem Un­fall ums Le­ben ge­kom­men. Was tun Sie?“Schritt für Schritt lotst mich die The­ra­peu­tin durch die quä­len­de Sze­ne­rie. Mit ge­schlos­se­nen Au­gen spie­le ich das, was ich am meis­ten fürch­te, ge­dank­lich durch – von der Re­ak­ti­on auf die To­des­nach­richt über den ers­ten An­ruf bis zu je­nem Mu­sik­stück, das mir Trost bringt. Ich re­flek­tie­re die Art, wie ich Ab­schied neh­men und die Trau­er­fei­er ge­stal­ten wür­de. Nach­dem ich mir das Un­vor­stell­ba­re vor­ge­stellt ha­be, weiß ich, es ist zu über­ste­hen. Es gibt ein Le­ben nach dem Tod ei­nes ge­lieb­ten Men­schen, so schmerz­voll es auch sein wird. Am En­de der Sit­zung bin ich ver­heult und er­schöpft – und sehr be­freit . ...

Heu­te wird viel da­von ge­spro­chen, wie wir ster­ben, und we­nig dar­über, war­um. Von Selbst­be­stim­mung und Wür­de ist die Re­de, vom Recht auf Ster­be­hil­fe und da­von, dass der Tod zum Le­ben ge­hört. Aber was heißt das für mein Le­ben, was ist der Sinn? Das sind gro­ße Fra­gen, die mir kein Mensch be­ant­wor­ten kann, und sei er noch so wei­se – das wird mir beim Tee mit ei­ner al­ten Da­me aus der Nach­bar­schaft klar, ei­ner dis­zi­pli­nier­ten und klu­gen Frau. Sie be­rich­tet vom All­tag al­ter Men­schen, da­von, wie die Welt auf die Grö­ße zwei­er Zim­mer zu­sam­men­schrumpft und sich al­le Kraft, die man noch auf­brin­gen kann, auf den ei­ge­nen Kör­per kon­zen­triert. Wir re­den über die Vor­stu­fe des Ster­bens, der Tod ist im Al­ter nah, aber greif­bar ist er nicht. Um her­aus­zu­fin­den, wie das Le­ben aus­geht, um dem Tod auf die Spur zu kom­men, muss ich ganz dicht an ihn ran­kom­men, so viel ist klar. Und dann ist da plötz­lich der Ge­dan­ke an Ster­be­be­glei­tung, wie ein Geis­tes­blitz ent­steht die Idee. Ich ha­be die Mut­ter ei­ner gu­ten Freun­din vor Au­gen, die, um sich auf den Tod ih­res Va­ters vor­zu­be­rei­ten, in der Kle­in­stadt, wo sie lebt, ei­ne Ho­s­piz­grup­pe grün­de­te und seit vie­len Jah­ren Ster­ben­de am­bu­lant be­glei­tet. Mir war das im­mer ein biss­chen un­heim­lich, was sie macht – in die Häu­ser frem­der Men­schen zu ge­hen und ih­nen bei­ste­hen, wenn das Le­ben zu En­de geht.

Wer tut sich das frei­wil­lig an? Auf ein­mal weiß ich, was sie an­treibt, es er­scheint mir lo­gisch und klug, der best­mög­li­che Weg . ...

Knapp zwei Jah­re nach dem ver­häng­nis­vol­len Tag im Mai be­ginnt mei­ne Zeit im Ho­s­piz­dienst. Es ist der Auf­bruch in ein Ge­biet, des­sen Spra­che ich nicht spre­che, ei­ne Grand Tour zum Tod. Der An­fang ei­ner Reise ins Un­ver­trau­te, ei­ner Reise voll über­ra­schen­der Er­fah­run­gen und Ge­sprä­che, für die mir vor­her der Mut fehl­te. Es ist die Reise mei­nes Le­bens, und da­von er­zählt die­ses Buch. <

Es ist der Auf­bruch in ein Ge­biet, des­sen Spra­che ich nicht spre­che, ei­ne Grand Tour zum Tod.

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