| Be­sin­nung

Mo­men­te der Stil­le Die letz­te Ru­he­stät­te der To­ten ist auch für die Le­ben­den ein Ort der Zuflucht. Hier, wo man sich mit dem Un­aus­weich­li­chen aus­ein­an­der­set­zen muss, kann die Sicht auf Le­ben und Tod wie­der kla­rer wer­den.

Auszeit - - INHALT - JEANNINE VÖLKEL

Fried­hofs­ro­man­tik # Der gro­ße Kreis­lauf: Un­end­lich end­lich

Das Tor des Leip­zi­ger Süd­fried­hofs öff­net sich lei­se quiet­schend. Et­was un­schlüs­sig ste­he ich vor ei­ner drei­fa­chen Weg­ga­be­lung, die in die park­ähn­li­che An­la­ge führt. Ich blin­ze­le in die Son­ne, de­ren Licht schon an Kraft ver­lo­ren hat. Sie schmiegt sich in ih­re Wol­ken­ber­ge und nur ge­le­gent­lich ver­fan­gen sich ein paar ver­schla­fe­ne, oran­ge­gel­be Strah­len in den Baum­kro­nen. Vor­bei sind die hell­glei­ßen­den Som­mer­ta­ge, an de­nen sich der Him­mel im un­end­li­chen Blau ver­liert und man über dem ge­schäf­ti­gen Trei­ben der Stadt von ir­gend­wo­her Kin­der­la­chen wahr­nahm. Hier ver­liert sich der Stra­ßen­lärm mit je­dem Schritt, nichts be­wegt sich, fast meint man, die Luft an­hal­ten zu müs­sen.

St­ei­ner­ne Er­in­ne­run­gen

Es ist men­schen­leer und doch ist es das nicht – der Weg ist ge­säumt mit stei­ner­nen Er­in­ne­run­gen, Na­men, Da­ten, Lie­bes­be­kun­dun­gen. „Wir wer­den dich nie ver­ges­sen!“steht in gol­de­nen Let­tern auf ei­ner bur­gun­derd­far­be­nen Schlei­fe. „Für im­mer ver­eint“und „Stär­ker als der Tod ist die Lie­be.“ist wo­an­ders in St­ein ge­mei­ßelt zu le­sen. Hier, wo so vie­le ih­re „letz­te Ru­he“ge­fun­den ha­ben, ist es fried­lich und gleich­zei­tig Ehr­furcht er­we­ckend – ei­ner­seits vor den lie­be­voll ge­stal­te­ten Gr­ab­stät­ten und an­de­rer­seits vor dem si­che­ren Wis­sen, das man selbst auch ir­gend­wann das En­de des We­ges er­rei­chen wird. Ei­ne Tat­sa­che, die man im hek­ti­schen All­tag nicht wahr­nimmt – hier wird sie all­zu deut­lich, ge­ra­de­zu un­aus­weich­lich, klar.

Wenn ich ver­rei­se, pla­ne ich im­mer auch ei­nen Be­such auf dem hie­si­gen Fried­hof. Es ist oft der ru­higs­te Ort der Stadt und mit kunst­vol­len Sta­tu­en und Denk­mä­lern be­völ­kert, un­an­ge­tas­tet über Jahr­hun­der­te: die gro­ßen kel­ti­schen Kreu­ze in Schott­land, wei­ße Mar­mor-Gruf­ten in At­hen oder die im Wald ru­hen­den Lie­ge­stei­ne in Tal­linn – ge­gen das Ver­ges­sen er­rich­te­te Pil­ger­stät­ten für die Hin­ter­blie­be­nen. Die Vor­stel­lung, man schla­fe nach sei­nem ge­schäf­ti­gen Le­ben ir­gend­wann

un­ter ei­ner Wei­de mit Aus­sicht über die Stadt, be­ru­higt doch sehr, selbst wenn man ei­gent­lich selbst we­nig da­von ha­ben dürf­te. Dann doch we­nigs­tens als An­lauf­stel­le und Trost für die Trau­ern­den, die hier­her kom­men und ih­re Blu­men ab­le­gen und uner­müd­lich die Gr­ab­ker­zen an­zün­den. An sehr vie­len Grä­bern sieht man die­se Ker­zen oder klei­ne La­ter­nen, die frü­her die See­le des Ver­stor­be­nen lei­ten soll­ten.

An ei­nem klei­nen, mit Her­zen ver­se­he­nen Holz­kreuz mit der Auf­schrift „Opa, wir lie­ben dich!“sitzt ein klei­ner Por­zel­la­nen­gel, wie sie hier so oft zu fin­den sind, schla­fend, die Flü­gel­chen aus­ge­brei­tet, oder ver­träumt in die Ge­gend bli­ckend. Ich bin auf ei­nem neue­ren Teil des Fried­hofs an­ge­kom­men. Wie ich erst auf den zwei­ten Blick fest­stel­le, wur­de hier ein gro­ßes Beet an­ge­legt, das sich in ei­ner gro­ßen Spi­ra­le aus­brei­tet. Ein Meer von Son­nen­hü­ten zwi­schen noch recht jun­gen Bäu­men, aber auch Erd­bee­ren wur­den hier ge­pflanzt. An den Zwei­gen der Bü­sche und Bäu­me sind hier und da klei­ne Bil­der, Her­zen oder an­de­re per­sön­li­che Din­ge an­ge­bracht. Was für ei­ne wun­der­vol­le Idee, den­ke ich, wie­der Teil neu­en Le­bens zu wer­den. Wer hier wohl vor­bei kommt, um Un­kraut zu jä­ten? Denn na­tür­lich muss auch ein Gr­ab über Jah­re hin­weg ge­pflegt wer­den.

End­li­che Unend­lich­keit

Auf der Su­che nach den äl­tes­ten Gr­ab­stät­ten des Fried­hofs füh­le ich mich auf dem rie­si­gen Ge­län­de

et­was ver­lo­ren. Ich be­schlie­ße, der Son­ne nach­zu­ge­hen, zu­mal die­se in Rich­tung Ka­pel­len­an­la­ge weist und ich da wahr­schein­lich fün­dig wer­de. Frisch ge­mäh­te, weit­läu­fi­ge Wie­sen mit sorg­fäl­tig ar­ran­gier­ten Mo­nu­men­ten wech­seln sich mit dicht be­sie­del­ten Area­len klei­ner Gr­ab­stei­ne ab. Man­che Gr­ab­stei­ne sind so be­moost und zu­ge­wach­sen, dass man die Na­men nur noch schwer ent­zif­fern kann. An ei­nem Baum ist ein Aus­hang be­fes­tigt: „Kün­di­gung von Rei­hen­grab­stät­ten auf dem kom­mu­na­len Süd­fried­hof. Es wird be­kannt ge­ge­ben, dass die vor­be­zeich­ne­te Grup­pe ge­kün­digt wer­den soll. Al­le Gr­ab­stät­ten, de­ren Nut­zungs­dau­er ab­ge­lau­fen ist, wer­den ein­ge­eb­net.“Aha, re­flek­tie­re ich, auch das En­de hat al­so noch ein En­de. Spä­ter le­se ich nach, dass ei­ne Gr­ab­stät­te ei­ne Ru­he­zeit von 20 Jah­ren hat. „Die­se Frist soll ei­ne an­ge­mes­se­ne To­ten­eh­rung er­mög­li­chen.“Die Nut­zungs­zeit ist min­des­tens so lang wie die Ru­he­zeit, kann aber ge­gen Ge­bühr auch ver­län­gert wer­den. Be­schließt man ei­ne dop­pel­te Gr­ab­tie­fe, kann in­ner­halb der Ru­he­frist im sel­ben Gr­ab noch ein­mal ei­ne Be­stat­tung statt­fin­den.

Re­fle­xi­on im Schat­ten

Zwan­zig Jah­re, das ist ei­ne Men­ge Zeit. Zwan­zig Jah­re im­mer wie­der Blu­men dra­pie­ren, Ker­zen er­neu­ern, Un­kraut jä­ten, Was­ser aus den stei­ner­nen Brun­nen schöp­fen und sich auf ei­ner der na­he­ge­le­ge­nen Bän­ke aus­ru­hen und in­ne­hal­ten. Zwan­zig Jah­re Ba­lan­ce zwi­schen Ternin­er­fül­lung und dem Fal­len­las­sen in Er­in­ne­run­gen. Sit­zen, sin­nie­ren, al­lein mit sich und den Ver­stor­be­nen. Wie zer­brech­lich und kurz das Le­ben sein kann, und wie viel wert­vol­ler es da­durch wird. Dass es ir­gend­wann ein­fach vor­bei ist und was von den vie­len Ta­gen, Mo­na­ten, Jah­ren, die man auf der Welt ver­bracht hat, üb­rig bleibt. Wie man als Er­in­ne­rung über­dau­ert, wei­ter­lebt in den Ge­dan­ken de­rer, die man kann­te, bis auch sie ver­schwun­den sind. Und dass ge­nau des­we­gen das Mor­gen nie so wich­tig sein kann wie das Hier und Jetzt. In so ei­nem Mo­ment der Stil­le ord­nen sich die Ge­dan­ken und der Atem wird ru­hig.

Le­ben rings­um

Was war das? Ein ro­ter Schat­ten huscht un­ter den Bü­schen vor­bei. Neu­gie­rig schlei­che ich hin­ter­her, mei­ne Turn­schu­he auf dem wei­chen Gras­bo­den ma­chen kaum ein Ge­räusch. Und da ist es: ein Eich­hörn­chen flitzt durchs Gras,

hält in­ne und schaut in mei­ne Rich­tung. Als ich mich wie­der be­we­ge, huscht es laut schnat­ternd ei­nen di­cken Baum­stamm hin­auf, hält aber nach ei­nem Me­ter wie­der an um mich noch ein­mal still zu be­äu­gen. Das Spiel wie­der­holt sich ein paar Mal bis es ganz ver­schwin­det. Auf­merk­sam ge­wor­den, tref­fe ich an dem Tag noch wei­te­re die­ser flin­ken Tie­re, die un­er­war­tet auf­tau­chen und wie ro­te Geis­ter so­gleich im Nichts ver­schwin­den. Als ich ei­nen Strauß Son­nen­blu­men fo­to­gra­fie­re, der na­men­los auf ei­ner Wie­se steht, ent­deckt mei­ne Lin­se schnel­ler als ich so­gar ei­nen gro­ßen Ha­sen, der ge­mäch­lich sei­nen Weg durch die Bü­sche bahnt, nach­dem er sich aus­führ­lich der Rei­ni­gung sei­nes Fells ge­wid­met hat­te. Selbst sei­ne enor­men Löf­fel schie­nen mich ent­we­der gar nicht oder als völ­lig un­ge­fähr­lich wahr­zu­neh­men. Wenn man ein biß­chen dar­auf ach­tet, ent­deckt man zahl­rei­che Nist­käs­ten für Vö­gel und Wald­käu­ze und Fle­der­mäu­se. Laut Na­tur­schutz­bund gibt es hier 80 sol­cher Nist­hil­fen. Auch Wild­blu­men­wie­sen und Holz­hau­fen sind nicht zu­fäl­lig ent­stan­den. Ge­ra­de in Groß­städ­ten sind Fried­hö­fe auch Rück­zugs­or­te für die Tier- und Pflan­zen­welt. Zu­ge­ge­ben, mit so viel Le­ben hat­te ich hier gar nicht

ge­rech­net, aber na­tür­lich lässt sich auch auf ei­ner für die To­ten de­kla­rier­ten Um­ge­bung das Le­ben nicht aus­schlie­ßen. Glück­li­cher­wei­se, denn auch hier ge­hört es hin.

Ge­den­ken und Mah­nung

Geht es an die­sem Ort der ge­sam­mel­ten Er­in­ne­run­gen vi­el­leicht oh­ne­hin we­ni­ger um die Ver­stor­be­nen als um de­ren Hin­ter­blie­be­ne? Um die letz­te Eh­re zu er­wei­sen, oder um zu ap­pel­lie­ren: So ein Gr­ab­mal kann auch ein Mahn­mal sein – auf fast je­dem Fried­hof, den ich be­sucht ha­be, ste­hen st­ei­ner­ne Denk­mä­ler für Kriegs­op­fer und Ge­fal­le­ne, so auch hier. Das 82 Hekt­ar gro­ße Ge­län­de des Leip­zi­ger Süd­fried­hofs wur­de 1886 auf ei­nem ehe­ma­li­gen Schlacht­feld er­rich­tet. Vier Gr­ab­stät­ten er­in­nern an die Ge­fal­le­nen der Welt­krie­ge, der Luft­kriegs­op­fer und der Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Und di­rekt ne­ben­an ragt das im­po­san­te Völ­ker­schlacht­denk­mal sicht­bar über den Baum­wip­feln her­vor.

Zu­rück ins Le­ben

Denk­mä­ler, die, wie der Na­me schon sagt, sol­len zum Den­ken an­re­gen – die meis­ten Sta­tu­en hier zei­gen grü­beln­de, nach­denk­li­che oder trau­ern­de Per­so­nen, wie Spie­gel­bil­der der Be­su­cher.

Ei­ne mit Ab­sperr­band de­ko­rier­te Sta­tue hat es wohl mit dem Den­ken über­trie­ben und den Kopf ver­lo­ren. Be­vor mich ein ähn­li­ches Schick­sal er­eilt, be­en­de ich mei­nen Weg durch den Park der Ver­stor­be­nen. Auf dem Weg hin­aus ent­de­cke ich noch ei­ne als sol­che aus­ge­wie­se­ne „Mus­ter­grab­stel­le“, be­schlie­ße aber, dass mir da­für noch Zeit bleibt…

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