War­um le­be ich?

Auszeit - - DOSSIER - LOUI­SE LUNGHARD

Manch­mal hält das Le­ben an. Und in die­ser Star­re über­rollt ei­nen die Ver­gan­gen­heit und sie be­harrt dar­auf, dass es nicht wei­ter­ge­hen kann, wie es war. Aber am Ho­ri­zont ist ein neu­er An­fang nicht zu er­ken­nen. Und trotz­dem ist er da.

Die­se Fra­ge ha­be ich mir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren oft ge­stellt. Und ei­gent­lich war die­se Fra­ge als Er­satz­fra­ge für ei­ne an­de­re ge­dacht: War­um ster­be ich nicht end­lich? Denn das war es, was ich ernst­haft woll­te. Aber ich tre­te ein paar Schrit­te zu­rück und fan­ge wei­ter vor­ne an.

Hät­te mich je­mand vor un­ge­fähr zehn Jah­ren ge­fragt, was der Sinn mei­nes Le­bens ist, wä­re ich ver­mut­lich über­fragt ge­we­sen oder ich hät­te la­pi­dar ge­ant­wor­tet: mei­ne Kin­der, mein Schrei­ben, mein Stu­di­um. Was sonst? Ich leb­te ger­ne. Das reich­te völ­lig aus, muss­te we­der hin­ter­fragt, noch er­ör­tert wer­den. Mein Le­ben war für mich ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit so wie es war und aus heu­ti­ger Sicht möch­te ich be­haup­ten: Die­ses Le­ben war im­mer ein biss­chen an­ders als die Le­ben, die ich von an­de­ren kann­te. Ich hat­te Plä­ne, die ich nicht ver­folg­te und ich frag­te mich oft, war­um ich sie nicht ver­folg­te.

Le­ben auf Um­we­gen

Das Ein­zi­ge in mei­nem Le­ben, was im­mer da war und mich nie ver­ließ, war mei­ne Lie­be zur Spra­che. Mit 15 Jah­ren be­gann ich Ge­dich­te und Ge­schich­ten zu schrei­ben, um zu ver­ar­bei­ten, was in mei­nem Le­ben pas­sier­te. Spra­che war für mich die Be­wäl­ti­gung des­sen, was mich sonst über­wäl­tigt hät­te.

Mit den Jah­ren än­der­te sich mein Be­zug zur Spra­che. Ich las end­los, be­gann Vor­bil­der zu ko­pie­ren, und schei­ter­te im­mer wie­der an mei­nen feh­len­den Kom­pe­ten­zen. Mit den Jah­ren wur­de die Spra­che im­mer wich­ti­ger und al­les, was ich woll­te, war, Schrift­stel­le­rin zu wer­den. Aber es schien aus­sichts­los. Mit dem, was ich li­te­ra­risch schrieb, war ich un­zu­frie­den und hät­te mir da­mals je­mand ge­sagt, dass ich ei­nes Ta­ges ein Sti­pen­di­um für Au­to­ren be­kom­men und mei­ne Ge­schich­ten in Li­te­ra­tur­zeit­schrif­ten ver­öf­fent­li­chen wür­de, hät­te ich es nicht glau­ben kön­nen. Ich war in mich ge­kehrt, vol­ler Selbst­zwei­fel und in mir spür­te ich viel Wut, die ich mir nicht er­klä­ren konn­te. Erst im Ver­lauf der Zeit wur­de mir klar, dass viel da­von mit mei­ner Kind­heit zu tun hat­te, vor al­lem mit ei­nem sehr in­sta­bi­len El­tern­haus. Dass ich sehr viel spä­ter Psy­cho­lo­gie stu­dier­te, war fast zwangs­läu­fig. Ich woll­te eher mich ver­ste­hen, als tat­säch­lich Psy­cho­lo­gin zu wer­den. Doch das Stu­di­um reich­te nicht aus, die­sen Wunsch zu er­fül­len. Al­les war ver­kopft und ich hat­te eher das Ge­fühl, mich von mir zu ent­fer­nen als mir nä­her­zu­kom­men. Ich be­gann ei­ne Aus­bil­dung im Thea­ter­be­reich und sie mach­te mich frei­er, zu­min­dest nach au­ßen, wäh­rend es im In­ne­ren wei­ter schwel­te. Heu­te bin ich Schrift­stel­le­rin und auch als Hob­by­mo­del un­ter­wegs. Mir wird häu­fig ge­sagt, mei­ne Mi­mik wä­re sehr aus­ge­prägt. Die Kurz­ver­si­on für die Ent­ste­hung die­ser Mi­mik ist Fol­gen­de: Schul­ab­brü­che, Schlag­an­fall mit 24, zahl­rei­che Krampf­an­fäl­le, drei Kin­der, Psy­cho­lo­gie­stu­di­um mit Ab­bruch, Schei­dung, Thea­ter­aus­bil­dung, schwe­re Er­kran­kung. Die lan­ge Ver­si­on ist et­was vol­ler und be­steht aus so un­ge­fähr 18 000 Ta­gen, 432 000 St­un­den und an die Mi­nu­ten und Se­kun­den möch­te ich nicht den­ken.

Manch­mal war das Le­ben wun­der­voll und leicht und nicht ganz so sel­ten war es auch das Ge­gen­teil.

Ich ha­be ge­lebt und das La­chen ist in mein Ge­sicht gra­viert wie auch das Wei­nen, die Wut, die Ver­zweif­lung. All die­se Emo­tio­nen ha­ben sich in mir ab­ge­spielt und sie sind auf mei­nem Ge­sicht zu se­hen. Vor ei­ni­gen Ta­gen ha­ben mein Le­bens­ge­fähr­te und ich ein kur­zes Vi­deo ge­dreht, in dem ich ei­ne häu­fig ver­öf­fent­lich­te Kurz­ge­schich­te von mir thea­tral vor­tra­ge.

Beim An­se­hen des Vi­de­os ka­men mir die Trä­nen, weil mich die Prä­senz mei­ner ei­ge­nen Mi­mik er­schreck­te. Und gleich­zei­tig re­gis­trier­te ich die­se un­fass­ba­re Le­ben­dig­keit und ich muss­te lä­cheln, weil ich be­griff, dass ich in den letz­ten sie­ben Jah­ren mei­nes Le­bens zu mir ge­fun­den ha­be, be­grif­fen ha­be, wer ich bin. Und das ist so ei­ne Art Wun­der, nach al­lem, was hin­ter mir liegt.

Vor sie­ben Jah­ren er­hielt ich die Dia­gno­se MS und in all die­ser Zeit, die folg­te, ha­be ich die schlimms­ten Schmer­zen ken­nen­ge­lernt, die ich mir vor­stel­len kann. Mein Den­ken hat sich teil­wei­se auf­ge­löst, ich ha­be mich ver­lo­ren, hat­te stän­di­ge Sui­zid­ge­dan­ken. Vor drei Jah­ren ha­be ich ei­ne ex­tre­me Er­näh­rungs­um­stel­lung be­gon­nen und nach und nach, über vie­le Mo­na­te, ver­bes­ser­te sich mein Zu­stand.

Ich merk­te mit der Zeit al­ler­dings, dass ich nicht mehr die Glei­che war. Auf ei­ne Art war ich des­il­lu­sio­niert, an die Klip­pe des To­des her­an­ge­führt wor­den. Im Lauf die­ser Er­kran­kung ha­be ich Din­ge er­lebt und er­tra­gen, die ich kaum schil­dern kann und auch nach­dem es mir lang­sam bes­ser ging, brauch­te ich wei­te­re Mo­na­te, um zu be­grei­fen, dass ich noch leb­te.

Le­ben oh­ne Ängs­te

Heu­te be­trach­te ich mein Le­ben an­ders. Ich bin angst­frei ge­wor­den. Der Tod schreckt mich nicht mehr. Ich fürch­te ihn nicht, se­he ihn ganz im Ge­gen­teil eher als ei­nen Freund, der ir­gend­wann mein Le­ben be­en­det. Nach Mög­lich­keit noch nicht so bald, denn ich ha­be an­ge­fan­gen, mir Fra­gen zu stel­len nach dem Sinn mei­nes Le­bens und auch nach dem mög­li­chen Un­sinn, der im­mer noch mal wirkt, wenn ich mei­ne Zeit sinn­frei ver­schleu­de­re und Mi­nu­ten und St­un­den un­ge­nutzt im Raum ver­tei­le.

Die Nä­he zum Tod hat mir das Le­ben wie­der nä­her­ge­bracht. Im Ge­dan­ken an den Ab­schied ha­be ich mich nach und nach dem Le­ben wie­der zu­ge­wandt. Die letz­ten

Jah­re sind teil­wei­se ein­fach an mir vor­bei­ge­flos­sen. Ich war ge­fan­gen im Schmerz, ge­fan­gen im Ker­ker mei­nes Kör­pers, ge­fan­gen in mei­nen Ge­dan­ken. Und ich kam da nicht mehr raus.

Ir­gend­wann ha­be ich be­schlos­sen, mich nicht mehr wei­ter in die­se Krank­heit fal­len zu las­sen. Ich ha­be be­schlos­sen, mich ge­sund zu den­ken und die Krank­heit los­zu­las­sen. Das war aus­ge­spro­chen schwer, weil die­se Spas­tik im­mer da war, weil die Schmer­zen tob­ten, ich kaum lau­fen konn­te. Und ich be­schloss Wei­te­res. Drei Jah­re hat­te ich, nach­dem ich ei­nen schwe­ren Schub hat­te und ar­beits­los wur­de, auf mei­nem So­fa ge­ses­sen, hier und da ein biss­chen ge­schrie­ben, den Haus­halt ge­macht, so­weit es ging, aber trotz­dem Zeit ver­lo­ren oh­ne En­de.

Ich be­gann mir ei­nen Ta­ges­plan zu ma­chen, mich wie­der neu zu struk­tu­rie­ren. Ich nahm wie­der Kon­takt zu Fo­to­gra­fen auf, ging mit mei­nem Mann auf Shoo­ting-Tou­ren. Und ich schrieb Kurz­ge­schich­ten, ent­wi­ckel­te neue Bu­chi­de­en. Und je mehr ich mach­te, des­to mehr spür­te ich, wie das Le­ben zu mir zu­rück­kehr­te. Und ich er­kann­te den Sinn mei­nes Le­bens für mich.

Ich möch­te et­was von mir zu­rück­las­sen: mei­ne Wor­te. Es macht mich glück­lich, zu se­hen, wenn Men­schen mei­ne li­te­ra­ri­schen Tex­te ge­fal­len. Da­für ha­be ich 35 Jah­re in mei­nem Le­ben ge­ar­bei­tet, ne­ben der Ar­beit, ne­ben Kin­der­er­zie­hung, Stu­di­um, Krank­heit, Ehe­pro­ble­men. Ge­schrie­ben ha­be ich ein­fach im­mer und es mit der Zeit ge­lernt. Spra­che ge­hört zu mir. Und al­les, was ich er­lebt ha­be, all die Emp­fin­dun­gen in mir, kann ich – zu­min­dest teil­wei­se – li­te­ra­risch ver­ar­bei­ten. Oh­ne die­ses Le­ben hät­te ich an man­cher

Heu­te hin­ter­las­se ich ers­te Spu­ren im Her­zen von Men­schen, die mei­ne Tex­te le­sen. Ich be­rüh­re sie. Und das macht mich glück­lich.

Stel­le den tiefs­ten Tief­punkt mit all sei­nen Tie­fen und den höchs­ten Hö­he­punkt mit all sei­nen Hö­hen nie­mals er­reicht.

Spu­ren hin­ter­las­sen

Für die­se Spra­che, die ich ha­be, für die­se Mi­mik, die ich zei­ge, hät­te ein „nor­ma­les“Le­ben nicht aus­ge­reicht, um das zu ent­wi­ckeln. Heu­te hin­ter­las­se ich ers­te Spu­ren im Her­zen von Men­schen, die mei­ne Tex­te le­sen. Ich be­rüh­re sie. Und das macht mich glück­lich.

Und es macht mich eben­falls glück­lich zu se­hen, wie mei­ne Kin­der le­ben, dass sie man­ches von den gu­ten Din­gen von mir an­ge­nom­men ha­ben. Drei Kin­der, zwei über zwan­zig, ei­ner un­ter zwan­zig, die eng mit­ein­an­der ver­wach­sen sind und mit mir au­ßer­dem. Es ist be­rei­chernd zu se­hen, wie sie in das Le­ben hin­aus zie­hen und manch­mal in ihr al­tes Zu­hau­se zu­rück­keh­ren. Auch hier er­ken­ne ich mei­ne Spu­ren, die ich hin­ter­las­sen ha­be. Es ist Wär­me und Lie­be, Ver­trau­en und Re­spekt, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Krea­ti­vi­tät. Es brauch­te die­se gan­zen Jah­re vol­ler Lie­be, Lust, Leid, um in mir das ent­fal­ten zu kön­nen, was ich heu­te in mir ha­be an Ide­en, Ge­dan­ken, Ge­füh­len. Nur so konn­te ich die Frei­heit in mir ent­fal­ten, die ich heu­te auf vie­len Ebe­nen ha­be. Ich bin sehr of­fen im Um­gang mit Men­schen, ste­he ger­ne mal im Mit­tel­punkt, kann un­ter­hal­ten, aber auch zu­hö­ren. Ich bin nicht mehr das scheue Mäd­chen, das ich war und auch die Wut ist längst ver­blasst. Frü­her bin ich durch mein Le­ben ge­rast und hat­te Angst vor dem Tod. Heu­te le­be ich be­wusst und den Tod fürch­te ich nicht. Ich glau­be dar­an, dass noch ein lan­ges Le­ben vor mir liegt und ich bin be­reit, mich den Auf­ga­ben zu stel­len, die ich mir auf­er­le­ge, in Lie­be auf­er­le­ge, oh­ne Zwang, oh­ne die Peit­schen­schlä­ge, mit de­nen ich mich in an­de­ren Zei­ten auf Spur hal­ten woll­te. <

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