Die Angst ver­lie­ren Über die Ar­beit in ei­nem Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­Ho­s­piz

Die Ar­beit in ei­nem Ho­s­piz ist ei­ner der in­ten­sivs­ten Kon­fron­ta­tio­nen mit dem Ster­ben und dem Tod. Über ih­re Er­fah­run­gen spra­chen wir mit Vi­via­ne Cl­auss, Pfl ege­be­reichs­lei­te­rin im Heil­haus Kas­sel.

Auszeit - - DOSSIER -

Ster­ben im Ho­s­piz – was steckt hin­ter der Grund­idee der Ho­s­pi­ze und wel­che Rol­le spie­len sie in un­se­rer heu­ti­gen „Ster­be­kul­tur“?

Die Ho­s­piz­be­we­gung ist als

Ant­wort auf die Aus­gren­zung Ster­ben­der und da­mit des To­des zu ver­ste­hen, die mit dem me­di­zi­ni­schen Fort­schritt und den wirt­schaft­li­chen Um­wäl­zun­gen des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts ein­her­gin­gen. Ster­ben fand häu­fig im Kran­ken­haus statt, in der Hilf­lo­sig­keit der im Kran­ken­haus Tä­ti­gen, die sich im Kampf ge­gen den Tod als Ver­lie­rer er­leb­ten. Die Ho­s­piz­be­we­gung woll­te er­mög­li­chen, dass Ster­ben wie­der zu Hau­se oder an Or­ten statt­fin­det, die sich spe­zi­ell der Auf­ga­be der Be­glei­tung Ster­ben­der wid­men soll­ten. Die Zeit des Ster­bens ist ei­ne be­deu­tungs­vol­le Le­bens­pha­se und soll in­di­vi­du­ell ge­stal­tet wer­den kön­nen. 1986 ent­stand in Deutsch­land das ers­te sta­tio­nä­re Ho­s­piz, 1998 das ers­te Kin­der­hos­piz. Die Idee der Kin­der­hos­pi­ze un­ter­schei­det sich in­so­fern, dass le­bens­ver­kür­zend er­krank­te Kin­der, die in ih­ren Fa­mi­li­en le­ben, ab Dia­gno­se­stel­lung im­mer wie­der für ei­ne Zeit in ein Ho­s­piz auf­ge­nom­men wer­den kön­nen. Flie­ßen­de Über­gän­ge von zu Hau­se ins Ho­s­piz und zu­rück nach Hau­se sol­len die Fa­mi­li­en un­ter­stüt­zen.

Auch im Heil­haus be­gann in der Mit­te der 90iger Jah­re die hos­piz­li­che Ar­beit im Sin­ne eh­ren­amt­li­cher Be­glei­tung ster­ben­der Men­schen. Die Ho­s­piz­be­we­gung hat sehr da­zu bei­ge­tra­gen, dass sich in den letz­ten 30 Jah­ren vie­le Men­schen ge­schult und aus­ge­bil­det ha­ben, da­nach eh­ren­amt­lich und be­ruf­lich in der Be­glei­tung und Pfle­ge Ster­ben­der tä­tig wur­den und ein­ge­tre­ten sind für ein Le­ben und Ster­ben in Wür­de und Mitmen­sch­lich­keit. Das wirkt in die Ge­sell­schaft, in die Struk­tu­ren des Ge­sund­heits­we­sens hin­ein als ei­ne Kraft, die un­se­re der­zei­ti­ge Ster­be­kul­tur be­ein­flusst und zeich­net. In Deutsch­land ist die Ster­be­be­glei­tung ein ge­sell­schaft­li­cher Auf­trag, der ge­setz­lich ver­an­kert ist. Die am­bu­lan­te Ho­s­piz­ar­beit ge­schieht aus­schließ­lich eh­ren­amt­lich und ist da­mit auf vie­le Ho­s­piz­hel­fer und auf Spen­den an­ge­wie­sen. Der Ta­ges­satz

für sta­tio­nä­re Ho­s­pi­ze wird zu 95 % von den Kran­ken­kas­sen über­nom­men, die rest­li­chen 5 % müs­sen Ho­s­pi­ze über Spen­den ak­qui­rie­ren.

Wel­che Men­schen, Be­trof­fe­ne und An­ge­hö­ri­ge, su­chen das An­ge­bot ei­nes Ho­s­pi­zes?

Vie­le schwer­kran­ke Men­schen wen­den sich an die Be­ra­tungs­stel­le für Ge­sun­dung und Hei­lung im Heil­haus, weil sie Be­ra­tung, Be­glei­tung und Be­hand­lung su­chen. Die­se Men­schen er­fah­ren, wie wich­tig uns ei­ne um­fas­sen­de Ster­be­be­glei­tung ist und was die hos­piz­li­chen An­ge­bo­te bei uns und in der Um­ge­bung sind. Bei Fa­mi­li­en mit schwer­kran­ken Kin­dern gibt es ei­nen gro­ßen In­for­ma­ti­ons- und Be­ra­tungs­be­darf. Vie­le wis­sen nicht, dass sie mit ih­rem Kind im­mer ins Ho­s­piz kom­men kön­nen, wenn die häus­lich-fa­mi­liä­re Si­tua­ti­on es not­wen­dig macht.

Ein Bei­spiel: Ge­ra­de ges­tern hat­te ich ein Ge­spräch mit ei­ner al­lein­er­zie­hen­den Mut­ter von drei Kin­dern. Ei­nes die­ser drei Kin­der ist seit der Ge­burt le­bens­ver­kür­zend er­krankt und lebt seit drei­zehn Jah­ren in der Fa­mi­lie. Die Mut­ter hat ih­ren Sohn noch nie weg­ge­ge­ben. Die Ge­schwis­ter ste­cken viel ein, weil sich der Rhyth­mus der Fa­mi­lie um das schwer­kran­ke Kind dreht, der auch im­mer wie­der die vol­le Auf­merk­sam­keit der Mut­ter braucht. Als ers­ten Schritt der Ve­rän­de­rung ha­ben wir für ein ver­län­ger­tes Wo­che­n­en­de ge­mein­sam Frei­raum ge­plant: die ge­sun­den Kin­der ge­hen zum Pa­pa, der schwer­kran­ke Jun­ge kommt ins Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­ho­s­piz. Ma­ma hat frei.

Im­mer wie­der mal fra­gen Be­trof­fe­ne für sich selbst früh­zei­tig an. Sie wis­sen um ih­re schwe­re Krank­heit, ha­ben Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen und su­chen sich ganz be­wusst den Ort aus, wo sie ster­ben wol­len. Vie­le An­ge­hö­ri­ge schwer­kran­ker Men­schen fra­gen bei uns dann an, wenn sie mer­ken, es geht nicht mehr lan­ge zu Hau­se. Sie fin­den kei­ne Ru­he mehr, die Pfle­ge ist zu um­fas­send ge­wor­den, das Zu­hau­se über­frem­det durch Pfle­ge­per­so­nal und ins­ge­samt füh­len sie sich der häus­li­chen Si­tua­ti­on kaum noch ge­wach­sen.

Nach­fra­ge an ei­nen Ho­s­piz­platz kommt auch von Men­schen, die das Heil­haus be­reits ken­nen und sich für ih­ren An­ge­hö­ri­gen wün­schen, dass er im Heil­haus sei­ne letz­te Le­bens­zeit ver­brin­gen und lie­be­voll be­glei­tet ster­ben darf. Am häu­figs­ten fra­gen So­zi­al­ar­bei­terIn­nen der um­lie­gen­den Kran­ken­häu­ser und Pal­lia­tiv­sta­tio­nen bei uns an.

Es gibt mehr Nach­fra­ge als An­ge­bo­te, manch­mal mehr, manch­mal we­ni­ger.

War­um ein Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­ho­s­piz? Ist nicht ge­ra­de das Ster­ben jun­ger Men­schen bei uns eher ein emo­tio­nal hoch auf­ge­la­de­nes und weit­ge­hend ge­mie­de­nes The­ma?

Das Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­ho­s­piz ist als Teil des Le­bens­mo­dells Heil­haus ent­stan­den. Zu­grun­de liegt die Vi­si­on ei­nes hei­len­den Hau­ses, in dem al­les Tren­nen­de auf­ge­ho­ben ist und der Kreis­lauf des Le­bens: Ge­burt – Le­ben – Ster­ben von ei­ner Ge­mein­schaft im all­täg­li­chen Sein und Tun, in al­len Pha­sen des Le­bens für und mit Men­schen je­den Al­ters ge­lebt wird. In ei­nem sol­chen vom ers­ten An­fang an ge­ne­ra­ti­ons­über­grei­fen­den Kon­text ist es selbst­ver­ständ­lich und kon­se­quent, dass auch das Le­ben in To­des­nä­he und das Ster­ben oh­ne Tren­nung der Ge­ne­ra­tio­nen ge­schieht. Wir ha­ben „ein Zu­hau­se auf Zeit“für al­le ge­schaf­fen. Na­tio­na­li­tät, Glau­bens­und Kul­tur­un­ter­schie­de, so­wie un­ter­schied­li­che in­di­vi­du­el­le Be­dürf­nis­se wer­den ernst- und an­ge­nom­men. All dies ge­schieht in­mit­ten ei­ner sor­gen­den Ge­mein­schaft, in ei­nem le­ben­di­gen Mit­ein­an­der al­ler Ge­ne­ra­tio­nen. Von den 130 in der Sied­lung am Heil­haus le­ben­den Men­schen un­ter­stüt­zen vie­le in eh­ren­amt­li­cher Ar­beit und Pa­ten­schaft das Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­ho­s­piz. Das Kon­zept Mehr­ge­ne­ra­ti­ons­hos­piz

Wir wer­den an­ge­regt, die Din­ge zu su­chen, die un­se­rem Le­ben noch feh­len, da­mit es voll­stän­dig wird.

er­wei­tert die Ho­s­piz­be­we­gung, weil es wie­der zu­sam­men­führt, Tren­nun­gen auf­gibt und doch das Un­ter­schied­li­che le­ben lässt. Die Er­fah­run­gen nach ein­ein­halb Jah­ren Pra­xis zeu­gen von vie­len, sehr be­rüh­ren­den Be­geg­nun­gen zwi­schen den ver­schie­de­nen Ge­ne­ra­tio­nen. Wir ha­ben nicht sel­ten er­lebt, dass wir für Kin­der und Ju­gend­li­che, die kein Fa­mi­li­en­le­ben ha­ben, ein fa­mi­len­ähn­li­cher Ort sein kön­nen, wo es Wahlo­mas und Wahl­o­pas gibt, Pa­ten, „Lie­be auf den ers­ten Blick“und vie­le Freun­de.

Das An­ge­bot wird üb­ri­gens sehr gut an­ge­nom­men. Es freut uns auch, dass be­reits zwei Kli­ni­ken auf uns zu­ge­kom­men sind, die sich für das Kon­zept in­ter­es­sie­ren und dar­über nach­den­ken, wie sie es noch wei­ter aus­bau­en kön­nen.

Wenn man über lan­ge Zeit Ho­s­pi­ze be­treibt - wie än­dert sich das ei­ge­ne Bild vom Ster­ben und vom Tod?

Die vie­len Men­schen, die im Heil­haus ge­stor­ben sind, ha­ben mich ge­lehrt, mei­ne End­lich­keit in mein Be­wusst­sein zu neh­men. Wir wer­den an­ge­regt, die Din­ge zu su­chen, die un­se­rem Le­ben noch feh­len, da­mit es voll­stän­dig wird. Wir er­le­ben mit, dass Men­schen so ster­ben, wie sie ge­lebt ha­ben, dass ih­re un­ge­lös­ten The­men auf­er­ste­hen im Ster­be­pro­zess: die Ängs­te los­las­sen, nicht mehr kon­trol­lie­ren kön­nen, sich öff­nen da­für sich sel­ber und an­de­ren zu ver­zei­hen, das Le­ben an­neh­men, wie es war und in Frie­den kom­men da­mit…. um ei­ni­ge zu nen­nen. Wir er­le­ben, wie sich die ster­ben­den Men­schen an­ver­trau­en, dass es zu in­ni­gem Aus­tausch kommt und ver­lie­ren über all die­se Er­fah­run­gen im­mer wie­der ein Stück un­se­rer Angst vor dem Ster­ben.

Im Ster­ben geht es dar­um, die Be­gren­zun­gen des Kör­pers und der Psy­che los­zu­las­sen und sich hin­zu­ge­ben an das was kommt, oh­ne zu wis­sen was und wie es ge­schieht. Als Be­glei­ten­de dür­fen wir mit­er­le­ben, wie un­ter­schied­lich Men­schen die Stu­fun­gen die­ses We­ges durch­le­ben, mit ih­ren Ei­gen­ar­ten, ih­ren Ängs­ten, ih­ren Wi­der­stän­den.

Die Er­fah­rung des Ge­hens aus die­ser Welt – wo­hin? Und die Er­fah­rung des Kom­mens in die­se Welt – wo­her? – ge­hö­ren für mich zu­sam­men. Mei­ne Er­fah­run­gen der letz­ten 15 Jah­ren ha­ben mich ver­än­dert. Sie ha­ben mich auf­ge­rich­tet und in dem Kreis­lauf von Ge­bur­tLe­ben-Ster­ben ver­wur­zelt.<

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