Der Tod als Gast­ge­ber und Mut­ma­cher

Der Tod ist oft­mals im­mer noch ein Ta­bu­the­ma, et­was, das man am liebs­ten aus dem Le­ben strei­chen wür­de. Je­doch, wä­re das Le­ben ein Le­ben, wenn es den Tod nicht gä­be? Macht der Tod das Le­ben nicht erst mög­lich?

Auszeit - - DOSSIER - SA­BI­NE BROMKAMP

Vie­le Men­schen fürch­ten den Tod. Nicht nur den ei­ge­nen, son­dern auch (oder vor al­lem) den Tod ge­lieb­ter Men­schen. Der Tod ist mit Angst be­setzt. Und vor lau­ter Angst ver­ges­sen wir so man­ches Mal das Le­ben. Die Angst vor dem Tod ist all­ge­gen­wär­tig. Wenn wir äl­ter wer­den, ver­fol­gen wir durch die Me­di­en, dass im­mer mehr be­kann­te Men­schen ster­ben. „Ach, hast du schon ge­se­hen? Der ist jetzt auch tot.“„Ja, Wahn­sinn, wie vie­le Leu­te die­ses Jahr schon ge­stor­ben sind.“„Stimmt. Von mei­ner Be­kann­ten der Bru­der hat­te auch ei­nen Schlag­an­fall. Und bei Face­book ha­be ich ge­se­hen, dass der Un­fall hier in der Nä­he zwei To­des­op­fer zur Fol­ge hat­te.“

Wann im­mer wir mit dem Tod kon­fron­tiert sind, füh­len wir ei­ne Hilf­lo­sig­keit und hal­ten für ei­nen Mo­ment in­ne. Je­des Mal den­ken wir, wie schnell es doch ge­hen kann und das man das Le­ben doch ei­gent­lich ge­nie­ßen soll­te. „Man weiß ja schließ­lich nie, wie lan­ge man noch hat.“„Ja, das stimmt wohl. Wir soll­ten uns mehr um die Men­schen küm­mern, die wir lie­ben.“„Oh ja, da ge­be ich dir recht. Und wir soll­ten ein­fach mehr Spaß ha­ben.“„Ab­so­lut. Das fin­de ich auch. Das soll­ten wir auf je­den Fall tun.“Und zehn Mi­nu­ten spä­ter las­sen wir uns dann doch wie­der da­zu ver­lei­ten, ins Ge­dan­ken­ka­rus­sell ein­zu­stei­gen, das uns ein­fach kei­nen Schritt wei­ter bringt. Und erst recht kei­ne Freu­de. Wir ver­sin­ken im All­tag. Und in un­se­ren Ängs­ten. Träu­me ha­ben wir vie­le. Es gibt so vie­le Din­ge, die wir ger­ne er­le­ben wür­den, die wir uns ger­ne trau­en wür­den, die wir ger­ne um­set­zen wür­den und die wir ger­ne er­rei­chen wür­den. Wir se­hen vor un­se­rem in­ne­ren Au­ge, wie wir

Der Tod ist mit Angst be­setzt. Und vor lau­ter Angst ver­ges­sen wir so man­ches Mal das Le­ben.

sein könn­ten, wenn wir kei­ne Angst hät­ten. Wir könn­ten selbst­be­wuss­ter sein, strah­len­der und leuch­ten­der. Wir könn­ten mu­ti­ger sein und uns Din­ge trau­en, die wir ei­gent­lich ger­ne tun wür­den. Wir kön­nen die Hel­den in un­se­rem ei­ge­nen Le­ben sein. Wir könn­ten un­se­re Zie­le er­rei­chen, un­se­ren Traum le­ben und ge­nau die Ei­gen­schaf­ten ha­ben, die wir uns für uns sel­ber wün­schen. Wir se­hen vor un­se­rem in­ne­ren Au­ge, wie un­ser Le­ben aus­se­hen könn­te, wenn wir un­ser vol­les Po­ten­zi­al le­ben wür­den und wenn wir den Ga­ben und Ta­len­ten, die wir mit in die­ses Le­ben ge­nom­men ha­ben, Aus­druck ver­lei­hen wür­den. Wir spü­ren, wie sich un­ser Le­ben ent­wi­ckeln könn­te, wenn wir den Fuß von der Brem­se neh­men wür­den und be­reit wä­ren, un­se­re vol­le PS auf die Stra­ße zu brin­gen . ...

Ge­nau, wir könn­ten. Ge­nau, wie wir das Le­ben mehr ge­nie­ßen soll­ten; und es dann doch nicht tun, weil un­se­re Angst uns je­des Mal zu­rück hält. Un­se­re Angst vor Kri­tik,

Angst vor dem Ver­sa­gen, Angst vor Ein­sam­keit, Angst vor Feh­lern, Angst vor Nie­der­la­gen, Angst vor Ge­sichts­ver­lust, etc. Du kennst die­se Ängs­te si­cher­lich. Ich ken­ne sie auch. Und es ist oft­mals nicht leicht, die­se Ängs­te zu über­win­den und ein­fach vor­an zu ge­hen.

Doch was wä­re es, das wir am En­de un­se­res Le­bens wirk­lich be­reu­en wür­den? Hast Du Dir da­zu schon mal Ge­dan­ken ge­macht? Was wür­dest Du am En­de Dei­nes Le­bens wirk­lich be­reu­en?

Wenn ich in die Stil­le ge­he und mir die­se Fra­ge stel­le, drängt sich mir die­ser ei­ne Ge­dan­ken auf: Wenn ich am En­de mei­nes Le­bens fest­stel­len müss­te, dass ich zu oft mei­nen Ängs­ten ge­folgt bin und das hal­be Le­ben so­zu­sa­gen ver­passt ha­be, weil ich nie mu­tig war und im­mer mit dem Fuß auf der Brem­se stand, dann wä­re ich ver­dammt trau­rig. Ist in uns al­len nicht ir­gend­wie der tie­fe Wunsch ver­wur­zelt, uns zu ent­fal­ten und un­ser Po­ten­zi­al zu nut­zen? Wol­len wir nicht al­le ein bun­tes und voll­kom­me­nes Le­ben? Und wenn dem so wä­re, wür­den wir dann am En­de nicht mit ei­nem Lä­cheln ein­schla­fen kön­nen?

Der Tod als Mut­ma­cher

Mir dient der Tod tat­säch­lich manch­mal als Mut­ma­cher. Näm­lich dann, wenn ich kurz da­vor bin, mei­ner Angst zu fol­gen, weil ich mich ja z. B. für im­mer und ewig bla­mie­ren könn­te oder weil ich für im­mer und ewig mein Ge­sicht ver­lie­ren könn­te oder weil ich mich für im­mer und ewig an­schlie­ßend ver­ste­cken muss, weil mich nie­mand mehr mag; für im­mer und ewig wohl­ge­merkt. Und ge­nau das ist na­tür­lich Blöd­sinn. Denn nichts ist für im­mer und ewig. Die Lie­be vi­el­leicht, ok. Aber all un­se­re „Schand­ta­ten“, Nie­der­la­gen, Bla­ma­gen, Ge­sichts­ver­lus­te und Feh­ler sind ir­gend­wann Ge­schich­te. Und ir­gend­wann wird es auch nie­man­den ge­ben, der sich dar­an er­in­nert, denn ir­gend­wann ster­ben wir. Und auch die an­de­ren. Und so­mit stirbt auch die Ge­schich­te un­se­res Le­bens. Für mich per­sön­lich ist das ein Ge­dan­ke, der mir hilft, mei­ne Ängs­te zu über­win­den, den Fuß von der Brem­se zu neh­men und mich zu trau­en, mein Po­ten­zi­al zu

War­um soll­ten wir un­ser Le­ben da­mit ver­brin­gen, den Tod zu fürch­ten? Dan­ken wir lie­ber dem Tod, dass er uns das Le­ben schenkt.

le­ben. Ge­ra­de die Ar­beit mit an­de­ren Men­schen ist oft­mals mit Angst be­setzt. „Was ist, wenn ich nicht hel­fen kann? Was ist, wenn je­mand schlecht über mich re­det und mei­ne Ar­beit schlecht macht? Was ist, wenn mei­ne Ga­ben und Ta­len­te gar nicht exis­tie­ren und ich mir nur ein­bil­de, dass ich was zu ge­ben ha­be? Was ist, wenn je­mand nach der Sit­zung sagt, dass mei­ne „Me­tho­de“nicht ge­hol­fen hat?“All das sind Ängs­te, die mich blo­ckie­ren und letzt­end­lich da­zu füh­ren könn­ten, dass ich wei­ter „klein-klein“spie­le, mein Licht un­ter den Schef­fel stel­le und mich zu­rück­zie­he, weil ich mei­nen Ängs­ten fol­ge. Aber hey. Da gibt es noch ei­ne an­de­re Angst. Die Angst, mein Le­ben nicht zu nut­zen. Die Angst, mein Le­ben un­ge­lebt an mir vor­über zie­hen zu las­sen und es zu ver­pas­sen. Wenn ich mir zeit­gleich vor Au­gen füh­re, dass das gan­ze Le­ben auf Mut­ter Er­de ein wun­der­vol­les Spiel ist, in dem ich mich mal so rich­tig aus­to­ben kann, und dass in Wirk­lich­keit rein gar nichts pas­sie­ren kann, weil al­les ir­gend­wann mal ein En­de hat – dann schaf­fe ich es, trotz al­ler Ängs­te ein­fach zu l-e-b-e-n!

Das Le­ben als Spiel­flä­che

War­um soll­ten wir un­ser Le­ben da­mit ver­brin­gen, den Tod zu fürch­ten? Dan­ken wir lie­ber dem Tod, dass er uns das Le­ben schenkt. Denn oh­ne den Tod wür­de es das Le­ben nicht ge­ben. Oh­ne Tod, wä­re das Le­ben gar nicht sicht­bar und erst recht nicht so wert­voll.

Wenn wir uns al­so dar­auf ei­ni­gen, dass das Le­ben wert­voll ist und uns als Ge­schenk dient, wie­so soll­ten wir es dann un­aus­ge­packt wie­der zu­rück ge­ben, wenn wir dem Tod be­geg­nen? War­um das Le­ben nicht l-e-b-e-n? Da­für ist es doch ge­dacht. Und na­tür­lich liegt hier auch der Sinn, das Le­ben in sei­ner Voll­kom­men­heit zu er­ken­nen und zu er­fah­ren; eben mit all sei­nen Fa­cet­ten. Da­zu ge­hört die Berg- und Tal­fahrt. Und da­zu ge­hö­ren die Her­aus­for­de­run­gen des Le­bens, die Lie­be, die Ent­täu­schung, die Wut, die Trau­er, die Lei­den­schaft, die Freu­de, die Ängs­te, die Nie­der­la­gen, die Er­folgs­er­leb­nis­se. Eben ein­fach al­les.

Das Le­ben for­dert uns auf, Er­fah­run­gen zu ma­chen. Und es wünscht sich, dass wir al­les aus­kos­ten – al­le Hö­hen und al­le Tie­fen. Wir dür­fen al­les lie­ben. Al­les füh­len. Al­les l-e-b-e-n. Wir dür­fen uns mal über­schät­zen, uns un­be­liebt ma­chen oder auch mal ein­fach der Mensch sein, der Feh­ler hat. Und wir dür­fen das Le­ben fei­ern, es ze­le­brie­ren und wert­schät­zen.

Wenn wir all das tun, wenn wir wirk­lich l-e-b-e-n und uns im­mer mehr trau­en, in un­se­re Kraft zu kom­men, un­ser Po­ten­zi­al zu le­ben, ob­wohl wir gleich­zei­tig auch Angst da­vor ha­ben, dann dür­fen wir uns auf den Tag freu­en, an dem es so­weit ist und wir den Stab des Le­bens an ei­ne an­de­re See­le über­ge­ben, die das wun­der­ba­re Aben­teu­er LE­BEN er­fah­ren möch­te. <

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