Der Hut mei­nes Opas Oder: Et­was bleibt im­mer

Wenn ein ge­lieb­ter Mensch stirbt, dann wol­len wir den Ver­lust oft nicht wahr­ha­ben und glau­ben, den Schmerz nicht aus­hal­ten zu kön­nen. Ab­schied neh­men heißt aber Ja zu sa­gen – Ja zum Los­las­sen und Ja zu dem, was trotz­dem bleibt.

Auszeit - - DOSSIER - TANIA KONNERTH

Beim Aus­räu­men der Woh­nung mei­ner Groß­el­tern fand ich neu­lich den Hut mei­nes Opas. Über fünf Jah­re ist mein Opa nun schon tot. Ich ha­be ihn sehr ge­liebt und für vie­le Jah­re war er der wich­tigs­te Mensch in mei­nem Le­ben. Mein Opa er­reich­te ein ho­hes Al­ter und glitt auf ei­ne fried­vol­le Art aus sei­nem Le­ben. Nun hielt ich sei­nen Hut in mei­nen Hän­den, strich zärt­lich über den schwar­zen Filz und war ihm wie­der so nah. Ich setz­te mir den Hut auf den Kopf und er pass­te ge­nau. Nun ge­hört er mir. Nicht all un­se­re Ver­lus­te ver­lau­fen auf ei­ne so ver­söhn­li­che Wei­se. Manch ei­ner wird uns un­er­war­tet oder gar ge­walt­sam ent­ris­sen, an­de­re ster­ben nach lan­ger, leid­vol­ler Krank­heit. Wie­der an­de­re ge­hen ganz lei­se, so dass man es kaum merkt, und ei­ni­ge ent­schei­den sich aus ei­ge­nem Wil­len da­zu, nicht mehr le­ben zu wol­len. Die Ar­ten zu ster­ben sind vielf äl­tig und ich glau­be, dass wie ein Mensch geht, sehr viel da­mit zu tun hat, wie er ge­lebt hat. Und wie wir le­ben be­ein­flusst wie­der­um wie wir mit Ab­schied, Schmerz und Trau­er um­ge­hen.

Den Ver­lust an­neh­men

Wenn wir ei­nen ge­lieb­ten Men­schen oder ein ge­lieb­tes Tier ver­lie­ren, ste­hen wir zu­nächst un­ter Schock. Selbst wenn es schon weh tut und wir wei­nen kön­nen, so wir­ken in der ers­ten Pha­se noch di­ver­se Schutz­me­cha­nis­men der Psy­che, die uns nur zum Teil ver­ste­hen las­sen, was der Ver­lust wirk­lich be­deu­tet. Man kann es vi­el­leicht zwar mit Wor­ten for­mu­lie­ren und weiß auch vom Ver­stand her, dass das We­sen nicht mehr da ist, wirk­lich be­grei­fen tun wir es aber meist erst viel, viel spä­ter. Erst wenn wir wirk­lich ak­zep­tie­ren, dass der ge­lieb­te Mensch oder das ge­lieb­te Tier nie wie­der zu­rück­kom­men wird und wir ge­nau da­mit le­ben müs­sen, be­ginnt die wah­re Trau­er. Der Schmerz wird dann Stück für Stück mit je­dem Tag und je­der Wo­che mehr. Je mehr man zu ver­ste­hen be­ginnt, was „nie wie­der“tat­säch­lich be­deu­tet, des­to ro­her wird man

Die Ar­ten zu ster­ben sind viel­fäl­tig und ich glau­be, dass wie ein Mensch geht, sehr viel da­mit zu tun hat, wie er ge­lebt hat.

und fühlt sich wie auf­ge­ris­sen.

Vie­le ver­su­chen, die­sem Schmerz zu ent­kom­men, in­dem sie sich ablen­ken, ihn ver­drän­gen, zu Al­ko­hol oder Dro­gen grei­fen oder sich in (Ar­beits-)Pro­jek­te stür­zen. Für manch ei­nen mag das ein gu­ter Weg sein, ich für mich weiß aber, dass ich in die Trau­er hin­ein muss, di­rekt in den Schmerz. Ich muss mei­ne Ar­me weit für ihn öff­nen und ja zu ihm sa­gen, denn ei­nen Kampf ge­gen ihn kann ich nicht ge­win­nen.

Es er­gibt ei­nen Sinn

Mein Schmerz ge­hört zu mir und in­dem ich mit ihm le­ben ler­ne, geht es wei­ter für mich. Aber oft ha­ben wir das Ge­fühl, gar nicht be­reit zu sein für den Ab­schied. Sehn­lichst wün­schen wir uns et­was mehr Zeit und ei­ne Ver­län­ge­rung des­sen, was uns ge­nom­men wur­de. Aber da­mit kämp­fen wir ge­gen die Wirk­lich­keit und dar­an schei­tert je­der. Mit ei­nem sol­chen in­ne­ren Nein drängt sich dann auch noch qual­voll die Sinn­fra­ge auf, die je­den Schmerz ins De­struk­ti­ve treibt.

Und so lau­tet mei­ne Ant­wort auf die zer­stö­re­ri­sche Fra­ge nach dem „War­um nur?“: Der Sinn liegt im Füh­len selbst, al­so in den Er­fah­run­gen, die wir zu Leb­zei­ten ma­chen konn­ten, und in den Er­fah­run­gen, die wir durch un­se­re Trau­er ma­chen. Es ist un­se­re Lie­be, die Sinn macht, all das was wir ge­ben konn­ten, das, was wir be­kom­men ha­ben und das, was über den Tod hin­aus bleibt.

Von dem et­was ein­fäl­ti­gen Bä­ren aus dem be­kann­ten Kin­der­buch „Pu, der Bär“stammt der fol­gen­de Aus­spruch: „Wie glück­lich ich doch bin, dass ich et­was ha­be, zu dem ‚Leb wohl‘ zu sa­gen so schwer fällt.“– und stimmt das nicht? Wenn wir et­was ver­mis­sen, sind wir zu­vor reich ge­we­sen. Die Al­ter­na­ti­ve wä­re, dass wir uns auf nichts wirk­lich ein­las­sen wür­den, um nicht ver­letzt zu wer­den und wer will schon so le­ben? Ich nicht.

Trau­er ist wie das Meer

Ich ha­be für mich ein Bild ge­fun­den, das mei­ne Trau­er sehr an­schau­lich be­schreibt: Für mich ist Trau­er wie das Meer. Ich schwim­me in mei­ner Trau­er wie in ei­nem Oze­an. Manch­mal sind da dich­te Wäl­der aus See­gras und Al­gen, die mich fest­hal­ten und re­gel­recht hin­ab­zie­hen in ei­ne un­end­li­che Tie­fe. Im­mer wie­der den­ke ich, er­trin­ken zu müs­sen, doch ich muss mich nur selbst dar­an er­in­nern, dass ich Kie­men ha­be für die Trau­er, ja: Ich kann auch in der Tie­fe at­men. Nicht so leicht wie Luft, aber es ist mög­lich, Trau­er zu at­men und es gilt zu ler­nen, ge­nau das zu tun: Trau­er flie­ßen zu las­sen. Trau­er kommt in Wel­len. Mal sind es

Und wie­der gilt es, nicht zu ver­ges­sen, dass wir auch in der Trau­er at­men kön­nen, mehr noch: at­men mÜs­sen. denn at­men ist le­ben.

klei­ne oder mitt­le­re Wel­len, und in ih­ren Be­we­gun­gen kön­nen wir uns auf den Schmerz ein­las­sen, der wie in We­hen kommt. Man­che Wel­len aber bre­chen mit ei­ner enor­men Wucht über uns hin­weg, so dass wir weit fort­ge­spült oder zu Bo­den ge­drückt wer­den. Und wie­der gilt es, nicht zu ver­ges­sen, dass wir auch in der Trau­er at­men kön­nen, mehr noch: at­men müs­sen, denn at­men heißt le­ben.

Dann gibt es Zei­ten, in de­nen trei­ben wir schein­bar ganz al­lein auf der un­end­li­chen Wei­te un­se­rer Trau­er, kein Land in Sicht, kein ret­ten­des Schiff. Für die­se Zei­ten brau­chen wir uns selbst so sehr und un­ser Ja zu dem, was da ge­ra­de ist an Schmerz und Trä­nen. Denn es ist die­ses Ja, das wie ei­ne Plan­ke ist, mit der wir oben blei­ben und nicht un­ter­ge­hen.

Die­ses Ja lässt uns auch Aus­schau hal­ten nach flie­gen­den Fi­schen, Del­phi­nen und den Mö­wen, die uns ein Stück be­glei­ten, denn tat­säch­lich sind wir auch im tiefs­ten Schmerz nie ganz al­lein. Und die­ses Ja er­mög­licht uns, das Glit­zern auf dem Was­ser zu se­hen und die Son­ne zu spü­ren, die uns wärmt und die Leucht­tür­me zu ent­de­cken, die uns zei­gen, dass es jen­seits der Trau­er fes­tes Land gibt. Die­ses Ja trägt uns durch die Trau­er, weil es uns wis­sen lässt, dass es au­ßer dem Schmerz auch Freu­de gibt, dass da nicht nur Trä­nen sind, son­dern auch La­chen und dass im Los­las­sen in Dank­bar­keit so viel Lin­de­rung zu fin­den ist.

Dank­bar­keit lin­dert

Es ist un­se­re Dank­bar­keit, die zu ei­nem Licht wer­den kann, wenn es ein­mal ganz dun­kel wird. Die tie­fe Dank­bar­keit über das was war, über das, was ich er­le­ben durf­te mit die­sem Men­schen und was ich al­les be­kom­men ha­be. Mei­ne Dank­bar­keit nimmt mich an die Hand und führt mich in die Tie­fe des Schmer­zes – und auch wie­der aus ihr her­aus. Denn in die­ser Dank­bar­keit steckt all mei­ne Lie­be. Und die Lie­be über­dau­ert die Trau­er.

Ich ha­be für mich er­kannt: Es ist die Lie­be zu dem We­sen, von dem wir uns ver­ab­schie­den müs­sen, die uns im­mer wie­der die Lie­be zum Le­ben neu zei­gen kann, denn nach ei­nem Ab­schied war­tet es erst recht auf uns – un­ser ei­ge­nes Le­ben!

Ein Ja zum Le­ben er­for­dert auch ein Ja zum Tod, denn im Nein kom­men wir nicht wei­ter. Nur in­dem wir un­ser Herz auch im größ­ten Schmerz nicht ver­schlie­ßen, son­dern es weit, ganz weit öff­nen, um mit Lie­be zu ant­wor­ten, blei­ben wir le­ben­dig. Erst ein sol­ches Ja macht Ab­schied mög­lich.

Mit mei­nem Ja las­se ich los und ge­be frei – und be­kom­me un­end­lich viel zu­rück. Ich bin er­füllt von Dank­bar­keit und Trost und wer­de ge­hal­ten. So wer­den Schmerz und Trau­er zu pu­rer Lie­be für all das, was war – und das kann mir nie­mand neh­men.

Sie und ich, wir wer­den noch durch vie­le Ozea­ne der Trau­er schwim­men und tau­chen müs­sen, denn das ge­hört un­wei­ger­lich zum Le­ben da­zu. Es wird für uns al­le im­mer wie­der dar­um ge­hen, los­zu­las­sen. Das Los­las­sen hört nie auf, bis zum En­de, und mir tut es so gut zu wis­sen, dass trotz­dem im­mer et­was bleibt und wir letzt­lich nicht we­ni­ger, son­dern im­mer mehr ha­ben, wenn wir uns un­se­res Reich­tums im­mer wie­der be­wusst wer­den. In die­sem Jahr freue ich mich auf den Herbst, denn wenn es küh­ler wird, wer­de ich den Hut mei­nes Opas tra­gen. Er wird mich wär­men und ge­gen Wind und Regen schüt­zen. Und er wird mich dar­an er­in­nern, dass im­mer et­was bleibt. <

nach ei­nem Ab­schied war­tet es erst recht auf uns: un­ser ei­ge­nes Le­ben! Ein Ja zum Le­ben er­for­dert auch ein Ja zum Tod,

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.