Der gro­ße Kreis­lauf – un­end­lich end­lich

Al­les was wir wahr­neh­men kön­nen – und noch weit mehr – folgt dem kos­mi­schen Kreis­lauf. So ge­se­hen steht al­les mit­ein­an­der in Ver­bin­dung und wirkt wech­sel­sei­tig auf­ein­an­der. Wir Men­schen sind zwar nur ein win­zi­ger Teil dar­in und doch ist je­der ein­zel­ne von

Auszeit - - Fundsachen - MAR­TI­NA PO­KOR­NY

Meist neh­men wir es viel zu selbst­ver­ständ­lich, dass wir le­ben. Nur we­ni­gen ist be­wusst, wie kost­bar je­der Tag, ja je­der Au­gen­blick ist. Wenn wir ein­an­der „Gu­te Nacht“wün­schen, denkt kaum je­mand dar­über nach, ob er am nächs­ten Mor­gen tat­säch­lich wie­der er­wa­chen wird. Und doch ist es so – un­ser Le­ben hängt am sei­de­nen Fa­den, es könn­te je­den Mo­ment vor­bei sein. Die­se Ge­dan­ken sol­len un­ser Da­sein jetzt nicht düs­ter über­schat­ten. Sie sol­len viel­mehr ans Licht brin­gen, was für ein Ge­schenk es ist zu le­ben! Es wird uns Au­gen­blick für Au­gen­blick im­mer wie­der aufs Neue ge­schenkt. Wer die­sen Blick ent­wi­ckelt, emp­fin­det tie­fe De­mut vor der Schöp­fung und wird im­mer acht­sa­mer und dank­ba­rer al­lem Le­ben, al­lem Sei­en­den ge­gen­über. Die­se Ehr­furcht vor dem Le­ben lässt uns auch er­ken­nen, wie klein man­ches ist, das uns im Mo­ment zu er­drü­cken scheint. So macht es Sinn und wirkt durch­aus heil­sam, in schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen ge­dank­lich ei­nen klei­nen Aus­flug ins All zu wa­gen. Da­bei wird rasch sicht­bar, wie über­heb­lich es an­mu­tet, den Men­schen als Kro­ne der Schöp­fung zu be­zeich­nen. Wir sind le­dig­lich Be­woh­ner ei­nes Pla­ne­ten in­ner­halb ei­ner Ga­la­xie. Die Er­de ist dar­in ei­ner von 100 – 300 Mil­li­ar­den Ster­nen.

Das Un­ge­wis­se

Mit dem Schwin­den un­se­rer Grö­ße, re­la­ti­viert sich au­to­ma­tisch auch die Grö­ße un­se­res Pro­blems. Was hier sim­pel und lo­gisch klingt, ist es nicht im­mer, denn wer ge­ra­de von ei­nem Schick­sals­schlag ge­beu­telt wird, ist emo­tio­nal viel zu sehr ver­strickt, als dass er sol­che Lo­gik tröst­lich emp­fin­den könn­te. Und doch sind es oft je­ne kri­sen­haf­te Si­tua­tio­nen, die uns vor Au­gen füh­ren, dass un­ser Le­ben nicht von Dau­er ist. Wenn wir durch Krank­heit, Un­fall oder Tod ei­nes uns na­he­ste­hen­den Men­schen aus un­se­rer Bahn ge­wor­fen wer­den, füh­len wir uns in un­se­rer Exis­tenz be­droht – je­doch, mit un­se­rer Ge­burt tra­gen wir den Tod be­reits in uns. Je­de le­bens­be­dro­hen­de Si­tua­ti­on hält uns un­se­re ei­ge­ne End­lich­keit vor Au­gen. Nie­mand weiß wie und wann er ster­ben wird und das ist auch gut so. Die­se Un­ge­wiss­heit ist es aber auch, die uns Angst macht. Ich be­ob­ach­te im­mer wie­der Par­al­le­len zwi­schen dem Le­ben der Men­schen und ih­rem Tod. Ich se­he Men­schen, die auf viel un­ge­leb­tes Le­ben zu­rück­bli­cken, sie pla­gen sich mit dem Los­las­sen. An­de­re, die bis zu­letzt zu­frie­den mit sich und ih­rer Um­welt wa­ren, schla­fen fried­lich ein. Kei­nes­falls wür­de ich mir an­ma­ßen, dar­aus ir­gend­wel­che all­ge­mein gül­ti­gen Schlüs­se zu zie­hen, doch mich per­sön­lich be­stärkt

Und doch ist es so – un­ser Le­ben hängt am sei­de­nen Fa­den, es könn­te je­den Mo­ment vor­bei sein.

es, mich um Ein­klang zu be­mü­hen, mit mir, den Men­schen und der Na­tur. Vi­el­leicht ist mir dann auch ein fried­li­ches En­de be­schert. Dar­aus er­gibt sich die Fra­ge: Was bringt uns in Ein­klang?

Rhyth­men und Ri­tua­le

Wenn wir uns nun noch ein­mal un­se­rem Son­nen­sys­tem, der Milch­stra­ße, zu­wen­den, wer­den wir rasch er­ken­nen, dass al­le Ge­stir­ne dar­in in ei­ner be­stimm­ten An­ord­nung zu­ein­an­der in Ver­bin­dung ste­hen und be­stimm­ten Um­lauf­bah­nen fol­gen. In­ner­halb ei­nes Jah­res um­run­det die Er­de ein­mal die Son­ne. Wir Men­schen ha­ben un­se­ren Jah­res­kreis an­hand der Erd­um­lauf­bahn der Son­ne fest­ge­legt. Die Ge­zei­ten­kräf­te von Son­ne und be­son­ders Mond be­wir­ken Eb­be und Flut. Im Klei­nen wie im Gro­ßen fin­den wir sich wie­der­ho­len­de Rhyth­men, d. h. al­les Le­ben ist be­stimm­ten Zy­klen un­ter­wor­fen. So auch mensch­li­ches Le­ben, – durch Mens­trua­ti­on, Schwan­ger­schaft und Still­pe­ri­ode bei Frau­en noch deut­li­cher sicht­bar. Im Ge­wahr­sein des zy­kli­schen Krei­ses von Wer­den und Ver­ge­hen, schöp­fen wir – den Ah­nen lie­be­voll dan­kend – Kraft aus der Stil­le. Wor­auf ich da­mit hin­aus will ist, dass wir uns erst rich­tig le­ben­dig füh­len, wenn wir mit die­sen Rhyth­men mit­schwin­gen. Wir su­chen sie auch wil­lent­lich, zum Bei­spiel in Mu­sik und Tanz und sie ha­ben gro­ßen Ein­fluss auf un­se­re Stim­mun­gen. Es gilt, die Jah­res­zei­ten be­wusst wahr­zu­neh­men, un­ser wech­seln­des Be­dürf­nis nach Ru­he und Be­we­gung zu ach­ten, stim­mi­ge Wach- und Schlaf­pha­sen für uns zu fin­den, die The­men der je­wei­li­gen Le­bens­ab­schnit­te auf­zu­grei­fen. Un­ter­stüt­zend be­die­nen wir uns da­bei ger­ne be­stimm­ter Ri­tua­le. In den meis­ten Kul­tu­ren wer­den gro­ße Er­eig­nis­se im Le­ben von Ri­tua­len be­glei­tet: Ge­burt, Ein­tritt ins Er­wach­se­nen­al­ter, Part­ner­wahl und auch der Tod. Sie hel­fen, Ve­rän­de­run­gen zu in­iti­ie­ren und zu ver­kraf­ten. Ei­ne of­fe­ne Prä­senz stimmt uns in den na­tür­li­chen Rhyth­mus von Wer­den und Ver­ge­hen ein, er­öff­net uns un­end­li­che Tie­fen und Wei­ten.

Was be­ginnt, das muss auch wie­der en­den. Ist das so? Oder ist es nicht viel­mehr so, dass al­les, was en­det, in an­de­rer Form wei­ter­exis­tiert? So ist ein Mensch zwar im­mer Mensch, doch er kommt als Säug­ling auf die Welt, wird Kind, wächst zum Er­wach­se­nen her­an und reift zum Greis. Ein Sa­men­korn trägt be­reits al­les in sich, was sein spä­te­res Da­sein aus­macht. In ihm ist an­ge­legt, ob es ein­mal ein mäch­ti­ger Mam­mut­baum wird oder ein Gän­se­blüm­chen. Wir kön­nen Was­ser trin­ken, Was­ser­dampf in­ha­lie­ren oder es in Form von Eis zur Küh­lung be­nut­zen. Die ver­schie­de­nen For­men kom­men

Oder ist es nicht viel­mehr so, dass al­les, was en­det, in an­de­rer Form wei­ter­exis­tiert?

und ge­hen, doch die ei­ne Ener­gie, die al­lem zu­grun­de liegt, die bleibt be­ste­hen.

Al­les ist eins

Ne­ben die­ser Wel­len­be­we­gung, die­sem Auf und Ab, die­sem Mit­schwin­gen, ist auch er­kenn­bar, dass al­les in Be­zie­hung zu­ein­an­der steht und von­ein­an­der ab­hän­gig ist. So braucht ein Sa­men­korn un­ter dem Fak­tor Zeit den ge­eig­ne­ten Stand­ort, Er­de, Was­ser, Luft und Licht, um sich ent­wi­ckeln zu kön­nen. Um­ge­legt auf uns Men­schen kön­nen wir fest­hal­ten, dass wir sta­bi­le Be­zie­hun­gen brau­chen, um zu ge­dei­hen und uns ent­wi­ckeln zu kön­nen. Ein ICH braucht ein DU, um sich als ICH zu er­ken­nen. Aus die­ser Be­zo­gen­heit auf­ein­an­der kön­nen wir un­se­re Auf­ga­ben (Be­stim­mung, Sinn) er­ken­nen und un­se­re Po­si­ti­on in der Ge­sell­schaft fin­den. So kön­nen wir al­so sa­gen, wenn wir uns dem Rhyth­mus des Le­bens an­ver­trau­en, uns ver­bun­den füh­lend un­se­rer Be­stim­mung fol­gen, sind wir im Ein­klang mit der Schöp­fung. So ist mei­ne Ant­wort auf die End­lich­keit er­fül­len­de Le­ben­dig­keit.

Ganz na­tür­lich

Auch hier ist wich­tig – wie über­all – auf Ba­lan­ce zu ach­ten. Wer ver­sucht, den Tod aus­zu­blen­den, ent­kommt ihm ge­nau­so­we­nig wie je­ne, die ihn über­hö­hen und ihm be­son­ders viel Raum ge­ben, denn sie ver­pas­sen ihr Le­ben. Im Le­ben geht es schließ­lich ums Er­le­ben! Da­her wa­ge ich zu be­haup­ten: Je le­ben­di­ger wir wer­den, um­so eher schwin­det die Angst vor dem Tod. Der Tod ge­hört ganz na­tür­lich zum Le­ben. Nur das Le­ben selbst kann uns die Angst vor dem Tod neh­men. Je be­wuss­ter wir le­ben, un­se­ren Platz im­mer wie­der neu auf un­ser Um­feld ab­stim­men, die für uns pas­sen­den Rhyth­men fin­den und un­se­re Be­zie­hun­gen pfle­gen, um­so leich­ter kön­nen wir das Le­ben auch wie­der los­las­sen. Wenn es uns ge­lingt, so wie die Son­ne bis auf den Ze­nit zu stei­gen, un­se­re gan­ze Kraft zu ent­fal­ten und uns dann lang­sam wie­der zu­rück­zu­zie­hen und – wie mil­des Abend­licht – mit un­se­rem Strah­len zu wär­men, dann wird un­ser Le­ben einst ge­nau­so be­ein­dru­ckend ver­glü­hen, wie der Tag, der sich abends er­ge­ben der Nacht hin­gibt.

Doch wenn der Tag mein Le­ben ist, wer bin dann ich? Bin ich das Staub­korn und die Son­ne? Aber das ist ei­ne an­de­re Ge­schich­te… <

Le­ben­stanz Auf­recht zwi­schen Him­mel und Er­de, gleich ei­nem Strahl gol­de­nen Lichts, ste­hend zwi­schen ver­ge­he und wer­de ver­lässt Dei­ne Bahn Du für nichts! – Ge­las­sen lässt Du Dich um­we­hen, we­der Tr­üb­sal noch Won­ne zie­hen Dich in ih­ren Bann, Du treibst Blü­ten und lässt sie ver­ge­hen – den Tanz des Le­bens, Du nimmst ihn an.

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