TRAU­ER­AR­BEIT MIT SCHO­KO­LA­DE

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In trau­ri­gen oder stres­si­gen Mo­men­ten trös­ten wir uns oft mit Scho­ko­la­de oder an­de­ren sü­ßen Ver­su­chun­gen, wol­len ein Stück Glück durch das Es­sen wie­der zu uns zu neh­men. Aber kann man Glück wirk­lich es­sen?

Wenn ich er­regt bin, gibt es nur ein Mit­tel, mich völ­lig zu be­ru­hi­gen: Es­sen – die­ser Satz von Os­car Wil­de wird vie­len Men­schen aus der See­le spre­chen. Un­se­re Ge­füh­le be­ein­flus­sen schließ­lich oft­mals un­ser Ess­ver­hal­ten. Fast je­der Mensch war schon ein­mal frisch ver­liebt und hat­te das Ge­fühl, sich von Luft und Lie­be er­näh­ren zu kön­nen. Das Bauchkrib­beln über­deckt jeg­li­ches Hun­ger­ge­fühl, die Schmet­ter­lin­ge fül­len den Bauch und ma­chen uns ap­pe­tit­los. Ist je­doch Schluss, su­chen wir Trost in sü­ßen Ver­füh­run­gen und prompt se­hen wir uns wie Bridget Jo­nes mit Ta­schen­tü­chern auf dem Bett lie­gen und schlu­cken den Kum­mer mit ei­ner gro­ßen Ta­fel Scho­ko­la­de oder ei­nem Be­cher Eis hin­un­ter. Lie­be geht al­so durch den Ma­gen. Doch da­mit nicht ge­nug: Wenn die Tat­or­ter­mitt­ler am Sonn­tag­abend auf Ver­bre­cher­jagd ge­hen, su­chen wir uns schmack­haf­te Un­ter­stüt­zung und grei­fen zu ei­ner Por­ti­on Na­chos oder Pop­corn als Ner­ven­nah­rung.

Du bist, was du isst

Doch nicht nur un­se­re Stim­mung wirkt sich auf un­ser Ess­ver­hal­ten aus. An­ders­her­um wird eben­falls ein Schuh draus. Schon der deut­sche Phi­lo­soph Lud­wig Feu­er­bach wuss­te: „Der Mensch ist, was er isst.“Vie­len Le­bens­mit­teln und Ge­wür­zen wer­den be­stimm­te Ei­gen­schaf­ten zu­ge­schrie­ben, die sich auf un­se­re Stim­mung aus­wir­ken sol­len: Scho­ko­la­de soll Glücks­hor­mo­ne aus­schüt­ten, Chil­li oder Ing­wer wird ei­ne na­tür­li­che aphro­di­sie­ren­de Wir­kung nach­ge­sagt, fet­ti­ges Es­sen hin­ge­gen

soll mü­de und de­pres­siv ma­chen.

Ein Be­cher war­me Milch mit Ho­nig hilft uns am Abend beim Ein­schla­fen und Popeye zeigt, dass Spi­nat uns mu­tig und un­be­sieg­bar macht. Mit be­stimm­ten Le­bens­mit­teln soll es uns al­so mög­lich sein, un­ser per­sön­li­ches Be­fin­den zu be­ein­flus­sen. In die­sem Zu­sam­men­hang spricht man auch von „Mood-Food“, al­so vom „Stim­mungs-Es­sen“. Doch was ist dran an den Le­bens­mit­tel-My­then und was pas­siert in un­se­rem Kör­per, wenn das Es­sen un­se­re Stim­mung auf­hellt oder ver­dun­kelt?

Wie im Film?

Fil­me, in de­nen die meist weib­li­chen Darstel­le­rin­nen schier un­tröst­lich im Py­ja­ma auf dem Bett lie­gen, Dol­ly Par­tons „I will al­ways lo­ve you“oder Bill Wit­hers „Ain’t no Sunshi­ne“lau­schen und da­bei mit ei­nem Ess­löf­fel in ei­ner Pa­ckung Scho­ko­la­den­eis ver­sin­ken, gibt es wie Sand am Meer. Bei Mi­ran­da Hob­bes ist es der Scho­ko­la­den­ku­chen, dem sie nicht wi­der­ste­hen kann und bei dir selbst ist es vi­el­leicht das Nu­tel­la-Glas, das für al­le Fäl­le im Kü­chen­schrank be­reit­steht. Die Ge­schen­k­lä­den ma­chen ein Ge­schäft dar­aus, in­dem sie „Trost­scho­ko­la­de“ver­kau­fen, die als Auf­mun­te­rung für Freun­de in ei­ner schwie­ri­gen Pha­se ge­dacht ist. Doch wo­her kommt der My­thos, dass Scho­ko­la­de uns glück­lich ma­chen soll und was ist wirk­lich dran?

Schon die Az­te­ken glaub­ten an ei­ne be­son­de­re Wir­kungs­wei­se der Scho­ko­la­de: Wie von den Ma­ya, die als ers­tes die Ka­kaopf­lan­zen an­bau­ten, über­lie­fert, war die Ka­kaopf­lan­ze von gött­li­chem Ur­sprung. Die

Sa­men der Ka­kaopf­lan­ze wur­den als Ge­tränk zu­be­rei­tet und wa­ren vor al­lem dem Adel vor­be­hal­ten. Stär­ker noch als heu­te galt Ka­kao zu die­sen Zei­ten als be­rau­schen­des Le­bens­mit­tel und war so­mit nach Auf­fas­sung der Az­te­ken nur für Män­ner ge­eig­net. Und nicht nur die Az­te­ken wa­ren über­zeugt von der Wir­kung der Scho­ko­la­de: Noch bis ins 19. Jahr­hun­dert hin­ein wur­de Scho­ko­la­de aus­schließ­lich in Apo­the­ken als so­ge­nann­tes „Kräf­ti­gungs­mit­tel“ver­kauft. Heu­te kön­nen wir

Scho­ko­la­de na­he­zu über­all kau­fen, im Su­per­markt, im Buch­la­den, am Ki­osk und selbst im Flug­zeug ist es mög­lich, die Sü­ßig­keit zu er­wer­ben. Scho­ko­la­de wird zwar nicht mehr als Heil­mit­tel ver­wen­det, den­noch soll sie uns glück­lich ma­chen. Aber wie? Ver­ant­wort­lich für den stim­mungs­auf­hel­len­den Ef­fekt sei das Se­ro­to­nin, wel­ches uns auch als Glücks­hor­mon ge­läu­fig ist. Se­ro­to­nin wird bei De­pres­sio­nen als Me­di­ka­ment ver­schrie­ben, je­doch ist es in Scho­ko­la­de zu­nächst ein­mal nicht zu fin­den. Da­für ist in Scho­ko­la­de Tryp­to­phan ent­hal­ten. Wird Tryp­to­phan vom Kör­per ab­ge­baut, ent­steht da­bei Se­ro­to­nin. Je­doch ist Tryp­to­phan nicht nur in Scho­ko­la­de, son­dern auch in vie­len wei­te­ren Le­bens­mit­teln ent­hal­ten. Wir könn­ten ge­nau­so gut Thun­fisch oder ein Stück Schwei­ne­fleisch ver­til­gen und müss­ten den glei­chen Ef­fekt er­rei­chen. Doch nie­mand wür­de auf die Idee kom­men, sich bei Lie­bes­kum­mer ei­ne Do­se Thun­fisch zu öff­nen. Was viel ent­schei­den­der ist, sind die schö­nen Er­in­ne­run­gen, die wir mit Scho­ko­la­de ver­bin­den. Vi­el­leicht er­in­nerst du dich an dei­nen ers­ten Schul­tag, an klei­ne Er­fol­ge, die von dei­nen Groß­el­tern mit Scho­ko­la­de be­lohnt wur­den oder dar­an, wie du Sonn­tags dein Ta­schen­geld in die Hand ge­drückt be­kamst und gleich los zum Ki­osk rann­test, um dir dei­ne 50 Pfen­ni­ge ge­gen ei­nen Scho­ko­rie­gel ein­zu­tau­schen. Durch die vie­len po­si­ti­ven Ge­dan­ken, die das Es­sen von Scho­ko­la­de in uns aus­löst, re­agiert das Be­loh­nungs­sys­tem im Ge­hirn und schüt­tet ei­ne Men­ge Do­pa­min aus, wel­ches wah­re Glücks-Ge­füh­le in uns her­vor­ruft. Scho­ko­la­de kann al­so als ei­ne Art Pla­ce­bo ver­stan­den wer­den: Phy­sio­lo­gisch be­sitzt sie kei­ne gro­ße Wir­kung – psy­cho­lo­gisch da­für um­so mehr. Da es viel­mehr auf die da­mit ver­bun­de­nen po­si­ti­ven Er­in­ne­run­gen und Ge­füh­le als auf die tat­säch­li­chen In­halts­stof­fe der Nah­rung an­kommt, muss es so­mit nicht un­be­dingt Scho­ko­la­de sein, die uns glück­lich macht und trös­tend wirkt: Vi­el­leicht ver­bin­dest du mit ei­nem an­de­ren Le­bens­mit­tel die­se Ge­füh­le. Je­der Mensch hat al­so sein ei­ge­nes Mood-Food, den ei­ge­nen Glück­lich-Ma­cher. Meist han­delt es sich aber um Le­bens­mit­tel, die sehr zu­cker­hal­tig und fet­tig sind. Das liegt nicht et­wa an schlech­ten Ess­ge­wohn­hei­ten, son­dern viel­mehr an evo­lu­tio­nä­ren Grün­den. Der Mensch wur­de schon in der St­ein­zeit auf stark ka­lo­ri­en­hal­ti­ge Le­bens­mit­tel – mit viel Fett und Zu­cker – ge­eicht, da die­se schnel­le Ener­gie lie­fer­ten und da­durch wie­der­um das Be­loh­nungs­zen­trum im Ge­hirn an­ge­regt wird. Es ist al­so nicht ver­wun­der­lich, dass so vie­le Men­schen sich als Glücks-Le­bens­mit­tel die Scho­ko­la­de aus­ge­sucht ha­ben.

Es­sen kann uns al­so so wirk­lich glück­lich ma­chen. Es kommt da­bei

DOCH NIE­MAND WÜR­DE AUF DIE IDEE KOM­MEN, SICH BEI LIE­BES­KUM­MER EI­NE DO­SE THUN­FISCH ZU ÖFF­NEN.

we­ni­ger auf die In­halts­stof­fe an, als auf die po­si­ti­ven Ge­dan­ken, die wir mit ei­nem be­stimm­ten Nah­rungs­mit­tel ver­knüp­fen. Um glück­li­cher zu sein, soll­ten wir dar­aus fol­gend al­so viel öf­ter das es­sen, was po­si­ti­ve Ge­füh­le in uns her­vor­ruft. So weit so gut, gä­be es nicht mal wie­der ei­nen Ha­ken: Für den Kör­per be­deu­tet der häu­fi­ge Ge­nuss von stark ka­lo­ri­en­rei­chen Le­bens­mit­teln wie Scho­ko­la­de lei­der Stress pur. Über­ge­wicht und da­mit ein­her­ge­hen­de Fol­ge­er­kran­kun­gen wie Dia­be­tes oder Herz- und Kreis­lauf­er­kran­kun­gen sind die lang­fris­ti­gen Er­geb­nis­se von re­gel­mä­ßi­gem, fet­ti­gen Es­sen. Auch Un­wohl­sein im ei­ge­nen Kör­per kann da­mit ein­her­ge­hen, was im schlimms­ten Fall auch zu De­pres­sio­nen ver­lei­ten kann.

Auch noch ge­sund!

Ne­ben Sü­ßig­kei­ten wie Scho­ko­la­de, die eher psy­chisch als phy­sisch wir­ken, gibt es aber den­noch ei­ne Rei­he an Le­bens­mit­teln, die sich durch ih­re In­halts­stof­fe auch po­si­tiv kör­per­lich aus­wir­ken kön­nen und gleich­zei­tig ge­sund sind. So gilt zum Bei­spiel Ama­ranth, ein hel­les, ku­gel­för­mi­ges Ge­trei­de, als wah­res Wun­der­korn. Schon vor hun­der­ten vor Jah­ren war es ei­nes der Haupt­nah­rungs­mit­tel der In­kas und Az­te­ken, wel­che es zu­sätz­lich auch als Heil­mit­tel ein­setz­ten. Die Senf­kor­n­ähn­li­chen Kü­gel­chen ent­hal­ten ei­ne ho­he Men­ge an wich­ti­gen Vi­tal- und Nähr­stof­fen, wie et­wa Pro­te­ine, Ly­sin, Ma­g­ne­si­um und Cal­ci­um. Da­durch hat der Kon­sum von Ama­ranth ei­ne sehr po­si­ti­ve Aus­wir­kung auf un­se­ren Kör­per und kann bei Kopf­schmer­zen, Schlaf­pro­ble­men oder Er­schöp­fung durch­aus hilf­reich sein. Ein ähn­li­ches Po­wer-Nah­rungs­mit­tel stel­len Chia-Sa­men dar. Die­se wa­ren ein Gr­und­nah­rungs­mit­tel der Ma­ya und er­freu­en sich seit ei­ni­ger

Zeit auch in Eu­ro­pa ho­her Be­liebt­heit. Das Su­per­food hat, ähn­lich wie Ama­ranth, ei­ne sehr ho­he Nähr­stoff­dich­te wie Ome­ga3-Fett­säu­ren, Pro­te­ine, Ei­sen und Cal­ci­um.

Durch die­se Zu­sam­men­set­zung eig­nen sich die sehr sät­ti­gen­den Sa­men her­vor­ra­gend zur Ge­wichts­re­duk­ti­on und hel­fen bei Dia­be­tes oder Blut­hoch­druck.

Des Wei­te­ren gibt es Le­bens­mit­tel, die ei­ne durch­aus be­ru­hi­gen­de, stress­hem­men­de Wir­kung ha­ben. Pa­ra­nüs­se bei­spiels­wei­se ent­hal­ten ei­ne ho­he Men­ge an Se­len und kön­nen sich da­durch lang­fris­tig be­ru­hi­gend auf das Ner­ven­sys­tem aus­wir­ken. Ei­ne Stu­die der Uni­ver­si­ty of Wa­les hat er­ge­ben, dass der re­gel­mä­ßi­ge Ver­zehr von et­wa drei Pa­ra­nüs­sen am Tag da­bei hel­fen kann, Ge­las­sen­heit und Ru­he so­wie ei­ne po­si­ti­ve­re Stim­mung in nur drei Mo­na­ten zu er­lan­gen.

Es gibt al­so auch ge­sun­de Le­bens­mit­tel, die wah­re Stim­mungs-Auf­hel­ler sein kön­nen. Aber in vie­len stres­si­gen, trau­ri­gen Mo­men­ten muss es dann eben vi­el­leicht doch der Scho­ko­la­den­eis­be­cher sein und nicht ei­ne Hand voll ge­sun­der Pa­ra­nüs­se. Müs­sen wir des­halb ein schlech­tes Ge­wis­sen ha­ben?

De­al oder No De­al?

„Man soll dem Leib et­was Gu­tes bie­ten, da­mit die See­le Lust hat, dar­in zu woh­nen“– hat Wins­ton Chur­chill recht da­mit, wenn er sagt, man sol­le dem Kör­per im­mer wie­der et­was Gu­tes bie­ten? Soll­ten wir un­se­re Haar­spal­te­rei beim Es­sen manch­mal et­was ru­hen las­sen, auf­hö­ren Ka­lo­ri­en zu zäh­len oder uns stren­ge Diä­ten auf­zu­hal­sen? Nach wel­cher De­vi­se wol­len wir uns beim Es­sen ver­hal­ten: Wol­len wir das Le­ben fei­ern oder lie­ber we­nig fei­ern um bes­ser zu le­ben? Nun, die­se Ent­schei­dung muss nun wahr­lich je­der Mensch für sich selbst tref­fen. Doch manch­mal ma­chen wir uns vi­el­leicht doch zu vie­le Ge­dan­ken über un­se­re Er­näh­rung und un­se­ren Kör­per. Und sind es nicht ge­ra­de die­se Ge­dan­ken, die uns manch­mal be­son­ders gro­ßen Stress be­rei­ten? Wie oft ma­chen wir uns Ge­dan­ken, wenn auf der Waage ein Ki­lo mehr er­scheint, wenn die Ho­se et­was straf­fer sitzt oder die Ober­ar­me beim Win­ken flei­ßig mit­wackeln. Ent­schei­dend ist, dass wir uns in un­se­rer Haut wohl­füh­len. Mo­del­ma­ße sind in un­se­rer Ge­sell­schaft hoch an­er­kannt, aber macht ein Le­ben vol­ler Ver­zicht denn wirk­lich Spaß? Wenn es uns we­gen ei­nes Be­zie­hungs­strei­tes oder Stress bei der Ar­beit schlecht geht, dann soll­ten wir uns vi­el­leicht manch­mal nicht zu vie­le Ge­dan­ken über ein paar Ka­lo­ri­en mehr oder we­ni­ger ma­chen und auch mal be­herzt ei­ne Rip­pe Scho­ko­la­de ab­bre­chen.

Denn wie wir nun wis­sen, kann Scho­ko­la­de tat­säch­lich ein klei­ner Glück­lich-Ma­cher sein. <

WAS VIEL ENT­SCHEI­DEN­DER IST, SIND DIE SCHÖ­NEN ER­IN­NE­RUN­GEN, DIE WIR MIT SCHO­KO­LA­DE VER­BIN­DEN.

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