Der Tod – dein bes­ter Lehr­meis­ter für ein gu­tes Le­ben

Mor­gen, ja mor­gen wer­de ich los­ge­hen. Mor­gen wer­de ich mei­ne Träu­me ernst neh­men. Mor­gen wer­de ich für mei­ne Wer­te ein­ste­hen. Mor­gen wer­de ich mei­nen Liebs­ten zei­gen, wie wich­tig sie mir sind. Mor­gen... Doch was, wenn die­ses Mor­gen nicht mehr kommt?

Auszeit - - DOSSIER - VEIT LINDAU

Wie viel Zeit hast du, der Welt zu zei­gen, wer du wirk­lich bist?

Wie vie­le Ta­ge hast du noch die Chan­ce, all die Aben­teu­er an­zu­ge­hen, von de­nen du als Kind ge­träumt hast? Nie­mand von uns weiß die Ant­wort auf die­se Fra­gen. Und doch le­ben wir oft, als hät­ten wir ewig Zeit. Wir sind Meis­ter im Ver­drän­gen der ei­nen, ganz si­che­ren Tat­sa­che un­se­res Le­bens: Wir al­le wer­den ster­ben.

Seit ich zu­rück­den­ken kann, ist der Tod der wich­tigs­te Lehr­meis­ter in mei­nem Le­ben. Als klei­ner Jun­ge lag ich näch­te­lang wei­nend im Bett und ver­such­te mir vor­zu­stel­len, wie es sein wird, wenn ich mei­ne El­tern zum letz­ten Mal se­he und wie es ist, selbst tot zu sein. Ich bin dar­an fast ver­rückt ge­wor­den, denn ich ver­such­te, in mei­ner Vor­stel­lung ein Land zu be­tre­ten, in das kein Ver­stand Zu­tritt hat.

Als ich 13 war, zwan­gen mich mei­ne El­tern, an der Be­er­di­gung mei­ner Kind­heits­freun­din Peg­gy teil­zu­neh­men. Ich bin ih­nen bis heu­te dank­bar da­für. Peg­gy hat­te zwei Jah­re lang un­glaub­lich mu­tig und stark mit ih­rem Krebs ge­run­gen. Vi­el­leicht hältst du mich für ein Schwein: In die­ser gan­zen Zeit ha­be ich sie nicht ein ein­zi­ges Mal be­sucht. Es war kein Des­in­ter­es­se. Ich war kom­plett über­for­dert und schlicht­weg zu fei­ge, mich mit den scho­nungs­lo­sen Tat­sa­chen zu kon­fron­tie­ren. Ich woll­te ihr am­pu­tier­tes Bein und ih­ren kah­len Kopf nicht se­hen. Als ich dann mit an­schau­en muss­te, wie ihr Sarg in der Er­de ver­schwand, brach mei­ne Ver­leug­nung in sich zu­sam­men. Es war das ers­te Mal, dass ich be­wusst rea­li­sier­te, dass es Si­tua­tio­nen gibt, die wir nicht rück­gän­gig ma­chen kön­nen. Der Ver­rat an mei­ner Freun­din brann­te sich tief in mein Herz. Ich fühl­te die ohn­mäch­ti­ge Trau­er dar­über, ei­nem ge­lieb­ten Men­schen et­was Wich­ti­ges sa­gen zu wol­len und es nicht mehr zu kön­nen, weil er für im­mer weg ist. Mei­ne Spiel­ka­me­ra­din fand vor ih­rem Tod Frie­den im christ­li­chen Glau­ben. Doch ich stand vor ih­rem Sarg und hat­te kei­ne Ah­nung, ob dies das En­de ih­rer Reise war oder nur ein neu­er Ab­schnitt. In dem Au­gen­blick wuss­te ich nur ei­nes ganz si­cher:

Je­de Er­fah­rung, je­de Chan­ce, je­des Aben­teu­er – al­les, was ich noch er­le­ben wür­de – war ihr vor­ent­hal­ten. Die Be­er­di­gung mei­ner Freun­din war der Tag, an dem ich zum ers­ten Mal den Tod als Men­tor in mei­nem Le­ben be­grüß­te. Da­mals schwor ich mir, an al­len ent­schei­den­den Weg­ga­be­lun­gen mei­nes Le­bens an die­sen Mo­ment zu­rück­zu­den­ken und dann

die mu­tigs­te Wahl zu tref­fen. Seit­dem le­be ich so frei, so voll­stän­dig und so voll­endet wie mög­lich. Mei­ne Sterb­lich­keit ist mei­ne wei­ses­te und kom­pro­miss­lo­ses­te Be­ra­te­rin. So ver­füh­re­risch und lo­gisch mir die Vor­stel­lung er­scheint, dass der phy­si­sche Tod nur der Be­ginn ei­ner neu­en Etap­pe auf ei­ner lan­gen Reise ist – letzt­end­lich weiß ich es nicht. Ich möch­te mich nicht mit ro­sa­rot ge­färb­ten, spi­ri­tu­el­len Kon­zep­ten in ei­ne trü­ge­ri­sche Si­cher­heit flüch­ten. Ich möch­te wach sein. Ich möch­te den Ti­ger jetzt rei­ten und nicht auf ei­ne Chan­ce in ei­nem nächs­ten Le­ben hof­fen.

So schlie­ße ich al­le be­gon­ne­nen Zy­klen so sau­ber wie mög­lich ab. Ich be­mü­he mich, mit den Men­schen, die ich lie­be, in ei­nem Zu­stand der Voll­en­dung zu sein. Wenn ei­ner mei­ner ge­lieb­ten Rei­se­ge­fähr­ten stirbt, möch­te ich nichts, aber auch gar nichts zu­rück­ge­hal­ten ha­ben. Wenn ich ster­be, möch­te ich, dass mei­ne Liebs­ten wis­sen, wie sehr ich sie ge­liebt ha­be.

In in­dia­ni­schen Kul­tu­ren exis­tiert die Le­gen­de vom letz­ten Tanz. Sie er­zählt, dass je­der von uns in den letz­ten Mi­nu­ten sei­nes Le­bens noch ein­mal tan­zen wird – und zwar mit sei­nem Tod. Die­ser Tanz wird aus­drü­cken, wie wir ge­lebt ha­ben und un­ser Tod wird dann rich­ten.

Wird er mit dir fei­ern oder ent­täuscht von dir sein?

Die In­dia­ner glau­ben auch dar­an, dass ihr Tod seit ih­rer Ge­burt un­sicht­bar auf ih­rer lin­ken Schul­ter sitzt. Von dort aus be­rät er sie in al­len her­aus­for­dern­den Si­tua­tio­nen. Ich nut­ze die­ses Bild gern in ent­schei­den­den Mo­men­ten. Wenn ich an ei­ner we­sent­li­chen Kreu­zung mei­nes Le­bens ste­he, hal­te ich in­ne und kom­mu­ni­zie­re mit mei­nem Tod. Ich stel­le mir vor, wie ich in mei­ner letz­ten St­un­de auf ge­nau die­sen Au­gen­blick zu­rück­schaue. * Wie wer­de ich die­se Si­tua­ti­on im Ster­ben in­ter­pre­tie­ren? * Was wird dann noch wert­voll sein? * Wie muss ich mich heu­te ent­schei­den, um in mei­nen letz­ten Mi­nu­ten fried­voll und dank­bar auf die­sen Au­gen­blick zu­rück­schau­en zu kön­nen? Den Tod als dei­nen Men­tor ein­zu­la­den, ist nicht mor­bi­de. Es ist die vi­tals­te Ent­schei­dung, die du tref­fen kannst. Die un­ge­schmink­te Kon­fron­ta­ti­on mit dei­ner Sterb­lich­keit hilft dir, die mu­tigs­te Wahl zu tref­fen, ehr­lich dei­ne Mei­nung zu äu­ßern, nach ei­nem Streit zu­rück­zu­ge­hen und dich wie­der zu ver­tra­gen, un­nüt­ze Sor­gen lä­chelnd los­zu­las­sen und die Kost­bar­keit die­ses Au­gen­blicks zu ge­nie­ßen.

Le­be, so gut es dir mög­lich ist, in ei­nem wahr­haf­ti­gen, voll­ende­ten Zu­stand. Car­los Cas­ta­ne­da be­nutz­te da­für in sei­nen Bü­chern den Be­griff

„ma­kel­los“. Ein ma­kel­lo­ses Le­ben ist ein Le­ben in Wür­de und Ent­schlos­sen­heit, frei von Be­dau­ern.

Ma­kel­los be­deu­tet nicht feh­ler­los. Be­ge­he vol­ler Neu­gier­de vie­le

Feh­ler, kor­ri­gie­re schnell, ge­nau und hu­mor­voll und ver­zei­he dir. Ma­kel­los zu le­ben, heißt, dich dei­ner Angst vor dem Un­be­kann­ten zu stel­len. Manch­mal zeigt sie sich als Furcht vor dem Tod. Doch oft ist es nur die Angst vor dem nächs­ten Schritt. Zö­gernd stehst du am Rand dei­ner Kom­fort­zo­ne und weißt:

Noch ein Schritt, ein Wort, ei­ne Hand­lung und ich ver­las­se das Reich des Be­kann­ten. Hier, in dei­ner all­täg­li­chen Be­geg­nung mit der Angst vor dem Un­be­kann­ten, ent­schei­det sich, ob du wirk­lich lebst. Wirk­lich le­ben be­deu­tet, be­wusst im­mer wie­der klei­ne To­de zu ster­ben, dei­nen Arsch weit ge­nug aus dem Fens­ter zu hän­gen, um den fri­schen Wind des Aben­teu­ers zu spü­ren.

Es gibt ei­nen kör­per­li­chen Tod, und der ist uns al­len ge­wiss. Doch du soll­test nicht das Ver­we­sen dei­nes phy­si­schen Lei­bes fürch­ten, son­dern dein geis­ti­ges Ster­ben. Ich se­he Zwan­zig­jäh­ri­ge ver­grei­sen und Acht­zig­jäh­ri­ge er­blü­hen.

Es gibt Men­schen, die war­ten und es gibt Men­schen, die le­ben. Du siehst es so­fort. Ein Mensch, der war­tet, schickt sei­ne See­le ins Exil. Von hier aus sehnt sie sich da­nach, wie­der zu­rück­ge­ru­fen zu wer­den. See­len wol­len lie­ben. See­len wol­len bren­nen. See­len wol­len stau­nen.

Das Be­mer­kens­wer­tes­te an Be­er­di­gun­gen sind für mich die Ge­sprä­che, die wir Le­ben­den dann am Gr­ab des Ver­stor­be­nen füh­ren. An­ge­sichts des To­des wis­sen wir plötz­lich ganz ge­nau, wor­um es wirk­lich geht.

Die Wahr­heit ist: du weißt es im­mer. Du weißt in je­dem Au­gen­blick, was wirk­lich we­sent­lich ist.

Du weißt, was du tun musst, um in Frie­den ster­ben zu kön­nen.

Du weißt, wem du noch zu ver­ge­ben hast, was du noch ris­kie­ren musst, wie tief du noch lie­ben musst, um am En­de die­ser Reise mit ei­nem stil­len Lä­cheln los­las­sen zu kön­nen. Die Fra­ge ist: Lässt du dei­nen ei­ge­nen Tod so nah an dich her­an­kom­men, dass du dich nicht mehr dumm stel­len kannst?

Dei­nen Tod jetzt und hier nüch­tern zu be­grü­ßen, ist das Ge­gen­teil von To­des­sehn­sucht. Es ist ein Akt tiefs­ten Re­spekts vor dem Wun­der dei­nes Le­bens.

Nut­ze die­sen Tag, um dich auf dei­nen letz­ten Tanz vor­zu­be­rei­ten. Je­nen Tanz, der al­le Aus­re­den, Il­lu­sio­nen und Falsch­hei­ten ver­bren­nen wird. Ein Lieb­ha­ber des Le­bens geht nicht un­vor­be­rei­tet in die­sen letz­ten Tanz. Er trai­niert je­den Tag – mit dem Tod auf sei­ner lin­ken Schul­ter. Wis­se, dass du stirbst. Al­so be­gin­ne zu le­ben. < AUS­ZUG AUS: SEE­LENGE­VÖ­GELT. MA­NI­FEST FÜR DAS LE­BEN

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