DANN WIRD DIE ER­DE GANZ KLEIN

WAR­UM ICH KEI­NE ANGST VOR DEM STER­BEN HA­BE

Auszeit - - Fundsachen - LEILA DREGGER

War­um ver­mei­den die meis­ten Men­schen den Ge­dan­ken ans Ster­ben, so lan­ge sie kön­nen? Kön­nen wir den Tod ins Le­ben ho­len – als Hel­fer­kraft, als Rat­ge­ber? Ich tref­fe Ali­ce Lindstedt und Ir­ma Fäth­ke zu Ku­chen und Tee im Kräu­ter­haus von Ta­me­ra. Mit 82 und 73 Jah­ren ge­hö­ren sie zu den Äl­tes­ten der Ge­mein­schaft. Ali­ce

Ihr Mann starb plötz­lich. Es war auf ei­ner Spa­ni­en­rei­se, nach ei­nem Aus­flug, bei sich dem der er­wach­se­ne Sohn ih­nen an­ge­schlos­sen hat­te. Sie hat­te Gün­ther, ih­ren Mann, noch ge­fragt, ob sie das Au­to fah­ren soll­te, da er ja herz­krank war. Nein, es ge­he ihm gut. „Wir ka­men bis zum Ho­tel, er schal­te­te noch die Zün­dung aus und war weg“, er­zählt sie. Zu­nächst be­griff sie nicht, hielt es für über­trie­ben, als ihr Sohn nach dem Not­arzt rief. „Wir leg­ten ihn dann auf den As­phalt, ich sah sei­ne of­fe­nen Au­gen und wuss­te, er war nicht mehr hier.“Die No­t­ärz­te mach­ten Wie­der­be­le­bungs­ver­su­che. Schließ­lich ga­ben sie auf, und al­les ging nun sehr schnell. „Ich selbst hät­te es ge­braucht, noch ei­ne Wei­le bei sei­nem Kör­per sein, um mich von ihm zu ver­ab­schie­den, aber sie lie­ßen mich nicht. Ich fuhr dem Wa­gen nach und frag­te über­all, wo er sei. Sie dach­ten, ich sei ver­rückt und be­grif­fe nicht, dass er wirk­lich tot ist.“

Mit der Ur­ne fuhr sie schließ­lich nach Hau­se. Sie­ben Wo­chen lang stand die Asche ih­res Man­nes auf ih­rem Ka­min­sims. „Von mir aus hät­te sie dort ste­hen blei­ben kön­nen. Aber ich wuss­te, er woll­te be­er­digt wer­den, er hat­te sich die­se Ze­re­mo­nie ge­wünscht, und so tat ich es dann.“Noch zwei Mal reis­te Ali­ce nach Spa­ni­en, be­such­te die ge­mein­sa­men Or­te, sie emp­fand, das sei­ne See­le dort noch prä­sent war. In­zwi­schen, zwei Jahr­zehn­te spä­ter, ist sie ver­söhnt mit sei­nem Tod.

Was ist der Tod?

Ali­ce, in­zwi­schen Ur­groß­mut­ter, kam zum The­ma Ster­ben durch den Tod ih­rer Mut­ter. „Sie woll­te schon lan­ge ster­ben, und ich glau­be, sie hat ab­sicht­lich den Mo­ment ge­wählt, wo ich bei ihr wach­te, denn im Ge­gen­satz zu mei­nen Ge­schwis­tern konn­te ich sie ge­hen las­sen. Ich dach­te, wenn sie will, dann darf sie auch ster­ben. Ihr At­men wur­de im­mer lang­sa­mer und lei­ser und er­losch schließ­lich ganz. Da war nichts mehr, der Raum war leer. Ich emp­fand kei­ne Trau­er. Aber der gan­ze Raum war vol­ler Lie­be. Von da an woll­te ich wis­sen, was ist der Tod?“

Drei Jah­re lang ar­bei­te­te sie als eh­ren­amt­li­che Ster­be­be­glei­te­rin. „Mei­ne Auf­ga­ben? Ru­hig sein, da sein, zu­hö­ren. Aber auch For­ma­li­tä­ten so­wie die Ver­mitt­lung zwi­schen dem Ster­ben­den, den An­ge­hö­ri­gen und Ärz­ten.“Oft kommt es vor, dass ein Ster­ben­der sei­nen Wunsch – zum Bei­spiel zu Hau­se zu ster­ben oder kei­ne wei­te­re Che­mo­the­ra­pie an­zu­ge­hen – nicht aus­spricht, da er sei­nen An­ge­hö­ri­gen kei­nen Schmerz be­rei­ten oder ih­nen zur Last fal­len will. Ein Ster­be­be­glei­ter kann da als neu­tra­le In­stanz ver­mit­teln.

„Ei­ne Per­son zu ha­ben, die neu­tral

ist, per­sön­lich nicht in­vol­viert ist und trotz­dem ein of­fe­nes Herz und of­fe­nes Ohr hat, ist ein Ge­schenk für den Ster­ben­den.“

Für sich selbst trifft sie kei­ne Vor­sor­ge. „Wenn ich ei­ne Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung ma­chen wür­de, wä­re es, als wür­de ich mich über die Din­ge stel­len, als wüss­te ich es bes­ser. Ich will mein En­de nicht kon­trol­lie­ren, denn ich glau­be, dass wir ein­ge­bun­den sind in ei­ne hö­he­re Weis­heit.

Ich möch­te nichts ver­hin­dern, was das Le­ben oder der See­len­plan für mich be­reit­hält. Ich möch­te bis zum En­de le­ben im Ver­trau­en, im Sin­ne von „Dein Wil­le ge­sche­he!“Mir wä­re ein Gr­ab als Ort des Ge­den­kens nicht wich­tig, das sol­len mei­ne Kin­der ent­schei­den. Aber ich möch­te ein­ge­bun­den sein in die­ses ewi­ge Wer­den und Ver­ge­hen. Mir ge­fällt z.B. die Tra­di­ti­on ei­ni­ger Bud­dhis­ten, die Lei­chen den Gei­ern an­zu­bie­ten und so für de­ren Er­näh­rung zu sor­gen. Es wä­re für mich ein Trost, wenn ich durch mei­nen Tod dem Gan­zen die­nen könn­te.“

Und dann, was kommt nach dem Tod? „Das ha­ben mich auch die Ster­ben­den oft ge­fragt. Da muss­te

ich pas­sen und ha­be manch­mal ei­nem das Ver­spre­chen ab­ge­nom­men, wie­der­zu­kom­men und es mir zu er­zäh­len. Nie­mand weiß es wirk­lich. Ich hof­fe na­tür­lich, an ei­nem Ort im Uni­ver­sum zu sein, von dem aus ich ei­nen Über­blick auf das Gan­ze ha­be und end­lich ver­ste­he, wie al­les zu­sam­men­hängt. Manch­mal kom­me ich dem schon nä­her. Dann wird die

Ir­ma

Die­sem Rat schließt sich Ir­ma an. „Be­schäf­tigt euch mit dem Tod, auch wenn ihr glaubt, da­von noch weit ent­fernt zu sein. Fin­det her­aus, wie ihr am liebs­ten ster­ben wollt, wie ihr be­stat­tet wer­den wollt oder wie man eu­rer ge­den­ken soll, malt es euch rich­tig aus. Die meis­ten ver­mei­den das, denn sie ha­ben Angst da­vor. Aber die Be­schäf­ti­gung mit dem Tod hat mich le­ben­di­ger ge­macht.“

Den Tod an­neh­men

Ein po­si­ti­ves Ver­hält­nis zum Tod muss­te sich Ir­ma erst er­ar­bei­ten. Als im Krieg Ge­bo­re­ne war die Angst vor dem Tod wäh­rend der gan­zen Kind­heit prä­sent. „Ma­ma, bit­te nicht ster­ben“, war ein oft wie­der­hol­ter Satz ih­rer Kind­heit. Ma­ma über­leb­te, aber ihr Va­ter be­ging Selbst­mord, da war sie selbst 21 Jah­re alt. Ih­re Er­schüt­te­rung konn­te sie erst viel spä­ter durch Trau­ma­the­ra­pie los­wer­den.

Wäh­rend ih­res Stu­di­ums der Ve­te­ri­när­me­di­zin mach­te sie auch Nacht­wa­chen in ei­ner In­ten­siv­sta­ti­on. „Als dort ei­ne Frau starb, hät­te ich al­le For­ma­li­tä­ten er­le­di­gen müs­sen, doch Er­de ganz klein, ich schaue auf die Men­schen und den­ke, was ha­ben sie denn al­le, war­um ren­nen sie so her­um?“

Das ein­zi­ge, vor dem sie noch ein we­nig Angst hat, ist, an­de­ren zur Last zu fal­len, pfle­ge­be­dürf­tig und sie­chend zu wer­den. „Doch auch dort gibt es noch et­was für uns zu ler­nen, näm­lich Hil­fe an­zu­neh­men, ich lief ein­fach weg in die dunk­le Nacht. Sie konn­ten mei­nen Lohn ein­be­hal­ten, das war mir egal. Die Kol­le­gin­nen lach­ten über mich, doch ich konn­te nicht er­tra­gen, mit ei­ner Lei­che im sel­ben Raum zu sein.“

Die Wen­de kam auch bei ihr mit dem Tod ih­rer Mut­ter. „Sie woll­te nicht im Kran­ken­haus ster­ben. Al­so er­mög­lich­ten wir es ihr, zu Hau­se zu blei­ben. Es war Som­mer und Voll­mond, wir öff­ne­ten al­le Fens­ter zum Gar­ten. Wir hat­ten wun­der­vol­le Schmet­ter­lings­sträu­cher im Gar­ten, und im Mo­ment ih­res To­des war plötz­lich das Zim­mer vol­ler Schmet­ter­lin­ge. Seit­dem ist der Schmet­ter­ling mein Sym­bol für die Ver­wand­lung des To­des.“

Da­nach än­der­te sich ihr Ver­hält­nis zum Tod. Sie ver­fass­te ei­ne Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung, die sie stän­dig ak­tua­li­siert. Dar­in ste­hen al­le üb­li­chen An­wei­sun­gen – wer zu be­nach­rich­ti­gen ist, wel­che Wie­der­be­le­bungs­maß­nah­me sie wünscht und wel­che nicht, wer ih­re Wün­sche ge­gen­über den Ärz­ten durch­set­zen soll. Dar­über hin­aus schreibt sie im­mer wie­der ak­tu­ell auf, wer bei ih­rem Tod an­we­send sein soll, wie sie be­gra­ben wer­den will und wie zu bit­ten und zu dan­ken.“Dass wir in je­dem Al­ter noch da­zu­ler­nen und uns wei­ter­ent­wi­ckeln kön­nen, ist ei­ne ih­rer Bot­schaf­ten an jün­ge­re Leu­te. Ei­ne an­de­re: „Lebt eu­er Le­ben ganz. Der Tod ist ein Teil da­von, be­schäf­tigt euch mit dem Ster­ben schon heu­te! Je vol­ler ihr eu­er Le­ben lebt, des­to we­ni­ger Angst wer­det ihr vor dem Tod ha­ben.“< sich Men­schen von ihr ver­ab­schie­den sol­len. Wäh­rend sie sich frü­her ge­wünscht hät­te, dass man an ih­rem Ster­be­bett die „In­ter­na­tio­na­le“singt, ist es in­zwi­schen ein wei­che­res Lied aus Afri­ka. Haupt­sa­che, es wer­den nicht zu vie­le from­me Wün­sche aus­ge­spro­chen. In­zwi­schen kann sie sich vor­stel­len, dass sie von na­he­ste­hen­den Men­schen beim Ster­ben be­glei­tet wird. „Es ist mir sehr wich­tig, in ei­ner Ge­mein­schaft zu le­ben, wo man sich um­ein­an­der küm­mert, die ei­nen, wenn es nö­tig ist, Tag und Nacht be­glei­tet. Um­ge­kehrt bin ich der Ge­mein­schaft schul­dig, dass ich sie in­for­mie­re und ihr auch nicht zu vie­le un­ge­klär­te Din­ge über­las­se. Des­halb hal­te ich ei­ne aus­führ­li­che Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung für ei­ne so­zia­le Ver­pflich­tung.“

Ir­ma reis­te jahr­zehn­te­lang in Kri­sen­ge­bie­te, nach Kur­dis­tan, Pa­läs­ti­na, als Hel­fe­rin in Flücht­lings­la­ger, leb­te bei den San­di­nis­ten in Ni­ca­ra­gua, bei In­dia­ner­stäm­men in Ko­lum­bi­en und Gua­te­ma­la. „Ich ha­be dort auch ei­ne an­de­re Kul­tur des Ster­bens er­lebt, nicht wie in Eu­ro­pa, wo man gleich nach dem letz­ten Atem­zug in die Kühl­kam­mer kommt.“Bei ih­rer Mut­ter konn­te sie durch­set­zen, dass

die To­te noch zwei Ta­ge auf­ge­bahrt zu Hau­se lag, bis sich al­le ver­ab­schie­det hat­ten.

„Bei mei­nem Le­ben ha­be ich im­mer ge­dacht, es ist wahr­schein­li­cher, dass ich ir­gend­wann ver­se­hent­lich er­schos­sen wer­de, als dass ich im Bett ster­be. Heu­te fin­de ich vor al­lem wich­tig, dass wir we­der den Tod aus un­se­rem Le­ben ver­drän­gen noch die To­ten. Für mich sind die To­ten ei­ne Ver­pflich­tung. Vor al­lem die­je­ni­gen, die ge­walt­sam und oft an­onym aus dem Le­ben ge­ris­sen wur­den, die Kin­der von Au­schwitz, die Be­frei­ungs­kämp­fer welt­weit, die In­dia­ner – wir Le­ben­den ha­ben die Auf­ga­be, ih­nen die Wür­de und ge­ge­be­nen­falls ih­nen den Na­men wie­der­zu­ge­ben.“Für sich selbst wünscht sich Ir­ma, ei­nes Ta­ges ein­fach aus dem Haus zu ge­hen, sich un­ter ei­nen Baum zu le­gen und zu ster­ben. Noch auf ei­ge­nen Fü­ßen ge­hen zu kön­nen bis zum Le­bens­en­de, das ist ihr gro­ßer Wunsch. Was nach dem Tod kommt? „Ich wür­de am liebs­ten als Baum wie­der­ge­bo­ren, als ein We­sen, das den Men­schen Schat­ten und den Kin­dern Früch­te schenkt.“<

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