Go for, eve­ri

Auszeit - - Fundsachen - Hen­ri­et­te Licht

Die Son­ne stand hoch ge­nug am Him­mel. Zu die­ser Jah­res­zeit blie­ben ihm heu­te noch un­ge­fähr zwei St­un­den, min­des­tens. Ganz egal, er nutz­te je­de mög­li­che Mi­nu­te.

Car­pe diem, flüs­ter­te er vor sich hin. Sein Cou­sin hat­te ihm die­sen Zau­ber­spruch bei­ge­bracht. Es klang ver­hei­ßungs­voll, so als wür­den die­se zwei Wor­te ein Ge­heim­nis in sich ber­gen, das in fer­ner Zu­kunft, ei­nes Ta­ges ir­gend­wann ge­lüf­tet wer­den wür­de. Sein Rü­cken tat ihm weh und die paar blau­en Fle­cken nahm er ge­las­sen. Sein ge­bro­che­ner Fuß war im­mer­hin ver­heilt. Ge­schämt hat­te er sich, als sein Cou­sin ihm das Buch schenk­te, wäh­rend er sich im Kran­ken­bett fast schon zu To­de lang­weil­te.

Sie wa­ren al­so ge­stor­ben, die­se Män­ner, als sie ver­sucht hat­ten, die Schwer­kraft zu über­win­den. Ih­re Flug­ge­rä­te wa­ren in die Ge­schich­te ein­ge­gan­gen und mit ih­nen die Na­men de­rer, die die Mensch­heit ein Stück wei­ter vor­an brin­gen woll­ten. Et­was zu tun, was man liebt und da­mit et­was für an­de­re zu er­rei­chen, er­schien ihm trotz sei­ner we­ni­gen Jah­re, die er auf Er­den weil­te, als das Bes­te über­haupt. Nur ein ein­zi­ges Mal hat­ten sich die an­de­ren Kin­der über ihn lus­tig ge­macht. Na­tür­lich woll­te er sich nicht das Ge­nick bre­chen. Es wä­re im­mer­hin ein kur­zer, schmerz­lo­ser Tod, ulk­ten sie her­um. Er woll­te le­ben.

Sei­nem Cou­sin hat­te er bis ins De­tail er­klärt, wie er sich den ul­ti­ma­ti­ven Pro­to­typ sei­nes Ein-Per­so­nen-Flug­ge­rä­tes vor­stell­te und ihm ge­naue An­wei­sun­gen ge­ge­ben. Der hat­te ein biss­chen mit ihm rum­dis­ku­tiert, um ei­ge­ne, durch­aus prak­ti­sche Ide­en bei­zu­steu­ern und ihn dar­an er­in­nert, dass sein Son­der­sta­tus (al­le sind stets nach­sich­tig und nett) ihm nichts brin­ge. Ver­ar­schen kannst du dich auch al­lei­ne. Kei­ner au­ßer sei­nem Cou­sin re­de­te so mit ihm. Und wer sonst hät­te sich abends nach der Ar­beit noch hin­ge­stellt, um die Pro­duk­ti­on von No. 1 mit äu­ßers­ter Prä­zi­si­on vor­an­zu­trei­ben und tat­säch­lich wahr zu ma­chen? Ihm als ers­tem hat­te er die Dia­gno­se ver­ra­ten. Er war di­rekt nach der Un­ter­su­chung zu ihm ge­gan­gen, weil ihn die Heu­le­rei sei­ner Mut­ter ver­un­si­cher­te. Er hat­te kei­ne Ah­nung, wie er sie trös­ten konn­te (das mach­te ihm Angst) und au­ßer­dem war sie doch ge­sund. Beim ers­ten Flug­ver­such hat­te er sich den Fuß ge­bro­chen. Mitt­ler­wei­le hat­ten sie an No. 4 ge­tüf­telt. Nie auf­ge­ben. Gib nie­mals auf. Geh im­mer wei­ter. Geh so­weit du kannst. Kos­te al­les, was du machst, voll aus. Das wa­ren so Sa­chen, die er die Be­su­cher der an­de­ren Kin­der sa­gen hör­te und hielt es sich selbst vor Au­gen. Er woll­te ge­hen. Er woll­te blei­ben. Er woll­te flie­gen kön­nen. Leicht sein, die Na­tur­ge­set­ze über­win­den. Ein Flug­ge­rät für je­den, um zur rech­ten Zeit am rech­ten Ort zu sein. Bes­ser selbst et­was un­ter­neh­men als dar­auf zu war­ten, dass ir­gend­wann ei­ner das Bea­men er­fand. Al­so rich­tig er­fin­det, nicht bloß die­ses Ge­tue wie im Film.

Sein Cou­sin mein­te, dass es kei­nen Sinn macht, sich aus sei­nem Le­ben weg­bea­men zu wol­len. Sei jetzt hier, sag­te der. Und wie­der stand er auf dem Feld, No. 4 si­cher um­ge­schnallt. Er war jetzt hier und in die­sem Mo­ment spiel­te es für ihn kei­ne Rol­le, dass sich ein Tier durch sei­nen Rü­cken fraß. Sein Cou­sin prüf­te ge­ra­de noch ein­mal die Wind­rich­tung. Die Ta­ge, an de­nen er das Kran­ken­haus ver­las­sen durf­te, wa­ren sel­te­ner ge­wor­den. Wie schreibt man ei­gent­lich „Pal­lia­tiv­sta­ti­on“?, hat­te er sei­ne Mut­ter da­mals ge­fragt. Er zwin­ker­te ihr Bild weg und kon­zen­trier­te sich voll dar­auf, durch­zu­star­ten. Auf ein Neu­es. <

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