Al­te Turm­uh­ren

Auszeit - - INHALT - THO­MAS RIEGLER

# Wie ein Herz­schlag prä­gen sie uns

Turm­uh­ren sind die äl­tes­ten me­cha­ni­schen Uh­ren über­haupt. Man­che von ih­nen ar­bei­ten seit Jahr­hun­der­ten und sind Zeu­gen, wie sich un­ser Zei­t­emp­fin­den ver­än­dert hat. Einst für die Ewig­keit ge­schaf­fen, sind sie längst Kul­tur­schät­ze.

In der schon lan­ge zu­rück­lie­gen­den Ver­gan­gen­heit spiel­te Zeit noch nicht je­ne Rol­le, die ihr heu­te bei­ge­mes­sen wird. Frei­lich war Zeit auch schon vor über tau­send Jah­ren wich­tig. Da­mals ge­nüg­te den Men­schen aber der Lauf der Son­ne. Sie mar­kier­te den Mor­gen und Abend und wenn sie am höchs­ten stand, die Ta­ges­mit­te. Der wich­tigs­te Zeit­mes­ser war da­mals der Ka­len­der. Ihm ent­nah­men die Men­schen, wann es Zeit wur­de, die Fel­der zu be­stel­len und ab wann sie sich Ge­dan­ken über den her­an­na­hen­den Win­ter ma­chen soll­ten. Das reich­te da­mals und stellt auch heu­te noch die Grund­la­ge un­se­res Le­bens dar.

Ei­ne ge­naue­re Zeit­ein­tei­lung wur­de erst für den Um­gang mit Mit­men­schen wich­tig. Für Ver­samm­lun­gen, wie et­wa zu Got­tes­diens­ten, ge­nüg­ten Glo­cken­zei­chen.

Ers­te Turm­uh­ren

Ab dem spä­ten Mit­tel­al­ter fan­den Turm­uh­ren wei­te Ver­brei­tung. Sie zähl­ten zum Mo­derns­ten, was die Welt da­mals zu bie­ten hat­te und wa­ren ent­spre­chend teu­er. Von ei­ner ein­zi­gen Turm­uhr pro­fi­tier­ten die Be­woh­ner gan­zer Dör­fer und de­ren Um­land. Die ab Mit­te des

14. Jahr­hun­derts in­stal­lier­ten Uh­ren wa­ren so ge­nann­te Schlag­uh­ren. Zei­ger und Zif­fern­blät­ter wa­ren bei ih­nen noch nicht vor­ge­se­hen. Statt­des­sen ga­ben sie die St­un­den au­to­ma­ti­siert über Glo­cken­schlä­ge weit­hin hör­bar, kund. In ei­ner Welt oh­ne Stra­ßen­ver­kehrs­lärm war es noch un­gleich ru­hi­ger als heu­te, wo­mit die Glo­cken­schlä­ge über vie­le Ki­lo­me­ter bes­tens zu hö­ren wa­ren. Noch vor rund 80 bis 90 Jah­ren rich­te­ten sich die Bau­ern, Knech­te und Mäg­de auf den Fel­dern fern ih­res Dor­fes aus­schließ­lich nach den Glo­cken­schlä­gen. Heu­te kann man sie oft nicht mal mehr in ei­nem Ki­lo­me­ter Ent­fer­nung aus dem Um­welt­lärm aus­ma­chen.

Einst ver­kün­de­ten Glo­cken nicht nur die Zeit. Sie ga­ben auch Ge­bets­zei­ten vor und re­gel­ten den Ar­beits­tag. Wei­ter dien­ten sie als In­for­ma­ti­ons­me­di­um. Sie warn­ten vor her­an­na­hen­den Stür­men, schlu­gen Alarm bei Feu­er und ver­kün­de­ten, wenn ein Be­woh­ner der Dorf­ge­mein­schaft sei­nen Weg in die Ewig­keit an­ge­tre­ten hat­te.

Zei­ge­ruh­ren

Ers­te Zei­ge­ruh­ren wur­den et­wa ab dem Be­ginn der Neu­zeit in­stal­liert. sie be­gnüg­ten sich mit dem St­un­den­zei­ger. Dar­an soll­te sich bis weit ins 18. Jahr­hun­dert we­nig än­dern. Ei­ner­seits, weil es den Leu­ten von da­mals nicht wich­tig war, die mi­nu­ten­ge­naue Zeit zu wis­sen und an­ders­eis wa­ren die Turm­uh­ren oh­ne­hin so un­ge­nau, dass ein Mi­nu­ten­zei­ger we­nig Sinn mach­te. Durch den tech­ni­schen Fort­schritt wur­den die Uh­ren ge­nau­er und läu­te­ten so den Ein­zug des Mi­nu­ten­zei­gers ein. Nicht nur neue

Mo­del­le, son­dern auch be­reits vor­han­de­ne be­ka­men die Er­wei­te­rung des Mi­nu­ten­zei­gers. Der gro­ße, wich­ti­ge Zei­ger blieb aber der St­un­den­zei­ger. Wes­halb man heu­te noch auf man­chen Kirch­turm­uh­ren ei­nen lan­gen St­un­den- und ei­nen kur­zen Mi­nu­ten­zei­ger vor­fin­det. Von ih­nen die kor­rek­te Zeit ab­zu­le­sen, mag schon ei­ne ge­wis­se Her­aus­for­de­rung sein. Vor al­lem für die jüngs­te Ge­ne­ra­ti­on, die die Uhr­zeit nur noch als meist vier­stel­li­gen Zah­len­wert von ih­rem Smart­pho­ne ken­nen.

Ehr­furchts­vol­le Stil­le

Auf die Fra­ge, wo es in und um Ös­ter­reich schö­ne, rich­tig al­te Turm­uh­ren zu se­hen gä­be, wur­de mir vom Salz­bur­ger Turm­uhr­spe­zia­lis­ten und Re­stau­ra­tor Micha­el Neu­rei­ter die der Pfarr­kir­che Ax­ams, west­lich von Inns­bruck, mit den Wor­ten: „Sie ist das ul­ti­ma­ti­ve Uhr­werk. Ei­ne schö­ne­re und äl­te­re wird man bei uns kaum fin­den“, emp­foh­len. Der mäch­ti­ge go­ti­sche Turm der Kir­che wur­de 1512 er­rich­tet. Über ei­ne en­ge, stei­leTrep­pe geht es den Turm hoch. Auf hal­bem Weg ent­de­cken wir drei an di­cken Sei­len be­fes­tig­te Ge­wich­te. Sie sind aus ro­hen St­ei­nen ge­fer­tigt, durch de­ren Mit­te je ein Loch ge­bohrt wur­de. Zwei die­ser 60, 77 und

95 kg schwe­ren Ge­wich­te, sol­len aus der Ent­ste­hungs­zeit der Uhr stam­men.

Zum Schutz ge­gen Schmutz ist die Turm­uhr in ei­ner Uh­ren­stu­be un­ter­ge­bracht.Und hier steht es, das kost­ba­re go­ti­sche Turm­uhr­werk mit Geh- und St­un­den­schlag­werk! Es wur­de zwi­schen 1523 und 1525 vom Turm­uhr­bau­er Kon­rad Gri­en­ber­ger an­ge­fer­tigt, der da­für einst 60 Gul­den be­kom­men hat­te. Ehr­furchts­vol­le Stil­le er­füllt den klei­nen Raum. Kein Ti­cken, kein Kla­cken. Nach ih­rer Re­no­vie­rung wä­re die Uhr zwar voll funk­ti­onsf ähig, aber in der heu­ti­gen Zeit

will erst ein­mal je­mand ge­fun­den wer­den, der die ins­ge­samt drei Uhr­wer­ke je­den Tag auf­zieht. In sei­nem In­ne­ren ent­de­cken wir meh­re­re Ver­stre­bun­gen und ge­schmie­de­te Wel­len, auf de­nen grö­ße­re und klei­ne­re Zahn­rä­der in al­len er­denk­li­chen For­men mon­tiert sind. Da­zwi­schen be­fin­det sich im­mer wie­der Platz für Ver­zie­run­gen, ge­dreh­te Stä­be, gezwir­bel­te Spit­zen und klei­ne Dra­chen­köp­fe. Da und dort fal­len klei­ne Ei­sen­kei­le auf, die die Kon­struk­ti­on zu­sam­men­hal­ten. Dass je­des Ein­zel­teil in mü­he­vol­ler Hand­ar­beit ge­fer­tigt wur­de, sieht man der Uhr an. Wie et­wa bei den drei mit Me­tall­rin­gen be­schla­ge­nen Holz­wal­zen.

Man spürt, wie die Zeit in die­ser Uh­ren­stu­be ste­hen ge­blie­ben ist. Der Geist von vor 500 Jah­ren ist im­mer noch fühl­bar prä­sent.

Ein Zei­ger ge­nügt

Ein wei­te­res Uh­ren-Klein­od er­war­tet uns in der Pfarr­kir­che Rang­gen, et­wa 10 km von Ax­ams ent­fernt. Die ba­ro­cke Kir­che wur­de von 1775 bis 1778 er­rich­tet. Da­bei wur­de de­ren Turm nur auf­ge­stockt und er­hielt noch zwei ur­sprüng­li­che Zif­fern­blät­ter, da­tiert mit 1528. Sie sind die weit­hin sicht­ba­ren Über­res­te ei­ner nicht mehr vor­han­de­nen go­ti­schen Uhr. Die neue Turm­spit­ze wird von vier Zif­fern­blät­tern ver­ziert, auf de­nen je ein Zei­ger die Zeit in St­un­den ver­kün­det. Das Uhr­werk stammt aus der Zeit um 1780. Ähn­lich wie bei der Turm­uhr von Ax­ams ist es in ei­ner en­gen Uh­ren­stu­be un­ter­ge­bracht. Wäh­rend des Auf­stiegs kom­men wir auch hier an drei Ge­wich­ten vor­bei, dies­mal in Form von mäch­ti­gen, mit St­ei­nen be­füll­ten Hol­zei­mern. Et­was dar­über ist der elek­tri­sche

Teil der Turm­uhr mon­tiert. Sie wird über Mo­to­ren auf­ge­zo­gen. Das ge­schmie­de­te, aus meh­re­ren Stan­gen zu­sam­men­ge­setz­te Pen­del, wird per Licht­schran­ke über­wacht.

Ei­ne Eta­ge hö­her ist die his­to­ri­sche Uhr un­ter­ge­bracht. Sie ist nur ge­ring­fü­gig klei­ner als je­ne in Ax­ams. Ihr lang­sa­mes, be­ru­hi­gen­des Tick-Tick-Tick er­füllt den Raum. Ab­ge­se­hen vom Pen­del, be­we­gen sich ih­re Zahn­rä­der fast un­be­merkt lang­sam. Nur, wäh­rend sie für den Vier­tel­stun­den- und St­un­den­schlag sorgt, scheint sich in ihr al­les zu dre­hen und zu be­we­gen.

Das me­tal­le­ne Ge­räusch die­ser Ei­sen­uhr er­füllt den Turm bei­na­he ein vier­tel Jahr­tau­send. Sie ist ähn­lich wie je­ne in Ax­ams auf­ge­baut, al­so eben­falls mit ei­nem von Kei­len zu­sam­men­ge­hal­te­nem Ei­sen­rah­men, Sechs­kant­wel­len, so­wie mäch­ti­gen Wal­zen und Zahn­rä­dern. Ob­wohl man auch an die­ser Uhr je­den Ham­mer­schlag der ge­schmie­de­ten Kom­po­nen­ten er­ken­nen und so­gar füh­len kann, wirkt sie ir­gend­wie mo­der­ner. Kein Wun­der. Schließ­lich wer­den sich die Fer­ti­gungs­me­tho­den seit der Go­tik wei­ter­ent­wi­ckelt ha­ben. Den­noch: Hier scheint die Zeit ste­hen ge­blie­ben zu sein. Hier ge­ben sich die Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart die Hand. Hier spürt man, wie zeit­los Zeit sein kann.

Ver­steck­te Klein­ode

Micha­el Neu­rei­ter zeigt fer­ner, dass se­hens- und er­hal­tens­wer­te Uhr­wer­ke nicht zwin­gend groß und in be­kann­ten Ge­bäu­den zu fin­den sein müs­sen.

So et­wa am Bei­spiel des al­ten Mei­er­ho­fes Zell­hof bei Matt­see im Bun­des­land Salz­burg. Zu ihm ge­hört auch ei­ne klei­ne, in ih­ren

Ur­sprün­gen ro­ma­ni­sche Kir­che.

Ein Blick auf die Turm­uhr lässt ver­mu­ten, dass hier die fal­sche Zeit an­ge­zeigt wird. Mit­nich­ten. Hier wur­de der Mi­nu­ten­zei­ger erst spä­ter nach­ge­rüs­tet. Und da man ihn als nicht so wich­tig wie den St­un­den­zei­ger emp­fun­den hat­te, wur­de er ein­fach klei­ner ge­macht.

Die Turm­uhr stammt aus der Zeit um 1780 und ist mit ei­nem Ge­hund Schlag­werk aus­ge­stat­tet.

Ein wei­te­res Klein­od fin­den wir in ei­nem Ne­ben­ge­bäu­de des Schlos­ses Kleß­heim in Salz­burg. Die Uhr ist in ei­ner klei­nen, aus­nahms­wei­se hel­len, Turm­stu­be un­ter­ge­bracht. Das Uhr­werk stammt von 1732 und be­sitzt ne­ben dem Geh­werk für die An­zei­ge der Uhr­zeit, auch ein St­un­den- und Vier­tel­stun­den­schlag­werk. Auch hier ist wie­der das be­ru­hi­gen­de Tick-Tack zu ver­neh­men, das ver­hält­nis­mä­ßig laut den Raum schon seit fast drei Jahr­hun­der­ten er­füllt. Ihr Ti­cken ist ein­mal mehr der Be­weis, dass die zahl­los wir­ken­den Zahn­rä­der in Be­we­gung sind. Fast un­merk­lich für un­se­re Au­gen, die ab­ge­lenkt sind, von all der Schmie­de­kunst und Ver­zie­run­gen, die da und dort zu ent­de­cken sind. Die­se we­ni­gen Bei­spie­le zei­gen, welch rei­che Ge­schich­te hin­ter der Zeit­neh­mung und dem Zei­t­emp­fin­den über Jahr­hun­der­te hin­weg steckt. Zeit ist nicht nur et­was Ver­gäng­li­ches, was im­mer zu we­nig er­scheint, son­dern ein wich­ti­ges Gut für die an­ge­neh­men Din­ge des Le­bens. Wenn wir nur wol­len. <

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.