Ne­bel­zau­ber

Der Ne­bel ist der Bru­der der Stil­le. Dort, wo er sich über die Land­schaft legt, scheint sie wie in tie­fem Schlaf. Al­les um uns her­um ent­zieht sich un­se­ren Bli­cken und strahlt ei­ne ganz be­son­de­re Ru­he aus. Mo­men­te, in de­nen auch wir zur Ru­he fin­den …

Auszeit - - INHALT - UWE FUNK

# Und dann wur­de es ganz still

Zu mei­nen schöns­ten Er­in­ne­run­gen ge­hö­ren meine Som­mer­ta­ge am Was­ser. Jahr für Jahr ha­be ich meine Fe­ri­en im Som­mer­haus mei­ner El­tern ver­bracht. Spä­ter dann den Ur­laub, mit den Kin­dern oder al­lein. Und im­mer wa­ren das Ta­ge, die nicht nur von der Wär­me der Fa­mi­lie ge­tra­gen wur­den, son­dern auch da­von, dass ich zur Ru­he kom­men konn­te und das Ge­fühl hat­te, die Uh­ren gin­gen lang­sa­mer, in ei­nem ganz an­ge­neh­men, wohl­tu­en­den Sin­ne.

Ein lei­ser Mor­gen

Schon in mei­ner Ju­gend ha­be ich den Un­ter­schied nicht nur ge­spürt, son­dern auch ge­nos­sen: Der Stress der mit Schu­le und Ter­mi­nen voll­ge­stopf­ten Ta­ge konn­te von mir ab­fal­len, die Ge­dan­ken konn­ten zur Ru­he kom­men. Lan­ge Zeit war ich der­je­ni­ge in der Fa­mi­lie, der die Fe­ri­en auch da­zu nutz­te, rich­tig aus­zu­schla­fen. Wäh­rend mein Va­ter und meine Ge­schwis­ter sehr früh auf wa­ren, um zum An­geln aufs Was­ser zu fah­ren, hab ich mich im Bett noch­mal um­ge­dreht und ha­be mich in den Tag ge­träumt. Es war für mich ei­ne Hor­ror­vor­stel­lung, qua­si mit­ten in der Nacht auf­zu­ste­hen, nur um den Fi­schen auf­zu­lau­ern und auf das Glück zu hof­fen, ei­ni­ge da­von mit nach Hau­se zu brin­gen.

Aber ir­gend­wann hat­te es dann auch mich er­wischt. Und Schuld dar­an war der Zau­ber der som­mer­li­chen Mor­gen­stun­den, der mich mehr und mehr in den Bann zog. Es war für mich ein wun­der­vol­les Ge­fühl, qua­si ge­mein­sam mit dem Tag wach zu wer­den, die ers­ten Vö­gel zu hö­ren, de­ren Ge­sang in der

Stil­le des Ta­ges­an­bruchs so deut­lich und nah klang, als sä­ßen die Sän­ger auf mei­ner Schul­ter. Die Luft war herr­lich frisch, der Son­nen­auf­gang stand noch be­vor und kün­dig­te sich be­reits an: Der dun­kel­blaue Him­mel be­kam schon ei­nen oran­ge-ro­ten Rand, dort, wo bald die Son­ne auf­ge­hen wür­de. Und dann war da noch der Ne­bel …

Wie in den Wol­ken

Ein Mor­gen, der sich mir be­son­ders ein­ge­prägt hat, be­gann wie vie­le die­ser An­gel­mor­gen. Wir pack­ten un­se­re Uten­si­li­en zu­sam­men, schmier­ten wie je­des Mal un­se­re Bro­te, er­in­ner­ten uns ge­gen­sei­tig dar­an, die Son­nen­creme nicht wie­der zu ver­ges­sen. Denn es soll­te ein präch­ti­ger Som­mer- und Son­nen­tag wer­den. Als wir dann am Boot wa­ren und auf das Was­ser blick­ten, war die­ses kaum zu se­hen – ei­ne dich­te Ne­bel­bank lag di­rekt vor der Ha­fen­aus­fahrt, und das spie­gel­glat­te Was­ser schien sich förm­lich in Ne­bel auf­zu­lö­sen. Lang­sam fuh­ren wir mit dem Boot hin­aus, un­se­ren ge­wohn­ten Weg, oh­ne ihn wirk­lich zu se­hen. Der Ne­bel ver­barg je­de Mar­kie­rung, die Bo­jen wa­ren vom Ne­bel ver­schluckt, das Ufer der ge­gen­über­lie­gen­den In­sel un­se­ren Bli­cken ent­zo­gen. Je tie­fer wir in den Ne­bel ein­tauch­ten, des­to fas­zi­nie­ren­der wur­de es. Ich hat­te ei­nen solch dich­ten Ne­bel noch nicht er­lebt ge­habt – wenn man sei­nen Arm in Rich­tung Was­ser aus­streck­te, be­gann die ei­ge­nen Hand im Ne­bel zu ver­schwin­den. Es war,

als füh­re man durch ei­ne dich­te Wol­ke. Und je we­ni­ger zu se­hen war, des­to ei­gen­tüm­li­cher wur­de die Stil­le um uns her­um. Selbst das Tu­ckern des Mo­tors schien Teil die­ser be­son­de­ren At­mo­sphä­re zu sein. Es war über­deut­lich zu hö­ren, aber ir­gend­wie schien es den­noch lei­ser zu sein als sonst, so, als gä­be sich der Mo­tor Mü­he, die­sen ma­gi­schen Mo­ment nicht zu stö­ren. Als wir ihn dann aus­stell­ten und den An­ker war­fen, wur­de die Stil­le bei­na­he ab­so­lut – das akus­ti­sche Grund­rau­schen, das uns durch die meis­ten Ta­ge un­se­res Le­bens be­glei­tet, war ver­schwun­den. Ab und an durch­brach ein kur­zes Plät­schern die Laut­lo­sig­keit, wenn ein klei­ner Fisch für ei­nen klit­ze­klei­nen Mo­ment an die Was­ser­ober­flä­che kam. Von ganz weit weg war ein ein­zel­ner Trak­tor zu hö­ren, auch dort wa­ren Früh­auf­ste­her un­ter­wegs. Mit der Zeit wur­de der Ne­bel lich­ter, und spä­tes­tens als die Son­ne in vol­ler Grö­ße über den Ho­ri­zont ge­stie­gen war, be­gann er sich ganz auf­zu­lö­sen. Aus dem fas­zi­nie­rend „ne­bu­lö­sen“Som­mer­mor­gen wur­de ein wun­der­ba­rer Son­nen­tag ...

Die Zeit an­hal­ten

Mit mei­nen El­tern und Ge­schwis­tern wohn­te ich am Ran­de ei­ner klei­nen Stadt. Le­ben­dig ge­nug, um ein an­ge­nehm sanf­tes Stadt­ge­räusch zu er­zeu­gen, aber weit ent­fernt von der Ge­räusch­ku­lis­se ei­ner Groß­stadt, vor der ich im Mo­ment die­se Zei­len schrei­be. Den­noch hat­te ich es da­mals ge­liebt, mich aufs Fahr­rad >

zu schwin­gen und noch ein paar Ki­lo­me­ter stadt­aus­wärts zu fah­ren. Mir den Kopf frei ra­deln, auf dem Weg zu mei­ner Lieb­lings­stel­le: ein klei­nes Stück Wie­se, in der Mit­te ei­ne gro­ße Bu­che und rings­um Raps­fel­der – ein blü­hen­des Gelb bis zum Ho­ri­zont. Manch­mal ha­be ich stun­den­lang dort auf der Wie­se ge­le­gen und in den Som­mer­him­mel ge­schaut. Ab und an hat­te ich auch ei­ne klei­ne Mund­har­mo­ni­ka mit und spiel­te vor mich hin, ganz me­lo­di­ös, wie ich fand. Aber es war ja auch nie­mand da, der mir dar­in wi­der­spre­chen konn­te ...

Auch hier hat sich mir ein Bild ein­ge­prägt, das für mich so ty­pisch som­mer­lich, so ty­pisch ru­hig war. Und das war ei­ne am Him­mel ste­hen­de und träl­lern­de Ler­che. Die Ler­chen stel­len sich ja be­kann­ter­ma­ßen ge­gen den Wind, so dass es von un­ten scheint, als wür­den sie in der Luft un­be­weg­lich an der Stel­le ste­hen. Für mich er­zeug­te das ein Ge­fühl von an­ge­hal­te­ner Zeit. Rings­um wei­te Fel­der, von de­nen ab und an ein lei­ses Bie­nen­sum­men her­über­weh­te, über mir das sanf­te Blät­ter­ra­scheln der Bu­che und weit oben ei­ne Ler­che, die vor sich hin träl­lert. Das wa­ren für mich Mo­men­te, in de­nen al­les in mir zur Ru­he kam, je­der Druck, je­de Hek­tik von mir ab­fiel. Ganz oh­ne, dass ich Be­grif­fe wie „Acht­sam­keit“oder „Ent­schleu­ni­gung“kann­te, ganz oh­ne Atem­übun­gen oder ge­führ­te Me­di­ta­tio­nen. Son­dern ein­fach so. Und ein­fach schön.

Ru­he su­chen

Klar, nicht im­mer hat man die Ge­le­gen­heit, sich dort­hin zu­rück­zu­zie­hen, wo die Stil­le qua­si na­tur­ge­ge­ben ist. Nicht im­mer ist der Ne­bel so ro­man­tisch, wie bei ei­nem Son­nen­auf­gang auf spie­gel­glat­ter See. Man­chem Au­to­fah­rer er­scheint der Ne­bel als genau das Ge­gen­teil – näm­lich dann, wenn der Ne­bel schwa­den­wei­se über die Au­to­bahn treibt und den Heim­weg ver­län­gert, al­so eher Druck er­zeugt. Und selbst in­mit­ten wei­ter Fel­der ist es al­les an­de­re als still, wenn die Ko­lon­nen der Mäh­dre­scher rund um die Uhr ih­re Bah­nen zie­hen. Aber den­noch, wer sucht, der fin­det es auch, sein Stil­le-Re­fu­gi­um, und die Zeit, sich dort­hin zu­rück­zu­zie­hen, um den Ak­ku auf­zu­la­den. Mal ganz nah, mal wei­ter weg, der ei­ne spon­tan und bei­na­he übe­r­all, der an­de­re nur, wenn er sich das in den Ka­len­der ein­trägt und sei­nen Atem­übungs­bo­gen mit­nimmt. Haupt­sa­che man ver­liert es nicht ganz aus dem Blick, im­mer wie­der zur Ru­he zu kom­men, den Ge­räusch­tep­pich ein­zu­rol­len, um den Klang der

Stil­le in sich auf­zu­neh­men.

Am En­de des Tages

Ich ha­be im­mer ei­nen ganz deut­li­chen Un­ter­schied ge­spürt, zwi­schen der Stim­mung zum Ta­ges­an­bruch und der zum Aus­klang des Tages. Auch wenn die Fo­tos von Son­nen­au­fund Son­nen­un­ter­gän­gen sich ziem­lich äh­neln, ist das Ge­fühl beim Er­le­ben die­ser St­un­den schon je­weils ein ganz an­de­res. Wäh­rend man die Fri­sche des Som­mer­mor­gens förm­lich rie­chen kann, so zieht der Son­nen­un­ter­gang ei­nen Strich un­ter den Tag, des­sen Staub und Lärm im­mer noch ein we­nig in der Luft hängt. Und es ist je­des Mal auch ein klei­ner Ab­schied, ir­gend­wo zwi­schen Ro­man­tik und Me­lan­cho­lie, wenn die Son­ne hin­ter dem Ho­ri­zont ver­sinkt. Ich ha­be die­sen An­blick oft ge­nos­sen, al­lein, oder auch zu zweit, meis­tens aber schwei­gend, lä­chelnd, mit den Ge­dan­ken weit weg.

Bis dann der Ne­bel wie­der­kam. Nicht der vom Mor­gen, den die auf­stei­gen­de Son­ne dann weg­zog, wie ei­ne Bett­de­cke. Son­dern der Ne­bel, der ei­nen frös­teln lässt. Kein wirk­lich un­an­ge­neh­mes Frös­teln, son­dern ei­nes, das ei­nen mo­ti­viert, sich in ku­sche­li­ge Wär­me zu be­ge­ben, al­so qua­si zu­rück un­ter die Bett­de­cke. Ru­he­mo­men­te ganz an­de­rer Art, der Wech­sel von den Tag­träu­men zu de­nen der Nacht. Bis dann der nächs­te Mor­gen ei­nen neu­en Tag bringt, der wie­der ein wun­der­vol­ler Tag sein kann, ob nun mit oder oh­ne Ne­bel. <

Wer sucht, der fin­det es auch, sein Stil­le-Re­fu­gi­um, und die Zeit, sich dort­hin zu­rück­zu­zie­hen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.