VW Kä­fer 1302

Ein 72er Kä­fer mit 50 PS ge­gen den KdF-Wa­gen mit 25 PS: Wie sich die tech­ni­sche Ent­wick­lung vom Ba­sis-Pro­dukt bis zum Welt­meis­ter un­se­rer Ta­ge ver­scho­ben hat, un­ter­sucht die­ser Be­richt

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT - [ TEXT Be­ar­bei­tung Tim Ne­u­mann FO­TOS Wolf­gang Dreh­sen ]

Au­to Zeitung fuhr, ehe die­ser Ver­gleichs­re­port zwi­schen Groß­va­ter und En­kel mög­lich war, drei KdF-Wa­gen. Den äl­tes­ten noch le­ben­den Ver­tre­ter der Fa­mi­lie be­sitzt das VWWerk. Er wird neu­er­dings auf Welt­meis­ter-Aus­stel­lun­gen her­um­ge­reicht und kann sich tat­säch­lich se­hen las­sen. Es ist das drit­te Au­to von über 15 Mil­lio­nen, trägt die Pro­duk­ti­ons­zif­fer 3803 und führt ei­nen pro­mi­nen­ten Erst­be­sit­zer im Kfz-Brief: Fer­di­nand Por­sche. Der Kon­struk­teur fuhr den KdF als Di­enst­wa­gen, und nach häu­fi­ge­rem Be­sit­zer­wech­sel ab­sol­vier- te das Au­to in Hän­den ver­schie­dens­ter Fah­rer ins­ge­samt 480.000 Ki­lo­me­ter. Und es läuft im­mer noch. Schep­pernd zwar, in al­len Ton­la­gen sin­gend und heu­lend, je­doch kei­nes­wegs ver­en­dend. Weil je­doch ei­ne zünf­ti­ge Meß­fahrt die­sem Wa­gen al­le Pa­ti­na aus dem 985-ccm-Mo­tor mit 23,5 PS ge­bla­sen und vi­el­leicht auch ei­nen In­farkt zur Fol­ge ge­habt hät­te, schloß sich ei­ne er­bar­mungs­lo­se Su­che nach rüs­ti­ge­ren Ver­tre­tern der KdF-Se­rie an. Da fand sich die Pro­duk­ti­ons­num­mer 506 aus dem Kriegs­jahr 1943, die heu­te dem VW- und Por­sche-Händ­ler Au­to-Ma­gner in Wup­per­tal ge­hört. Erst­be­sit­zer die­ses Au­to­mo-

bils war die Reichs­post, und nach­dem das Schick­sal die­sen Kä­fer in vie­le Hän­de spiel­te, un­ter­nahm ein Tsche­che da­mit ei­ne Rei­se durch die Bun­des­re­pu­blik, die in Ma­g­ners VW-Be­trieb en­de­te. Denn hier er­kann­te man schlag­ar­tig ei­nen wert­vol­len Fund und ent­schä­dig­te den öst­li­chen Nach­barn an­ge­mes­sen für sein 430.000 Ki­lo­me­ter al­tes Au­to, das seit­dem Aus­stel­lungs-und Wer­be­zwe­cken dient und nur noch von er­le­se­nem Per­so­nal be­wegt wer­den darf. Der drit­te KdF, der oh­ne Hem­mun­gen dann auch die Meß­fahr­ten ab­sol­vier­te, ist ein Ex­em­plar aus dem Jah­re 1939. Er ge­hört der Ham­bur­ger Fir­ma Raf­fay, und der Be­sit­zer fand das Ex­em­plar nach sys­te­ma­ti­scher Su­che recht platt- ge­drückt un­ter ei­ner ein­ge­stürz­ten Ge­bäu­de­wand in Ber­lin. Im Zu­ge der Re­stau­ra­ti­on die­ses Au­tos er­hielt der KdF den 1,2 Li­ter-Mo­tor, der ei­gent­lich erst ab Bau­jahr 1943 se­ri­en­mä­ßig ein­ge­baut wur­de. Die­ser Bo­xer, der statt 23,5 PS über 25 PS ver­fügt, klang noch hin­rei­chend ge­sund und ab­sol­vier­te Sprint- und Höchst­ge­schwin­dig­keits­mes­sun­gen ver­hält­nis­mä­ßig sou­ve­rän. Wäh­rend man sich fragt, ob die Le­bens­ge­schich­ten der ein­zel­nen Au­tos, die Krieg, un­zäh­li­ge Be­sit­zer und al­le Ar­ten von Ben­zin er­lit­ten ha­ben, nicht wich­ti­ger sind als das Ver­hält­nis von Boh­rung zu Hub, La­ge der No­cken­wel­le und Bau­art des Brems­sys­tems, zieht der KdF sei­ne In­sas­sen mit ein-

fachs­ten Hilfs­mit­teln in sei­nen Bann: mit Krach, hef­ti­gen Ver­ti­kal­schwin­gun­gen und Ge­ruch. Wäh­rend von au­ßen all­zu gro­ße Un­ter­schie­de zwi­schen ei­nem KdF-Wa­gen von 1939 und ei­nem 1302 L heu­ti­ger Ta­ge auf den ers­ten Blick nicht aus­zu­ma­chen sind, ge­winnt mit dem Be­tä­ti­gen der Zün­dung schlag­ar­tig das au­to­mo­bi­le Mit­tel­al­ter Gestalt. Als Bil­ligst-Au­to ge­plant, stellt der KdF näm­lich kaum mehr dar als ei­ne mo­tor­ge­trie­be­ne Blech­schach­tel: Dämm-Ma­te­ri­al zum Schut­ze von Oh­ren und Ner­ven oder gar zur För­de­rung jed­we­der Kon­ver­sa­ti­on im In­nen­raum wä­re pu­re Ver­schwen­dung ge­we­sen. Den­noch muß man Por­sches Volks­wa­gen hoch an­rech­nen, daß be­reits se­ri- en­mä­ßig ei­ne Art Hei­zung vor­han­den war. Cho­ke und Hei­zungs­knopf sit­zen im KdF auf dem Mit­tel­tun­nel, wäh­rend der En­kel über He­bel für Frisch- und Warm­luft ver­fügt. Ob­wohl beim KdF äu­ßerst pri­mi­tiv aus­ge­führt, er­freut die Ar­ma­tu­ren­ta­fel des 38er Kä­fers be­reits durch Über­sicht­lich­keit und be­ste­chend schlich­te Aus­füh­rung. Nur die al­ler­wich­tigs­ten Din­ge sind vor­han­den, von Blick­fän­gern oder gar Sty­ling kann kei­ne Re­de sein. In die­ser Hin­sicht hat sich bis zum heu­ti­gen Ta­ge recht we­nig ge­än­dert, wenn­gleich die Ar­ma­tu­ren­ge­stal­tung den ge­stie­ge­nen Si­cher­heits­an­sprü­chen an­ge­gli­chen ist und auch weit­aus ge­fäl­li­ger wirkt: groß­flä­chi­ge Prall-Spei­chen

am Lenk­rad des 72er Kä­fer, ein spar­ta­ni­sches Drei­spei­chen-Ru­der im Vor­kriegs-VW. Da­für ver­fügt der Old­ti­mer über zwei ge­schlos­se­ne Abla­ge­fä­cher, ein Vor­teil, der noch heut­zu­ta­ge in ei­nem Test et­li­che Plus­punk­te brin­gen wür­de. Da­mit es auch kei­ne Irr­tü­mer über die Ord­nung im Ge­trie­be gibt, ziert ei­ne gro­ße Schalt­sche­maGra­fik das Ar­ma­tu­ren­brett des Di­enst­au­tos von Fer­di­nand Por­sche. Von H-Sys­tem kann bei die­sem Vier­gang-Ge­trie­be kei­ne Re­de sein. Und wer den Ve­te­ra­nen ein­mal fährt, kann oh­ne hin­rei­chen­de Übung tat­säch­lich nur nach die­ser op­ti­schen Vor­la­ge schal­ten: Ei­ne ver­nünf­ti­ge Schalt­he­bel-Füh­rung gibt es nicht, und man ist schnel­ler im Rück­wärts­gang als im Zwei­ten. So ist auch wie­der ei­ni­ge Übung er­for­der­lich, um mit sanf­tem Zwi­schen­gas ge­räusch­los die Gän­ge zu wech­seln. Und da muß sich der Fah­rer auch an die Pe­da­le ge­wöh­nen, die – das Al­ter macht sich be­merk­bar – wack­lig, je­doch un­ver­min­dert funk­ti­ons­tüch­tig aus­kup­peln, brem­sen, gas­ge­ben. Dem win­zi­gen Gas­pe­dal mit der Rol­le, das in den Jah­ren zahl­rei­cher Än­de­run­gen dem groß­zü­gi­gen Tritt­brett ge­wi­chen ist, ver­langt der spar­ta­nisch be­stück­te Klein-Bo­xer im Heck nur zwei Ar­beits­po­si­tio­nen ab: Voll­gas und Leer­lauf. Ob­wohl eher als Mu­se­ums­stück be­han­delt denn als all­tags­taug­li­ches Fahr­ge­rät, ver­blüff­te der KdF im Test­ein­satz durch ein spon­ta­nes An­sprin­gen nach Druck auf den Start­knopf un­ter dem Ar­ma­tu­ren­brett. Nach­dem der 25-Li­terRund­tank mit sei­nem kom­pli­zier­ten Flü­gel­mut­ter-Ver­schluß noch ein­mal rand­voll ver­sorgt wur­de, ging es mit Höl­len­lärm zur Meß­stre­cke, wo­bei sich die fah­ren­den Re­dak­ti­ons­mit­glie­der – an heu­ti­ge Fahr­werks- und Brems­ab­stim­mun­gen ge­wöhnt – vor al­lem in Kur­ven und beim Her­un­ter­brem­sen eher wie Ka­mi­ka­ze-Pi­lo­ten vor­ka­men. We­gen der vorn und hin­ten nur ein­fach wir­ken­den Stoß­dämp­fer schwingt sich das Au­to nach je­der Bo­den­wel­le be­hen­de auf und be­ru­higt sich – eben­so wie der Fah­rer – nur müh­sam. Kur­ven wol­len be­hut­sam an­ge­gan­gen wer­den: Die 16 Zoll gro­ßen Schmal­spurRä­der fol­gen mit enor­mer Ver­zö­ge­rung dem Len­k­ein­schlag, und

die we­gen des kaum vor­han­de­nen Gera­de­aus­laufs des Wa­gens stän­dig er­for­der­li­chen Rich­tungs­kor­rek­tu­ren ge­lin­gen sel­ten wie ge­wünscht. Oh­ne An­kün­di­gung hebt sich da­her das Heck des Wa­gens in Kur­ven aus der Fahr­spur. Wer von die­sem Au­to auf den Welt­meis­ter- Kä­fer des Jah­res 1972 wech­selt, der ver­steht den Glanz in den Au­gen je­ner, die zu Kriegs­zei­ten mit KdF und Kü­bel­wa­gen nicht nur fuh­ren, son­dern Aben­teu­er be­stan­den, tech­ni­sche Aben­teu­er. 90 km/h mit dem Groß­va­ter sind ganz oh­ne Fra­ge un­ver­gleich­lich be­le­ben­der als 150 in ei­nem K70, BMW oder Al­fa. Beim Be­schleu­ni­gen ver­zich­tet der KdF-Bo­xer­mo­tor mit 1185 ccm voll­ends auf Teil­last­be­rei­che. Es gibt nur Voll­gas. Bis 80 km/h ver­ge­hen beim Ur-Kä­fer üb­ri­gens mehr Se­kun­den als beim Ci­tro­ën 2 CV 6, der es rund zehn Se­kun­den schnel­ler schafft. Ge­heul, Ge­rü­che, Ge­tö­se kenn­zeich­nen die Kä­fer der Ur-Se­rie. Der heu­ti­ge Wa­gen, bis auf ei­nen ein­zi­gen Falz in al­len sei­nen Tei­len ge­än­dert, mo­di­fi­ziert, ver­bes­sert und per­fek­tio­niert, er­scheint im Ver­gleich zu sei­nem Groß­va­ter als ein sat­tes Lu­xus­mo­bil.

Die Mo­de hat sich stär­ker ge­än­dert als die Li­ni­en­füh­rung des Kä­fers. Auch in der Kon­zep­ti­on ist der En­kel von 1972 dem 38er Urahn treu ge­blie­ben. Den­noch un­ter­schei­den sich die bei­den Mo­del­le enorm, wenn es um die Leis­tung und Fahr­ei­gen­schaf­ten geht. Der Kraft-durch-Freu­de-Wa­gen ver­mit­telt ein Fahr­er­leb­nis der be­son­de­ren Art

1938: Der Mo­tor mit 23,5 PS aus 985 ccm Hu­b­raum dient auch als Fond­hei­zung

1972: Der Bo­xer ist auf 50 Pfer­de­stär­ken aus 1584 ccm Hu­b­raum an­ge­wach­sen

Die Rück­an­sicht mit dem zwei­ge­teil­ten Fens­ter wur­de erst im Jahr 1953 ge­än­dert, die gro­ßen Heck­leuch­ten ka­men 1967

Heu­te un­denk­bar: Der 38er KdF-Wa­gen läuft nach 480.000 Ki­lo­me­tern noch mit dem ers­ten Mo­tor

1972: Der glatt­flä­chi­ge Stau­raum bie­tet viel Platz für Ge­päck

1938: Re­ser­ve­rad und Tank fül­len den Kof­fer­raum aus

1972: Ar­ma­tu­ren zen­tral vor dem Vier­spei­chen-Si­cher­heits­lenk­rad mit Prall­topf

1938: Lenk­rad mit Hup­knopf vor Abla­ge­fach links und Ta­cho rechts

Der KdF-Wa­gen er­reicht die ver­spro­che­ne Höchst­ge­schwin­dig­keit von 100 km/h nur berg­ab

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