Muntz Jet

Der Mul­ti­mil­lio­när Earl „Mad­man“Muntz rea­li­sier­te 1949 sei­nen hoch­flie­gen­den Traum vom Lu­xus­cou­pé der Zu­kunft. Doch sein Jet war selbst für den Jet­set zu ab­ge­ho­ben, die Bruch­lan­dung un­ver­meid­lich

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT - [ TEXT Karsten Reh­mann FO­TOS Evan Klein ]

Ges­tern park­te ein Tes­la vor un­se­rem Ede­ka. Zwi­schen all den Po­lo, Mon­deo und As­tra sah die­ser Elek­tro-Sur­fer aus wie ein Be­su­cher aus der Zu­kunft. Ge­räusch­los ver­ließ er das Ge­län­de und ver­schwamm wie ei­ne Fa­ta Mor­ga­na mit dem Ver­kehr auf der Haupt­stra­ße. Auf dem 130 Jah­re al­ten Feld des Au­to­mo­bil­baus sind die Claims seit lan­gem ab­ge­steckt. Um dort ei­ne neue Fahr­zeugsor­te an­zu­züch­ten, braucht es ei­nen Vi­sio­när und Qu­er­den­ker wie den durch cle­ve­re In­ter­net-Lö­sun­gen reich ge­wor­de­nen Tes­la-Takt­ge­ber Elon Musk.

Vom Groß­händ­ler zum Sport­wa­gen-Spe­zia­lis­ten

Ty­pen wie Musk sind sel­ten, doch es hat sie im­mer ge­ge­ben. Vor knapp 70 Jah­ren zum Bei­spiel sprach ganz Ame­ri­ka über ei­nen Qu­er­den­ker vom glei­chen Ka­li­ber, der nicht al­lein durch sei­ne Initia­len frap­pie­ren­de Ähn­lich­keit zu Elon Musk auf­weist: Earl Muntz. Wie Musk er- wirt­schaf­te­te auch Muntz in kur­zer Zeit mit neu­en Tech­no­lo­gi­en und cle­ve­rem Han­del gi­gan­ti­schen eich­tum: Schon als 30-Jäh­ri­ger schef­fel­te er Mil­lio­nen mit dem mas­sen­haf­ten An- und Ver­kauf von Ge­braucht­wa­gen. Par­al­lel da­zu kon­stru­ier­te er Au­to­ra­di­os und hob ei­ne Gold­gru­be aus, als er den ers­ten güns­ti­gen Schwarz-Wei­ßFern­se­her auf den Markt brach­te. Zur Ver­mark­tung setz­te Muntz auf ächen­de­cken­de adio- und TVWer­bung und schlüpf­te da­für höchst­per­sön­lich in die ol­le ei­nes durch­ge­knall­ten Markt­schrei­ers mit nach Art Na­po­le­ons quer auf­ge­setz­tem Zwei­spitz. Von Ka­li­for­ni­en bis Il­li­nois kann­te bald je­des Kind den „Mad­man“Muntz und sei­ne Pa­ro­len. Zu­rück zum Au­to: Wie Elon Musk kam auch Muntz erst auf die Idee, Au­tos zu bau­en, als er nicht nur ei­ne Markt­lü­cke ent­deckt hat­te, son­dern auch das pas­sen­de Pro­dukt fand, um die­se zu fül­len. Die Ent­ste­hung des Muntz Jet ha­ben wir dem Zu­fall zu ver­dan­ken – und auch dem ennwa­gen­kon­struk­teur Frank Kur­tis. Denn die Le­gen­de er­zählt, Muntz sei ei­nes Ta­ges in Kur­tis’ Ga­ra­ge in Glenda­le, Ka­li­for­ni­en, spa­ziert, um ein Fahr­zeug ab­zu­ho­len, für das Kur­tis ei­ne

Die Exis­tenz des Jet ver­dan­ken wir dem Zu­fall – und auchFrank Kur­tis

Spe­zi­al­ka­ros­se­rie ge­baut hat­te. Da­bei stol­per­te Muntz über ei­nen haus­ge­mach­ten Zwei­sit­zer mit ei­gen­ar­ti­ger Pon­ton­ka­ros­se­rie, den Kur­tis Kraft Sport. Das Pro­jekt war tech­nisch am­bi­tio­niert, aber kom­mer­zi­ell bis da­hin ein Rein­fall. Kurz: Kur­tis ver­stand viel von schnel­len Au­tos, aber we­nig da­von, wie man sie ver­kauft.

Ein Lu­xus-Sport­wa­gen, su­per­be­quem und si­cher

Muntz glaub­te zu wis­sen, wie es geht, und er ahn­te, was Ame­ri­ka fehl­te: ein ei­ge­ner Sport­wa­gen. Au­to-ver­rück­te Ame­ri­ka­ner kauf­ten eng­li­sche Roads­ter und be­scher­ten Fir­men wie MG, Tri­umph und Ja­gu­ar das Ge­schäft ih­res Le­bens. GM strick­te zwar schon an der Cor­vet­te, Kaiser war im Be­griff, den Ent­wurf ei­nes Kunst­stoff-Road­sters von Ho­ward Dar­rin zu rea­li­sie­ren, und Nash ver­han­del­te mit Do­nald Hea­ley, doch von Groß­se­ri­en­rei­fe wa­ren al­le noch ein Stück ent­fernt. Als Renn­wa­gen-Spe­zia­list, des­sen Au­tos bei den „In­dy 500“zum Fa­vo­ri­ten­kreis zähl­ten, be­schäf­tig­te sich auch Kur­tis mit Leicht­bauKa­ros­se­ri­en aus Alu­mi­ni­um und GfK. Muntz wit­ter­te die Gunst der St­un­de und kauf­te Kur­tis kur­zer­hand die Fa­b­ri­ka­ti­ons­an­la­gen und Li­zenz­rech­te ab. Er woll­te den en- gen, har­ten und ge­fähr­li­chen Sport­wa­gen aus der al­ten Welt ei­nen ge­räu­mi­gen, be­que­men, schnel­len und si­che­ren Sport­wa­gen aus der neu­en Welt ent­ge­gen­set­zen. Er streck­te den Rad­stand um 13 Zen­ti­me­ter auf 2,87 Me­ter, mach­te da­mit den Kur­tis zum Vier­sit­zer und er­setz­te den zwar preis­güns­ti­gen, aber zu schwa- chen Ford-Mo­tor durch ei­nen Ca­dil­lac-V8. Zu den tech­ni­schen Be­son­der­hei­ten ge­hör­ten Ka­ros­se­rie­pa­nee­le aus Alu­mi­ni­um und das ab­nehm­ba­re Hard­top aus Fi­ber­glas. So kam der Muntz 1951 auf den Markt. Pio­nier­ar­beit leis­te­te Muntz auf dem Ge­biet der pas­si­ven Si­cher­heit: Der Jet war ei­nes der ers­ten Au­tos mit Be­cken­gur­ten, und das Ar­ma­tu­ren­brett war ge­pols­tert. Doch der Wa­gen ließ sich nicht kos­ten­de­ckend pro­du­zie­ren, ob­wohl er teu­rer war als ein Ca­dil­lac. Muntz trans­fe­rier­te das Pro­jekt von Glenda­le in sei­ne Hei­mat Il­li­nois, wo er ei­ne neue Fa­b­rik ein­ge­rich­tet hat­te. Er nutz­te sei­ne Freund­schaft mit Lin­colnDi­rek­tor Ben­son Ford, um ei­nen güns­ti­ge­ren Mo­tor zu be­kom­men, streck­te den Rad­stand um wei­te­re sie­ben Zen­ti­me­ter, ver­zich­te­te weit­ge­hend auf Alu­mi­ni­um, ver­lor aber mit je­dem Au­to im­mer noch rund 1000 Dol­lar. 1954 zog er die Not­brem­se und stell­te das Pro­jekt ein. Über die Ge­samt­pro­duk­ti­on kur­sie­ren ver­schie­de­ne An­ga­ben. Muntz nann­te 394 Ex­em­pla­re, His­to­ri­ker hal­ten die Hälf­te für rea­lis­tisch. Der „Mad­man“ver­leg­te sich wie­der mit Er­folg auf Un­ter­hal­tungs­elek­tro­nik. Das The­ma E-Mo­bi­li­tät ließ er of­fen für Elon Musk.

Muntz bau­te di­ver­se Lin­coln-Mo­to­ren ein, dies ist der 1952 vor­ge­stell­te V8 Typ 317 mit hän­gen­den Ven­ti­len

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.