Leo­pard ( Kampf­pan­zer)

Die Test­mann­schaft der AU­TO ZEI­TUNG schreckt vor nichts zu­rück. Mit 38,7 Ton­nen Leer­ge­wicht, ei­nem V10-Die­sel mit 37,4 Li­tern Hu­b­raum und 830 PS zo­gen die Kol­le­gen mit ei­nem Leo­pard-Pan­zer für 1,7 Mil­lio­nen Mark ins Ge­län­de

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT - Man­fred Hein­ker / El­mar Sie­pen

D

arf man ei­nen Pan­zer tes­ten? Ein Stahl­ko­loss, der nur für ei­nen Fall ge­baut wur­de, der hof­fent­lich nie wie­der ein­tritt, näm­lich in ei­nem Krieg Men­schen zu tö­ten. Man darf, so­fern man sich des­sen be­wusst ist und sich auf die tech­ni­schen Su­per­la­ti­ve kon­zen­triert, die die­ses 9,54 Me­ter lan­ge, 3,61 Me­ter ho­he und 2,60 Me­ter ho­he Ge­fährt bie­tet. Der Kampf­pan­zer „Leo­pard“war sei­ner­zeit Deutsch­lands größ­tes, schwers­tes, stärks­tes, un­wirt­schaft­lichs­tes und in Frie­dens-zei­ten wohl auch si­chers­tes Kraft­fahr­zeug und zugleich teu­ers­tes Se­ri­en­fahr­zeug. Un­ge­üb­te ha­ben Schwie­rig­kei­ten beim Ein­stei­gen. Ei­ne Strick­lei­ter wä­re nicht schlecht. Ei­ne en­ge Lu­ke er­setzt die Tür. Sitzt man erst ein­mal und hat die Fü­ße auf zwei Ku­chen­ble­chen für Gas und Brem­se un­ter­ge­bracht, hat man ein hal­bier­tes Lenk­rad von et­wa 25 Zen­ti­me­ter Durch­mes­ser vor sich. Die In­stru­men­te lie­gen in Hö­he der lin­ken Fah­rer­schul­ter. Der ro­te Be­reich des Dreh­zahl­mes­sers be­ginn bei 2000/min. Zahl­rei­che ro­te und grü­ne Kon­troll­lam­pen in­for­mie­ren über den Zu­stand der Ag­gre­ga­te und Bau­grup­pen. Mit der hy­drau­li­schen Sitz­ver­stel­lung hebt sich der Sitz an, so dass man aus der Lu­ke schau­en kann. Ver­rie­gelt man die Lu­ke, zum Bei­spiel für Was­se­r­und Schlamm­durch­fahr­ten, müs­sen drei Win­kel­spie­gel ge­nü­gen. Helm so­wie Kopf­hö­rer und Kehl­kopf­mi­kro­phon zur Ver­stän­di­gung und zum Ge­hör­schutz reicht der Pan­zer­kom­man­dant aus dem Turm. Das ist auch nö­tig, denn der Druck auf den Start­knopf lässt den V10-Die­sel laut auf­brül­len, wenn das Die­sel-Luft-Ge­misch in den 37,4 Li­ter Hu­b­raum mes­sen­den Brenn­kam­mern zün­det. Der Leo wird über ein Vier­gang-Pla­ne­ten­rad-Ge­trie­be (vier Vor­wärts- und zwei Rück­wärts­gän­ge) ge­schal­tet, das in be­stimm­ten Gang­be­rei­chen au­to­ma­tisch über­setzt und bei Be­darf per Hand mit ei­nem Schalt­he­bel kor­ri­giert wer­den kann. Le­os Höchst­ge­schwin­dig­keit be­trägt 65 km/h, vor­wärts wie rück­wärts! Den Wähl­he­bel auf „Vor­wärts Au­to­ma­tik“ge­stellt. Los geht’s. Ers­te vor­sich­ti­ge Lenk­be­we­gun­gen,

um zu prü­fen, wie der Rie­se den Dre­hun­gen des For­mel-Lenk­ra­des folgt. Ein kräch­zen­der Fluch im Kopf­hö­rer lässt dar­auf schlie­ßen, dass mein Mit­fah­rer das noch di­rek­ter emp­fin­det als ich.

Ver­brauch: 165 Li­ter/100 km – aber nur auf der Stra­ße

Al­les Ge­wöh­nungs­sa­che, sa­ge ich mir und neh­me Kurs auf das Pan­zer­ge­län­de des Trup­pen­übungs­plat­zes Muns­ter, in Luft­li­nie na­tür­lich. Es hat ta­ge­lang ge­reg­net, Sämt­li­che Sen­ken des von un­zäh­li­gen Ma­nö­vern um­ge­pflüg­ten Hei­de­bo­dens sind zu schwar­zen Schlamm­lö­cher ge­wor­den. Lang­sam schiebt sich der Leo­pard über klei­ne Hü­gel. Ich wer­de mu­ti­ger. Mit et­was mehr Gas geht es in die ers­te Pfüt­ze, die tie­fer ist als er­war­tet. Müh­sam wüh­len sich die Halb­me­ter-brei­ten Ket­ten aus der Pam­pe. Nor­ma­ler­wei­se ver­braucht die­ser Fast-Vier­zig­ton­ner 165 Li­ter Die­sel auf 100 Ki­lo­me­ter. Hier, un­ter Ge­län­de­be­din­gun­gen, glatt das Dop­pel­te. Das nächs­te Schlamm­loch: Voll­gas! Beim Ein­tau­chen rauscht ei­ne me­ter­ho­he Bug­wel­le rechts und links am Pan­zer ent­lang. Jetzt hat es mich ge­packt. Die­ses Ge­fühl, oh­ne Rück­sicht auf Hin­der­nis­se los­brau­sen zu kön­nen. Mit für die­ses tü­cki­sche Ge­län­de atem­be­rau­ben­der Ge­schwin­dig­keit schießt der Leo­pard über achs­mor­den­de Bo­den­wel­len, durch­wa­tet aus­ge­wach­se­ne Tüm­pel und klet­tert oh­ne nen­nens­wer­te Ver­zö­ge­rung dank sei­ner 2805 Nm Dreh­mo­ment 60-pro­zen­ti­ge Stei­gun­gen hin­auf. Mul­mig wird mir, als es nach Er­rei­chen ei­ner Hü­gel­spit­ze steil nach un­ten geht. Nach vorn se­he ich nur den Him­mel, zö­ge­re noch, neh­me Gas zu­rück, als über den Kopf­hö­rer das Kom­man­do kommt: „Gas, gib Gas!“In der Tat ist Voll­gas die ein­zi­ge Mög­lich­keit, hier heil run­ter zu kom­men. Zu we­nig Gas oder Brem­sen be­deu­tet Rutsch­ge­fahr – und dass das Heck ei­nen über­holt mit der Fol­ge, dass sich der Leo über­schla­gen könn­te. Grä­ben bis zu drei Me­tern Brei­te re­gis­triert der Leo­pard da­ge­gen erst gar nicht, son­dern über­quert sie ein­fach. Ab zum Tauch­be­cken. Nach zehn Mi­nu­ten ist al­les was­ser­dicht ver­schlos­sen, der Luft­schacht mon­tiert. Wie ein Sau­ri­er schiebt sich der Stahl­ko­loss in die Flu­ten, bis nur noch der Luft­schacht zu se­hen ist, aus dem der Kom­man­dant guckt. Ob­wohl das al­les un­ge­fähr­lich sein soll, ist man froh, wenn man am an­de­ren Ufer wie­der die Bö­schung er­klimmt, die Lu­ke öff­nen kann, den Him­mel sieht und die Vö­gel zwit­schern hört. Zwei­fel­los ist der Leo­pard ein fas­zi­nie­ren­des Stück deut­scher Wehr-Tech­nik, an des­sen Bau un­ter dem Ge­ne­ral­un­ter­neh­mer Krauss- Maf­f­ei AG im­mer­hin 2700 Fir­men be­tei­ligt wa­ren. Wäh­rend un­se­rer Test­fahrt be­wies der Kampf­pan­zer be­ein­dru­cken­de Fä­hig­kei­ten, die ihm sei­ne Kon­struk­teu­re al­ler­dings nicht für den Fahr­spaß mit­ge­ge­ben ha­ben, son­dern für den Ernst­fall – der hof­fent­lich nie­mals ein­tre­ten wird.

Dem Kampf­pan­zer ist kein Un­ter­grund zu schlam­mig. Die mäch­ti­gen Ket­ten wüh­len sich über­all durch ... und mit dem Leo­pard sind dann Tauch­tie­fen von bis zu vier Me­tern mög­lich Nach zehn Mi­nu­ten ist der Luft­schacht mon­tiert, al­le Lu­ken sind dicht ...

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