Mer­ce­des 0 319 D

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT - [ TEXT Ger­rit Rei­chel FO­TOS Wim Wo­eber ]

Die zwei­te Ge­ne­ra­ti­on des VW Bul­li wird 50 – und wir gra­tu­lie­ren mit ei­ner Rei­se in die gro­ße Zeit der Front­len­ker-Fens­ter­bus­se, die ger­ne auch mal zum Wohn­mo­bil aus­ge­baut wur­den und vie­len die gro­ße Ur­laubs­welt er­öff­ne­ten

An­fangs ist es nur ein un­be­stimm­tes Ge­fühl. Doch nach ei­ner Wei­le ma­ni­fes­tiert sich ein Ge­dan­ke, ei­ne Schwin­gung. Schließ­lich schießt ein Na­me ins Be­wusst­sein. Ein un­will­kür­li­cher Schul­ter­blick: „Hab’ ich ihn da nicht ge­ra­de vor­bei­hu­schen se­hen?“Nein. Al­les gut. Gott­hilf Fi­scher ist nicht da. Und es singt auch nie­mand. Ob­wohl es ir­gend­wie pas­sen wür­de. Drei Fens­ter­bus­se der Sech­zi­ger­jah­re par­ken in der küh­len Fe­bru­ar­son­ne und strah­len in Blau und Oran­ge um dieWet­te. Fehlt ei­gent­lich nur der ge­misch­te Kin­der­chor, und schon könn­te die fröh­li­che Aus­fahrt ins Land­schul­heim be­gin­nen. Beim Ein­stei­gen kom­men noch mehr Bil­der hoch. Er­in­ne­run­gen an längst ver­gan­ge­ne Ta­ge. Den ab­ge­nutz­ten Griff­leis­ten an den Rü­cken­leh­nen der Sit­ze im Mer­ce­des-Benz O 319 D sieht man an, dass hier Ge­ne­ra­tio­nen von IDötz­chen mit schwit­zi­gen Hän­den Platz ge­nom­men ha­ben. Und plötz­lich ist da wie­der das Ge­fühl des Ran­zens, der schwer auf den Schul­tern las­tet. Die Het­ze beim Er­obern des Schul­bus­ses, und die Ru­fe: „Ganz nach hin­ten, wir neh­men den Vie­rer!“War es nicht so? Wenn dann der Fah­rer die schwe­re Tür zu­zog, konn­te es los­ge­hen. Al­les, was er tat, tat er mit aus­la­den­den Arm­be­we­gun­gen. Das Ein­le­gen der Gän­ge. Das Dre­hen des Lenk­ra­des. Und beim An­hal­ten das Zie­hen der Hand­brem­se.

Mer­ce­des aus Düs­sel­dorf, VW Bul­li aus Em­den

Wäh­rend in Klein­bus­sen vom Schla­ge des Mer­ce­des-Benz O 319 oder des Borg­ward BO 611 je nach Be­stuh­lung bis zu 17 Fahr­gäs­te Platz fan­den, reis­te man in ei­nem VW Bus nur zu acht. 50 Jah­re ist es her, dass Volks­wa­gen die zwei­te Ge­ne­ra­ti­on des Typs 2 in die Welt hin­aus­schick­te. Die Pro­duk­ti­on des Mer­ce­des im Düs­sel­dor­fer Werk der Au­to Uni­on (die da­mals zur Daim­ler-Benz AG ge­hör­te) stand da kurz vor dem En­de, der Borg­ward-Front­len­ker wur­de schon seit 1961 nicht mehr ge­baut. Aber auf der Stra­ße be­geg­ne­ten sich die drei Last­esel na­tür­lich den­noch. Der neue VW T2 trug die Blin­ker an­fangs noch

un­ter den Schein­wer­fern, und, was wich­ti­ger war, er hat­te end­lich ei­nen ver­stell­ba­ren Fah­rer­sitz und auch mehr Leis­tung. 34 PS im T1 und ziem­lich un­kom­for­ta­ble En­ge hin­ter dem Lenk­rad stan­den ab 1967 ein deut­li­cher Kom­fort­ge­winn und im­mer­hin 47 PS ge­gen­über. Für un­se­re Rei­se in die 60er-Jah­re ha­ben wir ei­nen der letz­ten T2a ge­wählt. Er lief zwar erst 1971 vom Band, hat im We­sent­li­chen aber noch die Tech­nik des Neu­lings von 1967. Al­ler­dings brem­sen ihn an der Hin­ter­ach­se schon Schei­ben statt Trom­meln. Ge­baut wur­de er auch nicht in Han­no­ver, wie die meis­ten Bus­se, son­dern in Em­den, wie der Buch­sta­be E im Ty­pen­schild ver­rät. In dem Werk in Ost­fries­land ent­stan­den die Ex­port­ver­sio­nen des T2, weil die Nach­fra­ge aus den USA in Han­no­ver nicht mehr ge­deckt wer­den konn­te. Sein Be­sit­zer hat den Ol­die ge­ra­de frisch nach der Re­stau­rie­rung in Emp­fang ge­nom­men. Bis zur Fens­ter­li­nie leuch­tet der Bul­li in fri­schem Nia­ga­rab­lau, dar­über hebt sich, von ei­ner schmu­cken Zier­leis­te ab­ge­setzt, das perl­wei­ße Dach ab. „Ich ha­be über Mo­na­te mit­ver­fol­gen dür­fen, wie die Re­stau­rie­rung vor­an­ging“, sagt der stol­ze Bus-Fah­rer und lä­chelt das zuf­rie­de­ne Lä­cheln ei­nes 50-Jäh­ri­gen, der sich ein (fast) gleich­alt­ri­ges Au­to zum Ge­burts- tag ge­schenkt hat. Grund zum Lä­cheln hat man grund­sätz­lich, wenn man ei­nen T2 lenkt. Al­les geht wun­der­bar leicht­gän­gig, die Aus­sicht durch die im Ge­gen­satz zum Vor­gän­ger nun nicht mehr ge­teil­te Pan­ora­ma­schei­be ist aus­ge­zeich­net. Platz ist im Füh­rer­haus aus­rei­chend vor­han­den, an­ge­nehm lei­se wer­kelt der Ben­zinMo­tor weit hin­ten im Heck. So sim­pel das klingt, so be­mer­kens­wert ist das im Ver­gleich zu den bei­den äl­te­ren Front­len­kerBus­sen von Mer­ce­des und Borg­ward: Hier ma­chen sich zwi­schen den Vor­der­sit­zen noch raue Selbst­zün­der breit, die, nur mit­tel­präch­tig durch Ab­deck­hau­ben ge­dämpft, oben­drein auch noch mäch­tig Ra­dau ver­an­stal­ten. Im Mer­ce­des, Bau­jahr 1964, ist für den Vor­trieb der in mil­lio­nen­fa­cher Stück­zahl ge­bau­te Zwei­li­ter-

Öl-Mo­tor 621 mit 50 PS zu­stän­dig, Fans als Vor­kam­mer-Die­sel von un­ver­wüst­li­cher Lang­le­big­keit be­kannt. Lan­ge fand die Ma­schi­ne Ver­wen­dung, in un­zäh­li­gen Klein­trans­por­tern, im Unimog, aber auch in den Pkw der Bau­rei­he W110. Frü­he O 319 hat­ten bis 1961 noch den OM636 mit 43 PS hin­ter der plat­ten Schnau­ze. Den Borg­ward treibt ein 42-PS-Die­sel mit 1,8 Li­ter Hu­b­raum an. Ne­ben dem VW Bus se­hen die bei­den Viel­sit­zer wie Un­ge­tü­me aus. Um­so ver­blüf­fen­der ge­stal­tet sich die Pro­be­fahrt im Mer­ce­des: Auch er lässt sich mit gro­ßer Leich­tig­keit be­die­nen, wenn man erst­mal weiß, wie. Oh­ne aus­ge­dehn­te Ru­dolf-Die­sel-Ge­denk­mi­nu­te kommt der Wahl-Düs­sel­dor­fer mit Stern bei den fros­ti­gen Au­ßen­tem­pe­ra­tu­ren gar nicht erst in Gang. Läuft er dann aber, ent­wi­ckelt er in sei­ner Lang­sam­keit ei­ne sym­pa­thi­sche Rei­se­lust, die an­ste­ckend wirkt. Bei 80 km/h ist Schluss, aber hey, wenn wir woll­ten, könn­ten wir uns mit Sack und Pack bis zur Adria durch­schla­gen und am Strand Chi­an­ti schlür­fen. Mit dem Borg­ward gin­ge das theo­re­tisch auch. Aber ers­tens hät­ten wir Sor­ge, die frisch be­zo­ge­nen (und für un­se­ren Ge­schmack et­was über­re­stau­rier­ten) Sit­ze zu be­schmut­zen. Und zwei­tens ist die Len­kung des BO 611 zu stramm ein­ge­stellt. Das kos­tet Ner­ven, selbst wenn es nur ge­ra­de­aus geht. Glei­ches gilt fürs Ver­zö­gern. Das Brems­pe­dal will mit Schma­ckes ge­tre­ten wer­den. Im Mer­ce­des hilft ei­ne zu­sätz­li­che Mo­tor­brem­se mit. Die Wir­kung beim Be­tä­ti­gen des di­cken Zu­satz­he­bels hin­ter dem Lenk­rad ist al­ler­dings be­schei­den. Und an­ge­sichts des Luft­wi­der­stan­des der Ka­ros­se­rie ge­nügt es ei­gent­lich auch, ein­fach vom Gas zu ge­hen, zu­min­dest im Flach­land. Un­se­re Lust aufs Bus fah­ren ist in je­dem Fall ge­weckt. Wo es hin­ge­hen soll, steht auch schon fest: Nach Ein­beck, ins Nutz­fahr­zeu­gDe­pot des Mu­se­ums PS.Spei­cher. Dort sind näm­lich nicht nur der Mer­ce­des und der Borg­ward zu Hau­se, son­dern noch un­zäh­li­ge wei­te­re Schät­ze die­ser Art.

Der Mo­tor vom Typ D4 M 1,8 sitzt mit in der ers­ten Rei­he

Mit Zu­satz­sit­zen bie­tet der BO 611 bis zu 17 Fahr­gäs­ten Platz

Mehr als ein Me­ter Über­hang vor­ne, Fah­rer­sitz über der Vor­der­ach­se

Der Mer­ce­des ist hö­her, aber schma­ler und kür­zer als der Borg­ward

Der Die­sel­mo­tor OM621 ist ein rau­er Ge­sel­le, spen­det aber Wär­me

Auf den Klapp­sit­zen im Gang möch­te man nicht lan­ge sit­zen müs­sen

Der Vier­zy­lin­der-Bo­xer im Heck ist über die Klap­pe gut zu­gäng­lich

Platz für acht Per­so­nen. Sei­ten­an­sicht mit den ty­pi­schen Oh­ren an den Heck­säu­le – den Lüf­tungs­schlit­zen für den Mo­tor

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