Ci­tro­ën DS 19 Palm Beach

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT -

Ra­res Lu­xus-Ca­brio­let von Ka­ros­se­rie­bau­er Hen­ri Chapron

Schon ein nor­ma­les Ci­tro­ën DS Ca­brio ist ei­ne Ra­ri­tät. Noch viel sel­te­ner ist das pracht­vol­le Palm Beach Ca­brio­let des Ka­ros­se­rie­bau­ers Hen­ri Chapron

Zur Kom­plet­tie­rung des Bil­des, zur Ver­deut­li­chung des un­fass­ba­ren Kon­tras­tes fehlt an die­sem son­ni­gen Herbst­tag nur noch ei­ne En­te, der le­gen­dä­re 2CV. War die­ser Klein­wa­gen wäh­rend sei­ner ge­sam­ten, von 1948 bis 1990 dau­ern­den Pro­duk­ti­ons­zeit ein Syn­onym für die Re­du­zie­rung auf das We­sent­li­che, so steht das DS Ca­brio­let seit sei­nem De­büt 1960 für au­to­mo­bi­len Lu­xus. Ci­tro­ën be­herrsch­te die­sen Spa­gat zwi­schen dem ein­fa­chen Au­to für die Mas­sen und der Iko­ne mit Traum­ma­ßen in Per­fek­ti­on. Die 1955 vor­ge­stell­te Ci­tro­ën DS Li­mou­si­ne mit ih­rer re­vo­lu­tio­nä­ren Hy­drop­neu­ma­tik samt Hoch­druck-Brem­se und selbst zu­rück­stel­len­der Ser­vo­len­kung war ein tech­no­lo­gi­sches Meis­ter­stück und ließ Au­to­mo­bi­le von Mer­ce­des­Benz, Ja­gu­ar oder BMW plötz­lich alt­ba­cken da­ste­hen. Das Ca­brio­let füg­te die­sem Sta­tus der un­an­ge­pass­ten, ra­di­kal Neu­es vor­ge­ben­den Fort­schritt­lich­keit ei­ne emo­tio­na­le Wucht jen­seits al­len Sta­tus­den­kens hin­zu. Wer sich ei­nes die­ser Ca­brio­lets leis­ten konn­te, gönn­te sich et­was und zeig­te sei­ner Um­welt nicht nur Wohl­stand, son­dern auch ei­ne non­kon­for­mis­ti­sche Geis­tes­hal­tung und – dies vi­el­leicht vor al­lem – Ge­nuss­fä­hig­keit.

Ein teu­res Ver­gnü­gen

Sehr vie­le Käu­fer fand die of­fe­ne DS nicht. Zwi­schen 1961 und dem Pro­duk­ti­ons­stopp 1971 ent­stan­den 1365 of­fe­ne Göt­tin­nen, die der fran­zö­si­sche Ka­ros­se­rie­bau­er Hen­ri Chapron für Ci­tro­ën bau­te. Die DS Li­mou­si­ne war da­ge­gen ein Mas­sen­pro­dukt: Be­reits am Abend der Welt­pre­mie­re auf dem Pa­ri­ser Au­to­mo­bil­sa­lon 1955 hat­ten 12.000 Kun­den ei­nen Kauf­ver­trag un­ter­zeich­net, bis zum Pro­duk­ti­ons­en­de 1975 wur­den mehr als 1,4 Mil­lio­nen Ex­em­pla­re der DS und der ein­fa­che­ren Ein­stei­ger-Ver­si­on ID ge­baut. Die re­la­tiv ge­rin­ge Ver­brei­tung des DS Ca­brio­lets hat­te ih­ren Grund na­tür­lich im Preis, der den der nicht ge­ra­de bil­li­gen Li­mou­si­ne um gut zehn Pro­zent über­traf. Doch die­ser Auf­schlag war im Grun­de ein Klacks, wenn man die Preis­ge­stal­tung ganz be­son­de­rer DS Ca­brio­lets be­trach­tet, wel­che die „Ate­liers Hen­ri Chapron“für ei­ne sehr an­spruchs­vol­le Kli­en­tel auf Kiel leg­ten. Zwi­schen 1962 und 1964 fer­tig­ten die Ka­ros­se­rie­bau­er et­wa 32 Ein­zel­stü­cke mit der Typ­be­zeich­nung Palm Beach, von de­nen je­des Ex­em­plar fast zwei­mal so teu­er war wie das Werks-Ca­brio­let.

De­zen­te Lu­xus-In­si­gni­en

Das Ci­tro­ën DS Palm Beach Ca­brio gibt in sei­nem war­men Ro­tTon ei­nen sehr gu­ten Ein­druck von der lei­sen De­zenz die­ser Au­to­mo­bi­le. Die farb­lich ab­ge­setz­ten Plan­ken zwi­schen den Rad­häu­sern las­sen das Au­to leicht­fü­ßi­ger wir­ken als das Se­ri­en-Ca­brio­let, wäh­rend der groß­zü­gig auf­ge­brach­te Chrom­schmuck an den vor­de­ren Kot­flü­geln und den Tü­ren, die Weiß­wand­rei­fen so­wie die viel­spei­chi­gen Chrom­rad­kap­pen ein un­schul­di­ges Plä­doy­er für Opu­lenz weit ent­fernt von neu­rei­cher Ex­tro­ver­tiert­heit hal­ten. Nicht auf den ers­ten Blick zu er­ken­nen ist die um ei­ni­ge Zen­ti­me­ter ge­stutz­te Wind­schutz­schei­be, die den flie­ßen­den Li­ni­en der sich heck­wärts ver­jün­gen­den Ka­ros­se­rie zu­sätz­li­che Ele­ganz ver­leiht. Letz­tes von au­ßen sicht­ba­res Er­ken­nungs­zei­chen des Palm Beach – ab­ge­se­hen von den Schrift­zü­gen und dem Chapron-Em­blem – ist die Zahl der Sei­ten­schei­ben: Wäh­rend das Werks-Ca­brio nur in den Tü­ren ver­senk­ba­re Fens­ter hat, kön­nen in Chaprons Meis­ter­stück

MEHR ALS DER NAMENSZUG VER­LEIHT DAS RIFFELBLECH DEM CI­TRO­ëN EX­TRA-GLANZ

auch die Fond­pas­sa­gie­re die El­len­bo­gen auf die nied­ri­ge Ka­ros­se­rie­brüs­tung le­gen und bei ge­schlos­se­nem Ver­deck un­ge­hin­dert nach drau­ßen schau­en. Denn we­gen der zu­sätz­li­chen Sei­ten­schei­ben setzt das kom­plett neu ge­schnit­te­ne Ver­deck nicht schon in Hö­he der hin­te­ren Tür­aus­schnit­te an, son­dern eben erst kurz vor den hin­te­ren Rad­häu­sern. Weich ge­pols­tert ist die Rück­sitz­bank, die zur Not auch drei Mit­fah­rern Platz bie­tet – und na­tür­lich ist sie, wie auch die brei­ten Vor­der­sit­ze, nicht mit pro­fa­nem Stoff be­zo­gen, son­dern mit al­ler­feins­tem Le­der, wie es auch Rolls-Roy­ce ver­wen­de­te. Da­mals wie heu­te be­ginnt ei­ne Aus­fahrt im DS Palm Beach mit sanf­tem He­ben der Ka­ros­se­rie. Wäh­rend die Hoch­druck-Zen­tral­hy­drau­lik das Fahr­zeug­ni­veau nach dem Mo­tor­start sta­bi­li­siert, darf sich der ein­fa­che Vier­zy­lin- der­mo­tor im Bug ei­nen sta­bi­len Leer­lauf su­chen. Er muss in die­sem Lu­xus-Um­feld trotz sei­nes Leicht­me­tall-Zy­lin­der­kop­fes als Anachro­nis­mus gel­ten, stammt er doch noch aus dem le­gen­dä­ren DS-Vor­gän­ger Ci­tro­ën Trac­tion Avant 11 CV. Die 83 PS des 1,9 Li­ter gro­ßen Vier­zy­lin­ders rei­ßen wohl eher kei­ne Bäu­me aus und ha­ben auch kaum Chan­cen auf ei­nen Po­kal für über­ra­gen­de Lauf­kul­tur. Doch sie brin­gen das Chapron-Ca­brio­let mit aus­rei­chen­der Wür­de auf Tr­ab und fin­den High­tech-Un­ter­stüt­zung in dem halb­au­to­ma­ti­schen Vier­gang-Ge­trie­be. Die­ses be­dient der Fah­rer mit­tels ei­nes dün­nen He­bel­chens, das keck ober­halb des Bandt­a­chos Rich­tung Wind­schutz­schei­be ragt.

Kom­fort statt Sport

Beim Be­schleu­ni­gen knickt die DS hin­ten ein we­nig ein – wie es die Mo­tor­boo­te beim Ab­le­gen im Yacht­ha­fen von An­ti­bes gern tun. Beim Brem­sen hebt sich das Heck sanft an. Zwi­schen die­sen un­ge­wohn­ten Ka­ros­se­rie­be­we­gun­gen ist das Rendezvous mit der Göt­tin ein er­ha­be­nes und vor al­lem ent­spann­tes Glei­ten, das von di­ver­sen lei­sen Zisch­ge­räu­schen der Zen­tral­hy­drau­lik un­ter­malt wird. So rauscht die of­fe­ne Göt­tin ru­hig und hoch­herr­schaft­lich durchs Land, teilt den Fahrt­wind zärt­lich flüs­ternd und lieb­kost die Stra­ße mit ih­ren ge­ra­de ein­mal 165 Mil­li­me­ter brei­ten Gür­tel­rei­fen. Das ist ein er­ha­be­nes Ver­gnü­gen für die Be­sat­zung die­ses Klein­ods, des­sen Wert heu­te de­fi­ni­tiv und schmerz­haft deut­lich sechs­stel­lig ist. Und Er­zähl­stoff für die Be­trach­ter am We­ges­rand.

VON 1962 BIS 1964 WUR­DEN LE­DIG­LICH 32 PALM BEACH CA­BRI­OS GE­BAUT

Gro­ßer Bandt­a­cho und Ein­spei­chen-Lenk­rad wie in je­dem Ci­tro­ën DS, da­zu vie­le Reg­ler und Knöp­fe – am Ra­dio hin­rei­ßend ver­spielt in Form ei­nes Lenk­rads

Den Platz im Bug teilt sich der raue Vier­zy­lin­der mit dem Re­ser­ve­rad und der Zen­tral­hy­drau­lik

Wind­schott – was ist das? Der Fahrt­wind ist herz­lich will­kom­men in der of­fe­nen DS

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