Con­cours in Ru­mä­ni­en

Glanz­vol­le Old­ti­mer auf dem ro­ten Tep­pich: So et­was gibt es nicht nur an der Vil­la d’Es­te und in Peb­b­le Beach, son­dern auch in Ru­mä­ni­en. Ein Be­such beim sym­pa­thi­schen und volks­na­hen Con­cours in Si­naia

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT -

Hier ste­hen die Au­tos von Bo­ris Be­ckers Ex-Ma­na­ger Ion Ti­ri­ac

[ TEXT Ger­rit Rei­chel FO­TOS Har­dy Mutsch­ler/BMW ]

Die­se ver­damm­ten Vor­ur­tei­le. Manch­mal ge­nü­gen nur we­ni­ge Ein­zel­auf­nah­men. Und schon ge­rät ei­ne gan­ze Na­ti­on in der ei­ge­nen Wahr­neh­mung in Schief­la­ge. Bei­spiel: Ru­mä­ni­en. Das ist doch die­ses ar­me Land hin­ter Un­garn. Auf deut­schen Au­to­bah­nen ty­pi­scher­wei­se ver­tre­ten durch ver­ros­te­te Trans­por­ter mit ver­gilb­tem Län­der­kenn­zei­chen RO. Am Steu­er sitzt meist ein brä­si­ger schmud­de­li­ger Ket­ten­rau­cher, am Ha­ken zieht er ei­nen Au­to-An­hän­ger mit Un­fall­wa­gen. Was im fens­ter­lo­sen La­de­raum trans­por­tiert wird, will man gar nicht wis­sen. Vor­sicht! Denn auch das ist Ru­mä­ni­en: Nach Is­land der Auf­stei­ger im Ran­king der eu­ro­päi­schen Ur­laubs­de­s­ti­na­tio­nen. Mehr sau­be­re und un­ge­stör­te Na­tur hat kaum ein an­de­res Land zu bie­ten. Der Prä­si­dent ist (Sie­ben­bür­gen-) Deut­scher, Trä­ger des Bun­des­ver­dienst­kreu­zes 1. Klas­se. Ein Mann, der sich un­längst beim Staats­be­such auch von Do­nald Trump nicht über den Mund fah­ren ließ. Der reichs­te Bür­ger Ru­mä­ni­ens heißt Ion Ti­ri­ac. Wir er­in­nern uns: Das war der ko­mi­sche Kauz mit dem kras­sen Ba­cken­bart und der blau ge­tön­ten Bril­le, der in den Acht­zi­gern un­se­ren Bo­ris Be­cker ver­mark­te­te. Seit­dem hat er ein bei­spiel­lo­ses Fir­men­im­pe­ri­um auf­ge­baut mit Ban­ken, Im­mo­bi­li­en, Ver­si­che­run­gen und Han­dels­un­ter­neh­men al­ler Art. In der Old­ti­mer­sze­ne ist er in­zwi­schen da­für be­kannt, mit im­mer an­de­ren Rolls-Roy­ce-Mo­del­len beim re­nom­mier­ten Con­cor­so an der Vil­la d’Es­te für Auf­se­hen zu sor­gen.

Pa­ra­de vor dem Som­mer­schloss des Kö­nigs

Als die Ein­la­dung zum Con­cours d’Éle­gan­ce nach Ru­mä­ni­en im EMail-Post­fach auf­poppt, ist die Ver­wir­rung erst mal groß. Was soll das denn wer­den? Was wol­len die denn zei­gen? Und wen in­ter­es­siert das? Ent­schei­dungs­hil­fe lie­fert BMW. Man wer­de mit ei­nem 328 Mil­le Miglia Roads­ter vor Ort sein. Das Au­to war 1940 als Renn­wa­gen beim Grand Prix von Kron­stadt (Bra­sov) da­bei und ge­wann noch 1950 ein Ber­gren- nen in Si­naia, dem heu­ti­gen Ort des Ge­sche­hens, ei­nem Ski­ge­biet in den Süd­kar­pa­ten. Im An­schluss an den Con­cours steht noch ein Be­such in Ion Ti­ri­acs Au­to­samm­lung auf dem Pro­gramm. Okay, war­um ei­gent­lich nicht. Orts­wech­sel. Wir ste­hen vor dem mäch­ti­gen Schloss Pe­les, der ehe­ma­li­gen Som­mer­re­si­denz des ru­mä­ni­schen Kö­nigs Ca­rol I. Ein Sym­bol für die Ver­schwen­dungs­sucht und den Protz des Adels, mit ei­ner 16 Me­ter ho­hen Wan­del­hal­le, Waf­fen­kam­mer samt Ent­haup­tungs­schwert und 160 Zim­mern. Un­ter un­se­ren Au­gen rollt ei­ne Pa­ra­de aus rund 30 bunt ge­misch­ten Fahr­zeu­gen über ei­nen ro­ten Tep­pich. Das Spektrum reicht vom Al­ler­welts-Da­cia 1300 bis zum vor­neh­men Bent­ley S1. Da­zwi­schen tum­meln sich di­ver­se Lieb­ha­be­r­au­tos oh­ne her­aus­ra­gen­de Re­le­vanz, zu­min­dest ver­gli­chen mit dem, was bei Top­ver­an­stal­tun­gen die­ser Art wei­ter west­lich zu se­hen ist. Aber die At­mo­sphä­re ist klas­se. Er­fri­schend un­e­li­tär. Statt ei­nes vor­nehm-stei­fen Ober­schich­ten-De­fi­lees, prä­sen­tiert durch ei­nen of­fi­zi­el­len Cham­pa­gner-Spon­sor oder ei­nen Her­stel­ler für Lu­xus­uh­ren, gibt es ei­ne Art Volks­fest für die gan­ze Fa­mi­lie. Aus­rich­ter ist der Re­tro­mo­bil Club Ro­ma­nia. Und des­sen Ver­tre­ter Du­di Leven­te ist auch selbst mit am Start, ganz pa­trio­tisch – mit ei­nem Da­cia. Tat­säch­lich hat er den nach ei­ge­ner Aus­sa­ge wohl sel­tens­ten Da­cia über­haupt mit­ge­bracht, ei­nen Da­cia D6 Es­ta­fet­te von 1977. Tech­nisch ba­siert das frisch re­stau­rier­te Fahr­zeug auf

dem gleich­na­mi­gen Re­nault. An­ders als in Frank­reich blieb das Mo­dell in Ru­mä­ni­en al­ler­dings ein Exot. Denn der ein­zi­ge Kun­de war der Staat, nur 600 bis 800 Stück wur­den ge­baut, die meis­ten für den Ein­satz bei der Post. „Der Vor­be­sit­zer woll­te da­für 3000 Eu­ro, ob­wohl das Au­to in ei­nem de­so­la­ten Zu­stand war“, er­zählt Du­di, „ aber ich ha­be ihn über Mo­na­te auf 3000 Lei her­un­ter­ge­han­delt.“Zum Ver­ständ­nis: Der ru­mä­ni­sche Leu, wie die Lan­des­wäh­rung im Sin­gu­lar heißt, ist der­zeit et­wa 21 Cent wert.

Um­ju­bel­ter Auf­tritt des BMW 328 Mil­le Miglia

Der gro­ße Auf­tritt auf dem ro­ten Tep­pich ge­bührt na­tür­lich dem BMW 328, zu­mal ei­ner der ehe­ma­li­gen Pi­lo­ten, Ma­rin Du­mit­res­cu (98 Jah­re), noch ein­mal dar­in Platz neh­men darf. Wei­ter hin­ten macht sich der­weil schon ein Teil­neh­mer aus Deutsch­land be­reit. Axel Koh­nen kommt ei­gent­lich aus Wup­per­tal, ist aber vor zehn Jah­ren mit sei­ner ru­mä­ni­schen Gat­tin in die Nä­he von Bu­ka­rest ge­zo­gen. Ein Schritt, der ihm ganz of­fen­sicht­lich gro­ße Zuf­rie­den­heit be­schert hat. „Hier ha­be ich ein Haus mit tau­send Qua­drat­me­ter Wohn­flä­che plus Swim­ming­pool, so­was kannst du doch in Deutsch­land nicht be­zah­len“, sagt er. Dann setzt er sich ei­ne Le­der­kap­pe auf, klemmt sich hin­ter das Holz­lenk­rad sei­nes 55er Tri­umph TR2 und wirft den Mo­tor an. Ge­win­ner des Con­cor­so aber wird, wen wun­dert’s, am En­de das Au­to von Ru­mä­ni­ens Su­per­rei­chem. Ion Ti­ri­ac (ge­schätz­tes Pri­vat­ver­mö­gen: mehr als ei­ne Mil­li­ar­de Dol­lar) hat dies­mal für die Teil­nah­me ei­nen Ca­dil­lac Se­ries 90 von 1939 aus sei­ner rie­si­gen Samm­lung ho­len las­sen, ein 2,3 Ton­nen schwe­res Dick­schiff mit V16-Zy­lin­der-Mo­tor. Letz­te­ren hat sein Team ge­ra­de erst kom­plett über­holt. Wie sich her­aus­stellt, wird das Ion Ti­ri­ac am Fol­ge­tag aber nicht da­ran hin­dern, den Wa­gen auf der Heim­rei­se höchst­per­sön­lich so zu tre­ten, dass da­bei ein Mo­tor­scha­den her­aus­kommt und die Jungs wie­der von vor­ne an­fan­gen dür­fen. And­rei Du­mit­res­cu, so et­was wie Ti­ri­acs Fuhr­park­lei­ter, nimmt’s ge­las­sen. Das ist sein Na­tu­rell. And­rei stammt aus ei­ner Renn­fah­rer­fa­mi­lie, sein Ru­he­puls kommt un­ter 200 km/h nicht in Wal­lung.

Ion Ti­ri­acs Kon­zept: „Er kauft, was ihm ge­fällt“

Ei­nen Tag spä­ter tref­fen wir ihn wie­der. Er emp­fängt uns vor der Ti­ri­ac Collec­tion, wie sein Chef den öf­fent­lich zu­gäng­li­chen Teil sei­ner Samm­lung ge­tauft hat. In ei­ner eher schmuck­lo­sen Blech­do­se, die ein biss­chen aus­sieht wie ei­ne Mi­ni-Aus­ga­be der Al­li­an­zA­re­na, prä­sen­tiert Ion Ti­ri­ac rund 180 Au­tos. Da­bei dürf­te es sich in et­wa um die Hälf­te sei­nes ge­sam­ten Be­sit­zes han­deln. Auf glän­zen­den schwar­zen Flie­sen ste­hen die Fahr­zeu­ge in der fens­ter­lo­sen Hal­le im Kreis, hin­ter Ab­sperr­kor­deln, glei­ßend an­ge­strahlt von De­cken­spots. Wer hin­ein will, muss sich von ei­ner ku­rio­sen Ma­schi­ne Über­zie­her für die Schuh­soh­len an­le­gen las­sen. Auf den ers­ten und auch zwei­ten Blick fällt es schwer, ein Kon­zept zu er­ken­nen. „Mis­ter Ti­ri­ac kauft, was ihm ge­fällt“, führt And­rei auf eng­lisch aus, mit rol­len­dem ‚R‘. Gleich am Ein­gang steht ein hüb­sches Fer­ra­ri-En­sem­ble mit LaFer­ra­ri und F40. Gleich da­ne­ben star­tet Ti­ri­acs Rolls-Roy­ce-Ab­tei­lung. In der nor­ma­ler­wei­se voll­stän­di­gen Phan­tom-Rei­he klafft ei­ne Lü­cke. „Rolls-Roy­ce hat sich ge­ra­de ei­nes un­se­rer Au­tos aus­ge­lie­hen, weil sie so ei­nes nicht ha­ben“, er­klärt And­rei süf­fi­sant. Wei­ter hin­ten ent­de­cken wir das äl­tes­te Ex­po­nat: ein Hur­tu Quad­ri­cyle von 1898. „Da­mit sind wir neu­lich noch ei­nen gan­zen Tag lang ge­fah­ren“, wird uns ver­si­chert. Es sei obers­ter Grund­satz von Herrn Ti­ri­ac, dass al­le sei­ne Au­tos stets fahr­be­reit zu sein ha­ben. Ein Mer­ce­des 600 (W100) und ein Rolls-Roy­ce Sil­ver Cloud müss­ten in je­dem Fall im­mer für ihn be­reit­ste­hen, qua­si als Gr­und­ver­sor­gung. Das sei­en sei­ne Dai­ly Dri­ver, ver­rät And­rei. In Köln sagt man da­zu: „Mer muss och jün­ne kön­ne.“* Ru­mä­ni­en, du bist im­mer für ei­ne Über­ra­schung gut. Ti­ri­acs Samm­lung im Netz: ti­riac­collec­tion.ro

SUPERREICHER SAMM­LER Old­ti­mer-Fan Ion Ti­ri­ac zeigt welt­weit ger­ne sei­ne Au­tos, am liebs­ten aber in sei­ner Hei­mat Ru­mä­ni­en

STARGAST BMW schick­te ei­nen 328 MM Roads­ter nach Si­naia. Bei­fah­rer: Ex-Renn­fah­rer Ma­rin Du­mit­res­cu (98)

DER SELTENSTE DA­CIA? In Frank­reich als Re­nault Mas­sen­wa­re, als ru­mä­ni­scher Li­zenz­bau ein Exot: „Der D6 Es­ta­fet­te wur­de nur 600 bis 800 Mal ge­baut“, sagt sein Be­sit­zer Du­di Leven­te vom Re­tro­mo­bil Club Ro­ma­nia (l.). Der Mo­tor quetscht sich zwi­schen die Vor­der­sit­ze

GLEICH­BE­RECH­TIGT Beim Con­cor­sul de Ele­gan­ta dür­fen auch Au­tos wie die­ser Da­cia 1300 an­tre­ten. Er wur­de noch bis vor we­ni­gen Jah­ren ge­baut, wes­halb er erst seit kur­zem als Old­ti­mer an­er­kannt ist. Die meis­ten Ex­em­pla­re lan­de­ten al­ler­dings längst in der Schrott­pres­se

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