69er Ply­mouth Su­per­bird

Auf der Jagd nach NASCAR-Sie­gen ent­deck­ten Ford und Chrys­ler En­de der 1960er-Jah­re die Ae­ro­dy­na­mik für sich. Hö­he­punkt die­ser wind­ka­nal­ge­form­ten Bo­li­den war der nur ein Jahr lang ein­ge­setz­te Ply­mouth Su­per­bird

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT - Tim Ne­u­mann / Igor Stuif­zand

Was für ein Heck­flü­gel!

Ein lä­cher­lich gro­ßer Flü­gel? Check. Ei­ne Co­mic-Fi­gur als Na­mens­pa­te? Check. Ei­ne Front, die ei­ne ef­fek­ti­ve Mo­tor­küh­lung ver­hin­dert? Check. All das war Ply­mouth 1969 of­fen­bar egal, galt es doch, Ford in der NASCARSe­rie zu schla­gen. Da­her schrak man auch nicht da­vor zu­rück, 1935 Ex­em­pla­re des Su­per­bird für die Ho­mo­lo­ga­ti­on zu fer­ti­gen.

Wie der NASCAR-Se­rie Flü­gel wach­sen konn­ten

Da­bei war der Road Run­ner Su­per­bird ei­gent­lich nur der Schluss- akt ei­nes Ae­ro­dy­na­mik-Wett­rüs­tens zwi­schen Ford und Chrys­ler. 1968 gin­gen Ply­mouth, Dodge, Ford und Mer­cu­ry mit fri­schen Mo­del­len an den Start, die Kar­ten wur­den neu gemischt. Schnell zeig­te sich, dass Ford-Mo­del­le auf den Hoch­ge­schwin­dig­keits-Ova­len bes­ser zu­recht­ka­men, wäh­rend die Dodge und Ply­mouth kaum kon­trol­lier­bar wa­ren. Schleu­nigst ent­wi­ckel­te man für 1969 den Dodge Char­ger 500, der mit neu­em Grill und fla­cher Heck­schei­be ae­ro­dy­na­misch güns­ti­ger ge­formt war. Doch auch da­mit ließ sich die Do­mi­nanz von Ford nicht ver­hin- dern. Die Chrys­ler-In­ge­nieu­re zo­gen sich des­halb noch­mals in den Wind­ka­nal zu­rück und pack­ten schwe­re Ge­schüt­ze aus. Die­se be­stan­den aus ei­nem rie­si­gen Heck­spoi­ler und ei­ner spit­zen Front, die das Fahr­zeug bei ho­hen Ge­schwin­dig­kei­ten enorm sta­bil mach­ten. Das neue Un­ge­heu­er na­mens Char­ger Day­to­na muss­te in ei­ner Auf­la­ge von 500 Stück an die Händ­ler ver­teilt wer­den und wur­de kurz dar­auf auf die Speed­ways los­ge­las­sen. Trotz be­ein­dru­cken­der Fahrleistungen des Day­to­na konn­te Ford auch 1969 die Meis­ter­schaft für sich ent­schei­den. Es war die NASCAR-Le­gen­de Richard Pet­ty, der Chrys­ler da­zu über­re­de­te, un­ter dem haus­ei­ge­nen Mar­ken­na­men Ply­mouth eben­falls ei­nen „Ae­ro­war­ri­or“ähn­lich dem Dodge Day­to­na zu bau­en. Die Pro­ble­me be­gan­nen sich je­doch zu häu­fen, als auf­grund ei­ner Re­ge­län­de­rung nun

ein Ho­mo­lo­ga­ti­ons­mo­dell an je­den zwei­ten Händ­ler ver­teilt wer­den muss­te, in die­sem Fall 1935 Stück. Weil das Aus­se­hen des Char­ger Day­to­na all­ge­mein als häss­lich emp­fun­den wur­de, wei­ger­ten sich die Ply­mouth-De­si­gner, den Day­to­na schlicht nach­zu­bau­en und ver­än­der­ten die Form von Heck­flü­gel und Front. Ge­ne­rell sind die ein­zi­gen Gleich­tei­le von Su­per­bird und Day­to­na nur die Front- und Sei­ten­schei­ben. Zwi­schen dem 22. Ok­to­ber und dem 15. De­zem­ber 1969 bau­te Ply­mouth al­le be­nö­tig­ten Ex­em­pla­re des Su­per­bird und ge­wann das Renn­de­büt in Day­to­na 1970.

Nur we­ni­ge Su­per­bird fan­den auf An­hieb Käu­fer

Ein­mal bei den Händ­lern an­ge­langt, half ei­ne Bro­schü­re von Ply­mouth, den größt­mög­li­chen Pro­fit aus dem Su­per­bird zu schla­gen. Dar­in wur­de emp­foh­len, das Fahr­zeug als Lock­mit­tel im Show­room auf­zu­stel­len, um Kun­den dann kur­zer­hand ei­nen zi­vi­le­ren Ply­mouth Road Run­ner an­zu­dre­hen. Au­gen­schein­lich han­del­ten vie­le Ver­trags­händ­ler nach die­ser Di­rek­ti­on, denn Jah­re spä­ter stan­den nicht ge­ra­de we­ni­ge Su­per­bird im­mer noch im La­den her­um. Um den Rest­be­stand dann doch noch los­zu- wer­den, zö­ger­te man nicht, auch mal Heck­flü­gel und Front ab­zu­neh­men und den Su­per­bird als nor­ma­len Road Run­ner zu ver­kau­fen. Es ist über­lie­fert, dass man­che Su­per­bird gar zu Er­satz­teil­spen­dern um­funk­tio­niert wur­den. Da­mals gab es ei­gent­lich kei­nen lo­gi­schen Grund, ei­nen Ply­mouth Su­per­bird zu kau­fen. Er war deut­lich teu­rer als ein nor­ma­ler Road Run­ner, aber auf den Drag-Strips nicht schnel­ler. Von sei­ner gu­ten Ae­ro­dy­na­mik pro­fi­tier­te man erst bei Ge­schwin­dig­kei­ten, die man we­der auf der Stra­ße er­rei­chen durf­te noch nach ei­ner Vier­tel­mei­le er­rei­chen konn­te. Au­ßer­dem war die Mo­tor­küh­lung pro­ble­ma­tisch – schon bei ge­mä­ßig­tem Tem­po über­hitz­te der Mo­tor re­gel­mä­ßig. Auch in der NASCAR-Se­rie blieb, trotz 21 Sie­gen in 48 Ren­nen, der ganz gro­ße Er­folg aus. Der bes­te Ply­mouth-Fah­rer Richard Pet­ty kam in der End­ab­rech­nung nur auf Platz vier. Aus­ge­rech­net der Dodge Day­to­na vom Pri­vat­team K&K In­suran­ce konn­te die 1970er Meis­ter­schaft für sich ent­schei­den. Für die Sai­son 1971 wur­den die ge­flü­gel­ten Mons­ter aus Si­cher­heits­grün­den aus der NASCAR ver­bannt – die Renn­kar­rie­re des Su­per­bird war nach nur ei­nem Jahr be­en­det.

Statt­li­che Grö­ße: Auf­grund von An­bau­tei­len wie der spit­zen Front bringt es der Su­per­bird auf ei­ne Län­ge von mehr als 5,6 Me­tern

Der wil­de Wes­ten lässt grü­ßen: Der Pis­to­len­griff-Hand­schalt­knauf for­dert zu wag­hal­si­gen Sprint-Du­el­len auf

Qu­ell der Ver­wir­rung: Die Uhr hät­te man si­cher an sinn­vol­le­rer Stel­le als im Dreh­zahl­mes­ser an­brin­gen kön­nen

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