Gi­u­lia Su­per 1300 / K70 L

Lei­den­schaft ge­gen Sach­lich­keit: Die­se bei­den mar­kan­ten Li­mou­si­nen sind ge­prägt von den An­sprü­chen ih­res je­wei­li­gen Her­stel­lers

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT - Tim Ne­u­mann

Der nüch­ter­ne K70 ge­gen die emo­tio­na­le Gi­u­lia? Das ist ja, als wür­de man Weiß­wurst mit Spa­ghet­ti Carbonara ver­glei­chen. Oder Äp­fel mit Oli­ven. Im­mer­hin be­sit­zen bei­de Fahr­zeu­ge vier Tü­ren und ei­nen Rei­hen­vier­zy­lin­der. Wäh­rend die For­men­spra­che der Al­fa Gi­u­lia die frü­hen 1960er wie­der­spie­gelt, tritt der VW K70 mit sei­ner kan­ti­gen Ka­ros­se­rie ganz ein­deu­tig als Kind der 70er-Jah­re auf. Auch bei an­de­ren Kri­te­ri­en kom­men bei­de kaum auf ei­nen ge­mein­sa­men Nen­ner. Mit der 16-jäh­ri­gen Bau­zeit der Gi­u­lia kann es der K70 bei wei­tem nicht auf­neh­men. 1975 wur­de die von VW ge­kauf­te NSU-Kon­struk­ti­on aus Kos­ten­grün­den von den Pro­duk­ti­ons­stra­ßen ver­bannt. Die Her­stel­lung der NSU-Tei­le war nicht wirt­schaft­lich, zu­dem ver­kauf­te sich die größ­te VW-Li­mou­si­ne in sechs Jah­ren nur 211.000 Mal. Zum Ver­gleich: Die ers­te Pas­sat-Ge­ne­ra­ti­on fand zwi­schen 1973 bis 1980 2,6 Mil­lio­nen Käu­fer. Beim An­las­sen der bei­den Mo­to­ren ent­de­cken wir den nächs­ten Un­ter­schied. Der so­no­re Dop­pel­no­cker der „Ju­le“summt wohl­klin­gend vor sich hin, wäh­rend das raue Ar­beits­tier im VW kei­ner­lei Me­lo­dik an den Tag legt. Das Al­fa-In­te­ri­eur wirkt mit sei­nen Holz­ap­pli­ka­tio­nen und dem wein­ro­ten Le­der un­heim­lich ein­la­dend. Das Schalt­ge­trie­be ras­tet kna­ckig in den nächs­ten Gang ein und be­lohnt sei­nen Pi­lo­ten – bei ei­ner Pri­se Zwi­schen­gas – mit or­dent­li­chem Vor­trieb. Auch Kur­ven dür­fen ger­ne sport­lich ge­nom­men wer­den, beim Her­aus­be­schleu­ni­gen dreht der 1300er Mo­tor so­gar wil­li­ger als sei­ne grö­ße­ren Brü­der. Im K70 steht Kom­fort vor Sport. Wer ein­mal in die wei­chen Ve­lour­sit­zen ein­ge­sun­ken ist, staunt über das Platz­an­ge­bot. Im bie­de­ren In­nen­raum fin­det sich ei­ne uner­war­te­te Va­ri­anz an Blau­tö­nen, vom dun­kel­blau­en Le­der an den Tü­ren und Kopf­stüt­zen bis zum Ba­by­blau der Sitz­flä­chen ist al­les da­bei. Mit be­herz­tem Griff ins Lenk­rad,

des­sen gum­mi­ar­ti­ger Be­zug ein we­nig an Omas Gar­ten­tisch­de­cke er­in­nert, kann die Fahrt los­ge­hen. Der steil in die Hö­he ra­gen­de Schalt­he­bel möch­te mit Be­dacht ver­scho­ben wer­den, flot­te Gang­wech­sel quit­tiert er mit äch­zen­den Ge­räu­schen. In mu­tig ge­fah­re­nen Kur­ven muss sich der Fah­rer gut am Vo­lant fest­hal­ten, um nicht vom Sitz zu rut­schen. Nicht zu­letzt die wi­der­wil­li­ge Ga­s­an­nah­me macht die Fahrt im VW K70 zu ei­ner Art Aben­teu­er, wel­ches in mo­der­nen Fahr­zeu­gen so nicht er­lebt wer­den kann.

Der K70 mar­kier­te ei­ne neue Volks­wa­gen-Ära

Bei­de Li­mou­si­nen sind zu ih­rer Zeit fort­schritt­li­che Au­tos ge­we­sen, der bei NSU ent­wi­ckel­te K70 spiel­te für Volks­wa­gen so­gar ei­ne Vor­rei­ter­rol­le. Im­mer­hin war er der ers­te VW mit Vor­der­rad­an­trieb, Rei­hen­mo­tor und Was­ser­küh­lung – noch heu­te die Ba­sis für die meis­ten VW. Die Gi­u­lia war sei­ner­zeit schlicht das wich­tigs­te Mo­dell von Al­fa Ro­meo und wird bis heu­te be­wun­dert und be­gehrt. Im K70 hin­ge­gen nimmt man Sprü­che wie „Das ist aber ein ko­mi­scher Pas­sat“ge­nau­so ge­las­sen hin wie die ver­wun­der­ten Bli­cke an­de­rer Ver­kehrs­teil­neh­mer.

Auch von in­nen ist der VW K70 eher sach­lich ge­hal­ten, der In­stru­men­ten­trä­ger sieht dem der Gi­u­lia ver­blüf­fend ähn­lich

Die gro­ßen In­stru­men­te sind vor­bild­lich ab­les­bar. Hin­ter dem Schalt­he­bel be­fin­den sich Zu­satz­an­zei­gen für „Ac­qua“und „Olio“

Die Sit­ze der Gi­u­lia sind so be­quem wie sie aus­se­hen. Den­noch bie­ten sie kaum mehr Sei­ten­halt als die des VW Fort­schritt­lich: Die Kopf­stüt­zen im VW K70 sind von An­fang an se­ri­en­mä­ßig, die Gur­te bis 1973 auf­preis­pflich­tig

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