Vi­ve la Fran­ce: Frank­reich-Spe­cial mit Peu­geot 404 Ca­brio, Re­nault 17 und Tal­bot-Ma­tra Ran­cho

Peu­geot und Pinin­fa­ri­na pfleg­ten über Jahr­zehn­te ei­ne en­ge Part­ner­schaft im De­sign, von der bei­de pro­fi­tier­ten. Das in Tu­rin vor­mon­tier­te 404 Ca­brio­let kom­bi­nier­te ita­lie­ni­sche Ele­ganz mit fran­zö­si­schem Kom­fort. Der Zu­satz „SL“stand für „Su­per Lu­xe“

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT - Kars­ten Reh­mann

Die er­folg­reichs­ten Ko­ope­ra­tio­nen be­gin­nen manch­mal als Not­lö­sung. Ein Mus­ter­bei­spiel da­für war die über mehr als 40 Jah­re ge­pfleg­te De­sign-Part­ner­schaft zwi­schen Peu­geot und Pinin­fa­ri­na. Sie kam in der Nach­kriegs­zeit zu­stan­de, als Frank­reichs Ka­ros­se­rie­bau­er ih­re Pfor­ten schlos­sen und Peu­geot man­gels ei­ge­ner De­sign-Ab­tei­lung drin­gend ex­ter­ne Hil­fe be­nö­tig­te. Bat­tis­ta Pi­nin Fa­ri­nas En­ga­ge­ment be­gann viel­ver­spre­chend mit dem Ent­wurf der Li­mou­si­ne 403, doch es kam noch bes­ser: Im Lau­fe der nächs­ten Jahr­zehn­te präg­te der Tu­ri­ner Ka­ros­se­rie­bau­er die Gestal­tung der Peu­geo­tMo­del­le in ähn­li­cher Ma­nier, wie er auch Fer­ra­ris Sport­wa­gen sei­nen Stem­pel auf­drück­te. Den Hö­he­punkt der Zu­sam­men­ar­beit mar­kie­ren die ele­gan­ten Li­mou­si­nen und zeit­los schö­nen Zwei­tü­rer auf Ba­sis der Bau­rei­hen 404 und 504. Die for­ma­le Ele­ganz der Pinin­fa­ri­na-Ent­wür­fe ver­schmolz da­mals mit dem Qua­li­täts­an­spruch von Peu­geot, und ge­mein­sam setz­ten sie Maß­stä­be für das Ka­ros­se­rieDe­sign je­ner Jah­re.

Pinin­fa­ri­na ver­lieh je­dem 404 ita­lie­ni­schen Stil

Ähn­lich­kei­ten zu Pinin­fa­ri­nas par­al­lel aus­ge­führ­ten Ar­bei­ten für ita­lie­ni­sche Auf­trag­ge­ber wur­den da­bei be­wusst in Kauf ge­nom­men. Die Front der 404 Li­mou­si­ne sah aus wie ei­ne Mi­nia­tur­aus­ga­be der Lan­cia Fla­mi­nia, und das op­tisch völ­lig vom Vier­tü­rer ge­trenn­te Duo aus Peu­geot 404 Ca­brio­let und Cou­pé wirk­te wie ei­ne maß­stabs­ge­treu ver­grö­ßer­te Lu­xusAus­ga­be des Fi­at 1500 S. Wer auf al­ten Bil­der sieht, wie bei­de Mo­del­le – der klei­ne Fi­at und der statt­li­che Peu­geot – gleich­zei­tig in der da­mals neu­en Fa­b­rik­hal­le Pinin­fa­ri­nas in Gruglias­co vor­mon­tiert wur­den, könn­te schwö­ren, dass sie zur sel­ben Au­to­mar­ke ge­hör­ten. Das tat der Re­pu­ta­ti­on bei­der Au­tos je­doch kei­nen Ab­bruch.

Un­ser Fo­to­mo­dell stammt aus dem Bau­jahr 1967. Im Stra­ßen­bild von heu­te wirkt ein lang­stre­ck­en­taug­li­cher of­fe­ner Vier­sit­zer völ­lig nor­mal, doch vor 50 Jah­ren be­saß die­ser Peu­geot als kom­for­ta­bles Mit­tel­klas­se-Ca­brio­let mit 4,5 Me­tern Au­ßen­län­ge bei­na­he ei­ne Al­lein­stel­lung.

Glei­ches Preis­ni­veau wie beim Mer­ce­des 230 S

Ab­ge­se­hen vom en­ge­ren BMW 1600-2 Vollc­a­brio­let, der of­fe­nen Ver­si­on des ra­ren und ed­len Lan­cia Fla­via 1.8 und dem noch ex­klu­si­ve­ren Ci­tro­ën DS Ca­brio­let gab es di­rekt ab Werk weit und breit kei­ne ver­gleich­ba­ren Falt­dach-Mo­del­le. Weil zu­dem der län­der­über­grei­fen­de Pro­duk­ti­ons­pro­zess nicht gera­de kos­ten­güns­tig ab­lief, setz­te Peu­geot den Preis sehr selbst­be­wusst an. 14.300 Mark wa­ren an­no 1967 ei­ne Stan­ge Geld – da­für gab es auch ei­nen Mer­ce­des 230 S.

Wer wis­sen möch­te, wie­so Peu­geot da­mals das Image des fran­zö­si­schen Mer­ce­des zu­ge­spro­chen wur­de, braucht sich nur die­ses Ca­brio­let aus der Nä­he an­zu­schau­en. Ei­ne bes­se­re Ma­te­ri­al­qua­li­tät und Ver­ar­bei­tung war im bür­ger­li­chen La­ger da­mals nicht zu fin­den. Es pflegt den ge­die­ge­nen Rei­se­kom­fort und ver­zich­tet auf je­den An­flug von Sport­lich­keit. Der Mo­tor läuft ins­ge­samt sehr kul­ti­viert, wird akus­tisch nie auf­dring­lich und pro­du­ziert gera­de aus­rei­chend viel Dreh­mo­ment, um Last­wa­gen, „Kä­fer“und „En­ten“am Berg zu über­ho­len, oh­ne zu­vor her­un­ter­schal­ten zu müs­sen.

Be­schau­lich rei­sen und die Land­schaft ge­nie­ßen

Die Lenk­rad­schal­tung passt da wun­der­bar ins Bild: Das Bes­te ist, man lässt sich Zeit mit dem Gang­wech­sel und ge­nießt die Mög­lich­keit, den rech­ten Arm auf ei­ner dick ge­pols­ter­ten Leh­ne aus­ru­hen zu kön­nen. Die brei­ten Fau­teuils la­den eben­falls zu ei­nem be­schau­li­chen Fahr­stil ein. Für ein Ca­brio die­ser Art muss man sich Zeit neh- men. Da­bei spielt es ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le, ob der Peu­geot mit dem Stan­dard­mo­tor samt 34er So­lex-Ver­ga­ser aus­ge­rüs­tet ist oder mit der 88-PS-Ver­si­on, in der Peu­geot als ei­ner der ers­ten Her­stel­ler die me­cha­ni­sche Ben­zin­ein­sprit­zung von Ku­gel­fi­scher zum Ein­satz brach­te. Zeit neh­men muss­te sich auch die Fa­mi­lie Schroth, nach­dem sie das hier piek­fein in der Son­ne glit­zern­de 404 Ca­brio­let im Jahr 1998 er­wor­ben hat­te. Bei der ers­ten gründ­li­chen In­spek­ti­on fan­den sich näm­lich an al­len Ecken und En­de Schwach­stel­len, die der Vor­be­sit­zer buch­stäb­lich un­ter den Tep­pich ge­kehrt hat­te. Die ein­zig lo­gi­sche Kon­se­quenz dar­aus war der Ent­schluss zur To­tal­re­stau­rie­rung in Ei­gen­re­gie. Hu­go Schroth ver­brach­te in den fol­gen­den 15 Mo­na­ten je­de freie St­un­de mit Gat­tin und Sohn in der Ga­ra­ge oder auf dem Hof mit der Zer­le­gung der In­nen­aus­stat­tung, Be­sei­ti­gung von Rost­schä­den und Über­ho­lung me­cha­ni­scher Bau­tei­le. Ein­zig die Mo­tor­re­vi­si­on und die La­ckie­rung der Roh­ka­ros­se­rie über­ließ er Spe­zia­lis­ten.

Die Schroths steck­ten je­de freie Mi­nu­te in ih­ren 404

Die schwie­rigs­te Übung be­stand dar­in, ein gut funk­tio­nie­ren­des Ge­trie­be zu in­stal­lie­ren. „Heu­te wä­re die Sa­che viel leich­ter zu schaf­fen, denn wir kön­nen übers In­ter­net su­chen und es wer­den fast al­le wich­ti­gen Tei­le nach­ge­fer­tigt“, sagt Schroth und blickt stolz auf sein Werk: „Vor 20 Jah­ren sah das noch an­ders aus.“Die Aus­dau­er und Be­harr­lich­keit hat sich ge­lohnt. Schroths 404 Ca­brio­let steht da wie aus dem Ei ge­pellt, und weil sie sich die Ex­per­ti­se in Sa­che 404 nun ein­mal hart er­ar­bei­tet hat­ten, wand­ten die Schroths ihr Kön­nen auch noch auf ei­ne Li­mou­si­ne und ein Cou­pé an. Bei Aus­fahr­ten und Ral­lyes hat Hu­go Schroth nun die Qu­al der Fahr­zeug­wahl. An­er­ken­nung und Be­wun­de­rung für den per­fek­ten Zu­stand sei­nes Wa­gens ist ihm so oder so ge­wiss. Ein­mal be­scher­te ihm die ge­naue Kennt­nis sei­nes Ca­brio­lets so­gar ei­nen Ur­laub­strip nach Biar­ritz: Schroth ge­lang es als ein­zi­gem Teil­neh­mer per­fekt, sein Au­to rück­wärts fah­rend und oh­ne sich um­zu­dre­hen mit dem Hin­ter­rad pass­ge­nau auf ei­nen Bier­de­ckel zu bug­sie­ren.

Ty­pisch Pinin­fa­ri­na: Die Li­ni­en­füh­rung des Peu­geot 404 Ca­brio­lets ent­spricht der des viel klei­ne­ren Fi­at 1500 S

Da­mit der 1,6-Li­ter-Mo­tor un­ter die Hau­be passt, wur­de er um 45 Grad ge­neigt

Auch mit ge­schlos­se­nem Ver­deck sieht der 404 wie ein Zwei­sit­zer aus

Gut ver­steckt: Der Tank­de­ckel sitzt hin­ter dem Num­mern­schild am Heck

Stil­echt und bei Old­ti­mern aus Frank­reich oft to­le­riert: Schein­wer­fer mit Gelb­licht

Schlan­ke Li­nie: Das ge­öff­ne­te Ver­deck ver­schwin­det in Spi­der-Ma­nier fast voll­stän­dig hin­ter den Rück­sit­zen

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