Tal­bot- Ma­tra Ran­cho

Die­ser Frei­zeit-Ge­län­de-Kas­ten­wa­gen mit Sim­ca-Tech­nik war ein Spring­ins­feld, sei­ner Zeit vor­aus, fast schon ein SUV – und trotz­dem nicht er­folg­reich ge­nug, um zu über­le­ben. Ei­ne spä­te Wür­di­gung

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT -

Ma­tra, der fran­zö­si­sche Rüs­tungs­her­stel­ler mit Lei­den­schaft für au­ßer­ge­wöhn­li­che Au­to­mo­bil-Ide­en, glaub­te schon zur Mit­te der Sieb­zi­ger­jah­re, ein Po­ten­zi­al für Au­tos als Frei­zeitVe­hi­kel zu er­ken­nen, lan­ge be­vor die Men­schen wuss­ten, dass sie so et­was ein­mal ha­ben woll­ten. Na­tür­lich war je­der Per­so­nen­wa­gen von An­fang an vor al­lem ein Frei­zeit­ge­rät – er sah nur nicht da­nach aus. Platz für Fa­mi­lie, Hund und je­des er­denk­li­che Hob­by war auch nicht selbst­ver­ständ­lich vor­han­den, ge­schwei­ge denn ein ei­ni­ger­ma­ßen ver­we­ge­ner Out­doorLook. Ma­tra mix­te mu­tig al­le die­se Zu­ta­ten und bot ab 1977 ein Fahr­zeug an, dem nur der All­rad­an­trieb fehl­te, sonst wür­den wir es nun im Nach­hin­ein als ers­tes SUV mo­der­ner Prä­gung ver­eh­ren.

Der Buch­sta­be „R“spiel­te vor­ab ei­ne wich­ti­ge Rol­le

Weg­be­rei­ter des Ge­dan­kens und Ide­en­spen­der für die Ran­choKon­struk­ti­on wa­ren der Ran­ge Ro­ver von 1970 und der Re­nault 4 Ro­déo. De­ren Grund­pro­ble­ma­tik – der ei­ne war zu sta­bil und schwer, der an­de­re zu la­bil und leicht ge­baut – stand der Ver­brei- tung der Idee vom sport­li­chen Mehr­zweck­wa­gen – neu­deutsch „Sports Uti­li­ty Ve­hi­cle“– zu­nächst noch im We­ge. Dann tauch­te wie aus dem Nichts der Ran­cho auf – ei­ne Art Kreu­zung aus Ran­ge Ro­ver und Re­nault 4 Ro­déo. Da­hin­ter steck­ten for­mal Ma­tra und Sim­ca, de fac­to aber vor al­lem ein pfif­fi­ger In­ge­nieur: Phil­ip­pe Guédon. Bei Ma­tra hat­te er sich den M530 und den Bag­hee­ra (mit drei Sit­zen ne­ben­ein­an­der) aus­ge­dacht, doch da­nach küm­mer­te er sich um ei­ne gänz­lich an­de­re Art von In­di­vi­dua­li­tät: Der Ran­cho hat ein ro­bus­tes Äu­ße­res, so­li­de Groß­se­ri­en­tech­nik, Of­f­road-Touch und viel Platz in ei­nem va­ria­blen In­nen­raum, des­sen Sitz­be­zü­ge und Mus­ter den Pi­tra­lon-Charme der spä­ten Sieb­zi­ger ver­sprü­hen. Der Na­me des Au­tos ist schnell er­klärt: Ran­cho ist nicht das spa­ni­sche Wort für Hüt­te, son­dern für ei­ne Land­be­hau­sung mit Vieh­zucht rund­her­um – und de­ren Be­trei­ber. Schwie­ri­ger wird’s beim Fa­mi­li­en­na­men: Chrys­ler ver­kauf­te die Fir­ma Sim­ca 1978 an ih­ren di­rek­ten Wett­be­wer­ber Peu­geot. Prompt wur­de dort der Mar­ken­na­me be­er­digt und durch ein ver­staubt im Sim­ca-Fun­dus ent-

deck­tes Mar­ken­recht er­setzt: Ab Som­mer 1979 hie­ßen die Fahr­zeu­ge Tal­bot. Was die Roh­ka­ros­se­rie be­trifft, ist der Ran­cho bis zu den B-Säu­len iden­tisch mit der seit 1973 im Werk Pois­sy ge­bau­ten Pick-up-Ver­si­on des Sim­ca 1100. Die ab den Tü­ren nack­ten Platt­for­men wur­den von Pois­sy in die 200 Ki­lo­me­ter ent­fernt lie­gen­de Ma­tra-Fa­b­rik ver­frach­tet, um ih­nen ein ver­län­ger­tes Heck­teil an­zu­schwei­ßen – die spä­te­re „Soll­bruch­stel­le“. Rost­vor­sor­ge war da­mals nicht so sehr Ma­tras Stär­ke. Dann folg­te der me­tall­ver­stärk­te Fi­ber­glas­auf­bau, dem die groß­zü­gi­ge Sei­ten­ver­gla­sung et­was die Wucht nimmt. Dach­ga­le­rie, Sei­ten­be­plan­kung, ver­git­ter­te Zu­satz­schein­wer­fer und die ho­ri- zon­tal ge­teil­te Heck­tür sind sti­lis­ti­sche Täusch­ma­nö­ver: Ei­gent­lich ist der Ran­cho kein Holz­fäl­ler­typ, son­dern ein Fa­mi­li­en­ver­ste­her mit viel Stau­raum: Die Rück­sitz­bank lässt sich kin­der­leicht um­klap­pen, das er­wei­tert die La­de­flä­che auf ei­ne Län­ge von gut zwei Me­tern. Ei­ne Fahrt im Ran­cho ist ei­ne Zei­t­rei­se zu­rück in die Sieb­zi­ger. Die Kunst­stoff­tei­le ha­ben ih­re Halb­wert­zeit weit­ge­hend über­schrit­ten, doch das ver­stärkt nur die­se char­man­te Pro­to­ty­pen-At­mo­sphä­re, die den Ran­cho trotz ei­ner sechs­jäh­ri­gen Bau­zeit um­gibt. Der klei­ne Mo­tor nimmt sei­ne Auf­ga­be ernst, und es ent­steht un­wei­ger­lich der Ein­druck, ei­nen Klein­las­ter zu be­we­gen. Trotz­dem hat der Blick über die ge­drun­ge­ne Hau­be und die leicht er­ha­be­nen Kot­flü­gel et­was Be­schwing­tes. Das leicht zu schal­ten­de Vier­gang-Ge­trie­be passt gut da­zu. In flott ge­fah­re­nen Kur­ven ge­stat­tet das mit 21,5 Zen­ti­me­ter Bo­den­frei­heit strot­zen­de Fahrwerk dem Auf­bau ei­ne ge­wal­ti­ge Sei­ten­nei­gung – der Ran­cho mag da­bei zwar wan­ken, aber er wird nicht kip­pen.

Es gab ihn mit Seil­win­de, aber nie mit All­rad­an­trieb

Im Lau­fe sei­nes Le­bens er­hielt der Ran­cho al­ler­hand Mo­dell­pfle­ge: Mo­de­schöp­fer Cour­rè­ges lie­fer­te ei­ne „Ganz-in-Weiß“-Va­ri­an­te, mit Roll­pla­nen an­stel­le der Schei­ben wur­de er zum luf­ti­gen Som­mer­au­to, so­gar ei­ne Sand­kis­ten­taug­li­che Ver­si­on mit elek­tri­scher Seil­win­de und Dif­fe­ren­ti­al­sper­re kam ins Pro­gramm.

Die ra­san­te Be­stands­de­zi­mie­rung im Lauf der letz­ten Jahr­zehn­te war ei­ne lo­gi­sche Fol­ge pfle­ge­ri­scher Lieb­lo­sig­keit. Nur et­wa hun­dert Ran­chos sol­len über­lebt ha­ben – welt­weit, wohl­ge­merkt. Der Ran­cho hat­te nach land­läu­fi­ger An­sicht kei­nen Nach­fol­ger, doch das stimmt nur halb, denn Kon­struk­teur Guédon über­ar­bei­te­te das Kon­zept früh und ver­la­ger­te den Fo­kus weg vom Of­f­roadCha­rak­ter und hin zu ei­nem noch grö­ße­ren und va­ria­ble­ren In­nen­raum. Peu­geot konn­te die­ser Idee nichts ab­ge­win­nen und über­ließ sie dan­kend Ma­tra. So kam die­ses Au­to 1984 – im letz­ten Pro­duk­ti­ons­jahr des Ran­cho – als Kind der neu­en Li­ai­son zwi­schen Ma­tra und der Ré­gie Re­nault zur Welt. Sein Na­me: Re­nault Es­pace. Das letz­te von Phil­ip­pe Guédon für Ma­tra ent­wi­ckel­te Fahr­zeug war dann der Re­nault Avan­ti­me. Mit ihm en­de­te das Au­to­mo­bilEn­ga­ge­ment der Rüs­tungs­fir­ma. Ma­tras Ent­wick­lungs­bü­ro wur­de von Pinin­fa­ri­na über­nom­men. Ste­fan Pa­be­schitz/k ars­ten Reh­mann

Die An­hän­ger­kupp­lung gab es in Ös­ter­reich se­ri­en­mä­ßig, ob­wohl nur 850 Ki­lo Zug­last er­laubt wa­ren

Hin­ter der ho­ri­zon­tal ge­teil­ten Heck­klap­pe liegt der Win­ter­gar­ten

Viel Licht, Luft und Platz – mit der op­tio­na­len drit­ten Sitz­rei­he so­gar für sie­ben Per­so­nen

Sim­cas In­te­ri­eur­stil und der raue Cha­rak­ter des 1,4-Li­terT­rieb­werks er­zeu­gen auch oh­ne zu­sätz­li­ches b ei­werk ein we­nig Of­f­roadAt­mo­sphä­re

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