Ghia L6.4

Die­ser Ghia war in den frü­hen Sech­zi­gern ei­nes der be­gehr­tes­ten Au­tos in den USA. Die Be­sit­zer: Fast aus­schließ­lich Su­per­stars des Show­Busi­ness, al­len vor­an der King of Las Ve­gas

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT - Ger­rit Rei­chel

Nor­ma­ler­wei­se stel­len wir in die­ser Ru­brik Au­tos vor, de­ren Be­sit­zer zu­min­dest zeit­wei­se ei­ne ge­wis­se Be­rühmt­heit er­lang­ten. Dies­mal hin­ge­gen lie­ße sich der Spieß auch um­dre­hen. Denn im Fall des 1962er Ghia L6.4 konn­te sich qua­si das Au­to­mo­bil sei­ne Stars aus­su­chen. Nach sei­ner Vor­stel­lung auf dem Pa­ri­ser Au­to­sa­lon im Jahr 1960 schrieb die Zeit­schrift Mo­tor Trend: „Da die Zahl der Men­schen, die das Geld hät­ten, sich die­ses Au­to zu kau­fen, of­fen­sicht­lich die Stück­zah­len über­steigt, wird wohl et­was an­de­res als Reich­tum den Aus­schlag für den Kauf ge­ben.“Ge­meint war mög­lichst gro­ße Be­rühmt­heit, idea­ler­wei­se vom Rang ei­nes Su­per­stars. Zum Per­so­nen­kreis, der die­se An­for­de­rung in den USA der Sech­zi­ger­jah­re er­füll­te, ge­hör­ten Men­schen wie der Schau­spie­ler Ga­ry Co­oper. Er or­der­te den auf die­sen Sei­ten ge­zeig­ten Ghia mit der Chas­sis­num­mer 0308, starb je­doch, be­vor er sein Au­to zu­las­sen konn­te.

Der L6.4 ist sel­te­ner als ein Fer­ra­ri 250 GTO

Nur 26 Ghia L6.4 wur­den ge­baut, da­mit ist das Mo­dell sel­te­ner als ein Fer­ra­ri 250 GTO. 17 ha­ben wohl die Jahr­zehn­te bis heu­te über­lebt. Sechs wie­der­um, dar­un­ter auch Co­o­pers Au­to, er­fuh­ren nach­träg­lich ei­ni­ge Mo­di­fi­ka­tio­nen durch den Cust­o­mi­zer Ge­or­ge Bar­ris aus Los Angeles. Bar­ris war es üb­ri­gens auch, der we­ni­ge Jah­re spä­ter den Lin­coln Fu­tu­ra für die Fern­seh­se­rie „Bat­man“in ein Bat­mo­bil ver­wan­del­te. Au­gen­fäl­ligs­tes Merk­mal sei­ner sti­lis­ti­schen Über­ar­bei­tung des Ghia sind die eher recht­ecki­gen Schein­wer­fer, die an Stel­le der run­den Ori­gi­na­le ver­baut wur­den, zu­sam­men mit im Front­grill ver­steck­ten Blin­kern. In ganz be­son­de­rer Wei­se ist der Ghia L6.4 mit dem Rat Pack ver­bun­den, je­ner be­rüch­tig­ten Su­per­star-Par­ty-Gang, die in Las Ve­gas über Jah­re hin­weg die Shows im Sands Ho­tel füll­te und das gan­ze Land mit ih­rem aus­schwei­fen­den Li­fe­style in den Bann zog. Sam­my Da­vis Jr., Pe­ter La­w­ford und De­an Mar­tin hie­ßen die be­kann­tes­ten Mit­glie­der der Trup­pe, und sie al­le hat­ten die Eh­re, ei­nen Ghia zu er­gat­tern – und na­tür­lich der Kopf der Trup­pe, Frank Si­na­tra. Er be­kam den al­ler­ers­ten L6.4, oder ge­nau­er ge­sagt, er durf­te ihn kau­fen, zum da­mals hor­ren­den Preis von 13.500 Dol­lar (ein Ca­dil­lac kos­te­te et­wa die Hälf­te!). Das Au­to steht mitt­ler­wei­le im Na­tio­nal Au­to­mo­bi­le Mu­se­um in Re­no. Fran­kie Boy hat­te zu dem Zeit­punkt be­reits ei­ne an­sehn­li­che Au­to- samm­lung, dar­un­ter ei­nen DualGhia Con­ver­ti­ble und ei­nen der ers­ten Thun­der­bird Roads­ter so­wie ei­nen Con­ti­nen­tal MkII und ei­nen Ca­dil­lac El­do­ra­do Brougham. Kei­nes die­ser Au­tos dürf­te aber so per­fekt zum Gla­mour Sinatras ge­passt ha­ben wie der Ghia L6.4. Die Li­ni­en­füh­rung der Ka­ros­se­rie scheint sich noch an­zu­leh­nen an je­ne fu­tu­ris­ti­schen Show­cars, die in den Fünf­zi­gern wäh­rend der Mo­t­ora­ma Au­to Shows von Ge­ne­ral Mo­tors für Fu­ro­re sorg­ten. Pro­to­ty­pen mit ei­nem De­sign wie Raum­schif­fe, in­spi­riert von der Eu­pho­rie des Space Age, als die Ame­ri­ka­ner das Ge­fühl hat­ten, al­les er­rei­chen zu kön­nen, selbst den Mond. Die rie­si­gen Glas­flä­chen mit der Form ei­ner Jet­kan­zel er­in­nern dar­an, eben­so die tur­bi­nen­för­mi­gen Rück­lich­ter oder das mit Chrom-Knöpf­chen und Rund­in­stru­men­ten über­reiz­te Alu­mi­ni­um- Cock­pit samt Nar­di-Holz­lenk­rad.

Der Markt­wert düm­pel­te lan­ge vor sich hin

Nun könn­te man an­neh­men, dass der Markt­wert für je­den ein­zel­nen die­ser sel­te­nen und pres­ti­ge­träch­ti­gen Ghia seit­dem in un­er­mess­li­che Hö­hen ge­stie­gen ist. Dem ist aber nicht so. Es ist noch nicht all­zu lan­ge her, da düm­pel­ten die Prei­se bei 50.000 US-Dol­lar her­um. 2002 war das. Drei Jah­re zu­vor war ein ver­gleich­ba­res Ex­em­plar noch für 60.000 US-Dol­lar ver­kauft wor­den. Der Ghia galt un­ter Händ­lern lan­ge Zeit als über­frach­te­ter Dodge, dem man je­des ei­ni­ger­ma­ßen gut er­hal­te­ne Six­ties Mus­cle Car vor­zie­hen wür­de. Doch dann klet­ter­ten die Prei­se. 2010 ging ein Wa­gen bei Ebay für 100.000 Dol­lar weg, ein wei­te­rer im sel­ben Jahr für 126.000 Dol­lar. 2012 er­ziel­te ein Ghia L6.4 be­reits 199.000 Dol­lar, der nächs­te kam drei Jah­re spä­ter bei ei­ner Auk­ti­on in Ari­zo­na für 412.000 USDol­lar un­ter den Ham­mer. Vor­läu­fi­ger Re­kord­preis: 577.000 Dol­lar wäh­rend ei­ner Auk­ti­on in Mon­te­rey im Au­gust 2016. Den Co­oper-Ghia L6.4 mit der Chas­sis­num­mer 0308 kauf­te ein pri­va­ter Samm­ler. Ei­ner der we­ni­gen, dem die Eh­re zu­teil wur­de, ei­ne aus­gie­bi­ge Run­de mit die­sem ed­len Fahr­zeug dre­hen zu dür­fen, ist der Mo­tor­jour­na­list Qu­en­tin Will­son. Ihm zu­fol­ge fährt sich der bald 60 Jah­re al­te Ghia über­ra­schend gut, „mit ei­nem tur­bi­nen­ar­ti­gen Woosh“, wie er in der eng­li­schen Aus­ga­be von Clas­sic Cars un­längst ver­riet: „Wä­re da nicht die­ses fan­tas­ti­sche Mo­par-V8-Grum­meln, dann könn­test du glau­ben, du sä­ßest in ei­nem ge­ho­be­nen Ja­gu­ar XJ6.“Viel­leicht ist es ja ganz gut, dass Frank Si­na­tra die­sen Ver­gleich nicht mehr

hört.

Ol‘ Blue Eyes lieb­te Au­tos, fuhr mal Chrys­ler, mal Ca­dil­lac und so­gar ei­nen Lam­bor­ghi­ni Mi­ura. Am ex­klu­sivs­ten war aber der Ghia

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