Ford Sier­ra Cos­worth 4x4

Kein Typ mimt bes­ser die Rol­le vom Wolf im Schafs­pelz: Mit Cos­worth-Mo­tor und cle­ve­rem All­rad­an­trieb wird der bra­ve Stu­fen­heck-Sier­ra glatt zum Fa­vo­ri­ten­schreck

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT - Kars­ten Reh­mann

Cos­worth, die­ser Na­me bürgt für ei­ne or­dent­li­che Por­ti­on Pfef­fer un­ter der Mo­tor­hau­be. Die von Mi­ke Cos­tin und Keith Duck­worth ge­grün­de­te Mo­to­ren­schmie­de brach­te mit dem von Ford fi­nan­zier­ten DFVV8 vor nun­mehr 50 Jah­ren den er­folg­reichs­ten For­mel-1-Mo­tor al­ler Zei­ten an den Start und er­warb da­mit Welt­ruhm und ei­ne Re­pu­ta­ti­on im Bau von Vier­ven­tilZy­lin­der­köp­fen.

Die schnellste Li­mou­si­ne mit zwei Li­tern Hu­b­raum

Als Cos­worth Jahr­zehn­te spä­ter ei­nen neu­en Ge­schäfts­zweig als „Fri­sier­sa­lon“im Se­ri­en­mo­to­ren­bau er­öff­ne­te, stan­den die Mas­sen­her­stel­ler bald bei den Bri­ten Schlan­ge und lie­ßen ih­re Stan­dard­mo­to­ren zu po­ten­ten Sport­trieb­wer­ken um­bau­en. Da­bei ent­stand in den Acht­zi­ger­jah­ren rasch ei­ne be­son­ders frucht­ba­re Part­ner­schaft mit dem ur­sprüng­li­chen Renn­mo­to­ren-Fi­nan­zier Ford. Cos­worth ent­wi­ckel­te vor al­lem für die Bau­rei­hen Es­cort und Sier­ra Hoch­leis­tungs­zy­lin­der­köp­fe und renn­sport­taug­li­che Ba­sis­ag­gre­ga­te. Ein ers­tes fu­rio­ses Re­sul­tat war der 204 PS star­ke Ford Sier­ra RS Cos­worth von 1986, ei­ne hin­ter­rad­ge­trie­be­ne zwei­tü­ri­ge Li­mou­si­ne mit Fließ­heck und Dop­pel­flü­gel über der Heck­schei­be, von der Ford in­ner­halb kür­zes­ter Zeit vier­mal so vie­le Ein­hei­ten ver­kauf­te wie ur­sprüng­lich an­ge­nom­men, näm­lich 5545 Ex­em­pla­re. Die­se Flü­gel­flit­zer ge­nie­ßen heu­te un­ter Ford-Fans Kult­sta­tus. Zu­sam­men mit den schnel­len Ca­pri und den frü­hen Es­cort RS ge­hö­ren sie zu den be­son­ders hoch ge­han­del­ten For­dMo­del­len aus eu­ro­päi­scher Pro­duk­ti­on. Rein op­tisch be­trach­tet folg­te auf die Brand­stif­tung Er­nüch­te­rung. Ford un­ter­zog die Sier­raBau­rei­he 1987 ei­nem Face­lift, um ver­lo­re­ne, kon­ser­va­ti­ve Kun­den­krei­se zu­rück­zu­ge­win­nen. Wich­tigs­te Ver­si­on war fort­an nicht mehr das Fließ­heck, son­dern die im Bie­der­mei­er­stil ge­hal­te­ne neue Stu­fen­heck­li­mou­si­ne. Aus­ge­rech­net auf die­ser kreuz­bra­ven Gr­und­form ba­sier­te die 1988 prä­sen­tier­te zwei­te Fas­sung des Sier­ra Cos­worth. An­stel­le gro­ßer Leit­wer­ke trug er auf dem Kof­fer­raum­de­ckel nur ei­nen klei­nen Spoi­ler, der stark an ei­nen in Wa­gen­far­be la­ckier­ten Handtuchhalter er­in­ner­te und bald zum be­lieb­tes­ten Zu­be­hör­teil bei Rent­nern avan­cier­te, die da­mit beim Ein­par­ken ih­res Stan­dard-Sier­ra das Heck an­pei­len konn­ten, oh­ne sich den Na­cken zu ver­ren­ken. Den Ver­kaufs­zah­len tat das kei­nen Ab­bruch: Be­flü­gelt von meis­ter­li­chen Auf­trit­ten des Vor­gän­gers in in­ter­na­tio­na­len Tou­ren­wa­genCham­pio­na­ten fand der vier­tü­ri­ge Sier­ra Cos­worth ge­ra­de­zu rei­ßen­den Ab­satz: Ford ver­kauf­te bin­nen zwei Jah­ren 13.140 Ein­hei­ten, und dann wur­de es noch span­nen­der.

AM HECK SASS STATT WIL­DEM GE­FLü­GEL NUR NOCH EIN HANDTUCHHALTER

1990 hal­fen Ford und Cos­worth ih­rem Aus­hän­ge­schild näm­lich gleich drei­fach auf die Sprün­ge: Der Sier­ra be­kam ei­nen per­ma­nen­ten All­rad­an­trieb, der über ei­ne Vis­co-Kupp­lung zwei Drit­tel der Leis­tung an die Hin­ter­ach­se lei­tet, und Cos­worth feil­te noch ein­mal kräf­tig am Mo­tor: Das Re­sul­tat wa­ren 16 PS mehr trotz des nun se­ri­en­mä­ßi­gen Drei­we­geKats. Die 220-PS-Ver­si­on war am grün la­ckier­ten Zy­lin­der­kopf­de­ckel er­kenn­bar, die un­ger­ei­nig­ten 204-PS-Ag­gre­ga­te be­sa­ßen ro­te Ven­til­de­ckel. In En­g­land hieß die­se letz­te Fas­sung „Sier­ra Sapphi­re RS Cos­worth 4x4“, hier­zu­lan­de wur­de sie schlicht als Sier­ra Cos­worth 4x4 vor­ge­stellt.

Über­steu­ern liegt in sei­ner Na­tur – trotz All­rad­an­trieb

Der Sier­ra avan­cier­te da­mit nicht nur zur schnells­ten vier­tü­ri­gen Li­mou­si­ne in der Klas­se bis zwei Li­ter Hu­b­raum. Er ge­hör­te auch zu den ers­ten Hoch­leis­tungs-All­rad­lern, de­ren Ei­gen­lenk­ver­hal­ten im Grenz­be­reich ei­ne Ten­denz zum Über­steu­ern zeigt. Was fahr­dy­na­mi­sche Qua­li­tä­ten an­be­langt, brauch­te Fords Wolf im Schafs­pelz dies­seits des BMW M3 kei­nen Ver­gleich zu fürch­ten. Trotz ei­nes ge­sal­ze­nen Grund­prei­ses von über 60.000 Mark fan­den sich wei­te­re 12.250 Käu­fer für die Top­ver­si­on der nicht mehr ganz fri­schen Mit­tel­klas­se-Bau­rei­he. Viel­leicht ahn­ten sie, dass Ford die­se Zir­kus­num­mer mit dem front­ge­trie­be­nen Mon­deo auf ab­seh­ba­re Zeit nicht wie­der­ho­len wür­de. Selbst Cos­worth konn­te un­ter des­sen Schafs­pelz kei­nen Wolf mehr we­cken und ver­leg­te sich not­ge­drun­gen auf an­de­re Bau­rei­hen. Als le­gi­ti­mer Er­be eta­blier­te sich ab 1993 der Es­cort RS Cos­worth – wie­der mit wil­den Flü­geln am Heck.

FA­ZIT: Wer Spaß am Un­der­state­ment hat, kommt bei die­sem Renn­tou­ren­wa­gen im Ge­wand ei­ner Fa­mi­li­en­kut­sche voll und ganz auf sei­ne Kos­ten.

Grün gleich sau­ber: Die äl­te­ren Ver­sio­nen oh­ne Ka­ta­ly­sa­tor ha­ben ro­te Zy­lin­der­kopf­de­ckel

Ver­schach­tel­te Ar­ma­tu­ren, da­vor be­müht sich ein Le­der­lenk­rad er­folg­los um den sport­li­chen Touch

Per­fek­tes Un­der­state­ment: Je­der Fies­ta-Fah­rer glaubt, er kön­ne beim Am­pel­start mit­hal­ten

Ein­zi­ges High­light im In­nen­raum sind die Re­ca­ro-Sport­sit­ze mit Ve­lours­be­zug

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