Borg­ward Han­sa 1500 RS

Mit Alu­mi­ni­um-Ka­ros­se­rie, ae­ro­dy­na­mi­schem Kamm­heck und höchst in­no­va­ti­vem Vier­ven­til-Renn­mo­tor be­scher­te der Han­sa 1500 RS den Bre­mer Borg­ward-Wer­ken ei­ne kur­ze, durch­aus er­folg­rei­che Renn­sport-Ära

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT - [ TEXT Jür­gen Gas­seb­ner FO­TOS AZ Ar­chiv ]

Er­wähnt man den Au­to­mo­bil­her­stel­ler Borg­ward, dann den­ken vie­le Old­ti­merFans heut­zu­ta­ge zu­nächst an die for­mi­da­blen Stra­ßen­au­to­mo­bi­le Han­sa oder Isa­bel­la. Doch bei Borg­ward gab es auch ei­ne Ära des in­ter­na­tio­na­len Renn­sports, die von 1950 bis 1958 dau­er­te und die le­gen­dä­ren „Sil­ber­pfei­le aus Bre­men“her­vor­brach­te. Ei­ner da­von war der Han­sa 1500 RS, wie er von Fritz Jütt­ner ein­ge­setzt wur­de. Doch der Rei­he nach. Im Jahr 1949 ge­lang es dem Renn­fah­rer, In­ge­nieur und ehe­ma­li­gen Werks­sport­lei­ter der Au­to Uni­on, Au­gust Mom­ber­ger, Carl F. W. Borg­ward von der Wich­tig­keit ei­nes Renn­sport-En­ga­ge­ments zu über­zeu­gen. Dar­auf­hin ent­stand auf Ba­sis des Chas­sis des Borg­ward Han­sa 1500 ein Re­kord­fahr­zeug, an­ge­trie­ben von ei­nem 66 PS star­ken Mo­tor und wind­schlüp­fig ver­klei­det mit ei­ner of­fe­nen Strom­li­ni­en­ka­ros­se­rie.

Re­kord­fahr­ten mit dem 1500 In­ka in Mont­l­hé­ry

Da Mom­ber­ger zu­sam­men mit dem spä­te­ren Chef­in­ge­nieur von Go­li­ath, Mar­tin Flei­scher, das Kon­struk­ti­ons­bü­ro IN­KA (In­ge­nieur-Kon­struk­teurs-Ar­beits­ge­mein­schaft) be­trieb, lau­te­te die Be­zeich­nung für den frisch ent­wor­fe­nen Borg­ward-Renn­wa­gen kur­zer­hand Han­sa 1500 Typ IN­KA. Bei den Re­kord­fahr­ten imAu­gust 1950 im fran­zö­si­schen Mont­l­hé­ry fuhr man schließ­lich nicht we­ni­ger als zwölf Re­kor­de in der Klas­se bis

1,5 Li­ter Hu­b­raum ein, dar­un­ter ei­nen für die 1000-Ki­lo­me­ter-Dis­tanz mit ei­nem Schnitt von 172 km/h. Borg­wards Ein­stieg in den Renn­sport war ge­lun­gen.

RS für die Rund­stre­cke in der Sport­wa­gen­klas­se

Das er­folg­rei­che De­büt in Frank­reich sorg­te bei Borg­ward für ho­he Mo­ti­va­ti­on, sich zu­künf­tig auch mit Sport­wa­gen an Rund­stre­cken­ren­nen zu be­tei­li­gen. So ent­stand für die Renn­sai­son 1952 der Renn­sport­wa­gen Borg­ward RS. Auch die­ser Wa­gen war ei­ne Ent­wick­lung der IN­KA. Er ver­füg­te über ei­nen Lei­ter­rah­men, ei­ne DeDi­on-Hin­ter­ach­se. Sein Stoß­stan­gen-Mo­tor leis­te­te zu­nächst über 80, 1953 dann mehr als 100 PS. Doch da­mit war das Po­ten­zi­al des auf der Ba­sis des Han­sa-Se­ri­en­mo­tors ba­sie­ren­den Trieb­werks auch weit­ge­hend aus­ge­reizt, wenn­gleich Borg­ward-Mo­to­ren­chef Karl Lud­wig Brandt 1954 noch ei­ne letz­te Aus­bau­stu­fe mit me­cha­ni­scher Ein­sprit­zung zün- de­te. Auch die­ser Wa­gen war auf An­hieb er­folg­reich. So be­leg­te man beim 1000-Ki­lo­me­ter-Ren­nen auf dem Nür­burg­ring 1953 den be­acht­li­chen drit­ten Platz im Ge­samt­klas­se­ment. Bei den 24 St­un­den von Le Mans sorg­ten zwei RS Cou­pés mit Alu­mi­ni­um­Ka­ros­se­rie für Be­ach­tung. Hö­he­punkt war die Teil­nah­me an der Car­re­ra Pan­ame­ri­ca­na, die Han­sHu­go Hart­mann als Füh­ren­der in der Klas­se der leich­ten Sport­wa­gen ab­schloss. Auf­grund ei­ner Zeit­über­schrei­tung wäh­rend ei­ner Etap­pe wur­de er je­doch dis­qua­li­fi­ziert. Den­noch fiel das Pres­se­echo enorm po­si­tiv aus, was Borg­ward mo­ti­vier­te, auch wei­ter­hin Renn­sport zu be­trei­ben. Ei­ne ste­ti­ge Wei­ter­ent­wick­lung des Borg­ward RS führ­te – vor al­lem dank in­no­va­ti­ver Mo­to­ren­tech­nik – zu im­mer bes­se­ren Leis­tungs­da­ten. So be­saß der für die

EIN SCHRIFT­ZUG VOL­LER TRA­DI­TI­ON. DOCH BORG­WARD MUSS­TE 1961 IN DEN KONKURS – SCHLUSS, AUS, EN­DE

Sai­son 1955 ent­wi­ckel­te was­ser­ge­kühl­te 1,5-Li­ter-Rei­hen­vier­zy­lin­der nicht nur zwei oben­lie­gen­de No­cken­wel­len, son­dern so­gar vier Ven­ti­le pro Zy­lin­der. Im Zu­sam­men­spiel mit ei­ner me­cha­ni­schen Kraft­stof­f­e­in­sprit­zung und Dop­pel­zün­dung ge­ne­rier­te die­ser höchst auf­wän­di­ge, mit Tro­cken­sumpf­schmie­rung und bis 8500 Tou­ren dre­hen­de Renn­mo­tor be­acht­li­che 154 PS, die in Ver­bin­dung mit le­dig­lich 650 Ki­lo­gramm Ge­wicht für ab­so­lut wett­be­werbs­fä­hi­ge Fahrleistungen und Höchst­ge­schwin­dig­kei­ten um 250 Ki­lo­me­ter pro St­un­de sorg­ten. Ein ab­nehm­ba­res Kamm­heck – der so ge­nann­te „AVUS-Bu­ckel“– ver­half dem RS obend­rein zu ei­ner op­ti­mier­ten Ae­ro­dy­na­mik. Ob­gleich der mit ei­nem Rohr­rah­men aus­ge­stat­te­te Borg­ward RS in den Jah­ren 1957 und 1958 un­ter

Hans Herrmann und Jo­akim Bon­nier sein Po­ten­zi­al be­wies, ent­schied man sich bei Borg­ward da­zu, das Renn­sport-En­ga­ge­ment ein­zu­stel­len. Ei­ner­seits aus Kos­ten­grün­den, an­de­rer­seits auch we­gen der ge­rin­gen Wer­be­wirk­sam­keit für das Un­ter­neh­men, das ei­nen ver­gleich­ba­ren Se­ri­en­sport­wa­gen nicht im Pro­gramm hat­te.

Borg­ward wird zah­lungs­un­fä­hig und muss auf­ge­ben

Doch die Kos­ten­dämp­fung kam für Borg­ward aus heu­ti­ger Sicht be­trach­tet oh­ne­hin zu spät. So bo­ten die Bre­mer zwar ei­ne enor­me Mo­dell­viel­falt – je­doch oh­ne die ent­spre­chend ho­he Nach­fra­ge, die ei­ne ren­ta­ble Fer­ti­gung er­mög­licht hät­te. Schwa­che Ver­kaufs­zah­len des Mo­dells Ara­bel­la so­wie dras­ti­sche Ex­port-Rück­gän­ge in die USA führ­ten 1961 schließ­lich zur Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Tra­di­ti­ons-Un­ter­neh­mens.

Fritz Jütt­ner ret­tet sei­nen RS und re­stau­riert ihn

Das hier ge­zeig­te Fahr­zeug ge­hör­te Fritz Jütt­ner, der nicht nur als Mo­to­ren­tech­ni­ker in der Werks­renn­ab­tei­lung von Borg­ward tä­tig war, son­dern auch als Borg­war­dWerks­renn­fah­rer an den Start ging. Als Borg­ward Plei­te ging, konn­te er sich sein Renn­fahr­zeug, den Han­sa 1500 RS, si­chern und zog nach Stutt­gart. Hier ar­bei­te­te Jütt­ner un­ter an­de­rem als Lei­ter des Renn­diens­tes bei Bosch. Peu à peu re­stau­rier­te er den Borg­ward-Ren­ner zu al­tem Glanz.

Der Ren­ner steht wie­der in sei­ner Hei­mat Bre­men

In den 1970er-Jah­ren wa­ren Fritz Jütt­ner und der Borg­ward Han­sa RS 1500 schließ­lich wie­der auf der Renn­stre­cke an­zu­tref­fen – mit Er­folg, wie zahl­rei­che Sie­ge in der Sport­wa­gen­klas­se be­le­gen. Mit da­bei: sein Sohn Ralf als Hel­fer und Me­cha­ni­ker. Heu­te ist Ralf Jütt­ner als Ge­schäfts­füh­rer bei der Fir­ma Joest Ra­c­ing in Wald-Mi­chel­bach tä­tig. Im Jah­re 1985 starb sein Va­ter Fritz, und der ra­re Borg­ward Han­sa RS 1500 ver­blieb an­schlie­ßend im Be­sitz sei­nes Soh­nes. Bis vor rund drei Jah­ren: „Dann hat ihn ein Samm­ler in Bre­men er­wor­ben“, be­rich­tet Ralf Jütt­ner, „jetzt ist er wie­der in sei­ner al­ten Hei­mat.“

DAS KAMM-HECK NANN­TE MAN SA­LOPP AVUS-BU­CKEL

Zwei 1500 RS ent­stan­den mit AluKa­ros­se­rie, ein wei­te­rer mit noch leich­te­rer Ma­g­ne­si­um­haut (Elek­tron)

Die klei­nen Alu­mi­ni­um­tü­ren öff­nen nach un­ten. Ty­pisch für die Sport­und Renn­wa­gen der 1950er-Jah­re sind die klei­nen Sitz­scha­len

Mehr als 150 PS er­mög­lich­ten bei 650 Ki­lo­gramm Leer­ge­wicht über 250 km/h Höchst­ge­schwin­dig­keit

Das Cock­pit des 1500 RS ist von funk­tio­na­ler Sch­licht­heit und dem wun­der­ba­ren Lenk­rad mit Holz­kranz ge­prägt

Vier Trom­mel­brem­sen sor­gen beim 1500 RS für or­dent­li­che Ver­zö­ge­rung

Zwei Rund­in­stru­men­te für Tem­pe­ra­tur und Öl­druck

Bei Be­darf dreht der ras­si­ge Vier­zy­lin­der deut­lich über 8000 Tou­ren

Prak­ti­scher Schnell­ver­schluss für den Heck­de­ckel

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.