VW Golf Coun­try

War die Zeit da­mals noch nicht reif für ei­nen Ty­pen wie den Golf Coun­try? Und wie steht er heu­te als Young­ti­mer da?

AUTO ZEITUNG Classic Cars - - INHALT -

Die Idee war ei­ne lo­gi­sche Re­ak­ti­on auf den sich wan­deln­den Markt: In ei­ner bis­lang un­be­ach­te­ten Ni­sche mach­ten sich En­de der 80er-Jah­re im­mer mehr klei­ne Ge­län­de­wa­gen breit. Su­zu­ki Vi­ta­ra & Co wur­den zu ech­ten Li­fe­style-Au­tos. VW hat­te dem nichts ent­ge­gen­zu­set­zen: Der rus­ti­ka­le Il­tis hat­te 1988 aus­ge­dient, ein di­rek­ter Nach­fol­ger stand nicht zur De­bat­te. Mit dem Syn­cro-An­trieb al­ler­dings hat­ten die Tech­ni­ker vom Mit­tel­land­ka­nal ein As im Är­mel. Schon 1983 stand auf der IAA der Pas­sat Va­ri­ant te­tra, des­sen All­rad­an­trieb der si­che­ren Fort­be­we­gung bei wid­ri­gen Stra­ßen­ver­hält­nis­sen die­nen soll­te. Ech­te Ge­län­de­gän­gig­keit schrieb man eher den Nutz­fahr­zeu­gen zu: Nach ers­ten Ex­pe­ri­men­ten im T2 war ab 1985 der all­rad­ge­trie­be­ne Typ 2 T3 jen­seits be­fes­tig­ter Stra­ßen un­ter­wegs. Auch in der Golf-Bau­rei­he ex­pe­ri­men­tier­te man mit vier an­ge­trie­be­nen Rä­dern: Der Golf syn­cro (ab 1986) blieb äu­ßer­lich un­schein­bar, bot aber ei­ne gu­te Ba­sis für ex­tre­me­re Va­ri­an­ten wie den deut­lich ver­brei­ter­ten Ral­lye-Golf und den Golf Coun­try, der zu­nächst als Stu­die „Mon­ta­na“vor­ge­stellt wur­de. Das Pu­bli­kum war über­rascht, die Re­so­nanz durch­aus po­si­tiv. Dem be­währ­ten Golf

der zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on ver­trau­te man eben. Ty­pisch für ei­nen Ge­län­de­wa­gen wa­ren die Bü­gel vor­ne und hin­ten, das am Heck mon­tier­te Re­ser­ve­rad und die grö­ße­re Bo­den­frei­heit. Die ent­stand durch ei­nen Kunst­griff: Die be­kann­te vier­tü­ri­ge Ka­ros­se­rie des Golf CL syn­cro wur­de bei Steyr-Daim­lerPuch auf ei­nen Lei­ter­rah­men mon­tiert. So­mit saß sie zwölf Zen­ti­me­ter hö­her als beim Ba­sis­mo­dell. Um den An­triebs­strang oh­ne grö­ße­re Än­de­run­gen über­neh­men zu kön­nen, sitzt die­ser im Rah­men. Das hat zur Fol­ge, dass der Mo­tor recht tief im Vor­der­wa­gen un­ter­ge­bracht ist. So re­la­ti­viert sich die ver­meint­li­che Bo­den­frei­heit in die­sem Be­reich wie­der – ein mas­si­ves Schutz­blech schirmt den Mo­tor nach vor­ne hin ab.

Mehr Schein als Sein: Of­f­road wird es schwie­rig

Grund­sätz­lich wird der Golf Coun­try vom 1,8 Li­ter gro­ßen Ben­zi­ner (Kenn­buch­sta­be 1P) mit 98 PS und Di­gi­fant-Ein­sprit­zung an­ge­trie­ben, wo­bei es ei­ni­ge Son­der­um­bau­ten mit an­de­ren Mo­to­ren (u.a. für Werks-Mit­ar­bei­ter) ge­ge­ben ha­ben soll. Die rus­ti­ka­le Op­tik lässt auf ei­nen ast­rei­nen Klet­ter­ma­xe schlie­ßen, doch das war der Golf Coun­try nie: Ei­ne Vis­co-Kupp­lung schal­tet bei Be­darf die Hin­ter­ach­se zu, Dif­fe­ren­ti­al­sper­ren gab es ab Werk je­doch nicht. Und die sind in schwe­rem Ge­län­de eben­so un­ab­ding­bar wie ei­ne ge­wis­se Ver­schrän­kung. Die ist aber auf­grund des re­la­tiv straf­fen (und da­mit auf be­fes­tig­ten Stra­ßen kom­for­ta­blen) Fahr­werks nicht ge­ge­ben. Im­mer­hin: Förs­ter und Jä­ger ka­men mit dem Golf Coun­try in ih­rem Re­vier bes­tens zu­recht, auch als Zug­fahr­zeug fand der schwe­re und kräf­ti­ge Zwei­er Golf schnell sei­ne Freun­de. Der un­ge­trüb­ten Freu­de am Coun­try stand der recht ho­he Preis von über 33.000 Mark ent­ge­gen. Mit dem „All­round“, er­hält­lich nur in Wald­grün, mit Kunst­le­der und Stan­dard­rä­dern, bot VW ab Mit­te 1990 ei­ne güns­ti­ge­re Ba­sis­ver­si­on an. Lei­der blieb der Er­folg aus: 5000 Ein­hei­ten pro Jahr peil­te man als Ver­kaufs­ziel an, am En­de wa­ren es 7735 Golf Coun­try, die in über zwei Jah­ren an den Käu­fer ge­bracht wer­den konn­ten. Um den Ver­kauf an­zu­kur­beln, er­wei­ter­ten die VW-Ver­ant­wort­li­chen die Pa­let­te nach oben: Die Chrom-Edi­ti­on (wie auf die­sen Sei­ten zu se­hen) soll­te das Image auf­pep­pen. Crè­me­far­be­nes Echt­le­der, ein gro­ßes, elek­trisch be­tä­tig­tes Falt­schie­be­dach und die ver­chrom­ten An­bau­tei­le lie­ßen das Au­to sty­lish wer­den – und trie­ben den Preis in die Hö­he: über

40.000 Mark wa­ren für das aus­schließ­lich schwarz la­ckier­te Top­mo­dell fäl­lig. Mit 558 ver­kauf­ten Ex­em­pla­ren ge­hört die­se Ver­si­on heu­te zu den ge­such­tes­ten Va­ri­an­ten. Sie trägt zwei­fel­los ei­nen gro­ßen Teil da­zu bei, dass der Golf Coun­try oft als Vor­rei­ter des all­ge­mei­nen SUV-Booms an­ge­se­hen wird: Auf der Ba­sis ei­nes be­kann­ten und be­währ­ten Groß­se­ri­en­Fahr­zeugs bot er ei­ne rus­ti­ka­le Op­tik mit ein­ge­schränk­ten Ge­län­de­fä­hig­kei­ten. Mit den Cross- re- spek­ti­ve All­track-Ver­sio­nen be­hält VW das Kon­zept bis heu­te in ver­schie­de­nen Bau­rei­hen bei.

Der Coun­try wur­de oft als Nutz­fahr­zeug ge­schun­den

Der Golf Coun­try war ein­fach zu früh dran. Er wur­de über Wald und Wie­sen ge­scheucht, schlepp­te Boots- oder Vieh-An­hän­ger, bis ihm ir­gend­wann die Lich­ter aus­gin­gen. Das An­ge­bot sieht heu­te ent­spre­chend aus: In den ein­schlä­gi­gen Bör­sen fin­den sich Ki­lo­me- ter­fres­ser und ver­beul­te Nutz­fahr­zeu­ge. Die ech­ten Glücks­grif­fe im gu­ten Zu­stand sind meist schon in fes­ten Hän­den. Da der Golf Coun­try am En­de des Ta­ges nichts an­de­res ist als ein skur­ri­ler Golf II, sind Er­satz­tei­le gut zu be­kom­men. Die Rost­vor­sor­ge gilt bei die­ser Ge­ne­ra­ti­on oh­ne­hin als gut. Ein Coun­try-Boom ist zwar nicht ab­zu­se­hen, ein ge­wis­ser Exo­tenAuf­preis ge­gen­über an­de­ren Gol­fMo­del­len ist aber durch­aus seit ei­ni­gen Jah­ren zu spü­ren.

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11 LAMPENSCHUTZGITTEr Die klapp­ba­ren Bü­gel wer­den im All­tag nicht ge­braucht, ge­hö­ren aber zur Op­tik

DOM­LA­GEr Rost­spu­ren rund um Fe­der­bei­ne und Do­me zie­hen auf­wän­di­ge Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten nach sich 10

Der Golf Coun­try ist kein Au­to für’s Gro­be, die ein oder an­de­re Fahrt ab­seits be­fes­tig­ter Stra­ßen ist aber drin!

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