Zu­ruck in die sieb­zi­ger

Was wä­re, wenn der Mer­ce­des-AMG GT S ge­nug Po­wer für ei­nen Zeit­sprung hät­te? Dann könn­te er sei­nen Urahn C111 tref­fen. Wir ha­ben ein biss­chen nach­ge­hol­fen und die fas­zi­nie­ren­de Be­geg­nung Wirk­lich­keit wer­den las­sen

AUTO ZEITUNG - - ALT GEGEN NEU · MERCEDES C111 – MERCEDES-AMG GT S - [ TEXT Ger­rit Rei­chel FO­TOS Char­lie Ma­gee ]

Ei­gent­lich feh­len nur noch die bren­nen­den Rei­fen­spu­ren. Dann wä­re die Il­lu­si­on an die­sem Tag per­fekt: Re­gie-Le­gen­de Ro­bert Ze­me­ckis ist noch ein­mal über sei­nen Schat­ten ge­sprun­gen und dreht end­lich die er­sehn­te Fort­set­zung von „Zu­rück in die Zu­kunft“. Die Sto­ry geht un­ge­fähr so: Mar­ty McF­ly ist 30 Jah­re nach sei­nem Film­de­büt und dem ers­ten Zeit­sprung von DeLo­re­an auf Mer­ce­des um­ge­stie­gen. Von sei­nem Kum­pel Doc Brown hat er sich den neu­en AMG GT S ge­schnappt. Der schlägt mit sei­nem 510 PS star­ken Bi­tur­bo-V8 auch oh­ne Flux­kom­pen­sa­tor der Zeit ein Schnipp­chen. 3,8 Se­kun­den von null auf 100 Tem­po, 310 km/ h Spit­ze – das soll­te ge­nü­gen, um sich lo­cker ins Jahr 1970 zu ka­ta­pul­tie­ren. Und auf wen trifft er da? Auf sei­nen Va­ter, par­don, Urahn. Der heißt C111 und trägt ein für sei­ne Zeit un­fass­bar avant­gar­dis­ti­sches De­sign: ex­tre­me Keil­form mit spek­ta­ku­lä­ren Luf­taus­trit­ten in der Front, Luft­ein­läs­sen an den Sei­ten und elek­tri­sie­ren­den Stre­ben vom Dach bis zum Heck. Das Gan­ze in leuch­ten­dem Oran­ge be­zie­hungs­wei­se Weiß­herbst, wie die Far­be of­fi­zi­ell heißt. Und na­tür­lich hat die­ser Flach­mann im Ge­gen­satz zum GT S noch Flü­gel­tü­ren. Die wa­ren in den 70ern ein Muss, wenn ein Au­to rich­tig spek­ta­ku­lär aus­se­hen soll­te. Ab­ge­se­hen da­von wa­ren sie auch ei­ne kon­struk­ti­ve Not­wen­dig­keit, denn die bei­den Tanks in den Sei­ten­schwe ll e r n mach­ten den Ein­bau nor­ma­ler Tü­ren un­mög­lich. „ Sol­len wir mal tau­schen?“, fragt McF­ly den Mann am Steu­er des C111. „War­um nicht“, ent­geg­net der. Und so staunt der Zeit-

„Sol­len wir tau­schen?“, fragt mcf­ly den mann am steu­er des c111

rei­sen­de nicht schlecht. Ge­ra­de saß er noch im High­tech-Cock­pit sei­nes AMG hin­ter dem Mul­ti­funk­ti­ons­lenk­rad und surf­te mit der rech­ten Hand läs­sig per Touch­pad durch die Wei­ten des Mul­ti­me­di­a­sys­tems. Aber jetzt hat er die­sen rie­si­gen Kranz mit vier Spei­chen vor und ein nost­al­gi­sches Ra­dio na­mens Be­cker Grand Prix schräg ne­ben sich, das oben­drein auch noch senk­recht ein­ge­baut ist. Au­ßen hui, aber in­nen so bo­den­stän­dig wie ein W109. Kein Wun­der, die Schal­ter und Be­dien­ele­men­te stam­men weit­ge­hend aus dem Mer­ce­des-Re­gal der 60er. Im­mer­hin: Der C111 hat ei­ne Kli­ma­an­la­ge. Die ge­hör­te zum Er­pro­bungs­pro­gramm, das die In­ge­nieu­re da­mals mit dem Ver­suchs­trä­ger fuh­ren, ge­nau wie die Glas­fa­ser­ka­ros­se­rie und der Wan­kel­mo­tor, der in an­de­ren Ex­em­pla­ren der nur zwölf Fahr­zeu­ge um­fas­sen­den Se­rie ver­baut war.

Vier Fah­rer stell­ten 16 Welt­re­kor­de im C111 auf

Be­kannt wur­de der C111 aber durch sein au­ßer­ge­wöhn­li­ches De­sign, das bei Fans der Mar­ke Hoff­nung auf ei­nen 300 SL-Nach­fol­ger weck­te. Doch es kam be­kannt­lich nie zur Se­ri­en­fer­ti­gung. Im­mer­hin sam­mel­te der Schwa­be flei­ßig Re­kor­de: Ins­ge­samt 16 Welt­best­leis­tun­gen stell­ten vier Fah­rer in 60 St­un­den auf, da­von gal­ten 13 für Die­sel­fahr­zeu­ge und drei für Au­to­mo­bi­le al­ler Mo­to­ri­sie­run­gen. Die Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit ei­ner ra­san­ten Ver­suchs­fahrt mit dem C111-IID im ita­lie­ni­schen Nar­do lag bei 252 km/ h – und Mer­ce­des be­wies, dass auch der Die­sel sprin­ten kann.

aussen hui, in­nen bo­den­stän­dig wie ein w109. und im heck ein bra­ver v8

Der C111, den Mar­ty McF­ly in un­se­rer fik­ti­ven Zu­rück-in- dieZu­kunft-Fort­set­zung fährt, ist al­ler­dings ein ganz bra­ver. Kein Wan­kel wer­kelt hin­ten im Heck, auch kein Re­kord-Die­sel, son­dern ein han­dels­üb­li­cher 3,5-Li­ter-V8, wie er da­mals in den gro­ßen Li­mou­si­nen mit Stern zu fin­den war. Der Grund: Mer­ce­des hat­te sei­ner­zeit ei­nen C111 mit die­sem Mo­tor aus­ge­stat­tet, um Ver­glei­che mit dem ka­pri­ziö­sen Wan­kel fah­ren zu kön­nen. Erst vor Kur­zem wur­de der Pro­to­ty­pen-Old­ti­mer wie­der ans Lau­fen ge­bracht, dies­mal je­doch nicht für Ver­suchs­zwe­cke, son­dern als Mar­ken­bot­schaf­ter im Rah­men von Life­style-Auf­trit­ten bei Mo­den­schau­en und Fes­ti­vals. So brab­belt der V8 zwar wohl­klin­gend vor sich hin, wäh- rend McF­ly da­mit ei­ne klei­ne Run­de dreht. Aber von bra­chia­ler Fahr­dy­na­mik, wie sie der Vier­schei­benWan­kel einst bot (4,8 Se­kun­den von null auf 100 km/ h, 300 km/ h Spit­ze), ist nichts zu spü­ren. 200 PS rei­chen al­len­falls für zü­gi­ges Rei­sen im Stil ei­nes Gran Tu­ris­mo al­ter Schu­le. Und wenn der Fah­rer den Ein­druck hat, die Stra­ße vor ihm wür­de zu flim­mern be­gin­nen, dann liegt das nicht am be­vor­ste­hen­den Zeit­sprung, son­dern an der hei­ßen Ab­luft, die aus den zwei Öff­nun­gen in der vor­de­ren Hau­be Rich­tung Front­schei­be strömt. Die über­ir­di­sche Be­schleu­ni­gungs­or­gie bleibt in die-

heu­te darf der c111 bei life­sty­le­auf­trit­ten den show­star ge­ben

sem Ver­gleich lo­gi­scher­wei­se dem AMG GT S vor­be­hal­ten. Erst kürz­lich durf­te der Wa­gen auf der Nord­schlei­fe zei­gen, was er kann. Da­bei häm­mer­te Kol­le­ge Horst von Saurma bei sei­nem Supertest ei­ne Fa­bel­zeit von 7:35 min in den As­phalt. Ein an­de­rer GT S ab­sol­vier­te den Stan­dard­sprint von null auf 100 km/ h auf dem Test­par­cours der AU­TO ZEI­TUNG per Launch Con­trol in sa­gen­haf­ten 3,3 Se­kun­den – ei­ne hal­be Se­kun­de schnel­ler als die Werks­an­ga­be. Nach ins­ge­samt 10,8 Se­kun­den wies die Ge­schwin­dig­keits­an­zei­ge be­reits ein Tem­po von 200 km/ h aus. Wer­te, die nicht nur die Leis­tungs­fä­hig­keit des Mo­tors aus­drü­cken, son­dern auch für das aus dem SLS be- kann­te Dop­pel­kupp­lungs­ge­trie­be spre­chen, mit dem die Gang­wech­sel im GT S ex­trem schnell und ruck­frei von­stat­ten ge­hen. Der­weil blickt der Fah­rer voll kon­zen­triert und mit Glücks­hor­mo­nen über­schüt­tet durch die steil ste­hen­de Front­schei­be über die weit nach vorn ra­gen­de Mo­tor­hau­be und denkt: Wahn­sinn. Was heu­te zu­tiefst be­ein­druckt, hät­te im Jahr 1970 wohl je­den nor­ma­len Men­schen um den Ver­stand ge­bracht. Ei­gent­lich müss­te Ze­me­cki mit die­sen Au­tos wirk­lich noch ei­nen Film dre­hen. Von uns be­kä­me er da­für ei­nen Os­car.

per launch con­trol in nur 10,8 Se­kun­den von null auf 200 km/h

Fas­zi­na­ti­on Mer­ce­des-Sport­wa­gen 45 Jah­re spä­ter: Der AMG GT S ist ei­ne Fahr­ma­schi­ne, ge­rüs­tet mit ak­tu­el­ler High­tech – vom ad­ap­ti­ven Fahr­werk über das Mul­ti­me­di­a­Sys­tem bis zum Dop­pel­kupp­lungs­ge­trie­be mit Launch Con­trol. Nur Flü­gel­tü­ren hat der GT S kei­ne. Scha­de ei­gent­lich …

Scha­len­sit­ze mit Le­der­wan­gen, senk­recht ein­ge­bau­tes Ra­dio, Schei­ben­not­ham­mer für die Flü­gel­tü­ren: De­tails des Er­pro­bungs­fahr­zeugs C111 aus dem Jahr 1970. Die Rück­lich­ter könn­ten so auch an ei­nem x-be­lie­bi­gen An­hän­ger zu fin­den sein.

Den Ta­cho bis 300 km/h braucht die V8-Va­ri­an­te des C111 nicht, bei Tem­po 220 ist Schluss. Mit Vier­schei­ben-Wan­kel schaff­te das Au­to al­ler­dings ech­te 300 km/h.

Der V8-Bi­tur­bo des GT S ent­facht ein be­droh­li­ches Wum­mern, das aus zwei di­cken En­d­roh­ren ent­weicht. Das Ge­trie­be des Front-Mit­tel­mo­tors sitzt an der Hin­ter­ach­se.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.