Wer baut den bes­ten GTI?

FORD FO­CUS ST • PEU­GEOT 308 GTI • SEAT LE­ON CU­PRA • SKO­DA OC­TA­VIA RS • VW GOLF GTI

AUTO ZEITUNG - - VORDERSEITE - [ TEXT Mar­kus Schönfeld FO­TOS Klaus Hu­ber-Abend­roth ]

Der Tur­bo­la­der ist aus dem Mo­to­ren­bau nicht mehr weg­zu­den­ken. So­wohl ef­fi­zi­en­te Die­sel­ag­gre­ga­te als auch win­zi­ge Down­si­zing-Ben­zi­ner er­rei­chen durch die klei­nen Schau­fel­rä­der ei­ne enor­me Leis­tungs­aus­beu­te. Das gilt na­tür­lich auch für die druck­vol­len Po­wer­ma­schi­nen aus der sport­li­chen Kom­pakt­klas­se. Hier zieht im Ge­wand des neu­en Peu­geot 308 GTi nun auch ein Mo­tor ein, der schon im fla­chen Cou­pé RCZ R für Fu­ro­re ge­sorgt hat: Ein nur 1,6 Li­ter gro­ßer Tur­bo-Ben­zi­ner mit be­acht­li­chen 272 PS. Rei­chen al­lein die­se im­po­san­ten Leis­tungs­wer­te aus, um den eta­b­lier­ten Kon­kur­ren­ten Ford Fo­cus ST (250 PS), Seat Le­on Cu­pra (265 PS), Sko­da Oc­ta­via RS 230 und VW Golf (bei­de 230 PS) auf dem As­phalt das Fürch­ten zu leh­ren? Ring frei für ei­nen ers­ten Ver­gleichs­test.

Ka­ros­se­rie

Er sieht schon ver­dammt gut aus, der neue Peu­geot im perl­mutt­wei­ßen GTi-An­zug. Elf Mil­li­me­ter ge­gen­über ei­nem Ba­sis-308 tie­fer­ge­legt, mit 19-Zoll-Fel­gen und zwei di­cken, ver­chrom­ten En­d­roh­ren ge­schmückt, stim­men die Pro­por­tio­nen des 4,25 Me­ter lan­gen Fran­zo­sen per­fekt. In­nen gibt er sich luf­ti­ger als Ford Fo­cus und Seat Le­on, auch wenn die Platz­ver­hält­nis­se auf der Rück­bank nicht ganz an die von VW Golf und erst recht Sko­da Oc­ta­via her­an­rei­chen. Der gut 4,65 Me­ter lan­ge Tsche­che fährt beim Rau­m­an­ge­bot oh­ne­hin in ei­ner ei­ge­nen Klas­se. Al­lein der rie­si­ge Kof­fer­raum un­ter der gro­ßen Klap­pe (590 bis 1580 Li­ter) er­in­nert an Kom­bi­ver­hält­nis­se. Mit 420 bis 1228 Li­tern hält der Peu­geot 308 aber tap­fer da­ge­gen. Und die ei­gen­sin­ni­ge, sehr re­du­zier­te In­nen­raum­ge­stal­tung mit gu­ter Ver­ar­bei­tung schafft zu­nächst tat­säch­lich mehr Platz im In­nern. Brauch­ba­re Abla­gen gibt es da­für nur we­ni­ge. So fin­det man ver­steckt in der Mit­tel­kon­so­le nur ei­nen aus­klapp­ba­ren Cu­phol­der, in den Stan­dard­be­cher je­doch nur schlecht hin­ein pas­sen. Auch bei der Si­cher­heits­aus­stat­tung muss man Ab­stri­che ma­chen. Zwar sind LED-Schein­wer­fer, No­t­ru­fas­sis­tent so­wie Ein­park­hil­fen vorn und hin­ten be­reits se­ri­en­mä­ßig an Bord des 308. Kur­ven- oder Ab­bie­ge­licht gibt es eben­so wie ei­nen Mü­dig­keits­war­ner oder die Ver­kehrs­zei­chen­er­ken­nung aber nur bei der Kon­kur­renz. Auch ei­nen Spur­hal­teas­sis­ten­ten sucht man in der kur­zen Aus­stat­tungs­lis­te von Peu­geot ver­geb­lich. Den Klas­sen­maß­stab setzt in die­ser Dis­zi­plin Volks­wa­gen. Der Golf GTI ist mit al­len er­denk­li­chen Si­cher­heits­as­sis­ten­ten be­stückt – vor­aus­ge­setzt, man hat die ho­hen Auf­prei­se für die Ex­tras ge­zahlt.

Fahr­kom­fort

Die Tie­fer­le­gung um elf Mil­li­me­ter merkt man dem 308 di­rekt an. Er liegt da­mit zwar wie das sprich­wört­li­che Brett auf der Stra­ße, wirkt aber ge­ra­de im Ver­gleich zu

sei­nen Mit­strei­tern aus dem VWKon­zern fast kom­pro­miss­los. Auf lan­ge Au­to­bahn­wel­len oder har­te Kan­ten re­agiert der Fran­zo­se je­den­falls schrof­fer. Ähn­lich straff ist das Sport­fahr­werk des Fo­cus ST aus­ge­legt, der bei auf­ein­an­der fol­gen­den Bo­den­wel­len zu deut­li­chen Nick­be­we­gun­gen neigt. Die ver­daut der Sko­da mit sei­nem län­ge­ren Rad­stand (2,69 Me­ter) viel har­mo­ni­scher, ob­wohl er eben­falls auf 19-Zoll-Rä­dern un­ter­wegs ist und auch auf ad­ap­ti­ve Dämp­fer ver­zich­ten muss. Die bie­ten in die­sem Ver­gleichs­test nur Seat (se­ri­en­mä­ßig) und VW (DCC, 1160 Eu­ro). Ge­ra­de im Golf GTI be­wirkt die Comfort-Ein­stel­lung des DCC Wun­der. Der sonst so sport­li­che Wolfs­bur­ger ver­wan­delt sich qua­si auf Knopf­druck in ei­ne lamm­from­me Sänf­te. Die mit klas­si­schem Ka­ro­stoff be­spann­ten Sit­ze zei­gen sich aus­ge­spro­chen lang­stre­ck­en­taug­lich, und die Ger äu s ch­däm­mung des VW Golf ist oh­ne­hin mus­ter­gül­tig. Im Peu­geot ver­hin­dern die be­grenz­ten Ein­stell­be­rei­che ei­ne kom­for­ta­ble­re Sitz­po­si­ti­on, im Ford sind es die har­ten Sitz­flan­ken der en­gen Re­ca­ros. Der Fo­cus ist oben­drein der ein­zi­ge, bei dem ei­ne Kli­ma­au­to­ma­tik nicht im Ba­sis­preis ent­hal­ten ist.

Mo­tor / Ge­trie­be

Doch wen in­ter­es­sie­ren sol­che Ne­ben­säch­lich­kei­ten, wenn ein so po­ten­tes Herz un­ter der Hau­be schlägt. Zwar ist der le­gen­dä­re Fünf­zy­lin­der-Tur­bo aus der For­dPa­let­te ver­schwun­den, doch steht der Zwei­li­ter-Vier­zy­lin­der dem al­ten Fün­fer in nichts nach. Sat­ten Sound und Druck lie­fert er aus je­der Le­bens­la­ge, und da­zu hängt der Kurz­hu­ber ex­trem gut am Gas. Weil auch Ge­trie­be und Schal­tung bes­tens aus­ge­legt sind, lie­fert der ST ul­ti­ma­ti­ve Fahr­freu­de – von leich­ten An­triebs­ein­flüs­sen in der Len­kung ein­mal ab­ge­se­hen. Dass der Fo­cus bei den Fahr­leis­tun­gen nicht zu den bes­ten ge­hört, dürf­te am ho­hen Ge­wicht lie­gen. Der Peu­geot 308 GTi ist je­den­falls fast 150 Ki­lo­gramm leich­ter. So hat der kleins­te Mo­tor im Test­feld leich­tes Spiel, sich in Sze­ne zu set­zen. Ve­he­ment schiebt der 1,6-Li­ter-Vier­zy­lin­der den Fran­zo­sen nach vorn – be­glei­tet von gie­ri­gem Tur­boschnau­fen und Pfei­fen aus dem Was­te-Ga­te. So stürmt der 308 dank Tor­sen-Dif­fe­ren­ti­al­sper­re und kurz über­setz­tem Ge­trie­be in nur 6,1 Se­kun­den auf Tem­po 100. Schnel­ler ist nur der ras­si­ge Le­on Cu­pra, der we­gen sei­ner di­rek­ten Ab­stim­mung in die­sem Um­feld am ehes­ten zum Schnell­fah­ren ani­miert. Da­bei kom­men wie im

Peu­geot auch Schalt­fau­le auf ih­re Kos­ten, denn Über­hol­ma­nö­ver las­sen sich dank üp­pi­gem Dreh­mo­ment prompt auch im sechs­ten Gang ab­sol­vie­ren. Ge­gen die drei Heiß­spor­ne ge­ben sich Golf und Oc­ta­via re­gel­recht zi­vi­li­siert. Da­bei lie­gen die Fahr­leis­tun­gen auf ähn­lich ho­hem Ni­veau. Mit durch­schnitt­lich 8,5 Li­tern auf 100 Ki­lo­me­ter ver­brau­chen sie auch am we­nigs­ten. Et­was aus dem Rah­men fällt auf der Test­run­de der AU­TO ZEI­TUNG nur der Ford, der nach zwei Li­tern mehr ver­langt.

Fahr­dy­na­mik

Gin­ge es nach dem sub­jek­ti­ven Ein­druck, so wür­de man mei­nen, der Ford Fo­cus ST ja­ge am schnells­ten um den Rund­kurs. Das fa­mo­se Klang­bild, das agi­le, aber gut kon­trol­lier­ba­re Hin­ter­teil und die treff­ge­naue Len­kung er­zeu­gen auf der Hand­lings­tre­cke die meis­ten Emo­tio­nen. Al­ler­dings ist der ST we­gen sei­nes Ge­wichts und der nicht so leis­tungs­fä­hi­gen Brem­se (36,7 und 35,5 Me­ter) nur ei­ni­ge Zehn­tel­se­kun­den schnel­ler als der

ver­gleichs­wei­se zu­rück­hal­ten­de Sko­da Oc­ta­via RS 230. Ge­wohnt za­ckig und ziel­ge­nau, aber re­la­tiv un­spek­ta­ku­lär kurvt der Golf GTI um die Py­lo­nen. Welch fahr­dy­na­mi­sches Po­ten­zi­al sei­ne Ge­ne ha­ben, de­mons­triert aber erst der Seat Le­on . Mit ex­trem viel Grip, sehr prä­zi­ser Len­kung und gut do­sier­ba­rer Leis­tungs­ab­ga­be lie­fert er ei­ne mus­ter­gül­ti­ge Vor­stel­lung mit sen­sa­tio­nel­ler Run­den­zeit ab. Noch kna­cki­ger, aber we­gen des klei­nen, tie­fen Lenk­rads nicht ganz so prä­zi­se lässt sich der 308 um die Kur­ven ja­gen. Al­ler­dings soll­te man den im­men­sen Tur­boschub in Kur­ven zü­geln, sonst mar­schiert der Fran­zo­se we­gen der plötz­lich ein­set­zen­den Leis­tung über die Vor­der­rä­der nach au­ßen. Weil auch die Brem­se pas­send bis­sig aus­ge­legt ist (34,8 und 33,5 Me­ter), kann er sich bei der Fahr­dy­na­mik mit den Bes­ten sei­ner Klas­se mes­sen.

Kos­ten / Um­welt

So ver­lo­ckend ei­ne sol­che Per­for­mance auch sein mag – der Peu­geot 308 GTi ist zwar gut aus­ge­stat­tet, in die­sem Test aber klar der Teu­ers­te. Mit 34.950 Eu­ro ist er gan­ze 3650 Eu­ro teu­rer als ein Golf GTI „Per­for­mance“. Noch­mals 2200 Eu­ro we­ni­ger zahlt man bei Ford für den Fo­cus ST (29.100 Eu­ro). Der hö­he­re Ver­brauch und die gei­zi­ge Mul­ti­me­dia-Gr­und­aus­stat­tung kos­ten aber Punk­te. Un­term Strich ent­puppt sich so der Le­on Cu­pra als das am fairs­ten kal­ku­lier­te An­ge­bot. Im Grund­preis von 31.820 Eu­ro sind so­gar schon das ad­ap­ti­ve Fahr­werk, Le­der­aus­stat­tung und LED-Schein­wer­fer ent­hal­ten. Un­ter den Kom­pakt­sport­lern ent­puppt sich der neue Peu­geot 308 GTi als ech­te Waf­fe. Tol­le Op­tik, viel Leis­tung und ei­ne kom­pro­miss­lo­se Fahr­dy­na­mik las­sen so­gar den güns­ti­gen und fahr­spa­ß­ori­en­tier­ten Ford Fo­cus ST stau­nen. Den ver­weist der Fran­zo­se auf den fünf­ten Platz. Selbst­be­wusst ist al­ler­dings der Preis des 308 – mit 34.950 Eu­ro ist er im Ver­gleich der Teu­ers­te. Und so stel­len sich der ras­si­ge Seat Le­on Cu­pra und der gro­ße Sko­da Oc­ta­via RS 230 als deut­lich bes­se­re An­ge­bo­te her­aus. Da­bei über­zeugt der Spa­nier vor al­lem mit tol­ler Fahr­dy­na­mik und bes­ter Mo­tor-Ge­trie­be-Ab­stim­mung. Wer mög­lichst viel Platz mit kaum schlech­te­ren Fahr­leis­tun­gen sucht, fin­det im kom­for­ta­blen Tsche­chen das Au­to sei­ner Wahl. Den bes­ten Kom­pro­miss aus bei­den Wel­ten stellt am En­de Volks­wa­gen selbst auf die Rä­der: Der VW Golf GTI ver­eint Sport­lich­keit, All­tags­nut­zen und feins­ten Kom­fort zu ei­nem sehr fai­ren Preis – ver­dien­ter ers­ter Platz.

Aus dem di­cken Mit­tel-En­d­rohr brab­beln köst­lich hei­sern. Die Re­ca­ro-Sit­ze neh­men ei­nen pas­send eng in die Zan­ge: gut auf der Renn­stre­cke, we­ni­ger kom­for­ta­bel bei lan­gen Etap­pen. Da­für passt nach dem Face­lift das Be­di­en­kon­zept – trotz der klei­nen Me­nü­punk­te auf dem Touch­screen

Ford Sync samt Blue­tooth, Au­x­und USB-An­schluss gibt es schon für 650 Eu­ro, den 20-Zen­ti­me­terTouch­screen für 1050 Eu­ro, das Na­vi kos­tet noch­mals 300 Eu­ro

Be­stand­tei­le des gro­ßem Mul­ti­me­di­a­sys­tems sind bei Sko­da güns­ti­ger als bei VW. Blue­tooth ist Stan­dard, DAB kos­tet 100 Eu­ro, und WLAN samt Hots­pot sind beim In­fo­tain­ment Co­lum­bus (2120 Eu­ro) schon ent­hal­ten

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