Alfa Ro­meo 1750 GTV

25 Mi­nu­ten öst­lich von San Fran­cis­co fin­den Kur­venSur­fer ein Klein­od des be­herz ten An­ga­sens: feu­ri­ge Ser­pen­ti­nen am Mount Dia­blo – Fahr­spaß all’ar­rab­bi­ata im Alfa Ro­meo 1750 GT Ve­lo­ce von 1970 Teu­fels­berg

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Jo­han­nes Riegs­in­ger FO­TOS Frank Ra­te­ring ]

Al­so, den Alfa hat er schon lan­ge nicht mehr ein­fach so aus der Ga­ra­ge ge­holt, sin­niert Ga­ry Kuntz. Im All­tag fährt der pen­sio­nier­te Vi­deo-Ex­per­te aus Dan­vil­le/Ka­li­for­ni­en be­vor­zugt sei­ne Cor­vet­te C6: Dreh­mo­ment satt, ein idea­ler Po­wer­Crui­ser mit Kur­ven-Ta­lent für die Stra­ßen im Hin­ter­land der San Fran­cis­co Bay. Und dann ist da ja auch noch der Fer­ra­ri 550: Preis­güns­tig ge­kauft und lie­be­voll ge­pflegt, hat das ita­lie­ni­sche V12-Tier sei­nen Preis mitt­ler­wei­le lo­cker ver­dop­pelt. Mit dem Alfa Ro­meo 1750 GTV ist das aber al­les kom­pli­zier­ter. Das klei­ne Cou­pé taugt kaum als ren­di­te­träch­ti­ges Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt für haa­ri­ge Ge­schäf­te auf dem Clas­sic Car-Markt. Doch ge­gen den All­tags­ein­satz sperrt sich das drah­ti­ge Ge­rät bei­na­he noch ta­len­tier­ter: „Ich bin gu­te zwei Me­ter groß, mit Kno­chen Mit­te Sech­zig, und das ist ein kom­pak­tes Au­to. Bau­jahr 1970 – das braucht oben­drein im­mer ten­der lo­ving ca­re!“Lie­be­vol­le Zu­wen­dung al­so. Ga­ry Kuntz schaut den GTV bei die­sem Satz lan­ge an mit ei­nem rät­sel­haf­ten Ge­sichts­aus­druck zwi­schen weh­mü­tig und ver­zau­bert. Ga­ry kennt sich mit Au­to-Lie­be aus, er hat den Alfa Ro­meo in Eu­ro­pa-Spe­zi­fi­ka­ti­on über lan­ge Mo­na­te hin­weg in ei­nen herr­li­chen Ori­gi­nal-Zu­stand ver­setzt und dann bei na­he­zu je­dem Klas­si­ker-Tref­fen rei­hen­wei­se Prei­se ab- ge­räumt: „Das Au­to ging 1970 aus Ita­li­en di­rekt nach Ka­na­da, und ir­gend­wann ist es bei mir ge­lan­det. In­zwi­schen sind selbst die grün um­man­tel­ten Zünd­ka­bel wie­der ori­gi­nal …“Da steht der Alfa 1750 GT Ve­lo­ce jetzt al­so in Ga­rys Ga­ra­ge wie ein ly­ri­scher, zer­brech­li­cher Fremd­kör­per – gleich ne­ben ei­ner sau­ber sor­tier­ten Samm­lung aus Do­ku­men­ta­ti­on, Hand­bü­chern und ver­schie­de­nen Pres­se­be­rich­ten zwi­schen gut ge­nutz­tem Werk­zeug und ei­ner pe­ni­bel ge­ord­ne­ten Grup­pe von Ra­c­ing-Kap­pen. Wenn Ga­ry das Ga­ra­gen­licht an­knipst, spielt auch die Hi-Fi-An­la­ge los: Klas­si­sche Mu­sik hilft beim kon­zen­trier­ten Schrau­ben. Dass wir uns kaum um die su­per­star­ken V8und V12-Bo­li­den küm­mern und nur Au­gen für das gra­zi­le Vier­zy­lin­der-Cou­pé ha­ben, scheint Ga­ry zu rüh­ren. Lan­ge wird über­legt, wo wir denn Fo­tos ma­chen könn­ten: Rü­ber zum High­way No. 1 an den Pa­zi­fik? Hoch ins Na­pa Val­ley? Ir­gend­wann sagt Ga­ry ein­fach nur: „Mount Dia­blo. Das ist gleich hin­ter dem Haus, ich war selbst schon lan­ge nicht mehr da, weil ich in den gan­zen USA un­ter­wegs bin. Aber zum Alfa könn­te es pas­sen. Kur­vig, wild, aben­teu­er­lich. Und ein Ge­heim­tipp.“Dreh am Zünd­schlüs­sel, Su­per­sprit wird aus dem 46-Li­ter-Tank im Heck in die zwei We­ber-40 DCOE-Dop­pel­ver­ga­ser ge­pumpt, der Mo­tor springt so­fort an. „Die US-Aus­füh­rung hät­te Ein­sprit­zung ge­habt, aber die Ver­ga­ser der Eu­ro­pa-Ver­si­on sind ein­fach bes­ser“,

spricht Mr. Kuntz und lässt den Alfa lang­sam rück­wärts aus der Ein­fahrt rol­len. Was heu­te Vier­zy­lin­der ist, klingt ja in den meis­ten Fäl­len nach Kühl­schrank oder ar­ti­fi­zi­el­lem „Per­for­mance“-Sound-En­gi­nee­ring. Hier knur­ren aber vier Kol­ben, zwei oben­lie­gen­de No­cken­wel­len und acht Ven­ti­le ei­ne hand­fes­te Me­lo­die. Echt. Ker­nig. Ani­mie­rend. Der Mo­tor des 1750 GTV hat ein schö­nes Dreh­mo­ment, mit spie­le­ri­schem Schwung treibt er das Sport-Cou­pé durch die Wohn­ge­bie­te am Fuß des Mount Dia­blo, dann blei­ben die Häu­ser und Gär­ten zu­rück. Ver­track­te Kur­ven­kom­bi­na­tio­nen, be­acht­li­che Stei­gung – jetzt be­ginnt das schö­ne Spiel mit der Dreh­zahl und den rich­ti­gen Gän­gen: Mit sau­ber ge­tak­te­ten Über­set­zungs­sprün­gen spru­delt der GTV nur so den Berg hin­auf, über den lan­gen Schalts­tock las­sen sich die Gän­ge sä­mig nach­le­gen, der schar­fe Vier­zy­lin­der rö­chelt gie­rig, der Alfa sprin­tet und zieht lust­voll. Selbst mit „nur“1,85 Me­tern sitzt man reich­lich ge­duckt im Cock­pit, hat sich aber schon bald an die Sitz­po­si­ti­on ge­wöhnt und be­ginnt dann, die her­vor­ra­gen­de Rund­um­sicht zu ge­nie­ßen: Wäh­rend ei­nen mo­der­ne Cou­pés re­gel­recht ein­mau­ern, bie­ten die schma­len Dach­säu­len hier ei­nen per­fek­ten Panorama-Blick. Und der hat es am Dia­blo in sich: Nach Süd­wes­ten schweift der Blick hin­über zum Si­li­con Val­ley, im Wes­ten ist der Ne­bel am Gol­den Ga­te zu se­hen, und nach Os­ten meint man, das Hit­ze­flir-

Das ist Ei­ne Hand­fes­te

Me­lo­die: Echt. Ker­nig.

Ani­mie­rend

ren des Cen­tral Val­ley aus­zu­ma­chen. Die Zu­fahrt mit dem Au­to auf die schma­le Stra­ße im Mount Dia­blo Sta­te Park ist kos­ten­pflich­tig, für zehn Dol­lar mischt der Alfa im kon­zen­trier­ten Gip­fel­sturm der Renn­rad­fah­rer mit.

Alfa Ro­meo pur: rhyth­mi­sches Fah­ren in schö­ner Land­schaft

Beim jähr­li­chen Dia­blo Chal­len­ge-Rad­ren­nen pre­schen die Stahl­wa­den-Hel­den in knapp 44 Mi­nu­ten auf den Berg – ganz schön be­acht­lich! Ge­schmei­dig-rück­sichts­voll be­wegt brau­chen wir für den Weg zum Gip­fel ge­nau­so lan­ge. Un­se­re Schnau­ferl-Zeit liegt na­tür­lich nicht an der prä­zi­sen ZF-Len­kung des Alfa, sei­nen Dun­lop-Schei­ben­brem­sen, der Ein­zel­rad­auf­hän­gung vorn und der Star­rach­se hin­ten, son­dern an ge­le­gent­li­chen Aus­sichts-Stopps. Und dar­an, dass der Alfa ei­nen ganz nor­ma­len Sonn­tag­nach­mit­tag zum emo­tio­na­len Er­eig­nis macht: duf­ten­de Wild­nis, war­me Luft, blau­er Him­mel und ein wun­der­schö­nes Fahr­er­leb­nis. „Dan­ke, dass ihr mich da­zu ver­führt habt, den Alfa auf den Mount Dia­blo zu brin­gen, Jungs! Das Au­to macht, dass ich mich ganz jung füh­le.“Ga­ry strahlt. – Bit­te­schön. Gern ge­sche­hen. You’re wel­co­me.

Kla­res Cock­pit oh­ne Spie­le­rei­en, aber mit Stil. Holz-In­te­ri­eur und hän­gen­de Pe­da­le der Eu­ro­pa-Ver­si­on des GTV Cor­vet­te C6, Fer­ra­ri 550 und Alfa GTV: Die Ga­ra­ge von Ga­ry Kuntz ist gut sor­tiert. Das gilt so auch für Werk­zeug, Vi­no und Kap­pen …

Klei­ne Blin­ker und schlan­ke Stoß­stan­gen,

Ver­ga­ser statt Ein­sprit­zung: Die Eu­ro­paVer­si­on des GTV ist in

den USA sel­ten

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