Nür­burg­ring-Boy­kott: Fah­rer und Teams ma­chen Front ge­gen den Deut­schen Mo­tor Sport Bund

We­gen Ver­hal­tens­vor­schlä­gen bei Un­fäl­len so­wie der Ver­ga­be-Richt­li­ni­en für die Fah­rer­li­zenz auf der Nord­schlei­fe sind Fah­rer, Teams und Ver­an­stal­ter mit dem Deut­schen Mo­tor Sport Bund (DMSB) in Streit ge­ra­ten

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Gregor Mes­ser FO­TOS Alex­an­der Tri­e­nitz (1), Imago (2)]

Am Nür­burg­ring geht es wie­der ein­mal heiß her. Grund da­für sind je­doch nicht wirt­schaft­li­che Skan­da­le der 2012 von der rhein­land-pfäl­zi­schen Lan­des­re­gie­rung und dem Ring-Ma­nage­ment in die In­sol­venz ge­führ­ten Tra­di­ti­ons­stre­cke. Jetzt sind es die Ak­ti­ven, die sich mit dem DMSB in den Haa­ren lie­gen. Aus­lö­ser der un­heil­vol­len Kon­stel­la­ti­on war der tra­gi­sche Un­fall beim Sai­son­auf­takt zur Langstre­cken-Meis­ter­schaft 2015: Ein Zu­schau­er kam im Ab­schnitt Flug­platz ums Le­ben, als ein GT3-Nis­san GT-R auf der Kup­pe Un­ter­luft be­kam und über Leit­plan­ken und Zäu­ne flog. Flugs er­griff der DMSB kor­ri­gie­ren­de Maß­nah­men, die das Ri­si­ko min­dern soll­ten – un­ter an­de­rem Tem­po­li­mits an den Hoch­ge­schwin­dig­keitspas­sa­gen Flug­platz, die hier nun wie­der auf­ge­ho­ben wur­den, Schwe­den­kreuz und Döt­tin­ger Hö­he. Um den Mo­tor­sport auf der schwie­rigs­ten Renn­stre­cke der Welt noch si­che­rer zu gestal­ten und da­mit die Nord­schlei­fe nicht die Zu­las­sungs­be­rech­ti­gung des Au­to­mo­bil-Welt­ver­ban­des FIA für in­ter­na­tio­na­le Events ver­lie­ren wür­de, eta­blier­te der DMSB vier Ar­beits­grup­pen. Für Tech­nik, Stre­cke und Li­zenz­we­sen stan­den Ex­per­ten pa­rat – und für die Fah­rer. Wer sonst als die un­mit­tel­bar auf der Pis­te Agie­ren­den konn­te bes­ser über die Not­wen­dig­kei­ten im flie­ßen­den Renn­ver­kehr mit un­ter­schied­li­chen Fahr­zeug­klas­sen und bei Un­fall­si­tua­tio­nen ur­tei­len als sie? Das fünf­köp­fi­ge Gre­mi­um setz­te sich aus teils mehr­ma­li­gen 24-St­un­den-Sie­gern zu­sam­men. Al­le­samt hat­ten sie tau­sen­de von Renn­ki­lo­me­tern auf der Nord­schlei­fe ab­sol­viert: Dirk Adorf, Marc Lieb, Alt­frid He­ger, Ar­no Kla­sen und Mar­kus Oe­streich. Adorf lei­te­te die Fah­rer AG. Mitt­ler­wei­le hat die Fah­rer AG ih­re Zu­sam­men­ar­beit mit dem DMSB für be­en­det er­klärt. Ih­re prä­zi­se for­mu­lier­ten Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge fan­den in den Rei­hen des DMSB nicht je­ne An­er­ken­nung, die sie sich ver­spro­chen hat­te. Der DMSB hat­te be­reits 2014 ei­ne „Co­de 60“-Re­ge­lung in­stal­liert, die durch das Schwen­ken von zwei gel­ben Flag­gen aus­ge­löst wird. Das be­deu­tet: Speedli­mit bei nur 60 km/ h. Doch da­durch kam es zu vie­len, teil­wei­se hef­ti­gen Fol­geun­fäl­len. Viel zu ge­fähr­lich, wie die Fah­rer AG be­fand. Ihr Lö­sungs­vor­schlag rich­te­te sich nach in­ter­na­tio­nal üb­li­chen Richt­li­ni­en: Nur wenn es

rich­tig ge­schep­pert hat, soll die „Co­de 60“-Flag­ge auf Mi­ni­mal­tem­po dros­seln. Dop­pelt ge­schwenk­te gel­be Flag­gen möch­te die Fah­rer AG mit ei­nem Li­mit von 120 km/ h ge­han­delt wis­sen. So wä­re die Wett­be­werbs­ver­zer­rung – vie­le Fah­rer hal­ten sich trotz des Tem­po­li­mits nicht dar­an und schlie­ßen zum Vor­der­mann auf – deut­lich mi­ni­miert. Und die Si­cher­heit wä­re er­heb­lich er­höht. Nicht nur Ver­si­che­rungs-Ta­ri­fe schos­sen in un­ge­ahn­te Hö­hen, auch Ver­druss kehr­te ein: „Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te ich kei­ne ein­zi­ge Run­de, in der ich nicht min­des­tens ein­mal auf Tem­po 60 run­ter muss­te, fast im­mer nur we­gen Lap­pa­li­en. Das macht kei­nen Spaß“, är­gert sich et­wa Au­di-Hau­de­gen Mar­co Wer­ner. Nächs­tes The­ma: die „ Dri­ver Per­mit Nord­schlei­fe“(DPN), kurz Per­mit. Selbst For­mel-1-Cham­pi­on Le­wis Ha­mil­ton müss­te erst ein­mal bei min­der­ta­len­tier­ten DMSB-Fahr­leh­rern in die Schu­le ge­hen, um der DMSB-Wirt­schafts­Gm­bH mit der Ge­bühr zur Zu­satz­li­zenz die Kas­sen zu fül­len, be­vor er an ei­nem Lauf zur VLN teil­neh­men dürf­te. Gro­tesk. Die Fah­rer AG hat hier­zu ein we­sent­lich un­bü­ro­kra­ti­sche­res Ver­fah­ren ent­wi­ckelt, das zu­dem durch ein ELe­arning-Ver­fah­ren ab­sol­viert wer­den soll­te. Da­für hat­ten al­le 600 Teil­neh­mer des 6h-Ren­nens im Au­gust vo­tiert. Doch auch hier hat der DMSB an­de­re Ide­en. Der Fah­rer AG geht es „um den Sport. Und um Ent-Bü­ro­kra­ti­sie­rung“, be­tont Dirk Adorf. Das wol­len auch die Teams: Noch vor Sil­ves­ter ha­ben sie sich mit rund 100 Fahr­zeu­gen in ei­ner In­ter­es­sen­ge­mein­schaft zu­sam­men­ge­schlos­sen, die die For­de­run­gen der Fah­rer AG kom­plett mit­tra­gen. Die neue „In­ter­es­sen­ge­mein­schaft Langstre­cke Nür­burg­ring“(ILN) droht so­gar mit Boy­kott, der, wie der DMSB si­cher­lich weiß, durch­aus ernst zu neh­men ist. Die ILN fin­det zu­dem vol­le Un­ter­stüt­zung durch die Ver­an­stal­ter-Ge­mein­schaft Langstre­cke Nür­burg­ring (VLN) und durch den 24h-Ren­nenVer­an­stal­ter ADAC Nord­rhein. „Es sind noch so vie­le The­men of­fen“, sagt der pra­xis­er­prob­te ILNSpre­cher und Te­am­chef Olaf Man­they. „Es ge­lingt al­les nur in ei­nem Kon­sens mit al­len Be­tei­lig­ten. So wie das frü­her auch war.“

Chris­ti­an Schacht: Der Ge­ne­ral­se­kre­tär des DMSB hat sich den Zorn der Ak­ti­ven zu­ge­zo­gen

Hans-Joa­chim Stuck: Der eins­ti­ge Voll­pro­fi ist seit April 2012 Prä­si­dent des DMSB

Man­they (l.) weiß die Un­ter­stüt­zung der Ver­an­stal­ter hin­ter sich: hier mit 24h-Renn­lei­ter Wal­ter Hor­nung

Aus­lö­ser der dis­ku­ta­blen Si­cher­heits­ide­en: Die Ka­ta­stro­phe im April 2015 kos­te­te ein Men­schen­le­ben

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