AUF NEU­EN PFA­DEN

Mit dem neu­en Tus­con lie­fer­te Hy­un­dai ei­nen Über­ra­schungs­sie­ger, schlug er doch im ers­ten Ver­gleichstest gleich Deutsch­lands Lieb­lings-SUV, den VW Ti­gu­an. Fährt er nun auch der Pre­mi­um-Kon­kur­renz vor­aus?

AUTO ZEITUNG - - VERGLEICHSTEST - [ TEXT El­mar Sie­pen FO­TOS Da­nie­la Loof ]

Die Welt scheint aus den Fu­gen. Nichts ist mehr, wie es war. Frü­her war zwar nicht al­les bes­ser, aber man­ches ein­fa­cher. Die Au­to­mo­bil­welt folg­te in der Re­gel kla­ren Ge­set­zen: gro­ßes Au­to gleich ho­her Preis und viel Pres­ti­ge. Das war lan­ge vor dem Pre­mi­um-Zeit­al­ter. Seit die Ko­rea­ner den deut­schen Au­to­markt be­drän­gen, lau­tet die Lo­sung: Viel Au­to fürs Geld. So kommt es, dass der neue statt­li­che Hy­un­dai Tus­con mit 185-PS-Die­sel, All­rad­an­trieb und Au­to­ma­tik für 37.500 Euro in der Preis­lis­te steht, wäh­rend bei­spiels­wei­se der klei­ne­re Au­di Q3 als 184 PS star­ker All­rad­ler mit 7-Gang- Dop­pel­kupp­lungs­ge­trie­be gleich mal 2350 Euro teu­rer kommt. Beim BMW X1 und dem nur um ei­ni­ge Zen­ti­me­ter län­ge­ren Land Ro­ver Dis­co­very Sport fal­len die Preis­un­ter­schie­de noch kras­ser aus. Sind sie durch ent­spre­chen­de Qua­li­täts­vor­tei­le der Pre­mi­um-SUV ge­recht­fer­tigt?

Ka­ros­se­rie

Wer Wert auf ein üp­pi­ges Platz­an­ge­bot legt, kommt am hoch­auf­ra­gen­den Land Ro­ver Dis­co­very Sport nicht vor­bei. Dank längs ver­schieb­ba­rer Rück­sitz­bank be­schert er den Fond-Pas­sa­gie­ren den üp­pigs­ten Ma­xi­mal-Knie­raum. Fast ge­nau­so groß­zü­gig ist der Hy­un­dai Tuc­son ge­schnit­ten. Am an­de­ren En­de ran­giert der Au­di Q3, des­sen In­sas­sen vor al­lem auf der Rück­bank kom­pro­miss­be­reit sein soll­ten. Auch mit dem Ge- päck­raum ist es nicht all­zu weit her. Hier ist es wie­der der Bri­te, der mit ma­xi­mal 1698 Li­ter La­de­vo­lu­men in Groß­kom­bi-Di­men­sio­nen un­ter­wegs ist, was selbst für grö­ße­re SUVs längst nicht selbst­ver­ständ­lich ist. Er lässt sich au­ßer­dem ge­gen Zu­zah­lung von 1092 Euro zum Sie­ben­sit­zer ma­chen. Die üp­pigs­te Zu­la­dung (530 Ki­lo­gramm) und ma­xi­mal 2,5 Ton­nen An­hän­ge­last adeln ihn voll­ends zum au­to­mo­bi­len Mul­ti­tool. Vor­bild­lich: Da SUVs bei der un­frei­wil­li­gen Be­geg­nung mit Fuß­gän­gern nicht un­be­dingt un­kri­tisch sind, rüs­tet Land Ro­ver den Dis­co­very Sport mit ei­nem se­ri­en­mä­ßi­gen Fuß­gän­ger-Air­bag aus – er ist da­mit der ein­zi­ge Kan­di­dat im Test­feld mit die­sem Fea­tu­re. Den­noch bie­tet der BMW X1 in der Sum­me ei­ne um­fang­rei­che­re Si­cher­heits­aus­stat­tung. Zwar ver­zich­ten die Mün­che­ner auf den Fuß­gän­ger-Air­bag, lie­fern da­für aber ei­ne ak­ti­ve Mo­tor­hau­be und bie­ten zu­dem zum Bei­spiel ei­nen Ab­stands­war­ner se­ri­en­mä­ßig. Die et­was lü­cken­haf­te Si­cher­heits­lis­te beim Au­di Q3 dürf­te des­sen Al­ter ge­schul­det sein. Nach wie vor auf der Hö­he der Zeit ist die sicht- und fühl­ba­re Qua­li­tät des In­gol­städ­ters. Hier hat auch der neue X1 im Ver­gleich zu sei­nem Vor­gän­ger or­dent­lich zu­ge­legt. Land Ro­ver und Hy­un­dai zei­gen im De­tail und im Ver­gleich zu den deut­schen Pre­mi­um­an­bie­tern da noch Op­ti­mie­rungs­po­ten­zi­al. Dank iD­ri­ve lässt sich der X1 na­he­zu in­tui­tiv be­die­nen. Är­ger­lich im Land Ro­ver: Die Ziel­ein­ga­be für das Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem dau­ert un­nö­tig lan­ge, weil nach je­dem Buch­sta­ben die An­zei­ge kurz ver­schwin­det. Da sind Ziel­su­chen­de im Hy­un­dai bes­ser dran. Sein Tas­ten­feld re­agiert schnell und um­ge­hend wie ei­ne Com­pu­ter-Tas­ta­tur.

Fahr­kom­fort

Von we­ni­gen Aus­nah­men ab­ge­se­hen sagt die Of­f­road-At­ti­tü­de nichts über das tat­säch­li­che Ein­satz­ge­biet ei­nes SUVs aus. Mit star­kem Die­sel und All­rad­an­trieb sind al­le vier Kan­di­da­ten da­ge­gen für Langstre­cken prä­des­ti­niert. Das se­hen vie­le Nut­zer ge­nau­so, wie der Blick auf die Au­to­bah­nen und Fern­stra­ßen zeigt. Hier kann der BMW mit den op­tio­na­len Sport­sit­zen punk­ten, die sich dank ein­stell­ba­rer Wan­gen an so ziem­lich je­de Sta­tur an­pas­sen las­sen. Au­di und Land Ro­ver bet­ten ih­re Front­pas­sa­gie­re kaum schlech­ter. Die Hy­un­dai-Pols­ter könn­te so man- cher im di­rek­ten Ver­gleich zur Kon­kur­renz als ei­ne Spur zu weich emp­fin­den. Im Fond des Bri­ten wie­der­um sitzt man nicht, man thront eher. Trotz­dem wä­re et­was mehr Sei­ten­halt an­ge­bracht. Wie man es bes­ser macht, zei­gen die Hy­un­dai-In­ge­nieu­re. Das gilt auch für die Er­go­no­mie: Al­le Schal­ter und Tas­ten lie­gen gut zur Hand. Ein­zig der Laut­stär­ke­reg­ler des Ra­di­os ist schlecht zu be­die­nen, da er kaum aus der Blen­de her­aus­ragt. Das ist nicht das ganz gro­ße Dra­ma, gibt es doch auch ei­nen Laut­stär­ke­reg­ler im se­ri­en­mä­ßi­gen Mul­ti­funk­ti­ons­lenk­rad. Für die kal­ten Ta­ge kann der Ko­rea­ner als ein­zi­ger mit ei­ner se­ri­en­mä­ßi­gen Lenk­rad­hei­zung auf­war­ten. Der Land Ro­ver punk­tet sich im Er­go­no­mie-The­ma mit ei­nem sehr gut nutz­ba­ren Abla­gen­an­ge­bot nach vorn. Un­ter­wegs ge­fällt der BMW mit dem nied­rigs­ten In­nen­ge­räusch­pe­gel und der Bri­te mit dem an­ge­nehms­ten Ge­räu­schein­druck. In Sa­chen Fe­de­rungs­kom­fort lie­gen al­le vier SUVs in un­be­la­de­nem Zu­stand auf ho­hem Ni­veau, aus dem der Tuc­son leicht her­aus­ragt. An der Zu­la­dungs­gren­ze je­doch lässt der Ko­rea­ner da­für auch mehr Fe­dern als die Kon­kur­ren­ten. Der Dis­co­very ge­rät auch auf schlech­ten Stra­ßen nicht an sei­ne Gren­zen. Das al­les er­klärt in der Sum­me die Langstre­ck­en­taug­lich­keit des SUV-Quar­tetts.

Mo­tor / Ge­trie­be

Mo­to­ri­siert ist der Land Ro­ver Dis­co­very Sport mit dem neu­en In­ge­ni­um-Die­sel, der eben­falls im Ran­ge Ro­ver Evo­que Di­enst tut. Die Ma­schi­ne holt aus 2,0 Li­ter Hu­b­raum 180 PS, wirkt aber im Dis­co­very Sport wie aus­ge­wech­selt, weil sie hier spür­bar kul­ti­vier­ter läuft. Die Kehr­sei­te der Me­dail­le macht sich in den Fahr­leis­tun­gen be­merk­bar. Hier wird deut­lich, dass es an­nä­hernd zwei Ton­nen Leer­ge­wicht sind, die es zu be­we­gen gilt. Mit 10,2 Se­kun­den für den Standard-Sprint auf 100 km/ h und 200 km/ h Höchst­ge­schwin­dig­keit ist der Dis­co der Lang­sams­te in­ner­halb des Quar­tetts. Vor al­lem beim Be­schleu­ni­gen in hö­he­ren Ge­schwin­dig­keits­be­rei­chen wirkt der En­g­län­der aus­ge­spro­chen zäh. In Zah­len aus­ge­drückt be­deu­tet dies, dass er von 120 bis 160 km/ h 6,6 Se­kun­den mehr be­nö­tigt als bei­spiels­wei­se der BMW. Da kann auch die gut ab­ge­stuf­te Neun­stu­fen-Au­to­ma­tik nicht viel aus­rich­ten. Trotz sei­nes mit 430 Nm höchs­ten Dreh­mo­ments im Test fehlt ihm schlicht der Druck, die aus­la­den­de Ka­ros­se­rie schnel­ler durch den Fahrt­wind zu schie­ben. Letzt­end­lich trägt er auch mit ei­nem Test­ver­brauch von 7,9 Li­tern Die­sel auf 100 Ki­lo­me­tern die ro­te La­ter­ne. Der 185 PS star­ke Hy­un­dai Tuc­son

liegt mit 7,8 Li­tern knapp dar­un­ter, geht aber deut­lich leb­haf­ter zur Sa­che. So nimmt er dem Bri­ten bis zur 100 km/ h Mar­ke 1,4 Se­kun­den ab. Das fällt im Ver­kehrsall­tag weit we­ni­ger ins Ge­wicht als der Um­stand, dass sich mit dem Ko­rea­ner Über­hol­vor­gän­ge auf der Au­to­bahn deut­lich ent­spann­ter ab­sol­vie­ren las­sen. Da nimmt man in Kauf, dass sein Die­sel nicht ganz so sei­den­weich läuft wie das Trieb­werk des Land Ro­vers. Aus ganz an­de­rem Holz sind die Ag­gre­ga­te von Au­di und BMW ge­schnitzt. Schon in den „Com­fort“Mo­di ih­rer Fahr­pro­gram­me wir­ken sie deut­lich spon­ta­ner und auch dreh­freu­di­ger als ih­re Kon­kur­ren­ten. Zu­sam­men mit der Tat­sa­che, dass sie deut­lich we­ni­ger Ge­wicht mit sich her­um­schlep­pen müs­sen, führt das in der Fol­ge zu deut­lich bes­se­ren Fahr­leis­tun­gen. Bei­de kna­cken die 100 km/ hMar­ke deut­lich un­ter acht Se­kun­den (Au­di: 7,7 s, BMW: 7,8 s) und ren­nen bei Be­darf je­weils 219 km/ h. Wer will, kann mit die­sen SUVs al­so auch recht dy­na­misch un­ter­wegs sein. Be­ein­dru­ckend, wie spar­sam der BMW mit dem Die­sel­kraft­stoff um­geht: Der Test­ver­brauch be­trägt le­dig­lich 6,7 Li­ter, wäh­rend sich der Au­di fast ei­ne Li­ter mehr gönn­te. Ei­ne gu­te In­ves­ti­ti­on ist die op­tio­na­le Acht­stu­fen-Au­to­ma­tik beim BMW, die mit traum­wand­le­ri­scher Si­cher­heit stets blitz­schnell die pas­sen­de Fahr­stu­fe ein­legt.

Fahr­dy­na­mik

Mit dem se­ri­en­mä­ßi­gen All-Ter­rain-Re­s­pon­se- Sys­tem ist der Land­ro­ver Dis­co­very Sport dank der da­rin ent­hal­te­nen vier Fahr­pro­gram­me für den Auf­ent­halt

ab­seits be­fes­tig­ter We­ge gut ge­rüs­tet. Auf dem asphal­tier­ten Hand­ling­kurs da­ge­gen bleibt der Auf­tritt des Dis­co­very in Sa­chen Fahr­dy­na­mik eher zu­rück­hal­tend. Zwar lie­fert er ab­so­lut ge­se­hen für die­se Fahr­zeug­klas­se recht kur­ze Brems­we­ge (Kalt­brems­wert: 35,0 Me­ter, Warm­brems­wert: 35,3 Me­ter), doch lei­det die Do­sier­bar­keit der Brem­se un­ter ei­nem et­was stump­fen Pe­dal­ge­fühl. In Kur­ven zeigt der Bri­te star­ke Auf­bau­be­we­gun­gen, und sei­ne Len­kung ver­langt nach ver­gleichs­wei­se ho­hen Hal­te­kräf­ten, wirkt zu­dem et­was syn­the­tisch. Auch in die­sem Test zeig­te der Land Ro­ver wie­der bei ex­tre­men Fahr­ma­nö­vern die in­zwi­schen be­kann­te Ei­gen­art, dass ein bei de­ak­ti­vier­tem ESP ein­dre­hen­des Heck bei gleich­zei­ti­gem Brem­sen den Schleu­der­schutz zwar wie­der auf den Plan ruft, aber nur ei­ne kaum wahr­nehm­ba­re Ver­zö­ge­rung zu spü­ren ist. Wie dy­na­misch ein SUV sein kann, be­wei­sen der Au­di und der BMW, die bei­de mit ad­ap­ti­ven Dämp­fern zum Test roll­ten. Der X1 über­zeugt mit der rück­mel­de­freu­digs­ten Len­kung und lenkt noch za­cki­ger ein als der Q3. Ins­ge­samt wirkt der Mün­che­ner hand­li­cher, was auch auf sei­ne ge­rin­ge­re Vor­der­achs­last zu­rück­zu­füh­ren sein dürf­te. Den Grenz­be­reich dehnt der Au­di zwar et­was wei­ter aus, un­ter­steu­ert dann aber ge­ring­fü­gig stär­ker als der BMW. Kommt das Au­di-ESP zum Ein­satz, re­gelt es we­ni­ger rup­pig als das des baye­ri­schen Kon­kur­ren­ten. Der­lei aus­ge­präg­te Dy­na­mik ist dem Hy­un­dai fremd. Sei­ne Len­kung er­for­dert grö­ße­re Lenk­win­kel als die der deut­schen Ri­va­len. Au­ßer­dem schiebt er deut­li­cher über die Vor­der­rä­der Rich­tung Kur­ven­au­ßen­rand. Er wirkt zwar recht trä­ge, da­für aber auch sehr fahr­sta­bil und über­zeugt mit den kür­zes­ten Brems­we­gen.

Umwelt / Kos­ten

Wie be­reits er­wähnt ist der Hy­un­dai im Grund­preis nicht nur der güns­tigs­te Test­kan­di­dat, son­dern auch sehr gut aus­ge­stat­tet. So fährt er se­ri­en­mä­ßig nicht nur mit Ab­bie­ge­licht und Ein­park­hil­fe vorn und hin­ten, son­dern auch mit ei­nem Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem vor. Dies bie­tet der Land Ro­ver Dis­co­very Sport zwar auch ab Werk, doch ist er in der Au­to­ma­tik­ver­si­on gleich 6800 Euro teu­rer als der

ko­rea­ni­sche Kon­kur­rent. Au­di (39.850 Euro) und BMW (40.350 Euro) un­ter­strei­chen mit den Prei­sen ih­ren Pre­mi­um-An­spruch, las­sen sich aber so­gar noch ei­ne Zwei­zo­nen-Kli­ma­au­to­ma­tik ex­tra be­zah­len. Im­mer­hin bie­tet der Q3 se­ri­en­mä­ßig Bi-Xe­non-Licht. In Sa­chen Un­ter­halts­kos­ten über­zeugt der BMW zwar mit den ge­rings­ten Kraft­stoff­kos­ten, kommt aber nicht ge­gen den Hy­un­dai an, der mit um­fang­rei­chen Ga­ran­ti­en punk­tet. Schluss­licht ist der Land Ro­ver, der un­ter an­de­rem die höchs­ten Ver­si­che­rungs­kos­ten ver­ur­sacht.

Knapp ge­schnit­te­ner In­nen­raum, aber per­fekt kon­tu­rier­te Sport­sit­ze (auf­preis­frei in der Aus­stat­tungs­li­nie „sport“). Ei­ne Le­der­aus­stat­tung gibt es ab 1650 Euro ex­tra. Die Kenn­li­ni­en der ad­ap­ti­ven Dämp­fer las­sen sich über den „dri­ve-select“Schal­ter va­ri­ie­ren

Tuc­son: klar struk­tu­rier­tes Ar­ma­tu­ren­brett mit aus­rei­chend gro­ßen Be­dien­tas­ten Langstre­cken

taug­lich: Der 62 Li­ter gro­ße Tank si­chert dem Hy­un­dai Tuc­son 794 Ki­lo­me­ter

Reich­wei­te

Ei­le mit Wei­le: Kur­ven durch­misst der Land Ro­ver Dis­co­very Sport eher be­hä­big – kein Wun­der bei fast zwei Ton­nen Leer­ge­wicht Eng­lisch und an­ders: aus­fahr­ba­rer Dreh­schal­ter für die Au­to­ma­tik. Ei­ne elek­tri­sche Sitz­ver­stel­lung kos­tet für den Land Ro­ver Dis­co­very Sport 540 Euro Durch­wach­se­ne Ma­te­ri­al­qua­li­tät: Le­der hier, kratz­emp­find­li­che Kunst­stof­fe dort

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