Nacht ex­press

Die ja­pa­ni­sche Haupt­stadt To­kio ist ei­ne der pul­sie­rends­ten Me­tro­po­len der Welt – vor al­lem nachts. Wir ha­ben uns auf Ent­de­ckungs­tour be­ge­ben. Un­ser Gui­de für den Nacht­ex­press? Der Nis­san Le­af Nis­mo – das welt­weit er­folg­reichs­te Elek­tro­fahr­zeug

AUTO ZEITUNG - - REPORTAGE - [ TEXT Micha­el God­de FO­TOS Wolf­gang Gro­eger-Mei­er ]

Der Groß­raum To­kio-Yo­ko­ha­ma ist die größ­te Me­tro­pol­re­gi­on der Welt. Hier le­ben fast 38 Mil­lio­nen Men­schen auf ei­ner Flä­che, die mit 13.500 km2 klei­ner ist als Schles­wig-Hol­stein (15.763 km2). In der Stadt To­kio tei­len sich fast 15.000 Men­schen ei­nen Qua­drat­ki­lo­me­ter, in Ber­lin, der größ­ten Stadt Deutsch­lands, sind es nur 3900. Ganz im Ge­gen­teil zu Ber­lin ist der Ver­kehr auf den Stra­ßen To­kios je­doch al­les an­de­re als hek­tisch. Klar, zu den Haupt­ver­kehrs­zei­chen stockt der Fluss aus Mil­lio­nen von Fahr­zeu­gen wie in je­der an­de­ren Groß­stadt. Ab­seits der Rush­hour ent­puppt sich Me­tro­po­le al­ler­dings als au­to­freund­li­cher Er­leb­nis­park. To­kio ist ei­ne der fas­zi­nie­rends­ten Städ­te der Welt. Ei­ne Me­ga-Ci­ty, de­ren Ver­kehr über mehr­stö­cki­ge Fahr­bah­nen durch die Stadt pul­siert. Die Ja­pa­ner sind be­kannt da­für, neue Mo­bi­li­täts­an­sät­ze zu kre­ieren, kaum ein an­de­res Land steht neu­er Tech­no­lo­gie so of­fen ge­gen­über. Nis­san et­wa hat das Elek­tro­au­to in die Groß­se­rie ge­bracht und da­mit den Grund­stein für ei­ne neue Mo­bi­li­täts­ära ge­legt. Und der Le­af ent­täusch­te die Er­war­tun­gen nicht: Welt­weit ver­kauf­te Nis­san be­reits über 200.000 Ex­em­pla­re. Groß­zü­gi­ge För­de­run­gen sor­gen auch in To­kio (50.000 Ver­käu­fe in Ja­pan) da­für, dass der mar­kan­te Stro­mer fes­ter Be­stand­teil des Stra­ßen­bilds ist. Das rich­ti­ge Au­to al­so, um nachts durch die Stra­ßen zu crui­sen. Der Ak­ku ist fast voll, der Bord­com­pu­ter ver­spricht ei­ne Reich­wei­te von 170 Ki­lo­me­tern.

Der Le­af ist be­reit für die Rei­se durch die Nacht. Nis­san hat da­für das bes­te Stück von der Steck­do­se ge­las­sen – ei­nen Le­af mit Nis­mo Pa­cka­ge (nicht in Deutsch­land er­hält­lich). De­zent tie­fer­ge­legt, mit sport­li­chen Schwel­lern, Schür­zen und Fel­gen be­stückt so­wie mit Spie­gel­kap­pen und Spoi­ler aus Kar­bon auf­ge­wer­tet, mau­sert sich der sach­li­che Le­af so zum sty­li­schen Nacht-Ex­press. Lei­se sur­ren wir in die Stadt und fü­gen uns in den Ver­kehrs­fluss der Me­tro­po­le ein. To­kio ist kei­ne lär­men­de Groß­stadt, die Me­ga-Ci­ty ist er­staun­lich lei­se. Wil­de Ga­sat­ta­cken sind den Ja­pa­nern eben­so fremd wie das ag­gres­si­ve Hup­kon­zert eu­ro­päi­scher Bal­lungs­ge­bie­te. To­kio hat sei­nen ganz ei­ge­nen Klang: Fuß­gän­ger­am­peln spie­len für je­de Pha­se ei­ne spe­zi­el­le Me­lo­die, sämt­li­che Warn­hin­wei­se wer­den von grel­len Klän­gen un­ter­malt – an den zen­tra­len Punk­ten wird das schon mal zur Ner­ven­stra­pa­ze. Mehr­spu­ri­ge Ver­kehrs­adern lei­ten uns durch no­ble Ein­kaufs­vier­tel, de­ren Fas­sa­den auch lan­ge nach Ge­schäfts­schluss noch hell er­leuch­tet sind. Das kon­se­quen­te Ener­gie­spa­ren nach der Atom-Ka­ta­stro­phe im nur 260 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Fu­kus­hi­ma scheint zu­min­dest op­tisch pas­sé zu sein. Un­se­re Rou­te führt uns über die brei­ten, lee­ren Stra­ßen rund um den „Im­pe­ri­al Pa­lace“. Tief im Park re­si­diert hier der ja­pa­ni­sche Kai­ser in sei­nem Pa­last. Un­ser ers­tes Ziel ist aber der Stadt­teil Rop­pon­gi, die Ver­gnü­gungs­mei­le To­kios. Über uns kreu­zen auf meh­re­ren Eta­gen die Schnell­stra­ßen und schlän­geln sich durch die Häu­ser­schluch­ten der Wol­ken­krat­zer. Ne­ben den bil­li­gen Bars und Dis­ko­the­ken liegt in ei­ner der en­gen Sei­ten­stra­ßen, an de­ren Haus­wän­den Ka­bel­strän­ge wie Spinn­we­ben die Fas­sa­den be­net­zen, Ne­on­lich­ter fla­ckern und Ein­gän­ge in bil­li­ge Eta­blis­se­ment lo­cken, ei­nes der bes­ten Teppanya­ki-Re­stau­rants der Stadt – das „Mon Cher Ton Ton“. Hier sind die Kö­che Künst­ler auf ih­rem Ge­biet und kre­ieren di­rekt am Tisch auf ei­ner hei­ßen Plat­te köst­li­che Me­nüs aus fri­schem Se­a­food und bes­tem, fein mar­mo­rier­tem Ko­be-Rind­fleisch. Aber es ist nicht nur das Es­sen, son­dern die At­mo­sphä­re, die ei­nen hier fes­selt – und die an Rid­ley Scotts Ac­tion­thril­ler „Black Rain“mit Micha­el Dou­glas er­in­nert oder die Qu­en­tin Ta­ran­ti­no zu ei­nem neu­en Ya­kuz­za-Strei­fens ani­mie­ren könn­te. Uns zieht es den­noch wei­ter. Der ex­tra­va­gant ge­stal­te­te Le­af surrt vor­nehm durch das schi­cke Omo­tesan­to. Ed­le

Bou­ti­quen rei­hen sich hier schein­bar end­los an­ein­an­der – der Ja­pa­ner lie­ben es zu kon­su­mie­ren. Rechts und links der Haupt­stra­ße schlän­geln sich klei­ne Gas­sen mit hip­pen Ca­fés und ex­klu­si­ven Shops. Im Elek­tro-Nis­san cru­ist es sich da­bei aus­ge­spro­chen ent­spannt. Die her­vor­ste­hen­den Lüf­tungs­git­ter der im Un­ter­grund rau­schen­den Me­tro meis­tert er pro­blem­los. Die Len­kung ar­bei­tet aus­rei­chend ex­akt, und der sehr di­rekt an­spre­chen­de, 80 kW star­ke Mo­tor tritt auf kur­zen Stre­cken wie der ei­nes Sport­wa­gens an. Nach we­ni­gen Ki­lo­me­tern stop­pen wir an der Kreu­zung vor dem Bahn­hof im Sze­ne­vier­tel Shi­bu­ya. Meh­re­re Stra­ßen­zü­ge tref­fen hier auf­ein­an­der – in ei­ni­gen Qu­el­len wird von tau­sen­den Per­so­nen ge­spro­chen, die hier pro Am­pel­pha­se die Kreu­zung que­ren, doch ge­naue Zah­len gibt es nicht. Shi­bu­ya Crossing gilt als die be­leb­tes­te Kreu­zung der Welt. Nur früh am Mor­gen ist die grell er­leuch­te­te Stra­ßen­ecke für kur­ze Zeit men­schen­leer. Ein Stück wei­ter im Nor­den liegt Shin­juku, die ein­zig­ar­ti­ge Me­lan­ge aus dem fei­nen Hoch­haus-Di­strikt der Fi­nanz­welt, dem grel­len Rot­licht­vier­tel und ei­nem der we­ni­gen im zwei­ten Welt­krieg ver­schon­ten klei­nen Stadt­vier­tel na­mens „Gol­den Town“.

Der Le­af ist der per­fek­te Gui­de für die Rei­se durch die Nacht

Der Le­af Nis­mo rollt vor den Ein­gang des no­blen Hyatt Ho­tels. Der Pa­ge öff­net mir die Tür, über­nimmt den Schlüs­sel parkt den Nis­san. Der per­fek­te Ser­vice, ein Stück ja­pa­ni­scher Kul­tur. Oben im 52. Stock be­fin­det sich die „New York Bar“, in der Bob (Bill Mur­ray) in So­fia Cop­po­las Klas­si­ker „Lost in Trans­la­ti­on“sei­ne Mid­life-Cri­sis aus­lebt. Selbst klei­ne Ge­trän­ke sind hier sünd­haft teu­er, al­ler­dings ent­schä­digt da­für der Aus­blick über die Me­ga-Ci­ty. Un­ser Blick schweift hin­über zum ver­win­kel­ten Vier­tel „Gol­den Town“: Klei­ne, zwei­stö­cki­ge Häu­ser mit ei­ner Gr­und­flä­che von rund 15 Qua­drat­me­tern bie­ten in sechs schma­len Gas­sen Raum für über 200 Bars. Fran­cis Ford Cop­po­la soll noch im­mer sei­ne ei­ge­ne Whis­ky-Fla­sche in ei­ner der über 200 Bars ste­hen ha­ben … Es ist spät ge­wor­den. Wäh­rend hier die Lä­den lang­sam schlie­ßen, be­ginnt auf dem größ­ten Fisch­markt der Welt in der To­kio Bucht be­reits der neue Tag. Tau­sen­de Ton­nen Fisch wer­den hier ab drei Uhr Mor­gens ge­han­delt, aber nur rund 150 Be­su­cher dür­fen täg­lich das Trei­ben in den al­ten Hal­len Be­wun­dern. Der Markt, der in na­her Zu­kunft sei­ne To­re hier schlie­ßen wird, ist ein un­be­ding­tes Sight­see­ing-Muss je­der To­kio-Rei­se. End­sta­ti­on Park­platz. Der Le­af, der per­fek­te Gui­de für un­se­re 90-km-Tour durch die ja­pa­ni­sche Haupt­stadt, hängt wie­der am La­de­ka­bel. Und wir ge­hen jetzt erst ein­mal früh­stü­cken.

Über 200 Bars ver­tei­len sich auf die en­gen Gas­sen von „Gol­den Town“. Mu­si­ke­rin im stil­si­che­ren Ky­mo­no (links)

In To­kio gibt es an je­der Ecke Au­to­ma­ten für Ge­trän­ke und Es­sen – heiß oder kalt. Ide­al für die Fahrt …

Der „Tsu­ki­ji Mar­ket“ist der größ­te Fisch­markt der Welt und soll En­de 2016 end­gül­tig um­zie­hen

Im Teppanya­kiRe­stau­rant „Mon Cher Ton Ton“in Rop­pon­gi sind die Kö­che Meis­ter ih­res Hand­werks

Li­ve-En­ter­tain­ment in der „New York Bar“des Hyatt

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