VW Golf – Dau­er­test-Ab­schluss

AUTO ZEITUNG - - INHALT - [ TEXT Cas­par Win­kel­mann FO­TOS Team AU­TO ZEI­TUNG ]

Er ist der Deut­schen liebs­tes Au­to: der VW Golf. Seit Jahr­zehn­ten führt das Wolfs­bur­ger Kom­pakt­mo­dell die hie­si­ge Zu­las­sungs­sta­tis­tik mit schein­bar un­ein­hol­ba­rem Vor­sprung an. Mit je­der neu vor­ge­stell­ten Mo­dell­ge­ne­ra­ti­on setzt VW die Bench­mark im Kom­pakt­seg­ment, das des­halb schon lan­ge „Golf-Klas­se“heißt. Be­son­ders be­liebt wa­ren bis­lang die Die­sel­mo­to­ren, die flot­te Fahr­leis­tun­gen mit ef­fi­zi­en­tem Kraft­stoff­kon­sum kom­bi­nie­ren. Doch mit dem Be­kannt­wer­den der Ab­gas­ma­ni­pu­la­tio­nen im VW-Kon­zern hat das Image des größ­ten deut­schen Au­to­bau­ers er­heb­lich ge­lit­ten. Trotz­dem ist die Nach­fra­ge nach Die­sel­mo­to­ren zu­min­dest in Eu­ro­pa un­ge­bro­chen. Wie zu­ver­läs­sig die mil­lio­nen­fach ge­frag­te VW-Tech­nik ist, zeigt un­ser Dau­er­test der sieb­ten Golf-Ge­ne­ra­ti­on über die Dis­tanz von 100.000 Ki­lo­me­ter.

Zahl­rei­che Son­der­aus­stat­tun­gen trei­ben den Grund­preis in die Hö­he

Als im Ja­nu­ar 2014 der sil­ber­far­be­ne Golf mit 150 PS star­kem Zwei­li­ter-Die­sel­mo­tor und um­fang­rei­cher High­li­ne-Aus­stat­tung auf den Re­dak­ti­ons­hof rollt, staunt man­cher Re­dak­ti­ons-mit­ar­bei­ter ob des Test­wa­gen­prei­ses nicht schlecht. Zum Grund­preis von 27.250 Euro ad­die­ren sich Son­der­aus­stat­tun­gen in Hö­he von 12. 646 Euro, so­dass der Neu­preis die 40.000Eu­ro-Mar­ke um le­dig­lich 114 Euro ver­fehlt. Al­lein die 1000 Euro teu­re ad­ap­ti­ve Dämp­fer-re­ge­lung, das hoch­auf­lö­sen­de Na­vi­ga­ti­ons-sys­tem „Dis­co­ver Pro“(2.315 Euro) oder die le­der­be­spann­ten Sport­sit­ze für 1650 Euro las­sen den kom­pak­ten Volks­wa­gen rasch in Preis­re­gio­nen ei­ner Mit­tel­klas­se-Li­mou­si­ne vor­sto­ßen. Weil der kräf­ti­ge 2.0 TDI den Golf von vorn­her--

Die zahl­rei­chen Son­der­aus­stat­tun­gen las­sen den Golf an der 40.000- Euro-Mar­ke krat­zen

ein für den Langstre­cken­ein­satz prä­des­ti­niert, ha­ben wir zu­sätz­lich ei­ne Rei­he von As­sis­tenz-sys­te­men ge­or­dert, die den Kom­fort und die Si­cher­heit auf lan­gen Au­to­bah­n­etap­pen stei­gern sol­len. Ne­ben der Kur­ven­licht­funk­ti­on (355 Euro) für die in der High­li­ne-Aus­stat­tung se­ri­en­mä­ßi­gen Xe­n­on­schein­wer­fer ver­fügt der Test­wa­gen auch über ei­ne au­to­ma­ti­sche Dis­tanz­re­ge­lung samt Not­brems­funk­ti­on (560 Euro), ei­nen 510 Euro teu­ren Spur­hal­te-as­sis­ten­ten und ein Crash- Früh­er­ken­nungs­sys­tem (150 Euro). Die An­hän­ger­kupp­lung schlägt mit wei­te­ren 845 Euro zu Bu­che, und für die im Win­ter nütz­li­che Stand­hei­zung wer­den 1170 Euro fäl­lig. Au­ßer­dem mit an Bord: di­gi­ta­ler Ra­dio­emp­fang (230 Euro), Rück­fahr­ka­me­ra (285 Euro) samt Ein­par­kas­sis­ten­ten (200 Euro), Dieb­stahl­warn­an­la­ge (325 Euro), Sei­ten­air­bags im Fond (360 Euro) so­wie we­ni­ger kost­spie­li­ge Ex­tras wie et­wa ei­ne er­wei­ter­te Mul­ti­funk­ti­ons­an­zei­ge (150 Euro). Der­ma­ßen um­fang­reich aus­staf­fiert, bie­tet der Golf ei­nen Rei­se­kom­fort, der in die­ser Fahr­zeug­klas­se sei­nes­glei­chen sucht. Ste­fan Mie­te, stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur, be­schreibt den Golf als „aus­ge­zeich­ne­ten Rei­se­wa­gen“ und at­tes­tiert den Sport­sit­zen ei­nen tol­len Sitz­kom­fort. Be­son­de­res Lob ern­tet aber vor al­lem der kul­ti­vier­te und star­ke Zwei­li­ter-Die­sel­mo­tor. Die 150 PS füh­len sich sub­jek­tiv nach deut­lich mehr an. So no­tiert Clas­sic Cars-Pro­jekt­lei­ter Ger­rit Rei­chel nach ei­ner län­ge­ren Rei­se mit ho­hem Au­to­bahn­an­teil: „Der geht ja rich­tig gut! “Die werk­sei­tig an­ge­ge­be­ne Höchst­ge­schwin­dig­keit von 214 km/ h er­reicht der Golf je­den­falls mü­he­los. Berg­ab sind laut Ta­cho so­gar Spit­zen­ge­schwin­dig­kei­ten von 240 km/ h drin. Be­son­ders er­freu­lich: Trotz sehr zü­gi­ger Fahr­wei­se auf Fern­rei­sen, Stau- und Stadt­fahr­ten liegt der Ver­brauch über die ge­sam­te Test­dis­tanz bei re­spek­ta­blen 6,2 Li­tern. Wer sei­nen rech­ten Fuß zu zü­geln weiß, wird so­gar mit Ver­bräu­chen von un­ter vier Li­tern be­lohnt. Res­sort­lei­ter Test & Tech­nik Micha­el God­de schreibt bei Ki­lo­me­ter­stand 40.343: „Das ist der bes­te Dau­er­test­wa­gen bis­lang – 3,7 Li­ter Ver­brauch bei ge­mäch­li­cher Fahrt bis 120 km/ h und bei Be­darf über 200 Spit­ze. “Üb­ri­gens: Das in un­se­rem Dau­er­test-Golf in­stal­lier­te Die­sel­ag­gre­gat ist zwar noch nach der Ab­gas­norm Euro 5 zu­ge­las­sen, aber nicht von den Ab­gas­ma­ni­pu­la­tio­nen be­trof­fen. Dass sich der Golf bei wei­te­ren Di­enst­rei­sen ei­ner solch gro­ßen Be­liebt­heit in der Re­dak­ti­on er­freut, liegt aber auch an der ge­lun­ge­nen Fahr­werks­ab­stim­mung. Die ad­ap­ti­ven Dämp­fer er­mög­li­chen ei­ne wei­te Sprei­zung zwi­schen kom­fort­be­ton­tem und sport­li­chem Fe­de­rungs­ver­hal­ten. Im Kom­fort-Mo­dus sp­re-----

chen die Dämp­fer äu­ßerst sen­si­bel auf Fahr­bahnu­n­eben­hei­ten al­ler Art an und hal­ten selbst gro­be Schlag­lö­cher wir­kungs­voll von den In­sas­sen fern. Wählt man die Ein­stel­lung „Sport“, zeigt der Golf sein fahr­dy­na­mi­sches Po­ten­zi­al und wie­selt schnell und si­cher über kur­vi­ge Land­stra­ßen. „Der Wa­gen liegt gera­de im Sport-Mo­dus su­per auf der Stra­ße – ich bin be­geis­tert,“re­sü­miert et­wa Art Di­rec­tor Andre­as Schulz. Wei­te­re Plus­punk­te sam­melt der sil­ber­ne Dau­er­läu­fer dank sei­ner in­tui­ti­ven Be­dien­bar­keit und der groß­zü­gi­gen Platz­ver­hält­nis­se auf al­len Plät­zen. „Der Golf ist im Re­dak­ti­ons­all­tag auch mit grö­ße­ren Ge­päck­men­gen völ­lig aus­rei­chend“, pro­to­kol­liert Au­tor und Fa­mi­li­en­va­ter Jo­han­nes Riegs­in­ger. Das Ge­päck­ab­teil fasst im Nor­mal­zu­stand zwar re­spek­ta­ble 380 Li­ter, wer je­doch häu­fi­ger zu viert reist, soll­te sich nach ei­ner Dach­box für zu­sätz­li­chen Stau­raum um­se­hen oder gleich in die Kom­bi­ver­si­on Va­ri­ant in­ves­tie­ren. Das Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem „Dis­co­ver Pro“über­zeugt da­ge­gen we­ni­ger: Die Be­die­nung über den gro­ßen Touch­screen funk­tio­niert zwar rei­bungs­los, und die Kar­ten­dar­stel­lung ist ge­sto­chen scharf, al­ler­dings zeigt das Sys­tem teil­wei­se feh­ler­haf­te Stau­in­for­ma­tio­nen an. Ein­mal fällt das Na­vi so­gar mit der Feh­ler­mel­dung „Un­gül­ti­ge Datenbank über­prü­fen“kom­plett aus. Erst ein als Ga­ran­tie­leis­tung durch­ge­führ­ter Re­set in der VW-Werk­statt schafft Ab­hil­fe. Klei­ne­re Pro­ble­me be­rei­tet auch der Fens­ter­he­ber auf der Fah­rer­sei­te. Die An­tipp-Funk­ti­on zum kom­plet­ten He­ben und Sen­ken der Schei­be ver­sagt zu­wei­len ih­ren Di­enst, so­dass sich die Schei­be nur durch durch­ge­hen­des Drü­cken öff­net oder schließt. Da­für funk­tio­nie­ren die As­sis­tenz­sys­te­me auch nach 100.000 km ein­wand­frei: Der Spur­hal­teas­sis­tent hält den Golf zu­ver­läs­sig auf Kurs, so­dass klei­ne­re Unacht­sam­kei­ten auf lan­gen Fahr­ten wir­kungs­voll von der Elek­tro­nik kor­ri­giert wer­den. Und auch die au­to­ma­ti­sche Dis­tanz­re­ge­lung ar­bei­tet durch­weg feh­ler­frei. Dass Au­tos aus dem VW-Kon­zern re­gel­mä­ßig Ver­gleichs­tests ge­win­nen und vie­le Käu­fer fin­den, liegt nicht zu­letzt an den hoch­wer­ti­gen, sau­ber ver­ar­bei­te­ten Ma­te­ria­li­en. Der Golf liegt in punc­to Ver­ar­bei­tungs­qua­li­tät in sei­nem Seg­ment weit vorn. Un­ser Dau­er­tes­ter glänzt eben­falls mit ed­ler Ma­te­ri­al­aus­wahl und sau­be­ren Pas­sun­gen. Kurz vor Er­rei­chen der 100.000er-Mar­ke zeigt aber auch er leich­te Al­te­rungs­er­schei­nun­gen. Au­tor Jo­han­nes Riegs­in­ger mo­niert et­wa Ab­nut­zun­gen an La­de­kan­te und Sei­ten­schwel­lern so­wie Fal­ten in der Le­der­pols­te­rung. Und aus den Tür­ver­klei­dun­gen sind auf schlech­ter Fahr­bahn leich­te Knis­ter­ge­räu­sche zu ver­neh­men. Deut­lich un­an­ge­neh­mer als ei­ne al­tern­de Kunst­stoff­leis­te ist al­ler­dings das Ei­gen­le­ben, das die Kli­ma­au­to­ma­tik zu­wei­len ent­wi­ckelt. So ver­merkt der stell­ver­tre­ten­de Chef­re­dak­teur Klaus Uck­row nach knapp 30.000 Ki­lo­me­tern im Fahr­ten­buch, dass „sich die Kli­ma­an-

la­ge nicht an ge­wähl­te Ein­stel­lun­gen wie Tem­pe­ra­tur oder Lüf­tungs­in­ten­si­tät hält“. Die­se laut VW „un­re­gel­mä­ßig auf­tre­ten­de Funk­ti­ons­stö­rung“ist be­kannt und seit Herbst 2015 per Soft­ware-Up­date be­heb­bar – er­folg­reich auf Ga­ran­tie an­ge­wen­det auch bei un­se­rem Dau­er­test­fahr­zeug. Für ge­rümpf­te Na­sen sorgt die im Golf ver­bau­te Stand­hei­zung: Zwar ar­bei­tet das Sys­tem auch bei sehr fros­ti­gen Tem­pe­ra­tu­ren zu­ver­läs­sig, Au­tor Kars­ten Reh­mann stört sich aber am deut­li­chen Ab­gas­ge­ruch im In­nen­raum so­wie in der di­rek­ten Um­ge­bung des Fahr­zeugs. Nach Ab­schluss des Dau­er­tests stellt sich her­aus, dass ein Teil der Ab­gas­an­la­ge der Stand­hei­zung be­schä­digt ist – even­tu­ell als Fol­ge ei­nes leich­ten Auf­set­zers des Vor­der­wa­gens – und so­mit Ur­sa­che der Ge­ruchs. Das eben­falls auf­fäl­lig lau­te Be­triebs­ge­räusch der Stand­hei­zung ist laut VW durch ei­ne mitt­ler­wei­le mo­di­fi­zier­te Kon­struk­ti­on be­ho­ben. Bi­lanz: Nach Ab­schluss der Test­dis­tanz von 100.000 Ki­lo­me­tern pro­gnos­ti­ziert die Deut­sche Au­to­mo­bil Treu­hand Gm­bH (DAT) un­se­rem Dau­er­läu­fer ei­nen Rest­wert von 14.685 Euro. Der ehe­ma­li­ge Neu­preis be­trug 39.886 Euro, was ei­nen Wert­ver­lust von 25.201 Euro be­deu­tet. Das ist ob­jek­tiv be­trach­tet zwar viel, zu­mal man für ei­nen schlech­ter aus­ge­stat­te­ten Golf mit ver­gleich­ba­rer Lauf­leis­tung kaum we­ni­ger er­hält. Al­ler­dings tru­gen die zahl­rei­chen Si­cher­heits- und Kom­fort­fea­tures maß­geb­lich da­zu bei, dass der Golf in der Re­dak­ti­on stets ein be­lieb­ter Weg­ge­fähr­te war. In­zwi­schen wer­den für ei­nen Golf 2.0 TDI High­li­ne in­klu­si­ve der Son­der­aus­stat­tun­gen des Test­wa­gens 42.063 Euro fäl­lig. Die Prei­se al­ler Ex­tras ha­ben sich in den letz­ten zwei Jah­ren er­höht. So kos­tet et­wa das Na­vi­ga­ti­on­sys­tem „Dis­co­ver Pro“heu­te 200 Euro mehr als zum Zeit­punkt der Be­stel­lung des Dau­er­test­wa­gens. Und der Spur­hal­teas­sis­tent ist in­zwi­schen an ei­nen Au­spar­kas­sis­ten­ten ge­bun­den. Kos­ten­punkt: 895 statt der da­mals fäl­li­gen 510 Euro. Ins­ge­samt er­gibt sich ei­ne ab­so­lu­te Preis­stei­ge­rung von gut fünf Pro­zent. Auf­grund des be­reits er­wähn­ten Durch­schnitts­ver­brauchs von 6,2 Li­tern muss­ten wir wäh­rend des ge­sam­ten Dau­er­tests nur 168 Mal ei­ne Tank­stel­le an­fah­ren und ins­ge­samt 6256 Li­ter nach­tan­ken. Ei­ne Werk­statt sah der Golf nur zu den ob­li­ga­to­ri­schen In­spek­tio­nen und zum kos­ten­lo­sen Up­date des Na­vi­sys­tem. Au­ßer­plan­mä­ßi­ge Kos­ten fie­len kei­ne an, was sich zu­sam­men mit den ge­rin­gen Auf­wen­dun­gen für den Die­sel­kraft­stoff in er­freu­lich nied­ri­gen Ki­lo­me­ter­kos­ten von zwölf Cent wi­der­spie­gelt.

Mit 12 Cent pro Ki­lo­me­ter lie­gen die Un­ter­halts­kos­ten des Golf auf er­freu­lich nied­ri­gem Ni­veau

Das ad­ap­ti­ve Fahr­werk meis­tert auch schlech­te Wegstre­cken sou­ve­rän Dank des kräf­ti­gen Die­sel­mo­tors be­wäl­tigt der Golf auch an­spruchs­vol­le Auf­ga­ben – et­wa als Zug­fahr­zeug

Langstre­ckenSpe­zia­lis­ten un­ter sich

In ei­nem VW Golf fühlst du dich im­mer zu Hau­se, – ganz gleich, wo­hin die Di­enst­rei­se gera­de geht Zeit­lo­ses De­sign: Schick, aber un­auf

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