Pas­sat 10.000 € bil­li­ger, auch bes­ser?

Mer­ce­des E 200 · VW Pas­sat 1.8 TSI

AUTO ZEITUNG - - VORDERSEITE - [ TEXT Micha­el God­de FOTOS Frank Ra­te­ring ]

n der neu­en E-Klas­se mit dem 194-PS-Tur­bo­die­sel ha­ben sich Au­di A6 und BMW 5er be­reits im ers­ten Ver­gleichs­test die Zäh­ne aus­ge­bis­sen. Aber auch die Grenz­gän­ger aus der Mit­tel­klas­se wie der VW Pas­sat drän­gen ins Ober­haus der deut­schen Pre­mi­um­li­ga und ste­hen bei pri­va­ten Kun­den und Fir­men­wa­gen­dis­po­nen­ten auf der Lis­te mög­li­cher Al­ter­na­ti­ven. Schließ­lich kos­tet ein Pas­sat 1.8 TSI mit 34.625 Eu­ro über 10.000 Eu­ro we­ni­ger als ein Mer­ce­des E 200. Ist die Stutt­gar­ter Li­mou­si­ne mehr Geld wert oder lässt sich der Auf­preis bes­ser in­ves­tie­ren?

Ka­ros­se­rie

Es gibt Kun­den, für die muss ei­ne Li­mou­si­ne wie die E-Klas­se an der Fünf-Me­ter-Mar­ke krat­zen. Dass aber die 4,77 Me­ter des Pas­sats rei­chen, um Fah­rer und Bei­fah­rer ähn­lich luf­tig un­ter­zu­brin­gen und obend­rein so­gar Fond und Ge­päck­ab­teil (E-Klas­se: 540 l; Pas­sat: 586 l) grö­ßer aus­fal­len als beim Mer­ce­des, dürf­te nicht nur bei küh­len Pfen­nig­fuch­sern für Auf­merk­sam­keit sor­gen. Die se­ri­en­mä­ßi­ge Mög­lich­keit, die Fond­leh­nen asym­me­trisch um­zu­klap­pen oder die Arm­leh­nen­öff­nung als Durch­rei­che zu nut­zen, er­füllt zu­min­dest auch ei­nen Min­dest­an­spruch an den Nutz­wert der VWLi­mou­si­ne. Bei Mer­ce­des muss be­reits hier das ers­te Häk­chen im Kon­fi­gu­ra­tor ge­setzt wer­den, und der oh­ne­hin hap­pi­ge Ba­sis­preis er­höht sich um wei­te­re 517 Eu­ro für die dann al­ler­dings drei­tei­lig klapp­ba­re Leh­ne. Das schwä­bi­sche Prin­zip, sich Gu­tes teu­er be­zah­len zu las­sen, wirkt sich auch auf die Si­cher­heits­aus­stat­tung aus: Mehr Si­cher­heit kos­tet auch beim Daim­ler Geld. Wäh­rend sich Mer­ce­des Fea­tu­res wie die Ein­park­hil­fe als Park-Pi­lot mit 1012 Eu­ro be­zah­len lässt oder Ne­bel­lam­pen nur in Kom­bi­na­ti­on mit LED-High-Per­for­mance-Schein­wer­fern für 1029 Eu­ro ins Tr­ü­be leuch­ten, sind die­se Aus­stat­tun­gen beim Pas­sat 1.8 TSI se­ri­en­mä­ßig an Bord. Das führt da­zu, dass sich Mer­ce­des hier trotz mehr mög­li­cher Op­tio­nen wie ei­nem Len­kas­sis­ten­ten, der teil­wei­se au­to­no­mes Fah­ren er­laubt, auf Grund der Auf­prei­se nicht vom Volks­wa­gen ab­set­zen kann. Das gilt auch für die Ver­ar­bei­tungs­qua­li­tät: Der Pas­sat zeigt die glei­che Sorg­falt und Ma­te­ri­al­gü­te wie die E-Klas­se und be­weist auch hier, dass er be­reits in der Ober­klas­se an­ge­kom­men ist.

Fahr­kom­fort

Dass gro­ße Rä­der ei­ne grund­sätz­lich gu­te Fe­der- und Dämp­fe­r­ab- stim­mung ne­ga­tiv be­ein­flus­sen, be­weist er­neut die­ser Test. Vor al­lem bei lang­sa­mer Fahrt in der Stadt ste­hen die mäch­ti­gen 18-Zöl­ler der E-Klas­se mit 275er-Rei­fen auf der Hin­ter­ach­se ei­nem ele­gan­ten An­fe­dern der op­tio­na­len Luft­fe­de­rung im We­ge. Auch das Ab­rol­len dürf­te ge­schmei­di­ger aus­fal­len. Ähn­lich höl­zern agiert der eben­falls mit 18-Zoll-Rä­der aus­ge­stat­tet Pas­sat auf Un­weg­sam­kei­ten. Erst mit stei­gen­dem Tem­po und voll­be­setzt zeigt der Schwa­be die Vor­tei­le sei­ner Luft­fe­de­rung. Die E-Klas­se schwebt dann über Land­stra­ßen und Au­to­bah­nen, gleicht Wel­len sanft aus und hält die Ka­ros­se­rie ru­hig auf ei­nem Ni­veau. Vor al­lem bei ho­hen Ge­schwin­dig­kei­ten strafft der Pas­sat sei­ne Dämp­fere­le­men­te im Kom­fort-Mo­dus nach und nimmt Fahr­bahnu­n­eben­hei­ten et­was un­ru­hi­ger als die E-Klas­se. Bei den Sit­zen dreht sich der Wohl­fühl­fak­tor zu­guns­ten des Nie­der­sach­sen. Sei­ne Er­go-Com­fort-Sit­ze mit Mas­sa­ge­funk­ti­on (1225 Eu­ro) ver­wöh­nen mit ei­ner an­schmieg­sa­men Kon­tur, per­fek­ter Schul­ter­ab­stüt­zung und ei­ner ent­span­nen­den Mas­sa­ge­funk­ti­on. Den gut ge­schnit­te­nen Mer­ce­des Kom­fort­sit­zen (Be­stand­teil Ex­clu­si­ve-In­te­ri­eur 2975 Eu­ro) fehlt die­ses Well­ness-Pro­gramm. Hier muss der Kun­de noch­mal 2320 Eu­ro für die Mul­ti­kon­tur­sit­ze nach­le­gen, um auch in den Ge­nuss ei­ner Mas­sa­ge­funk­ti­on zu kom­men. Was dem Pas­sat im Ver­gleich zur E-Klas­se se­ri­en­mä­ßig fehlt, ist ei­ne Kli­ma­au­to­ma­tik. Mit 575 Eu­ro ex­tra ist sie aber güns­tig zu ha­ben.

Mo­tor / Ge­trie­be

Kul­ti­viert, sprit­zig und im­mer – je nach ak­ti­vier­tem Fahr­mo­dus – vom se­ri­en­mä­ßi­gen Dop­pel­kupp­lungs­ge­trie­be op­ti­mal in Sze­ne ge­setzt, zeigt der Pas­sat 1.8 TSI, dass in die­ser Klas­se auch Ben­zi­ner ei­ne gu­te Wahl sein kön­nen. Ihm ge­nü­gen kur­ze 7,8 Se­kun­den, um Tem­po 100 zu er­rei­chen. Auf der an­de­ren Sei­te be­gnügt sich der Nie­der­sach­se mit 8,2 Li­tern Su­per­kraft­stoff auf 100 km. Auch der Mer­ce­des bleibt mit ei­nem Ver­brauch von 8,5 Li­tern be­schei­den. Ähn­lich, aber we­ni­ger po­si­tiv wirkt sich sein all­ge­mein zu­rück­hal­ten­des We­sen in Sa­chen Kraft­ent­fal­tung aus. Die im Ver­gleich zum Pas­sat-Vier­zy­lin­derTur­bo knur­ri­ge E-200-Ma­schi­ne tritt zwar aus dem Stand her­aus noch ener­gisch an, ver­liert aber mit stei­gen­der Ge­schwin­dig­keit schnell ihr Tem­pe­ra­ment und muss den über 254 Ki­lo­gramm leich­te­ren VW nicht nur zie­hen

las­sen, son­dern ver­fehlt mit 8,4 Se­kun­den die Werks­an­ga­be für den Stan­dard­sprint auf 100 km/ h so­gar um 0,7 Se­kun­den.

Fahr­dy­na­mik

Dank sei­nes ge­rin­gen Ge­wichts und sei­nes sprit­zi­gen An­triebs hat der Pas­sat im Sla­lom und auf dem Hand­ling­par­cours leich­tes Spiel ge­gen die E-Klas­se. Mit lo­cke­rem Schwung we­delt die nord­deut­sche Li­mou­si­ne za­ckig durch die Sla­lom-Py­lo­nen­gas­se. Das ESP un­ter­stützt die Li­nie da­bei op­ti­mal, oh­ne die Dy­na­mik ein­zu­brem­sen. Die ge­lun­ge­ne Ge­samt­ab­stim­mung zahlt sich auch beim Hand- ling aus. Trotz Front­an­trieb bringt der Pas­sat sei­ne Kraft oh­ne gro­ße Ver­lus­te auf den As­phalt, über­mit­telt von der Vor­der­ach­se ei­ne gu­te Por­ti­on Rück­mel­dung in die Hän­de sei­nes Fah­rers und un­ter­steu­ert im Grenz­be­reich so­gar we­ni­ger als die E-Klas­se. Der schwe­re Schwa­be muss vor al­lem im Sla­lom lang­sa- mer ma­chen, um nicht über die Vor­der­rä­der aus der Spur zu drü­cken. Auch im Hand­ling muss er den quir­li­gen Pas­sat zie­hen las­sen. Dem Mer­ce­des fehlt die Leich­tig­keit so­wie die kla­re Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Len­kung und Fah­rer, die den VW aus­zeich­net. Was dem Pas­sat in die­sem Ka­pi­tel zum Ver­häng­nis wird, sind die im Ver­gleich zum Mer­ce­des nur mä­ßi­ge Ver­zö­ge­rungs­wer­te. Ob mit kal­ten oder war­men Brem­sen: Der Mer­ce­des kommt je­weils gut zwei Me­ter vor dem VW zum Ste­hen – das ist ein deut­li­ches Plus an ak­ti­ver Si­cher­heit.

Um­welt / Kos­ten

Dass der VW Pas­sat 1.8 TSI im Grund­preis güns­ti­ger ist als der Mer­ce­des E 200, über­rascht nicht. Dass sich die Dif­fe­renz aber in­klu­si­ve al­ler test­re­le­van­ten Aus­stat­tungs­de­tails auf über 14.000 Eu­ro zu­guns­ten des Volks­wa­gen sum­miert, macht den Pas­sat zum Ka­pi­tel- und Ver­gleichs­test­sie­ger. Auch al­le an­de­ren Kos­ten fal­len bei dem Nie­der­sach­sen ge­rin­ger aus. Die et­was bes­se­re Mul­ti­me­dia-Aus­stat­tung des Mer­ce­des kann am Sieg des VW nichts mehr än­dern.

Die Mer­ce­des E-Klas­se hat hier die dy­na­mi­sche Front vor­ne. Doch kann sie den Pas­sat ins­ge­samt auf Dis­tanz hal­ten?

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