Al­fa Ro­meo Gi­u­lia QV

Mit 510 PS star­kem Bi­tur­bo-V6 soll die neue Al­fa Ro­meo Gi­u­lia ei­nen tol­len Ein­stand ge­ben

AUTO ZEITUNG - - INHALT - Horst von Saurma

Es sieht ganz so aus, als ha­be man sich bei Al­fa Ro­meo nach lan­ger Pha­se des Über­le­bens­kamp­fes nicht nur al­ter Na­men und Tu­gen­den be­son­nen. Auch ei­ne frü­her heiß dis­ku­tier­te und auf den eu­ro­päi­schen Renn­stre­cken mit Mes­ser zwi­schen den Zäh­nen aus­ge­foch­te­ne Geg­ner­schaft ist mit ei­nem Mal wie­der­be­lebt wor­den. An­ge­sichts ih­rer Ma­ße, der Kon­zep­ti­on und des sport­li­chen Auf­tritts kann die neue Gi­u­lia nicht ver­leug­nen, wer bei ih­rer wun­der­sa­men Wie­der­ge­burt zu­min­dest im Geis­te Pa­te stand: BMW. Aber was soll­te an­züg­lich dar­an sein, in ei­ne von den Baye­ri­schen Mo­to­ren­wer­ken jahr­zehn­te­lang fast im Al­lein­gang ge­präg­te Fahr­zeug­klas­se zu in­ves­tie­ren, zu­mal Al­fa in den 60er-Jah­ren selbst die­je­ni­ge Mar­ke war, die die Sport­li­mou­si­ne im klas­si­schen Stu­fen­heckGe­wand qua­si mit er­fun­den hat: vier­tü­rig, mit Mo­tor vorn und An­trieb – na­tür­lich - an der Hin­ter­ach­se. Nach lan­ger, ge­ra­de­zu un­er­klär­li­cher Ent­halt­sam­keit wird dem Come­back der Gi­u­lia wirk­lich Gro­ßes bei­ge­mes­sen. Das deu­te­te sich schon bei der ers­ten Vor­stel­lung an, als Al­fa Ro­meo den Feh­de­hand­schuh in Rich­tung BMW und Mer­ce­des-AMG in den Ring warf: mit ei­ner Run­den­zeit­an­ga­be für die Nord­schlei­fe, die deut­lich un­ter­halb der Zei­ten von M3- be­zie­hungs­wei­se C 63 liegt: 7:39 Mi­nu­ten. Al­le Ach­tung!

Das Selbst­be­wusst­sein grün­det nicht nur auf star­ken Wur­zeln, bes­ten Al­li­an­zen und ge­ord­ne­ten Fi­nan­zen, son­dern vor al­lem auf der Tat­sa­che, dass die Gi­u­lia kein ir­gend­wie zu­sam­men­ge­stell­tes Stück­werk aus Kon­zern­be­stän­den, son­dern ei­ne ab­so­lu­te Neu­kon­struk­ti­on ist. In nur zwei­jäh­ri­ger Ent­wick­lungs­zeit hat es Al­fa Ro­meo fer­tig­ge­bracht, die Gi­u­lia in acht ver­schie­de­nen Leis­tungs- und Aus­stat­tungs­ver­sio­nen, be­gin­nend bei 136 PS und ei­nem Ein­stiegs­preis von 33.100 Eu­ro, auf die Rä­der zu stel­len. Den Stand ak­tu­el­ler Mo­to­ren- tech­nik ver­kör­pert in un­se­rem Fall ein mit Fer­ra­ri-Un­ter­stüt­zung ent­stan­de­ner 90-Grad-V6 aus Alu­mi­ni­um. Der nach gän­gi­gem Re­zept von zwei Tur­bo­la­dern un­ter Druck ge­setz­te 2,9-Li­ter-Mo­tor setzt sich aus­neh­mend in­ter­es­sant in Sze­ne – so­wohl was sei­ne an­ge­neh­me, dumpf grol­len­de Akus­tik an­geht als auch hin­sicht­lich sei­ner op­ti­schen Auf­be­rei­tung. Aber bei­des ver­blasst an­ge­sichts der ge­wal­ti­gen Ener­gie, die die Gi­u­lia Qua­drifo­glio 2.9 V6-Bi­tur­bo – so ihr

gan­zer Na­me – so gar nicht fe­mi­nin via Hin­ter­ach­se und über ein hand­ge­schal­te­tes Sechs­gang-Ge­trie­be zum Bes­ten gibt. Der ver­we­ge­ne Ritt auf der Ka­no­nen­ku­gel geht ei­nem in­fol­ge 510 PS und 600 New­ton­me­ter Dreh­mo­ment lo­cker von der Hand. Die gleich­sam hand­greif­li­che wie klas­si­sche Me­tho­de, so ho­her PS-Zah­len Herr zu wer­den, hat in­so­fern an Ra­di­ka­li­tät ein­ge­büßt,

als das elek­tro­nisch ge­steu­er­te Hin­ter­achs­dif­fe­ren­zi­al se­lek­ti­ve Kraft­zu­wei­sun­gen vor­nimmt und so für bes­te Trak­ti­on und – Stich­wort: Tor­que Vec­to­ring – höchst agi­les Ein­len­ken sorgt. Da wir schon beim The­ma sind: Die auf­fäl­lig di­rekt über­setz­te Len­kung un­ter­streicht ei­ne über­ra­schen­de Leich­tig­keit des Seins, mit der die Gi­u­lia der Neu­zeit spon­tan Be­geis­te­rung schürt. Das Tro­cken­ge­wicht wird denn auch mit nur 1524 Ki­lo­gramm an­ge­ge­ben. Dank kon­se­quen­ter Spar­maß­nah­men in Sa­chen Mas­se – Tü­ren, Kot­flü­gel und Hau­be be­ste­hen aus Alu­mi­ni­um, die Kard­an­wel­le aus Koh­le­fa­ser – hat auch der Tank Vo­lu­men las­sen müs­sen: 58 Li­ter sind an­ge­sichts des er­war­te­ten Sprit­be­darfs nicht die Welt, auch wenn Al­fa ei­nen Norm­ver­brauch von nur 8,5 Li­ter Su­per Plus auf 100 Ki­lo­me­tern an­gibt. Bei al­ler Theo­rie: Wer die Res­sour­cen des stärks­ten je ge­bau­ten Stra­ßen-Al­fa nutzt und laut Werk in knapp vier Se­kun­den auf 100 km/ h sprin­ten und auch die 300-km/ hMar­ke lo­cker rei­ßen kann, der wird sich mit dem Un­ge­mach ver­kürz­ter Etap­pen noch schwe­rer ab­fin­den kön­nen. An­sons­ten gibt es kei­nen an­de­ren Grund, der Gi­u­lia frus­triert den Rü­cken zu keh­ren: Die Sitz­po­si­ti­on ist in je­der Hin­sicht an­ge­mes­sen, so­wohl was den Langstre­cken­kom­fort an­geht als auch hin­sicht­lich der zu kom­pen­sie­ren­den Sei­ten­kräf­te. Im­mer­hin wa­ren es Pi­rel­li P Ze­ro Cor­sa-Sport­rei­fen im For­mat 245/35 ZR 19, die der wohl­ge­form­ten, kom­pak­ten Gi­u­lia an­läss­lich der ers­ten Fahr­prä­sen­ta­ti­on das ge­wis­se Ex­tra in Sa­chen Fahr­dy­na­mik bei­brach­ten. Und das in Quer- als auch in Längs­rich­tung. Wir wol­len aber nicht die von Al­fa mit Stolz her­aus­ge­stell­ten Tech­no­lo­gi­en au­ßer Acht las­sen: et­wa das in­te­grier­te Brems­sys­tem, das die Wir­kung di­ver­ser elek­tro­ni­scher As­sis­tenz­sys­te­me mit der me­cha­ni­schen Brems­kraft­un­ter­stüt­zung ver­netzt und so für kon­kur­renz­los kur­ze Brems­we­ge sor­gen soll. Oder das neue, ak­ti­ve Fahr­werk, das Kom­fort­an­sprü­che er­füllt und – sie­he Nür­burg­ring – auch zum Sport ani­miert. Die Gi­u­lia lässt bit­ten, und das nicht nur mit 510 PS: für die, die es et­was klei­ner mö­gen, auch mit 180, 150 oder 136 PS.

FA­ZIT: Al­fa scheint wie­der auf der Hö­he der Zeit – das Du­ell Al­fa ver­sus BMW könn­te nach jahr­zehn­te­lan­ger Pau­se in ei­ne neue Run­de ge­hen.

Der neue V6Bi­tur­bo ist un­ter Fer­ra­ri-Mit­hil­fe ent­stan­den. Leis­tung: 510 PS

Qua­drifo­glio Ver­de: Das grü­ne Klee­blatt steht bei Al­fa seit je­her für ma­xi­ma­le Sport­lich­keit

Rund­um auf der Hö­he der Zeit: Ar­ran­ge­ment, Aus­stat­tung, Ma­te­ri­al­aus­wahl, Er­go­no­mie

Ein „Gi­u­lia“-Schrift­zug – an­sons­ten nur Spoi­ler, Dif­fu­sor und Vier­rohr-An­la­ge Die Kar­bon-Ke­ra­mik-Schei­ben sind Be­stand­teil der Per­for­mance-Aus­stat­tungs­li­nie

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